kulturelle Bildung

14.12.2010 | Von:
Peter Kamp

Querschnittsaufgabe mit Lücken - Zur Finanzierung kultureller Bildung

Aktuelle Probleme und Herausforderungen

Der Anerkennungserfolg kultureller Bildung in Deutschland fällt zusammen mit drei bedeutsamen Zäsuren im Gesellschaftsgefüge, deren Folgen noch gar nicht absehbar sind: 1. dem demographischen Wandel mit grundlegender Umschichtung der Bevölkerungspyramide; 2. der flächendeckenden Einführung der Ganztagsbildung; 3. den Auswirkungen der Finanzkrise auf die Handlungsfähigkeit des Sozialstaats. Diese drei Veränderungen fordern Politik und Gesellschaft zu enormen Anstrengungen heraus, wenn die Infrastrukturen kultureller Bildung als Garanten qualifizierter Bildungsangebote für alle nicht bedroht werden sollen. Drei Handlungsfelder sind derzeit identifizierbar:

  1. Die Politik (von Bund, Ländern und Gemeinden) muss darauf hinwirken, dass Kinder und Jugendliche nicht zu den Bildungsverlierern des demographischen Wandels gehören. In den PISA-Debatten wurde Bildung oft unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet – dieser Ansicht sollte etwas entgegengesetzt werden. Kulturelle Bildung ist unverzichtbar als Dimension der Persönlichkeitsentwicklung und als Zukunftsressource gesamtgesellschaftlicher Phantasie und Kreativität. Die Bildungssysteme als solche (Schule und Vorschule) sollten den demographischen Wandel und die Einführung der Ganztagsschule zum Anlass nehmen, aus inhaltlichen Gründen neue Professionen-Mischungen (Künstler/-innen, Sozialpädagogen/ -innen, Psychologen/ -innen, Lehrer/ -innen, Erzieher/ -innen usw.) und neue Wege der Teambildung anzustreben. Dies bedarf auch des Ringens um wertorientierte und bildungsichernde Vergütungsmodelle (Stichwort "Augenhöhe").
  2. Im Zusammenhang mit der "Schuldenbremse" im Grundgesetz könnte die Finanzkrise desaströse Folgen für die Kulturfinanzierung und die Finanzierung kultureller Bildung haben. Zahllose Kommunen haben derzeit erhebliche Schwierigkeiten, dem selbstgesteckten Ziel kultureller Daseinsvorsorge nachzukommen. Eine privilegierende Schutzklausel kultureller Bildung gegenüber anderen Bereichen der kommunalen Selbstverwaltung ist vor Ort politisch schwer durchzuhalten. Um so dringlicher ist es, auf Seiten von Bund und Ländern dafür Sorge zu tragen, dass Städte und Gemeinden die weithin freiwilligen Förderverpflichtungen im Bereich kultureller Bildung den pflichtigen Aufgaben vergleichbar ausgestalten können. Hierzu gehört auch die förderrechtliche Absicherung von Infrastrukturen kultureller Bildung im Dialog mit den kommunalen Spitzenverbänden.
  3. Von herausragender Bedeutung ist die Verortung kultureller Bildung im Ensemble öffentlicher Daseinsvorsorge. Wer darauf verzichtet, kulturelle Bildung als öffentliche Aufgabe zu definieren und zu reglementieren, gibt den (grund-)gesetzlichen Anspruch auf Chancengleichheit, Bildungsgerechtigkeit und Zugang zu gleichwertigen Lebensverhältnissen auf. Jede private Initiative im Bereich kultureller Bildung, so wünschenswert sie sein mag, kann nur ergänzende, nicht jedoch struktursichernde Funktion haben. Dies ist der Hintergrund, vor dem auch das zunehmende Stiftungsengagement in Einzelfeldern kultureller Bildung zu werten ist. Wenn private Stiftungen Projekte kultureller Bildung fördern (wie beispielsweise die Robert-Bosch-Stiftung, die Bertelsmann-Stiftung, die Deutsche Bank-Stiftung, die PwC-Stiftung oder neuerdings massiv die Stiftung Mercator), dann ist das zweifellos erfreulich. Es kann und darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Projektinitiative stets am Mangel an Strukturentwicklung partizipiert und ihrem Wesen nach befristet ist. Überdies ist Stiftungsengagement stets interessegeleitet und eigentlich nie gesamtgesellschaftlich legitimiert. Dies gilt in erhöhtem Maß – aufgrund des grundlegenden Imagetransfers – für alle Formen des Kultursponsorings (also des privaten, projektbezogenen finanziellen Engagements). Dessen Chancen liegen – bei immer noch marginaler Gesamtbedeutung im Vergleich zur öffentlichen Hand – in befristeten, meist regionalen, viel öfter lokal angesiedelten kommunikationsstrategischen Allianzen zur Komplementärfinanzierung. Je nach Dimension des Projekts liegen Risiken vor allem in (mitunter äußerst) langen Suchwegen, bis eine Zusammenarbeit zustande kommt, sowie vereinzelt auch in halbherzigen Allianzen, wenn die Schnittmengen der Interessen von Sponsor und Projekt gering sind: Kulturelle Bildung ist der Zweck, Sponsoring das Mittel dazu. Wo diese Balance kippt oder zu kippen droht, sollte man die Kosten-Nutzen-Rechnung nochmals überschlagen.

Ausblick

Kulturelle Bildung muss darauf achten, dass sie nicht zum Opfer ihres eigenen Erfolgs wird. Heute ist der Begriff in aller Munde und auch breit ressortiert. Das macht ihn attraktiv für vielerlei Begehrlichkeiten. Die Spreu vom Weizen zu trennen heißt daher, zu fokussieren auf Aktivitäten, Initiativen und Konzepte, die wirklich beim Einzelnen (vor allem Kindern und Jugendlichen) ankommen und mit und in diesen nachhaltig wirken können. Jedes Projekt möchte die gute Ausnahme von der schlechten Regel sein. Kulturelle Bildung muss für alle da sein und bleiben.

Links, die Informationen zur Finanzierung kultureller Bildung bieten, gibt es hier.


Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen

Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten.

Mehr lesen