kulturelle Bildung
1|2 Auf einer Seite lesen

20.5.2011 | Von:
Anne Bamford

Motivationsfaktor kulturelle Bildung

Interview mit Anne Bamford

Anne Bamford spricht über die Auswirkungen von Kulturvermittlung auf Kinder und Jugendliche und die Schlüsse aus ihrer weltweit durchgeführten Studie "The Wow Factor".
In Äthiopien gehört das Erlernen von Kunsthandwerk zur kulturellen Bildung. Foto: Niamh Burke/UNESCO PhotobankIn Äthiopien gehört das Erlernen von Kunsthandwerk zur kulturellen Bildung. (© Niamh Burke/UNESCO Photobank)

In Ihrer ersten internationalen Analyse von Kulturvermittlung für die UNESCO 2004 verglichen Sie Daten und Fallstudien aus mehr als 60 Ländern. Welches waren die Methoden, Ziele und Hauptinhalte Ihrer Forschung?

Anne Bamford: Das Ziel war, die Auswirkungen (wenn es welche gegeben hat) von Lehrplänen, die viel Kunst enthalten, auf die Bildung von Kindern und jungen Menschen in verschiedenen Ländern festzustellen. Dazu wurden qualitative und quantitative Informationen analysiert, die bei der im November 2004 verteilten umfangreichen Erhebung gesammelt worden sind.


Was sind die Hauptergebnisse und Beobachtungen der Forschung?

Anne Bamford: Die Gesamtergebnisse der Studie kann man folgendermaßen zusammenfassen:
  • Kunst und Kultur stellen einen Teil der Bildungspolitik in fast allen Ländern der Welt dar;
  • es gibt eine Kluft zwischen den "Lippenbekenntnissen", die man bezüglich Kulturvermittlung ablegt, und dem, was in den Schulen tatsächlich angeboten wird;
  • die Bedeutung des Begriffes "Kulturvermittlung" hängt von der jeweiligen Kultur und vom Rahmen ab; sie variiert von Land zu Land, mit konkreten Unterschieden zwischen wirtschaftlich höher entwickelten Ländern und Ländern, deren Wirtschaft weniger weit entwickelt ist;
  • wirtschaftlich weiter entwickelte Länder neigen dazu, neue Medien (einschließlich Film, Fotografie und digitaler Kunst) im Lehrplan zu berücksichtigen; in aus wirtschaftlicher Sicht weniger entwickelten Ländern werden kulturspezifische Kunstformen viel mehr betont (z.B. auf Stelzen gehen in Barbados und Frisurenkunst in Senegal);
  • es gibt einen Unterschied zwischen dem, was man als Kunstunterricht bezeichnet (z.B. das Unterrichten von bildender Kunst, Musik, Theater, Kunsthandwerk, usw.) und Bildung durch Kunst und Kultur (z.B. ihre Verwendung als ein pädagogisches Werkzeug in anderen Fächern wie z.B. Rechnen, Lesen und Schreiben, und Technik);
  • die Kulturvermittlung hat Auswirkungen auf das Kind, auf das Unterrichts- und Lernmilieu, und auf die Gemeinschaft;
  • es gibt einen Bedarf an mehr Ausbildung für die Hauptvermittler vor Ort (z.B. Lehrer, Künstler und andere pädagogische Mitarbeiter);
  • qualitativ hochwertige Kulturvermittlung bietet einen ausgeprägten Nutzen für die Gesundheit und das soziale und kulturelle Wohlergehen der Kinder;
  • der Nutzen von Lehrplänen, die viel Kunst enthalten, ist nur bei qualitativ hochwertigen Programmen greifbar;
  • qualitativ hochwertige Kulturvermittlung wird meistens von einer starken Partnerschaft zwischen den Schulen und externen Kultur- und Gemeinschaftsorganisationen gekennzeichnet. (Mit anderen Worten, es sind die Lehrer, Künstler und die Gemeinschaft, die zusammen die Verantwortung für die Bereitstellung der Programme teilen).
Sie differenzieren in Ihrem Buch "The Wow-Factor. Global research compendium on the impact of the arts in education" zwischen "Kunst- und Kulturunterricht" und "Bildung durch Kunst und Kultur". Was ist der Unterschied?

Anne Bamford: Kunst- und Kulturunterricht ist ein Lernen der Fähigkeiten, Denkweisen und der Darbietung von unterschiedlichen Kunstformen wie Tanz und Musik. Er liefert Ergebnisse in Form von einer verbesserten Einstellung zur Schule und zum Lernen, einer gesteigerten kulturellen Identität und einem Gefühl von persönlicher Zufriedenheit und Wohlergehen. Gleichzeitig werden durch Bildung, die für alle Unterrichtsfächer kreative und künstlerische Pädagogik verwendet – also Bildung durch Kunst und Kultur –, die akademischen Leistungen insgesamt erhöht, Unzufriedenheit mit der Schule reduziert und die positive kognitive Übertragung gefördert. Der Nutzen entsteht jedoch nur dann, wenn es sich um qualitativ hochwertige Programme handelt.

Wie würden Sie die Auswirkungen von Kulturvermittlung auf Kinder und junge Menschen definieren und beschreiben?

