Schülerinnen einer Berliner Grundschule in ihrem Klassenraum

30.5.2008 | Von:
Meike Sophia Baader

Erziehung und 68

Motive für die Veränderung von Erziehungsverhältnissen



Die Kinder der 68er wurden Teil der Revolte. Fragen der Erziehung und
Debatten um Autorität wurden besonders in Deutschland geführt.
Bild: Günter ZintDie Kinder der 68er wurden Teil der Revolte. Fragen der Erziehung und Debatten um Autorität wurden besonders in Deutschland geführt. (© Günter Zint)
Der Umstand, dass Fragen der Erziehung in den Fokus der Protestbewegung gerieten, hängt unmittelbar mit dem Nachdenken über die Gründe für den Nationalsozialismus und mit den Debatten um Autorität und Antiautorität zusammen. Antiautorität war in keinem anderen Land ein Schlagwort der 68er Bewegung. In Deutschland hingegen war es zentral und geht unter anderem auf die Rezeption der Kritischen Theorie und deren "Studien zum autoritären Charakter" (engl. 1950) zurück. Diese hatte das Frankfurter Institut für Sozialforschung unter der Leitung von Theodor W. Adorno in der Emigration durchgeführt. Die Untersuchung sollte mit Mitteln der empirischen Sozialforschung und der Sozialpsychologie erklären, warum Individuen faschistische Systeme unterstützen, und wie dies mit ihren individuellen psychischen Dispositionen zusammenhängt (Adorno 1973, S. 1). Der Erziehung kam in den Analysen eine nicht unerhebliche Bedeutung zu. Adorno selbst unterstrich in seinen Rundfunkbeiträgen zur "Erziehung nach Auschwitz" aus dem Jahre 1966 vor allem die Bedeutung der Erziehung in der frühen Kindheit (Adorno 1971, S. 90f.). Die Rezeption der Schriften zu "Autorität und Familie" von Erich Fromm aus dem Jahre 1936 und der "Studien zum autoritären Charakter" führte bei den Protagonisten von 1968, etwa bei Rudi Dutschke, zu folgender Programmatik: der Faschismus wurzelt in der autoritären Persönlichkeit und diese geht auf die Erziehung zurück (Dutschke 1968, S. 68). Ergo muss die Erziehung verändert werden. Dutschke hatte das Begriffspaar "Autorität/Antiautorität" in die deutsche Debatte eingebracht (Gilcher-Holtey 1998, S. 174, S. 181). Am Anfang der pädagogischen Aufbrüche von 68 stand also die gemeinsame Frage: Wie lassen sich Erziehungsverhältnisse so gestalten, dass nachfolgende Generationen nicht mehr anfällig für ein System wie den Nationalsozialismus sind, sondern das Potential zum Widerstand haben? Erziehung zur Kritikfähigkeit lautete die Losung. Die nächste Generation anders aufwachsen zu lassen, als man selbst und die eigenen Eltern erzogen worden waren, stand am Beginn der pädagogischen Initiativen von 68. Diese richtete sich auf verschiedene Bereiche des Bildungssystems: auf den vorschulischen Bereich, die Jugendarbeit - hier ist insbesondere die so genannte Heimerziehungsbewegung zu nennen, die sich mit den Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in Heimen befasst -, auf die Schule und schließlich die Universität. Neben der Kinderladenbewegung und der Heimerziehungsbewegung gab es auch eine Schülerbewegung, die sich für schulische Mitbestimmungsrechte einsetzte und eine eigene Presse in Form von Schülerzeitungen hervorbrachte (Gass-Bolm 2006).

