Schülerinnen einer Berliner Grundschule in ihrem Klassenraum

12.11.2014 | Von:
Kerstin Wolff

Helene Lange – Eine Lehrerin in der bürgerlichen Frauenbewegung

Neben den Inhalten der Mädchenschulen setzte sich Helene Lange auch für die Lehrerinnen ein. 1890 organisierte sie die Lehrerinnen und gründete den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein (ADLV). Der Verein wuchs recht schell, von 85 Mitgliedern 1890 auf 19.581 Mitglieder in den Jahren 1904/05.

1893 gründete sie dann auch eine eigene Zeitschrift, die für die Entwicklung der Frauenbewegung sehr entscheidend sein sollte. Die Zeitschrift "Die Frau – Monatsschrift für das gesamte Frauenleben" sollte ganz bewusst kein Unterhaltungsblatt sein. Es sollte als Kommunikationsblatt der bürgerlichen Frauenbewegung fungieren und deren Themen und Fragen verbreiten und unterstützen. "Die Frau" war – trotz kleiner Anfänge – recht erfolgreich und begleitete die Frauenbewegung über mehrere Jahrzehnte. Auch über den Tod von Helene Lange hinaus wurde das Blatt von ihrer späteren Lebensgefährtin Gertrud Bäumer herausgegeben. Es konnte sogar im Nationalsozialismus bis 1944 erscheinen.

Um das Jahr 1900 stand Helene Lange als einflussreiche Persönlichkeit im Zentrum der bürgerlichen Frauenbewegung – nicht nur in Berlin. Sie war Vorsitzende des ADLV, saß im Vorstand des BDF und des ADF und gab eine eigene Zeitschrift heraus. Sie wohnte im "Neuen Westen" von Berlin, wo sich recht viele Frauenrechtlerinnen niedergelassen und durch ihre Arbeit ein Netz von Freundschaften und Kontakten geknüpft hatten.

Eine politische Lebensgemeinschaft

Helene Lange hatte wohl ihr gesamtes Leben keine sehr kräftige Gesundheit. In dieser Phase verschlimmerte sich ein altes Augenleider wieder. Sie überlegte ernsthaft, sich von allen Ämtern zu trennen, da an ein eigenständiges Lesen und Schreiben wohl nicht mehr zu denken war, eine fähige Sekretärin aber auch nicht gefunden werden konnte. In dieser Notsituation fand Gertrud Bäumer den Weg in die Wohnung von Helene Lange. Aus der Anstellung als Sekretärin entwickelte sich eine "politische Lebensgemeinschaft", die bis zum Tode von Helene Lange andauern sollte.

Helene Lange 1929. Foto: AddF (Bild 22), BildnachweisHelene Lange 1929. (© AddF (Bild 22))
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg konnten wichtige Erfolge von der Frauenbewegung erreicht werden. 1906 wurden 22 Frauen, unter ihnen Helene Lange und Gertrud Bäumer vom Preußischen Kultusministerium in eine Kommission zur Reform des Höheren Mädchenschulwesens berufen. Die eingesetzte 45-köpfige Kommission erarbeitet die Preußische Mädchenschulreform, die 1908 in Kraft trat. Die Forderungen von Helene Lange nach einem sechsklassigen (Real)Gymnasium für Mädchen wurde zwar stattgegeben, in der Frage der Anerkennung von Lehrerinnen als Leiterinnen innerhalb von Mädchenschulen ging es allerdings keinen Schritt weiter. Hier beschloss die Preußische Unterrichtsverwaltung, dass mindestens ein Drittel der Lehrkräfte an Mädchenschulen männlich sein musste. 1908 schließlich errang die Frauenbewegung ein neues Vereinsgesetz, was ihnen endlich erlaubte, Mitglied in einer politischen Partei zu werden. Auch Helene Lange ergriff diese Chance sofort und wurde Mitglied in der liberalen Freisinnigen Vereinigung.

Helene Lange hatte zwar mit Hilfe von Gertrud Bäumer wieder zurück ins politische Leben gefunden, ihre labile Gesundheit zwang sie allerdings sich immer häufiger zurück zu ziehen. Dem großen Frauenaufbruch, der durch den Ersten Weltkrieg und die Gründung des Nationalen Frauendienst zustande kam – zum ersten Mal arbeiteten bürgerliche und sozialdemokratische Frauen zusammen – konnte sie sich nicht mehr mit aller Kraft zur Verfügung stellen. Innerhalb des Krieges kam es noch zu einem gemeinsamen Umzug. Gertrud Bäumer hatte die Leitung der Sozialen Frauenschule in Hamburg übernommen und so zogen beide Frauen während des Krieges nach Hamburg um. Als Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei erlebte Helene Lange 1919 noch die Einführung des Wahlrechtes auch für Frauen. Selbstverständlich ließ sie sich noch einmal in die Pflicht nehmen und eröffnete am 24. März 1919 als Alterspräsidentin die erste Hamburger Bürgerschaft. Doch die Kräfte der nunmehr über 70-Jährigen nahmen immer mehr ab. Nach einem erneuten Umzug 1920 wieder zurück nach Berlin zog sich Helene Lange immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück, trat von ihren verschiedenen Ämtern und Posten zurück und verfasste ihre Lebenserinnerungen.

Am 13. Mai 1930 starb Helene Lange. Ihre Beerdigung glich einem Staatsbegräbnis. Alles was Rang und Namen hatte und zur liberalen Bewegung oder zur Frauenbewegung gehörte, gab ihr die letzte Ehre auf dem Charlottenburger Friedhof, wo auch heute noch ihr Ehrengrab zu finden ist.

Literatur

Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft, Köln 2000.

Margit Göttert: Macht und Eros. Frauenbeziehungen und weibliche Kultur um 1900 – eine neue Perspektive auf Helene lange und Gertrud Bäumer, Königstein 2000.

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