Zukunft Bildung

14.4.2015 | Von:
Raúl Aguayo-Krauthausen
Jonna Milena Blanck
Inge Hirschmann

Chancen und Hindernisse der Inklusion

Das deutsche Bildungssystem steht vor einem Umbruch: Auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf sollen künftig an Regelschulen lernen. Die Sozialwissenschaftlerin Jonna Blanck, die ehemalige Schulleiterin Inge Hirschmann und der Aktivist Raul Krauthausen im Gespräch.

Herr Krauthausen, Sie haben die Fläming Grundschule in Berlin besucht, die erste öffentliche Grundschule Deutschlands, die Kinder mit Behinderungen aufnahm. Wo ständen Sie, wenn Ihre Eltern Sie auf eine Förderschule geschickt hätten?

Raul KrauthausenRaul Krauthausen (© picture-alliance/dpa)
Raul Krauthausen: Garantiert nicht, wo ich heute stehe. Ich weiß nicht, ob es mir besser oder schlechter ginge, das ist ja eine Frage von ganz vielen Lebensentscheidungen. Meine Eltern waren relativ jung, als ich auf die Welt kam und wollten sich nicht nur ihrem behinderten Kind widmen. Sie waren überzeugt davon, dass ich nur nicht laufen kann – aber alles andere schon klappen wird.

Wovon haben Sie am meisten profitiert?

Krauthausen: Ich konnte mich mit dem Klassenbesten messen, der auch noch mein bester Freund war. Der absolute Überflieger. So jemanden, der mich mitzieht und mich dazu bringt, mich über meine Grenzen hinaus zu entwickeln, hätte ich an einer Förderschule vermutlich nicht gehabt. Es gab aber auch Niederlagen.

Zum Beispiel?

Krauthausen: Im Sportunterricht wurde es albern, als es irgendwann um Leistungen und Noten ging. Ich musste für die Lehrer die Zeiten stoppen – und zuschauen, wie meine Klassenkameraden schnell sind. Das hat mich nicht besonders verletzt, aber auch überhaupt nicht gefordert. Bald wurde ich vom Sportunterricht befreit. War damit aber auch außen vor, wenn sich die anderen in der Umkleidekabine verabredeten.

Inge HirschmannInge Hirschmann (© Privat)
Inge Hirschmann: Sie sprechen das Problem der Benotung an. Meiner Meinung nach sollten wir in der inklusiven Schule zumindest bis zur achten Klasse auf Noten verzichten und stattdessen die individuelle Entwicklung der Kinder stärker berücksichtigen. Wie die skandinavischen Länder.

Herr Krauthausen besuchte eine integrative Schule. Heute wird aber meist von Inklusion gesprochen. Wo liegt der Unterschied?

Jonna Blanck: In der Öffentlichkeit werden Integration und Inklusion häufig synonym verwendet. In der Wissenschaft dagegen überwiegt die Auffassung, dass es sich um unterschiedliche Konzepte handelt. Integration bedeutet, dass bestimmte Schüler mit Behinderung zwar in die Regelschule aufgenommen, dort aber als Gruppe klar von den Nichtbehinderten unterschieden werden. Inklusion dagegen erkennt an, dass alle Schüler verschieden sind. Neben Behinderungen geraten damit auch andere Unterschiede in den Blick und es gibt keine klar trennbaren Gruppen mehr. Vielfalt wird wertgeschätzt. Konsequent gedacht, bedeutet Inklusion, dass es statt des gegliederten Schulsystems eine Schule für alle gibt, in der jedes Kind individuell nach seinen Bedürfnissen gefördert wird.

Herr Krauthausen, Sie haben nach der Grundschule an einer integrativen Gesamtschule das Abitur gemacht und studiert. Sind Sie eine Ausnahme?

Jonna BlanckJonna Blanck (© Privat)
Krauthausen: Mir war lange nicht bewusst, dass ich eine unheimlich privilegierte Rolle hatte. Andere Menschen mit Behinderungen haben eine härtere Schule durch. Viele wurden von ihren Eltern auf Regelschulen geklagt, auf denen sie die einzigen Kinder mit Behinderung waren. Teilweise waren die Gebäude nicht barrierefrei, sodass Eltern ihre Kinder die Treppen hoch und runter tragen mussten. Ich finde es ein Unding, dass zunächst das Kollegium entscheiden darf, welches Kind auf seine Schule kommt und die Eltern so zwingt, vor Gericht zu gehen.

