kulturelle Bildung

10.3.2011 | Von:
Tina Jerman
Meral Cerci

Interkulturelle Öffnung der kulturellen Bildung

Was können Kulturinstitutionen tun, um sich zunehmend für Migranten zu öffnen? Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass es weniger von der Herkunftskultur als vielmehr vom Bildungsstand, vom Einkommen und den Wertorientierungen abhängt, ob Migranten Angebote der kulturellen Bildung nutzen und welche sie bevorzugen.

Bunte Hände, JockScott/photocase.comBunte Hände (© JockScott/Photocase)

Ausgangslage

Kulturelle Bildung hat Konjunktur. Vielfach wurde beschrieben, welche Wunder zu bewirken sie im Stande ist. An sie werden von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund hohe Erwartungen gestellt, hatte man doch lange Zeit die Bildungsschwerpunkte im weitesten Sinne an der ökonomischen Verwertbarkeit orientiert, insbesondere im Hinblick auf berufliche Chancen. Gestützt auf die wissenschaftliche Erkenntnis, die musisch aktiven Kindern und Jugendlichen bessere Leistungen auch in anderen Gebieten attestiert, wurden entsprechende Programme in verschiedenen künstleri-schen Feldern entwickelt und in die Tat umgesetzt, verbunden mit der Hoffnung, hier einen Ausgleich zu schaffen.


Vielen dieser Beschreibungen liegt jedoch eine Engführung zu Grunde, da sie kulturelle Bildung in erster Linie mit der Ausübung einer künstlerischen Betätigung in Beziehung setzt und das fokussiert auf Kinder und Jugendliche. Kultur – und darauf aufbauend auch kulturelle Bildung – stützt sich jedoch, wenn man etwa die Definition der UNESCO zugrunde legt, auf ein viel breiteres Konzept. "Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertesysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen."[1]




Vor diesem Hintergrund könnte man auch die Integrationskurse als einen interkulturellen Baustein im Bereich der kulturellen Bildung ansehen, verfolgen sie doch gerade den Anspruch, Notwendiges und Wissenswertes über die Kultur des (neuen) Lebensmittelpunktes zu vermitteln.

Als Einwanderungsland ist Deutschland heute durch kulturelle Vielfalt geprägt. Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund und die Prognosen zum demografischen Wandel zeigen, dass der Anteil zukünftig noch steigen wird. Vor diesem Hintergrund kommt der interkulturellen Ausrichtung der kulturellen Bildung eine sehr viel höhere Bedeutung zu als bislang. Sie wird zu einer umfassenden Aufgabe, die sich nicht nur an Kinder und Jugendliche richtet, sondern auch für gesellschaftliche Organisationen und im Sinne des Lebenslangen Lernens gilt.

Ziel

Ziel der interkulturellen Ausrichtung der kulturellen Bildung ist es, die mittlerweile vielfältige Realität im Alltag der Stadtgesellschaft und im ländlichen Raum verstehbar und mit allen ihren Potenzialen lebbar zu machen. Der transkulturelle Alltag, der das individuelle Leben vieler Menschen bestimmt, muss sich in einem gemeinsamen gesellschaftlichen Miteinander widerspiegeln. Dazu gehört die Sensibilisierung für die Chancen und Potenziale, Empowerment, der Abbau von Vorurteilen und die Fähigkeit zu Empathie und Perspektivwechsel. Die interkulturelle Ausrichtung der kulturellen Bildung sollte darauf aufbauend definiert werden "als Bildung, Ausbildung und Information, die dazu beitragen soll, durch Wissensaustausch, die Weitergabe von Kenntnissen und die Ausformung von Verhaltensweisen" [2] ein universales Verständnis für kulturelle Vielfalt und allgemeine Voraussetzungen für kulturelle Teilhabe herzustellen. Hier kommt nun in der Tat den Künsten eine herausragende Stellung zu, sind sie doch in besonderer Weise in der Lage, gemeinsame und interkulturelle Interaktionen in einem "Dritten Raum" zu ermöglichen ("Third Space" – nach Homi Bhabha [3]) – einem Raum, der offen und zugänglich für Begegnungen von Migrantinnen und Migranten sowie und Nicht-Migrantinnen und Nicht-Migranten ist.

In diesem Prozess schaffen Partizipation, Kenntnistransfer und ein damit verbundener Austausch multiple Perspektiven. Diese Methoden haben sich sowohl bezüglich der interkulturellen Ausrichtung der in die kulturelle Bildung involvierten Organisationen als auch bei den zu vermittelnden (künstlerischen) Inhalten als besonders wirkungsvoll erwiesen. Auch die Angebotsplanung sollte eine differenzierende, zielgruppenspezifische Kenntnis der Interessen und Bedarfe und eine entsprechende Orientierung beinhalten.

Fußnoten

1.
www.unesco.de
2.
Analog zum Welt-Aktionsprogramm zur Menschenrechtsbildung, vgl. http://www.unesco.de/definition_mr_bildung.html.
3.
vgl. Rutherford, Jonathan. 1990. The Third Space. Interview with Homi Bhabha. In.: Ders. (Hg.): Identity: Community, Culture, Difference. London: Lawrence and Wishart, 207-211.
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