Die Kinderladenbewegung



Die größte mediale Aufmerksamkeit hat die Kinderladenbewegung erlangt, anhand derer sich die Ziele der "antiautoritären Erziehungsbewegung" gut diskutieren lassen. Dabei wird deutlich, dass es neben jenem theoretischen Zusammenhang, der sich auf die Frankfurter Schule bezieht, einen höchst praktisch motivierten Aspekt gab, nämlich die Frage, wie die eigenen Kinder zu erziehen seien. Dieses Problem stellte sich auch anlässlich eines schlecht ausgebauten Systems öffentlicher Kleinkindbetreuung. Als eigentliche Begründerinnen der Kinderläden dürfen zwei Frauen gelten: Die bereits erwähnte Monika Seifert in Frankfurt und Helke Sander in Berlin. Beide hatten zuvor im Ausland gelebt, Seifert mit ihrer Tochter in England, Sander in Finnland, und beide hatten dort andere Formen der öffentlichen Kleinkinderbetreuung kennen gelernt. Vor diesem Hintergrund kamen sie - unabhängig voneinander - auf die Idee, eigene Einrichtungen der Kinderbetreuung zu organisieren. Sander war Mitglied im Berliner SDS und gründete, eng mit der Etablierung von Kinderläden verbunden, im Januar 68 den "Aktionsrat zur Befreiung der Frauen". Die Gründung der ersten Kinderläden in Berlin hing eng mit der Frauenbewegung und mit der Kritik am traditionellen Rollenmodell zusammen. Nach diesem waren Mütter alleine und im häuslichen, privaten Rahmen für die Kindererziehung zuständig. Hinzu kam die Skepsis gegenüber den existierenden Kindergärten. Sie habe sich nicht vorstellen können, ihr Kind in einen normalen Kindergarten zu geben, bemerkte Seifert. Fasst man die Kritik am Mainstream der vorherrschenden Erziehungsprinzipien zusammen, so ergibt sich folgender Katalog:

Kritik an der Überbelegung der Kindergärten, Kritik an der rigiden Tageseinteilung, insbesondere daran, dass die Kinder gezwungen wurden, zu bestimmten Zeiten zu schlafen und zu essen (Kommune 2 1969, S. 171f.). Sander bemerkte, dass Kinder in den traditionellen Kindergärten auch schon mal an Tischen festgebunden wurden (Berndt 1998, S. 239). Seifert unterstreicht, dass es in der Kindererziehung zunächst um die Veränderung sehr einfacher Dinge gehe: "Sie müssen ein Kind nicht alle vier Stunden wach machen und dann in der Nacht durch schreien lassen" (Seifert 1993, S. 75). Die Kritik richtete sich gegen Erziehungsprinzipien, die mit Gehorsam, Triebunterdrückung, Gefühlskälte, Härte und Bindungslosigkeit assoziiert wurden. Dass Kinder beim Mittagsschlaf im Kindergarten in neben einander aufgereihten militärischen Feldbetten auf Befehl die Augen schließen sollten oder auf Befehl Perlen aufziehen mussten, wenn die Erzieherin es anweist und dann getadelt wurden, wenn sie noch nicht so viele Perlen aufgezogen hatten, wie die anderen Kinder. Solche frühpädagogischen Maßnahmen wurden durch die Verteter der Kinderladen-Bewegung kritisiert. Intendiert war auch ein anderer Umgang mit Emotionen, so wurde insbesondere das Ausleben kindlicher Aggressionen untereinander erlaubt, ohne dass die Erwachsenen sofort eingriffen. In einem im Dezember 1969 ausgestrahlten Fernsehfilm von Gerhard Bott mit dem Titel "Erziehung zum Ungehorsam" wurde die Erziehung in den Kinderläden einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Der Film löste eine heftige Diskussion aus. Er kontrastierte die traditionelle Erziehung in den Kindergärten mit der neuen "zwangsfreien" in den Kinderläden. Ein besonderer Akzent lag dabei auf der Sexualerziehung. Während die Kindergärtnerin im Film die Kinder beim Mittagsschlaf streng ermahnt, ihre Hände über der Decke zu halten, dürfen die Kinder in den Kinderläden nackt herumlaufen und sich auch gegenseitig – im Rahmen von Sexualaufklärung – an ihren Geschlechtsteilen berühren.


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