Haben die Schulen wirklich so viel Macht?

Hirschmann: Ich kenne Schulen, die Kinder mit teils fadenscheinigen Argumenten ablehnen. Das in der UN-Behindertenrechtskonvention verankerte Elternwahlrecht setzt ihnen allerdings eine Grenze – auch wenn es ein harter Weg ist, einen Schulplatz im Ernstfall einzuklagen.

Wie war das an Ihrer Schule?

Hirschmann: Wir haben jedes Kind aufgenommen. Im Kollegium herrschte Konsens, was Kinder mit Lernschwierigkeiten betraf. Als es aber darum ging, das erste stark geistig behinderte Mädchen aufzunehmen, waren manche Kollegen vehement dagegen und fragten, was sie noch alles machen sollen. Wir haben damals abgestimmt. Die Gegner waren in der Minderheit.

Krauthausen: Viele Lehrer sind überlastet, insofern kann ich ihre Vorbehalte ein Stück weit verstehen. In meiner Klasse war die Ausstattung gut. Eine pädagogische Mitarbeiterin unterstützte die Lehrerin und war für alle Kinder da. Außer mir gab es ein Kind mit Hörbehinderung, zwei lernbehinderte Kinder – und ein geistig behindertes Mädchen. Mich hat es sehr bewegt, als sie irgendwann entschied, dass auch sie schreiben lernen will. Niemand hat ihr das zugetraut, aber sie hat jeden Tag das Alphabet gelernt. Am Ende des letzten Schuljahrs konnte sie ihren Namen schreiben und war unglaublich stolz.

Ist so eine Entwicklung nur möglich, wenn die Kinder gemeinsam zur Schule gehen?

Hirschmann: Sie ist zumindest wahrscheinlicher. Wir hatten an der Heinrich-Zille-Grundschule Kinder, die am Anfang mit dem Buggy gebracht wurden. Wenn die am Ende der Schulzeit an Geländern entlang ins Sekretariat laufen konnten, war das ein tolles Gefühl. Trotzdem muss man sich fragen, was ein Kollegium leisten kann. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Schule für alle Kinder möglich ist. Aber im Detail gibt es offene Fragen.

Zurzeit wird intensiv über Schwerpunktschulen diskutiert, Regelschulen, die besonders viele Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufnehmen.

Hirschmann: Ich glaube, dass es Beeinträchtigungen gibt, für die sie sinnvoll sein können, vor allem für blinde, stark seh- oder hörbehinderte Kinder. Je mehr Schüler mit einer bestimmten Behinderung eine Schule besuchen, desto bessere Konzepte können die Lehrer für sie entwickeln. Gemeinsamen Sportunterricht für körperlich stark beeinträchtigte Schülerinnen und Schüler beispielsweise. Außerdem brauchen die Kinder Begegnungen mit anderen, denen es ähnlich geht. Gehörlose etwa müssen die Gelegenheit haben, sich mit Mitschülern in Gebärdensprache zu unterhalten.

Krauthausen: Für mich hat die Schwerpunktschule einen negativen Beiklang. Ich warne davor, dass sie die Förderschule 2.0 wird – an der wir erneut aussortieren.

Blanck: Bei der Diskussion um die Schwerpunktschule vermischen sich zwei Argumentationslinien: Zum einen verspricht man sich von ihnen, dass Kinder mit bestimmten Behinderungen dort besonders gut gefördert werden können, die von Frau Hirschmann angesprochenen Seh- und Hörbehinderten beispielsweise. Diese Gruppen machen aber nur einen kleinen Prozentsatz der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf aus. Zum anderen werden Schwerpunktschulen in manchen Bundesländern mit dem Ziel eingerichtet, dort besonders viele Schüler mit Behinderungen aufzunehmen. Bei der Mehrheit der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden die Förderschwerpunkte Lernen, Sprache und emotionale und soziale Entwicklung diagnostiziert. Viele von ihnen kommen aus sozial benachteiligten Familien. Konzentriert man sie an einer Schule, konzentriert man dort auch diese Problemlagen. In beiden Fällen grenzt man Kinder weiter aus, wenn sie nicht einfach auf eine Regelschule in ihrer Nachbarschaft gehen können.

