Schülerinnen einer Berliner Grundschule in ihrem Klassenraum

25.7.2012 | Von:
Bernd Overwien

Bildung für Nachhaltige Entwicklung

Kann man denn fünf Jahre nach Erscheinen des Orientierungsrahmens bereits sichtbare Veränderungen feststellen?

In vielen Bundesländern zeigen sich bereits Wirkungen, wenn man die Curricula betrachtet. Der Orientierungsrahmen ist darüber hinaus oft eine Ermutigung, bestimmte Themen zu bearbeiten, teils auch in Kooperation mit außerschulischer Bildung. Hier wird andererseits ja auch auf reale Veränderungen unserer Realität reagiert. Globalisierungsprozesse sind für uns alle überall deutlich spürbar, bei jedem Produkt, das wir kaufen, wenn man ein bisschen genauer hinschaut. Das gilt für die berühmte Jeans oder den Computer, die oft in Unterrichtsprojekten in ihrer weltweiten Vernetzung der Produktion behandelt werden. Das Thema Globalisierung ist so schon auf einer relativ oberflächlichen Ebene zugänglich.

Auch die Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung sind ja bei uns spürbar, wenn wir etwa die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland betrachten. Jedem, der sich ein wenig mit wirtschaftlichen Fragen auseinandersetzt, ist klar, dass man darauf vorbereitet sein muss, etwa in beruflichen Kontexten. In der politischen Bildung hat sich die Erkenntnis noch nicht so durchgesetzt, dass man auch in zivilgesellschaftlichen politischen Prozessen ein Grundwissen und gewisse Kompetenzen in Sachen Globalisierung und nachhaltige Entwicklung braucht, wenn man sich etwa in Parteien oder Nichtregierungsorganisationen engagiert. Ich denke aber, dass sich das auch da nach und nach durchsetzen wird.

Die bpb hat gerade ein Buch "Politische Bildung in der Weltgesellschaft"[4] herausgebracht. Ich glaube, das könnte Kennzeichen für eine Art Durchbruch oder Umschwung in der Szene sein. Es gibt bisher nur wenige Lehrstühle in der Politikdidaktik, die sich explizit mit dem Themenbereich Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Globales Lernen auseinandersetzen.

Auch der Erfolg des Orientierungsrahmens, der inzwischen 60.000 mal unter die Leute gebracht wurde, obwohl er eigentlich nur für Curriculum-Macherinnen und –Macher erarbeitet worden ist, ist ein Zeichen für den Bedeutungsgewinn von BNE und Globalem Lernen. Hier zeigt sich auch, dass es sehr viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer gibt. Viele haben die neuen, nun auch von der KMK als wichtig beurteilten Ideen begierig aufgenommen, auch auf den verschiedenen Hierarchie-Ebenen in den verschiedenen Schulbehörden. Ich will nicht sagen, dass der Orientierungsrahmen ein Selbstläufer geworden ist, aber er ist auf fruchtbaren Boden gefallen.

Sie sind auch bei der Umsetzung der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung engagiert als Mitglied des Runden Tisches, und Sie koordinieren die Arbeitsgemeinschaft "Informelles Lernen". Welche Rolle spielt denn das Informelle Lernen in diesem Prozess?

Der Begriff "Informelles Lernen" ist ja für viele Menschen noch etwas ungewohnt. Bekannt ist das formale oder formelle Lernen, das wir aus Schulen und Universitäten kennen. Dann gibt es das nonformale Lernen, das vielleicht eher in der Volkshochschule stattfindet. Das informelle Lernen ist im Grunde alles andere.

Wenn Menschen beispielsweise mit einer bestimmten Fragestellung an ein Buch herangehen und sich über den Zustand der Welt informieren wollen, dann lernen sie bei der Bearbeitung dieser Frage etwas, und man kann hier von einem Prozess informellen Lernens sprechen. Informelles Lernen findet aber natürlich auch noch anderswo statt, etwa am Frühstückstisch oder beim Abendbrot, wenn man in Familien oder mit Freunden über Politik spricht. Nicht umsonst kommen viele der politisch aktiven Menschen in Deutschland aus Familien, in denen es andere politisch aktive Vorbilder gibt. Über informelles Lernen wird vieles weitergegeben. Man kann auch Situationen schaffen, in denen informelles Lernen stattfindet. Man könnte etwa sagen, dass manche Methoden im schulischen Unterricht einen Rahmen für informelles Lernen schaffen, wenn man zum Beispiel an Projektlernen denkt, wo in einem formalen Rahmen durchaus informell gelernt wird.

Informelles Lernen ist nicht unbedingt ein wissenschaftlichen Kriterien entsprechendes objektives Lernen, man kann also auch Dinge falsch lernen. Ich will es daher nicht idealisieren. Aber es ist trotzdem ein Lernen, das wichtig ist, und darum sollte man es im Blick haben. Die Industrie tut dies. Zumindest in großen Unternehmen und Fabriken weiß man, dass Arbeiterinnen und Arbeiter in der Arbeit, in der Problemlösung an Arbeitsaufgaben lernen. Ein Konzern wie Volkswagen etwa hat dies genutzt und hat sogenannte Lerninseln in die Produktion eingebaut, wo tatsächlich produktionsnahe Materialien bereitgestellt werden, die die Menschen, die dort arbeiten, benutzen können, um – immer bezogen auf die Arbeitsaufgaben - weiterlernen zu können.

