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kulturelle Bildung

6.5.2003 | Von:
Oliver Scheytt

Kulturelle Bildung als Kraftfeld der Kulturpolitik

VI. Bürgergesellschaft und öffentliche Verantwortung

Die Debatten zum bürgerschaftlichen Engagement und zum Dritten Sektor zeichnen sich derzeit durch eine gewisse Euphorie und durch Enthusiasmus aus. Wenn die damit verbundenen Reformperspektiven eine Chance haben sollen, muss das so sein. Bewegungen zur Veränderung der Gesellschaft starten in der Regel mit einem Überschwang an utopischen Vorstellungen und münden dann in Kompromisse. Bei der Neuen Kulturpolitik der siebziger Jahre war das nicht anders. Umso mehr ist es geboten, schon frühzeitig darüber nachzudenken, wo die Fallstricke und Risiken einer Reformoption liegen könnten, damit es zu letztlich vernünftigen Kompromissen kommt.

Wie kann Kulturpolitik in Zukunft ihrem demokratisch zu legitimierenden Auftrag nachkommen, wenn sie die Medien und Ressourcen für dessen Ausführung aus der Hand gibt? Gemeint ist hier etwa die Privatisierung öffentlicher Kultureinrichtungen und die Überführung solcher kommunaler Leistungen in GmbHs oder Vereine. Ist damit nicht die Erosion der gemeindlichen Selbstverwaltungskompetenz als bürgerschaftliche Politikaufgabe vorprogrammiert? Würde dies den Kommunen nicht die Aufgabe erschweren, eine am Gemeinwohl orientierte, langfristige Kulturpolitik als Gesamtprojekt zu formulieren und zu praktizieren? Es ist deshalb angesichts der Erfordernisse zur Haushaltskonsolidierung sehr darauf zu achten, dass das "Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet" wird und Kulturpolitik nicht vollends zu einer politischen Restgröße verkommt.

Der heute feststellbare Rückzug des Staates aus nicht wenigen seiner bisherigen Aufgabenfelder bedarf der Kompensation durch die Aktivierung zivilgesellschaftlicher Ressourcen und Akteure. Wenn Kulturpolitik im Sinne solcher synergetischer Effekte und eines optimalen Ressourceneinsatzes Einfluss auf kulturelle Netzwerke nehmen will, hat sie es nicht nur mit der Bereitstellung von Mitteln zu tun, sondern auch mit der Gestaltung von Relationen. Das hat eminente Folgen für das Selbstverständnis der Kulturpolitik. Denn ein Netzwerk ist eine Struktur, die kein "oben" und kein "unten" kennt und schon deshalb mit einer Kulturpolitik unvereinbar ist, die sich hoheitlich-etatistisch gibt.

VII. Kooperation, Kommunikation, Koordination, Konsens

Notwendig ist daher ein Politikverständnis, in dem Moderation und Vermittlung als Elemente eines "Netzwerkmanagements" eine größere Rolle spielen. In diesem Sinne stehen die vier "K" der Kulturpolitik - Kommunikation, Kooperation, Koordination und Konsensfindung - leitmotivisch für das Konzept einer "aktivierenden Kulturpolitik", mit der neue Steuerungsoptionen verbunden sind.[20]

Kommunikation steht für die Notwendigkeit, auf die Partner im kulturellen Feld einzugehen, im Netzwerk Kulturpolitik zu interagieren, sich darzustellen und bekannt zu machen. Für die meisten Kulturinstitutionen ist das heute selbstverständlich. Dennoch gibt es weiterhin etliche, für die Transparenz und Präsenz vor Ort Fremdworte sind. Behördenmentalität und die nachgerade sprichwörtliche "Ein-Weg-Kommunikation" müssen überwunden werden. Kunst ist geprägt von der Eröffnung völlig neuer Kommunikationsmöglichkeiten und -weisen. Die Eigengesetzlichkeiten künstlerischer Kommunikation und ihre Vielgestaltigkeit bedürfen eines besonders behutsamen und sensiblen Umganges seitens der Kulturpolitik und -verwaltung.

Kooperation sollte durch eine überzeugende Programmatik und funktionierende Anreizsysteme motiviert werden. Anzustreben sind bei aller Flexibilität im Einzelnen gerade bei befristeten Projekten letztlich langfristig wirkende Kooperationsstrukturen. Fragile Konstruktionen sind insbesondere für eine nachhaltige Kulturfinanzierung problematisch. Als Versuch, Ressourcen zusammenzuführen, hat Kooperation einerseits mit Vertrauen, andererseits aber auch mit Ökonomie und der ihr zugrunde liegenden Tauschlogik zu tun. Kooperation wird häufig als Gegenpol zum Wettbewerb dargestellt. In der ökonomischen Realität liegt jedoch häufig eine Mischung aus beiden vor: Im Einverständnis - kooperativ - werden die Grundregeln abgesteckt, innerhalb derer sich der Wettbewerb abspielt. Gerade in der kulturellen Bildung sollte Kooperation in Zukunft mehr Bedeutung gewinnen, insbesondere im Zusammenwirken von Schule und Kultureinrichtungen, wie oben ausgeführt. Kooperative Arrangements können zerbrechen, wenn ein Partner sich zurückzieht. Deshalb ist zu überlegen, welche Aufgaben und Einrichtungen im Kulturbereich dieser Logik anzuvertrauen sind und wie ein Kooperationsversprechen gewährleistet und vertraglich gesichert werden kann. Ohne Frage erwachsen aus diesen Unwägbarkeiten neue Anforderungen an das Kulturmanagement.

Fußnoten

20.
Meine Argumentation folgt hier Norbert Sievers, Netzwerk Kulturpolitik. Begründungen und Praxisbeispiele, in: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr.90 (III/2000), S. 31-37.

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