Sie haben in zwei westdeutschen Flächenländern die Umsetzung der Inklusion verglichen: Bayern und Schleswig- Holstein. Wo liegen die Unterschiede?

Blanck: Konkret haben wir die Wirkung der UN-Behindertenrechtskonvention auf Schulreformprozesse in beiden Bundesländern untersucht und dafür zunächst eine Bestandsaufname gemacht. In Bayern steht die integrative Schulentwicklung demnach noch am Anfang. Man ist dort der Meinung, dass optimale Förderung nur gelingen kann, wenn man Kinder in unterschiedliche Schulen sortiert. In Schleswig-Holstein wurde die Integration über Jahrzehnte vorangetrieben: Der gemeinsame Unterricht an Regelschulen wurde stark ausgeweitet, die Lehrer wurden mit ins Boot geholt – und auch die Sonderpädagogen, deren Arbeitsbedingungen sich durch den gemeinsamen Unterricht am stärksten verändern. Mit der Gemeinschaftsschule wurde zudem eine Schulform geschaffen, die Heterogenität offiziell anerkennt. Für Lehrer und Eltern wurde ein Beratungszentrum eingerichtet.

Hirschmann: So ein Zentrum baue ich in Berlin im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg auf. Eltern und Lehrer sollen dort bei Fragen zum gemeinsamen Lernen künftig Beratung und Unterstützung finden. Was Inklusion betrifft, ist übrigens auch Bremen weit vorn. Man hat dort radikal umgesteuert, mit Gesetzen von oben und viel Unterstützung für die Schulen. Nordrhein-Westfalen hat Ähnliches versucht, aber zu stark auf Sonderpädagogen gesetzt, die für mehrere Schulen zuständig sind, sogenannte Ambulanzlehrer. Wir müssen die sonderpädagogischen Fachkräfte aber fest in den Kollegien verankern.

Blanck: In Bremen sitzen die Sonderpädagogen sogar mit in der Schulleitung. Neben Schleswig-Holstein ist es eines der wenigen Bundesländer, in denen Sonderschulen aufgelöst werden und die Zahl der Sonderschüler daher tatsächlich sinkt.


Kongress

14. Bundeskongress Politische Bildung 2019
Was uns bewegt. Emotionen in Politik und Gesellschaft

Der 14. Bundeskongress Politische Bildung findet vom 07.-09. März 2019 in Leipzig statt und steht unter dem Titel "Was uns bewegt. Emotionen in Politik und Gesellschaft". Veranstaltungsorte sind die Kongresshalle am Zoo sowie die Volkshochschule Leipzig.

Mehr lesen

Doktorhut auf einem Bücherstapel

Meist gelesen im Dossier Bildung

Interaktive Grafik:
Das Bildungssystem in Deutschland
Bildungseinrichtungen, Übergänge und Abschlüsse

Zukunft Bildung:
Was ist Bildung?

Zeitleiste:
Deutsche Bildungsgeschichte – eine Zeitleiste
Unsere interaktive Zeitleiste führt durch die deutsche Bildungsgeschichte

Als Meta-Server und zentraler Wegweiser zum Bildungssystem in Deutschland bietet der Deutsche Bildungsserver Zugang zu hochwertigen Informationen und Internetquellen – umfassend und kostenfrei. Er verweist auf Internet-Ressourcen von Bund und Ländern, der Europäischen Union, von Hochschulen, Schulen, Landesinstituten sowie Forschungs- und Serviceeinrichtungen.

Mehr lesen auf bildungsserver.de

Ihr Feedback

Wir freuen uns über Ihre Anregungen, Kommentare und Themenvorschläge. Schreiben Sie uns: idee@dossierbildung.bpb.de

Kulturelle Bildung

Bildung für nachhaltige Entwicklung und kulturelle Bildung

Wie können kulturelle und politische Bildung Menschen zu nachhaltigem Denken und Handeln anregen? Wie der Themenschwerpunkt zeigt, arbeiten zahlreiche Akteurinnen und Akteure bereits sehr engagiert an tragfähigen Ansätzen.

Mehr lesen

In eigener Sache

Das Dossier "Bildung" soll wachsen. Im Laufe der nächsten Wochen und Monate finden Sie hier weitere Texte, Videos und Grafiken rund um das Thema Bildung.