Insofern spielt informelles Lernen in der Gesellschaft schon eine große Rolle, und das ist noch weitgehend unentdeckt. Es gibt inzwischen auch Menschen, die sagen, dass man informell erworbene Kompetenzen zertifizieren soll. Ich sehe das eher skeptisch. Es gibt eine spannende Studie[5], die das Deutsche Jugendinstitut und die Universität Dortmund 2003-2007 durchgeführt haben. Sie haben untersucht, was Jugendliche beim politischen und anderem ehrenamtlichen Engagement, etwa in der Gewerkschaftsjugend, der evangelischen Jugend, der freiwilligen Feuerwehr etc. informell lernen. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass viele Kompetenzen mitgenommen werden, die direkt zu zivilgesellschaftlichen Aktivitäten in den Biografien dieser Menschen führten. Die Untersuchung fand zehn Jahre nach dem Engagement als Jugendliche statt. Das ist ein spannender Prozess, der natürlich auch für BNE gilt. Im Tun, also in den Aktivitäten, wird viel gelernt.

Es gibt zudem eine Studie[6], die bei einer Initiative zur Erhaltung des Regenwalds in Australien durchgeführt wurde. Man hat die Leute gefragt, was sie in dieser aktiven Zeit in der Initiative gelernt hätten. Zunächst war das für die Engagierten ein fremder Gedanke – die Leute waren erstaunt, dass sie in der politischen Aktivität auch etwas gelernt haben sollten. In der Reflexion wurde ihnen dann klar, dass sie sich mit den Strategien ihrer Gegner auseinandergesetzt hatten, dass sie sich überlegt hatten, wie man einen politischen Prozess in Gang setzen könnte, was man alles tun muss, sie haben sich inhaltlich sehr intensiv auseinandergesetzt mit dem, was Regenwald bedeutet für die nähere und weitere Umgebung und weltweite Prozesse, und bei alldem haben sie informell etwas gelernt.

Die UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung nähert sich langsam ihrem Ende – Es sind noch zwei Jahre bis 2014. Würden Sie sagen, dass die Dekade ein Erfolgsprojekt ist?

Ich würde diese Frage generell mit ja beantworten, wenn es auch schwer zu sagen ist, da es ja – gerade in Deutschland – Vorläuferprojekte gab. Es gab BLK-21 bzw. Transfer-21[7] und eine ganze Reihe bundesweiter und regionaler Projekte, die Bildung für nachhaltige Entwicklung befördert haben. Als dann die UN-Dekade ausgerufen wurde, hat sich die Szene der in diesem Bereich engagierten Menschen diese Plattform zunutze gemacht und sich darüber organisiert. Ich würde diese Plattform als sehr erfolgreich bewerten. Es gibt eine große Anzahl von wirklich tollen Dekade-Projekten[8], die in allen möglichen Bereichen durchgeführt wurden. Und es gibt eine regelmäßige Kommunikation unter den Beteiligten, es gibt Publikationen, Unterrichtsmaterialien, etc. Es ist nun ja auch eine Diskussion im Gange, ob die Dekade in irgendeiner Weise verlängert werden soll.

Bei den Dekade-Projekten sind auch einige aus den Bereichen Kunst und Kultur mit dabei. Kennen Sie persönlich Bildungs-Projekte, wo Kunst und Kultur und Ansätze nachhaltiger Entwicklung erfolgreich zusammenwirken?

Ich stehe zwar nicht mitten in der Kultur-Szene, ich kenne aber einige Projekte in Grenzbereichen. Hier in Kassel gibt es beispielsweise einen konsumkritischen Stadtrundgang. Bei den einzelnen Stationen, wo es dann zum Beispiel um Kleidung, Wasser, Mobilfunk usw. geht, werden zum Teil auch künstlerische Mittel eingesetzt, um zu vermitteln, was alles mit diesen Themen zu tun hat.

In Witzenhausen, einem Ort ca. 30 km östlich von Kassel, gibt es ein Gewächshaus für tropische Nutzpflanzen[9], das zur Universität Kassel gehört und mit dem wir zusammenarbeiten. Es wird von jährlich etwa 3000 Schülerinnen und Schülern besucht, die dort über diese Nutzpflanzen im Kontext von Nachhaltigkeit etwas lernen in Projekten, wo formales und informelles Lernen zusammengeführt wird, mit Stationenlernen und ähnlichen Methoden. In diesem Gewächshaus gibt es unter anderem auch literarische Führungen in deutscher und englischer Sprache. So versucht man, Literatur und Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie globale Fragen zusammenzubringen.

