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Zukunft Bildung

Redaktion am 17.03.2015

Kleines 3x3 der digitalen Didaktik

Drei Fragen. Drei Antworten. Drei Perspektiven.

Braucht der Bildungsbereich eine neue "digitale Didaktik"? Wir zerlegen die eine große Frage in drei kleinere. Und freuen uns über knackige Antworten von Saskia Handro, Bardo Herzig und Christoph Pallaske.


Calculator.Calculator. Lizenz: cc by/2.0/de (Anssi Koskinen / Flickr / Foto bearb.)

Über unsere Interviewten:

Bardo Herzig ist Professor für Allgemeine Didaktik und Schulpädagogik unter Berücksichtigung der Medienpädagogik an der Universität Paderborn und Direktor des Paderborner Zentrums für Bildungsforschung und Lehrerbildung (PLAZ). In der Studie Wie wirksam sind digitale Medien im Unterricht? fasst er im Auftrag der Bertelsmann Stiftung den derzeitigen (2014) Forschungsstand zur Wirksamkeit digitaler Medien im Unterricht zusammen.

Saskia Handro hat einen Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte und historische Lehr-und Lernforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster inne. Sie forscht und lehrt insbesondere zum Verhältnis von Zeitgeschichte, Geschichtsdidaktik und historischem Lernen. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie dabei dem Einfluss des Fernsehens und hat in diesem Zusammenhang u.a. die Lern-DVD "Fernsehen macht Geschichte" mitentwickelt.

Christoph Pallaske ist Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik am Historischen Institut der Universität zu Köln. Er forscht, referiert und bloggt zum Zusammenhang von Digitalisierung und historischem Lernen und hat darüber hinaus das Bildungsangebot segu konzipiert: eine (mittlerweile preisgekrönte) offene Lernplattform "für selbsgesteuert entwickelnden Unterricht".

Werkstatt: Was verstehen Sie unter "Didaktik" und wozu brauchen wir sie?

Saskia Handro: Eng gefasst bezeichnet man Didaktik als Wissenschaft des Lehrens und Lernens, die Ziele, Inhalte, Medien- und Methodenauswahl theoretisch begründet sowie Lehr- und Lernprozesse untersucht und gestaltet. Für die Didaktik der Geschichte ist jedoch ein weiteres Verständnis zentral, das Geschichtskultur und Geschichtslernen integriert und alle Formen der Vermittlung und Rezeption von Geschichte umfasst. Wir brauchen die Geschichtsdidaktik als Reflexionsinstanz, die einerseits den gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte analysiert und andererseits Lehr- und Lernprozesse entwickelt, die historische Orientierung und eigenständige Urteilsbildung in der Gesellschaft ermöglichen.

Bardo Herzig: Unter Didaktik verstehe ich wissenschaftlich fundierte Aussagen über die Planung, Durchführung und Reflexion von Lehr- und Lernprozessen. Wir benötigen Sie als Orientierung und Reflexionsfolie für das praktische Handeln und das Treffen begründeter Entscheidungen. Didaktik ist eine dynamische Wissenschaft, die angesichts der vielfältigen Faktoren, die Lehr- und Lernprozesse beeinflussen, ständig neuen Anforderungen, Möglichkeiten und Herausforderungen begegnet. Dies gilt insbesondere auch für die Mediendidaktik, die sich mit der Frage beschäftigt, wie Medien zur Erreichung pädagogisch gerechtfertigter Ziele gestaltet oder verwendet werden können bzw. sollen.

Christoph Pallaske: Was soll wie gelernt werden? Diese Frage zu beantworten ist Aufgabe der Didaktik. Aber was ist wichtiger: das "Was" oder das "Wie"? In den letzten Jahren wurde oft um Inhalte versus Kompetenzen gestritten. Viele Lehrende fürchten, die Inhalte kommen auf Kosten der Kompetenzen zu kurz. Nach meiner Erfahrung ein Trugschluss: In guten didaktischen Konzepten bedingen Inhalte und Kompetenzen einander. Benzin und Motor für sich genommen sind nutzlos, erst zusammen kommen sie in Bewegung. Guter kompetenzorientierter Unterricht setzt auf Individualität und Eigenverantwortlichkeit von Lernenden. Fragen sollen selbst entwickelt, Lernstrategien entworfen und kooperativ beschritten werden, Urteile eigenständig gefällt, diskutiert und ausgehandelt werden.

Fotozitat Dr. Christoph Pallaske. (© Kooperative Berlin)


Inwiefern haben digitale Technologien und Medien einen Einfluss auf didaktische Überlegungen und Konzepte?

Herzig: Medien sind integraler Bestandteil von Lehr- und Lernprozessen. Mit ihren spezifischen Eigenschaften und Funktionen eröffnen und ermöglichen insbesondere digitale Medien unterschiedliche Erfahrungsformen und damit verbundene Lernaktivitäten. Dadurch verändern sich individuelle und gemeinsame Formen der Konstruktion und des Austausches von Wissen. Aufgabe der Didaktik ist es, diese neuen Formen mit anderen Merkmalen von Lehr- und Lernprozessen – z.B. den Voraussetzungen von Lernenden, den Aufgaben von Lehrpersonen oder den Zielen und Inhalten von Unterricht – in Beziehung zu setzen und ihre wechselseitigen Einflüsse aufzuklären.