Anne Bamford: Bei umfangreichen Forschungsstudien wurden folgenden Vorteile festgestellt: Erstens entstand in 75% der Länder der Eindruck, dass Kulturvermittlung akademische Leistungen verbessert hatte, besonders im Bereich der Fähigkeit Lesen und Schreiben und beim Erlernen von Sprachen. Zweitens führte Kulturvermittlung zu einer Verbesserung der Wahrnehmung der Schule bei Eltern, Schülerinnen und Schülern und in der Gemeinschaft. So werden z.B. Schulen bevorzugt, die viel Kunst und Kultur anbieten. Zusätzlich scheint Kulturvermittlung eine positive Auswirkung auf die kognitive Entwicklung und auf Gesundheit und Wohlergehen der Jugendlichen zu haben. Es hat sich auch gezeigt, dass Kulturvermittlung die Zusammenarbeit, den Respekt, die Verantwortlichkeit, die Toleranz und Wertschätzung erhöht und eine positive Auswirkung auf die Entwicklung von soziokulturellem Verständnis hat. Des Weiteren scheinen Programme mit viel Kunst und Kultur eine fokussiertere Interaktion im Unterricht zu fördern sowie ein höheres Konzentrationsniveau während des Schultages und einen gleichmäßigen Schulbesuch – das trifft besonders bei Jungen und Mädchen zu, die zu Randgruppen gehören.
Welche Eigenschaften hat eine hochwertige Kulturvermittlung?

Anne Bamford: Hochwertige Bildungsprogramme mit und durch Kunst und Kultur sind gekennzeichnet durch:
  • aktive Partnerschaften zwischen Schulen und Kulturorganisationen und zwischen Lehrern, Künstlern und der Gemeinschaft;
  • die Verantwortung für Planung, Durchführung und Beurteilung wird geteilt;
  • die Möglichkeiten für öffentliche Aufführungen, Ausstellungen und/oder Präsentationen;
  • eine Kombination von Entwicklung innerhalb der spezifischen Kunstformen (Kunstunterricht) mit künstlerischen und kreativen Zugänge zum Lernen (Bildung durch Kunst und Kultur);
  • die Ermöglichung von kritischer Reflexion, Problemlösung und Risikobereitschaft;
  • die Betonung von Zusammenarbeit;
  • eine inklusive Haltung, für alle Kinder zugänglich;
  • detaillierte Strategien für die Bewertung von und Berichterstattung über das Lernen, die Erfahrungen und die Entwicklung von Kindern;
  • laufende Fortbildung für Lehrer, Künstler und die Gemeinschaft und
  • flexible Schulstrukturen und durchlässige Grenzen zwischen Schulen und der Gemeinschaft.
Umgekehrt kann Kulturvermittlung von schlechter oder gar keiner Qualität tatsächlich die Entwicklung von Kreativität und Vorstellungskraft behindern. In 25 % der Länder wurde festgestellt, dass z. B. der Mangel an Kulturvermittlung oder die mindere Qualität von Programmen negative Auswirkungen auf die Entwicklung von Kreativität und innovatives Denken bei jungen Menschen hatten.

Welche Schlüsse und welche Entwicklungen für die Zukunft werden von Ihrer weltweiten Forschung angedeutet?

Anne Bamford: Es gibt eine dringende Notwendigkeit, qualitativ hochwertige Kunst- und Kulturvermittlung für alle Kinder zu gewährleisten. Zusätzlich sollten Kunst- und Kulturvermittlung zumindest bis zum 16. Lebensjahr des Kindes als ein Teil der Grundbildung fortgesetzt werden. Und was die Lehrerinnen und Lehrer betrifft, so brauchen diese mehr Aus- und Fortbildung zu wirksamen Modellen der Kunst- und Kulturvermittlung. Kulturvermittlung sollte ein Schwerpunkt bei der Lehrerausbildung sein – besonders für Volksschullehrerinnen und -lehrer.

Ich habe einen Mangel an umfangreichen Längsschnittstudien im Kunst- und Kulturbereich festgestellt. Ebenfalls ist mir aufgefallen, dass es allgemein im Kunst- und Kulturbereich eine schlechte Verbindung zwischen Entscheidungsträgern und der Durchführung vor Ort gibt. Eine unzureichende Kontrolle und Berichterstattung über Kunst- und Kulturkomponenten in der Allgemeinbildung behindern eine breitere Einbeziehung von Kunst und Kultur. Und prinzipiell habe ich eine mangelhafte Unterscheidung zwischen den Auswirkungen von Kunstunterricht und Bildung durch Kunst festgestellt.

Seit dem Abschluss der UNESCO-Studie führen Dänemark, Australien, die Niederlande und Flandern detaillierte Analysen von Kulturvermittlung in ihren Ländern durch, während Länder wie Südkorea, Singapur, Malaysien und Kuba dabei sind, ihr Angebot an Kunst und Kultur in der Bildung zügig zu erweitern.

Dieses Interview entstand im Rahmen der Reihe "Gegengefragt" von KulturKontakt Austria und wurde uns freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.© KulturKontakt Austria/Gertrude Lukaczek, http://www.kulturkontakt.or.at/

Literatur


Bamford, Anne: Der Wow-Faktor. Eine weltweite Analyse der Qualität künstlerischer Bildung, Münster, New York, München und Berlin 2010.
1|2 Auf einer Seite lesen

Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen

Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten.

Mehr lesen