Kürzlich habe ich auf einer Tagung etwas sehr Spannendes erlebt. Es gibt ja das Schulfach Darstellendes Spiel, leider fast nur in der gymnasialen Oberstufe, also nur für die, "die es geschafft haben", wenn ich das mal kritisch anmerken darf. Es wäre schön, wenn das Fach breiter aufgestellt wäre. Auf der Tagung wurde präsentiert, wie Mittel des Theaters eingesetzt wurden, um globale Konflikte darzustellen und zum Nachdenken anzuregen.

Es gibt da eine ganze Menge Möglichkeiten. Was ich noch aus dem globalen Lernen kenne, auch aus Lateinamerika, ist Augusto Boals Forumtheater, ein Theater, das sich ganz bewusst als politisch versteht. Es setzt am Alltag an, findet auch in Fußgängerzonen statt und nutzt Theater-Methoden, um politische Dinge zu erklären und gemeinsam Lösungen für Konflikte zu erarbeiten. Beim globalen Lernen gehören solche Methoden fast zum Grundbestand.

Die Projekte der kulturellen Bildung bewegen sich auch oft an der Schnittstelle von nonformalem und informellem Lernen. Sehr viele der Gestaltungskompetenzen, die in der Bildung für nachhaltige Entwicklung eine wichtige Rolle spielen, werden auch durch kulturelle Bildung gefördert. Dort gibt es große Schnittmengen.

Ja, aber diese Kompetenzen vermitteln zu wollen, ist schwierig, dies wäre das falsche Wort. Kompetenzen kann man nur erwerben. Schule allein ist dafür manchmal der falsche Ort, da in der Schule immer noch in zu kurzen Zeitabschnitten getaktet wird. Hier kann außerschulische Bildung meiner Meinung nach viel mehr leisten, die oftmals Elemente kultureller Bildung einbezieht. Schule sollte aufgefordert sein, hier zu kooperieren.

Momentan findet hier in Kassel die dOCUMENTA 13 statt, eine der wichtigsten und größten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst weltweit. Auf dieser dOCUMENTA gibt es einige künstlerische Arbeiten, die sich ganz explizit mit Themen wie Nachhaltige Entwicklung und Agrarindustrie, Begrenztheit der Ressourcen, Grenzen des Konsums beschäftigen. Am Ausstellungsstandort Ottoneum werden sie unter dem Label "seed project" sogar thematisch zusammengefasst. Es ist der künstlerischen Leiterin Carolyn Christoph-Bakargiev offensichtlich ein großes Anliegen, diese Themen auch an ein Kunst-Publikum zu vermitteln.

Ja, vielleicht bietet Kassel im Moment eine informelle Lernumgebung in der Kunst – Ich weiß, dass man vorsichtig sein muss, die Kunst nicht zu instrumentalisieren für Lernprozesse, aber die finden ja zwangsläufig in der Auseinandersetzung mit den Exponaten statt. Künstlerinnen und Künstler wollen mit ihren Arbeiten ja auch etwas sagen und Menschen zum Nachdenken anregen, denke ich. Ich finde es sehr gut, dass ganz explizit auch politische Themen in die Ausstellung einbezogen werden. Dabei bleibt es ja den Besucherinnen und Besuchern überlassen, wie intensiv sie sich mit den Hintergründen auseinandersetzen wollen oder ob sie etwas einfach nur schön finden wollen.

Haben Sie zum Abschluss unseres Gesprächs noch Wünsche oder Statements, die sie gern äußern möchten?

Was ich mir für die Zukunft wünsche würde, ist, dass sich die politische Bildung, insbesondere auch in der Lehrerbildung, stärker mit Fragen nachhaltiger Entwicklung auseinandersetzt. Je breiter diese Diskussion wird, umso besser. Je mehr Leute dieses integrieren, umso besser ist es und darum geht es ja auch bei der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Ich wünsche mir außerdem, dass Schulen das aufnehmen und stärker als bisher zum Beispiel auch mit kultureller Bildung kooperieren, mit Menschen zusammenarbeiten, die spannende Dinge tun, auch außerhalb der Schule. Schule muss sich öffnen, das sagen wir schon ganz lange, aber es geschieht leider immer noch zu wenig. Natürlich müsste hier und da dafür auch mehr Geld bereitgestellt werden.

Ich danke Ihnen sehr herzlich für das Gespräch!

Das Gespräch führte Katharina Reinhold mit Prof. Bernd Overwien am 28. Juni 2012 in Kassel.

Fußnoten

4.
W. Sander/A. Scheunpflug: politische Bildung in der Weltgesellschaft, Bonn 2012, http://www.bpb.de/publikationen/WWUOB8,0,Politische_Bildung_in_der_Weltgesellschaft.html
5.
Düx, W./Prein, G./Sass, E./Tully, C.J.: Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement. Eine empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter, Wiesbaden 2008.
6.
Foley, G.: Learning in Social Action: A Contribution to Understanding Informal Education, London 1999.
7.
http://www.transfer-21.de/
8.
http://www.dekade.org/datenbank/
9.
http://www.agrar.uni-kassel.de/ink/tgh/

Doktorhut auf einem Bücherstapel

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