kulturelle Bildung

10.3.2011 | Von:
Mark Terkessidis

Elefant im Giraffenhaus

Die deutschen Kulturinstitutionen scheinen kaum auf Bedürfnisse einer multikulturell zusammengesetzten Bevölkerung einzugehen. Trotzdem wird Kultur immer wieder als Allheilmittel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme dargestellt. Eine wirkliche interkulturelle Öffnung ginge der urwüchsigen deutschen Kultur und dem Selbstverständnis ihrer Institutionen "ans Eingemachte".

Kulturinstitutionen in Deutschland: Transparent und offen für andere Blickwinkel oder hermetisch abgeriegelt? (Hier: die Oper Leipzig gespiegelt und reflektiert) Foto: Uwe Steinbrich / pixelioKulturinstitutionen in Deutschland: Transparent und offen für andere Blickwinkel oder hermetisch abgeriegelt? (© Uwe Steinbrich/ pixelio)

Die Redaktion des britischen Guardian zeigte sich vor einiger Zeit beschämt, als bei einer Heftkritik die Frage "Warum sehe ich hier nur weiße Gesichter?" aufkam. Eine ähnliche Frage an die Redaktionen von deutschen Publikationen gerichtet, würde freilich kaum Erröten auslösen, eher hemdsärmelige Verteidigungsreden: "Wir" sind doch offen, warum kommen die Leute mit Migrationshintergrund denn nicht einfach auf "uns" zu? Und vor allen Dingen: Wo sollen "wir" die guten Leute denn hernehmen? Es gibt einfach nicht genügend qualifizierte Kräfte. Solche Argumente sind in den meisten gesellschaftlichen Institutionen selbstverständlich verbreitet und entsprechen in etwa dem, was sich Frauen vor nicht allzu langer Zeit anhören durften.


Nun muss man es durchaus als Fortschritt betrachten, dass die Frage der Beteiligung von Personen mit Migrationshintergrund überhaupt auf den Tisch kommt. Die Dringlichkeit dieses Problems ist allerdings noch nicht ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen - tatsächlich handelt es sich um eine Frage des Überlebens. Schon jetzt beträgt der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Einwanderungsgeschichte in den bevölkerungsstarken Bundesländern etwa ein Drittel der Schülerschaft. Was aber passiert, wenn diese Kohorten die Schulen verlassen? Wie sind die Institutionen auf dieses Klientel eingestellt? Zurzeit überhaupt nicht.

Migranten als "Sorgenkinder"

Hinter den Kulissen, zumal auf kommunaler Ebene, gärt es allerdings - die Schwierigkeiten sind hier virulenter. Allerdings steht das herrschende Verständnis von "Integration" der Bearbeitung der Herausforderungen im Wege. Denn immer noch geht dieses Konzept von einer "deutschen" Norm aus. Vorausgesetzt wird das Niveau der einheimischen, mittelständischen Individuen, erworben aufgrund eines funktionierenden familiären Backgrounds. Migranten gelten ebenso wie Angehörige der Unterschicht oder Behinderte als defizitäre "Sorgenkinder". "Integration" bedeutet in diesem Sinne, die "Sorgenkinder" durch Sondermaßnahmen zu einem bestimmten Zeitpunkt, etwa dem Schuleintritt, auf den gleichen Stand zu bringen. Insbesondere im Bildungssystem wird jedoch immer deutlicher, dass diese Politik die angeblichen "Sorgenkinder" regelrecht produziert und dass man nicht weiterkommt, wenn man glaubt, dass man nur die Marginalisierten reformieren muss und nicht das ganze System.

Das Prinzip der "Diversity", das fundamentalere Veränderungen anstrebt, hat der Organisationsberater Roosevelt Thomas einmal erklärt, indem er das Beispiel vom Besuch des Elefanten im Haus der Giraffe erzählte. Zwar hat die Giraffe für den Elefanten die Tür verbreitert, damit er überhaupt eintreten kann, doch einmal im Haus, "passt" der Elefant aufgrund seiner Körpermaße nirgendwo - es scheint sogar, als beschädige er das Haus. Daraufhin empfiehlt ihm die Giraffe eine Abmagerungskur. Der Elefant dagegen ist der Auffassung, dass das Haus selbst verändert werden muss, sodass es den Unterschieden seiner Benutzer gerecht wird. Und darum geht es in der Zukunft: Um die Gestaltung von Institutionen, die der Vielfalt in der Gesellschaft gerecht werden - diese Vielfalt meint nicht nur Migrationshintergrund.

Deutsche Kultur versus "Interkultur"

Insbesondere im Kulturbereich ist, durchaus im Sinne der Neugestaltung des Hauses, in letzter Zeit viel von "Interkultur" oder von "interkultureller Öffnung" zu hören. Oft jedoch steht dieser Begriff implizit wiederum nur für das, was Migranten machen. Die Fördertöpfe für Kultur sehen gewöhnlich einen Sonderetat für "interkulturelle Kunstprojekte" vor, so als seien alle anderen Projekte weiterhin rein "deutsch". Und während man von der "deutschen Kultur" gewöhnlich annimmt, dass sie sich quasi naturwüchsig entfaltet und dass sie in ihrer künstlerischen Freiheit nicht beschnitten werden darf - etwa von so etwas Profanem wie Quoten -, gilt für die "Interkultur", reduziert auf die kulturellen Artikulationen von Migranten, das genaue Gegenteil. Hier ist oft ein gänzlich instrumenteller Umgang mit Kultur verbreitet. Kultur soll letztlich dazu dienen, den sozialen Frieden zu gewährleisten: Sie soll die Folgen einer dramatischen Arbeitslosigkeit kitten, sie soll mittlerweile sogar ernsthaft helfen, Fundamentalismus zu verhindern.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 2.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen

Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten.

Mehr lesen