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kulturelle Bildung

13.12.2010 | Von:
Andreas Joh. Wiesand

Kultur- oder Kreativwirtschaft: Was ist das eigentlich?

Einige zentrale Ergebnisse der Berichte

Trotz ihrer Unterschiede in Definitionen und Vorgehensweisen belegen deutsche und ausländische Kulturwirtschaftsberichte doch relativ einheitlich einige wirtschaftlich wie auch kulturell relevante Tatsachen, darunter etwa:
  • eine überdurchschnittliche Zahl von Unternehmensgründungen, allerdings im Schnitt nur geringe Betriebsgrößen, häufig mit selbst berufstätigen Inhabern;
  • eine damit inzwischen nicht mehr parallel laufende Umsatzentwicklung, die gleichwohl im Vergleich mit anderen Wirtschaftssektoren noch immer als dynamisch bezeichnet werden kann, in einigen Branchen allerdings eher als "volatil" (erhebliche Schwankungen nach oben wie nach unten) gelten muss;
  • die wichtige Rolle der Kulturwirtschaft als Arbeitsmarktfaktor, teilweise auch gegen allgemeine Trends, was sich z.B. in der jüngsten Finanzkrise herausstellte: So belegen die genannten Datenerhebungen von Michael Söndermann, dass sogar die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zwischen 2008 und 2009 in diesem Bereich um 1,8% zulegen konnte.
  • die entscheidende Rolle selbständiger Künstler/ -innen, Autoren/ -innen, Designer/ -innen etc. für die Produktion und teilweise auch die Vermittlung von Inhalten ("content") sowie für die Lancierung von Innovationen in komplexen Märkten;
  • eine in vielen Branchen/Betrieben vergleichsweise geringe Kapitalintensität, in anderen allerdings oft eher eine (zu) geringe Kapitalausstattung (was naturgemäß negative Auswirkungen etwa für Investitionen oder Marketingaktivitäten haben kann,);
  • intensive Verbindungen oder Komplementärverhältnisse mit dem öffentlichen und gemeinnützig getragenen Kulturleben;
  • eine große Offenheit der meisten Akteurinnen und Akteure für die Integration neuer Technologien und
  • zunehmend europäisch oder international grenzüberschreitende Kooperationsbeziehungen in vielen Branchen.
Es ist vor diesem Hintergrund wohl kein Zufall, dass die Initiative für Kulturwirtschaftsberichte in Deutschland zunächst von Wirtschaftsbehörden ausging und dass bei diesen, soweit es tatsächlich um wirtschaftsrelevante Fragen geht, auch die meisten politischen Handlungsmöglichkeiten liegen. Obwohl es keine Patentrezepte für ihren Erfolg gibt, erkannte man mit Hilfe dieser Berichte die Kultur- oder Kreativwirtschaft zunehmend als eine interessante Kategorie in der regionalisierten Strukturpolitik. Vor allem arbeitsmarktpolitische Fragen des Kultur- und Medienbetriebs stoßen immer wieder auf großes Interesse, wobei die künstlerische Mobilität teilweise - und nicht ganz zutreffend - als Indikator für allgemeine Trends in Richtung mehr Flexibilität gewertet wird.

Einige Berichte verdeutlichten auch, dass Betriebe der Kulturwirtschaft wichtige Voraussetzungen oder Verbundleistungen für die Entwicklung anderer Branchen schaffen, dabei unter anderem für den Fremdenverkehr ("Kulturtourismus") und die Konsumgüterindustrie. Inzwischen finden solche Fragen sogar Beachtung in der bundesweiten und europäischen Kulturpolitik und lösten vielfältige Aktivitäten in der Forschung aus - mit unterschiedlichen, nicht immer überzeugenden Ergebnissen und Positionen.[21] Ob sich die wichtigsten der gängigen Konzepte und Begrifflichkeiten tatsächlich in Politik mit einem konkreten Nutzen für die Betroffenen "übersetzen" lassen, hat der Verfasser in einer ersten Übersicht zur Diskussion gestellt:

Kulturell oder kreativ, Wirtschaft oder Szene: welche Politik nützt wem?
BegriffEbenen der PolitikMögliche politische Aktionsfelder
Künstler / Kreative "Szene"
(incl. Designer, Manager etc.)
Überwiegend örtlich/regional (Standortpolitik)Infrastrukturen (Kommuni-
kationsorte und -medien)
Kulturförderung
Bildungsangebote
Kultur- und Medien-Branchen (-Cluster, "Kreativsektor")A. Örtlich/Regional (Standortpolitik)
B. National (Wettbewerbspolitik)
A. Infrastrukturen (Flächen, Quartiere, Verkehr etc.) Finanzierung / Auftrags-
wesen (in einigen Branchen auch auf nationaler Ebene, z.B. Film)
B. Rechtliche Rahmen-
bedingungen (Steuern etc.)
Kulturwirtschaft (erwerbswirt-
schaftlich, inkl. selbständige Künstler)
A. Regional (Standortpolitik)
B. Europäisch
A./B. Wirtschafts- /Arbeitsmarktpolitik, Qualifizierung
A. Kulturpolitik (komplementär/strukturell)
Creative Industries / Knowledge EconomyUnklar, eher nationale Konzepte (??), in der EU aber z.B. in statistischen Dokumentationen üblichAllg. Wirtschafts- u. Technologiepolitik? (Problem: Branchen-Un-
gleichgewicht! Mangelnde Einbindung der Mikro-Firmen)
Creative EconomyGlobal
(praxisnah nur für Großunternehmen)
Freihandelspolitik
(z.B. G8, WTO)
Entwicklungspolitik
(z.B. UNCTAD)
Rechtliche Standards
(z.B. universelles Copyright)
Quelle: A.J.Wiesand: "Götterdämmerung der Kulturpolitik?", Jahrbuch für Kulturpolitik 2008 der Kulturpolitischen Gesellschaft.

Fußnoten

21.
Kritisch dazu Andreas Joh. Wiesand: "Götterdämmerung der Kulturpolitik?". In: Jahrbuch für Kulturpolitik 2008, Kulturpolitische Gesellschaft (Hrsg.), Essen 2008. Einen guten Überblick über unterschiedliche Konzepte im europäischen Raum bietet der 2. Kulturwirtschaftsbericht Sachsen-Anhalt (2006), vgl. http://www.sachsen-anhalt.de/LPSA/
fileadmin/Elementbibliothek/Bibliothek
_Kultur_und_Medien/PDF/Kultur/
dokumente/Kulturwirtschaftsbericht_S-A_2006.pdf

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