Handro: Die Vermittlung von Geschichte ist immer auf Medien angewiesen und historisch betrachtet erleben wir lediglich einen Medienwandel, mit dem sich die Möglichkeiten der Repräsentation von Geschichte (Multimedialität, Reproduzierbarkeit, Speicherkapazität) und die Formen der geschichtskulturellen Kommunikation (Individualisierung, Diskursivität, Kollaboration) ändern. Für didaktische Überlegungen sehe ich zwei Konsequenzen: Zum einen muss das Verhältnis von Medien und Gesellschaft zum Gegenstand historischen Lernens werden, um Orientierung in der Mediengesellschaft zu bieten. Zum anderen heißt es, Potentiale digitaler Lernmedien fachspezifisch zu profilieren und gleichzeitig ihre Grenzen zu benennen.

Pallaske: Digitale Medien geben mehr Möglichkeiten für eigenverantwortliches und kooperatives Lernen als der klassische, "analoge" Lernraum Klassenzimmer. Nicht nur der Zugriff auf den entgrenzten Wissensspeicher des Internets, sondern auch digitale Tools wie Etherpads, Wikis oder Blogs, mittels derer Lernende ihre Ergebnisse nicht nur präsentieren, sondern auch gegenseitig kommentieren und aushandeln können, zeigen neue, motivierende Lernwege auf. Allerdings gilt auch: Digitale Medien in der Schule sind keine Wundermittel. Erstens wird das Lernen im digitalen Zeitalter nicht neu erfunden, zweitens können Lernprogramme auch keine Lehrenden ersetzen. Lernende sollen eben nicht einzeln vor einem digitalen Gerät sitzen, um ihr Wissen abzufragen und zu testen. Digitale Geräte sind vielmehr nur Werkzeuge in einem Lernprozess, auf dem es vor allem auf die Interaktion zwischen Menschen ankommt.

Fotozitat Prof. Dr. Saskia Handro (© Kooperative Berlin)

Müssen wir eine neue, "digitale Didaktik" entwickeln und wie könnte sie aussehen?

Pallaske: Ich bin eher skeptisch. In Schulen werden verschiedene Fächer unterrichtet, jede Fachdidaktik verfolgt eigene Ziele. Wie digitale Medien im Unterricht zum Einsatz kommen, müssen die einzelnen Fächer entscheiden. In den bisherigen fachdidaktischen Diskussionen wird allerdings deutlich, dass es eine grundsätzlich "neue" Didaktik im digitalen Wandel nicht gibt, sondern eine mehr oder weniger folgenreiche Verschiebung der Bedingungen des Lernens. Die Diskussion steht hier aber noch ziemlich am Anfang, auch weil der digitale Wandel erst mit Verzögerung Einzug in den Schulen hält. Ein eigenes Fach "Medienkompetenz" – oder wie es auch immer heißen soll – brauchen wir nicht. Jugendliche können die Geräte ohnehin oft besser benutzen als ihre Lehrerinnen und Lehrer. Medienkompetenz und -kritik lassen sich am besten in der Auseinandersetzung mit Fachinhalten ausbilden – und hier kann jedes Schulfach seinen Beitrag leisten.

Handro: Jeder Medienwandel wird vom Ruf nach einer neuen Didaktik begleitet. Man erinnere nur die "Audiovisionen" der 1970er Jahre. Digitale Didaktik definiere ich als medienspezifische Profilierung fachdidaktischer Theorien, Kategorien und Methoden. Insofern bieten digitale Technologien zahlreiche Potentiale, altbekannte Prinzipien wie Handlungsorientierung, Multimedialität oder Multiperspektivität in digitalen Lernumgebungen zu realisieren. Innovationsbedarf besteht bei der technischen Umsetzung und Klärungsbedarf in rechtlichen Fragen der Quellennutzung (Bild/Film). Hier betreten Didaktiker und klassische Verlage Neuland, folgen weiter traditionellen Pfaden oder stoßen an die Grenzen des Machbaren.

Herzig: Didaktik sollte von pädagogischen Kategorien aus gedacht werden. Es geht um die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen unter sich ständig ändernden Bedingungen, nicht zuletzt auch unter dem Aspekt von Digitalisierung. Eine (Medien-)Didaktik muss offen sein gegenüber solchen Entwicklungen und diese auf didaktische Grundfragen beziehen, z.B. Individualisierung, Differenzierung, Kooperation, Kompetenzerwerb, Inklusion usw.. Gleichzeitig sollte Mediendidaktik Wert auf die Entwicklung von Kompetenzen der Lehrenden legen, eigenständig und kreativ digitale Medien auszuwählen, zu gestalten und lernförderlich zu integrieren. Eine neue Terminologie ist dabei eher der Fokussierung der Aufmerksamkeit dienlich.

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Kommentare anderer Nutzer

Dorothee Kohl-Dietrich | 19.04.2017 um 16:34 [Antworten]

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