Schülerinnen einer Berliner Grundschule in ihrem Klassenraum

30.5.2008 | Von:
Meike Sophia Baader

Erziehung und 68

Ziele und Orientierungen



Wesentliches Ziel der Erziehung in den Kinderläden war die Erziehung zur Kritikfähigkeit, zur Selbstbestimmung, zur Ich-Stärke und zur Selbstregulierung. Kinder sollten also dazu befähigt werden, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen Ausdruck zu verleihen. Sander spricht von einer Erziehung "gegen Konkurrenzkampf und Leistungsprinzip" (Sander 1968). Man orientierte sich unter anderem an Erziehungstheorien aus der sozialistischen Tradition der Vorkriegszeit sowie an der Psychoanalyse. Insbesondere die Verknüpfung von Psychoanalyse und Marxismus, wie sie sich in den Schriften des Sexualwissenschaftlers Wilhelm Reichs fand, wurde rezipiert, weshalb der Sexualerziehung auch eine besondere Rolle beigemessen wurde (Sager 2008). Zu den großen Leistungen der antiautoritären Erziehungsbewegung für die Bildungsgeschichte gehört die Wiederentdeckung und Neuauflage pädagogischer Texte aus der Vorkriegszeit, etwa der Schriften des psychoanalytischen Pädagogen Siegfried Bernfeld, dessen Veröffentlichung "Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung" aus dem Jahre 1925 vor einigen Jahren von Erziehungswissenschaftlern zum wichtigsten pädagogischen Buch des 20. Jahrhunderts gekürt wurde (Horn/Ritzi 2000). Sowohl die Schriften von Reich als auch die von Bernfeld und die anderer psychoanalytisch wie sozialistisch orientierter Pädagogen waren während des Nationalsozialismus verboten und wurden erst Ende der 60er Jahre wieder entdeckt und dann neu aufgelegt, um einer breiteren Leserschaft wieder zugänglich gemacht zu werden. Bezug genommen wurde auch auf die reformpädagogische Tradition von A. Neill und seine 1924 in England gegründete Schule "Summerhill", die sich etwa dadurch auszeichnete, dass der Unterrichtsbesuch freiwillig war. Sein 1969 in Deutschland unter dem Titel "Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill" erschienenes Buch erzielte Rekordauflagen. Von den Akteuren der antiautoritären Erziehungsbewegung wurde das Buch intensiv und durchaus kontrovers diskutiert. Erziehung zur Glücksfähigkeit ist für Neill das wichtigste Ziel. Insgesamt wird die Kinderladenbewegung in verschiedene Phasen eingeteilt, eine frühe der Abgrenzung, eine sozialistisch-proletarische seit Beginn der 70er Jahre, ab etwa Mitte der 70er Jahre ist dann von ihrem Ende die Rede (Jansa 2000; von Werder 1977).

Fazit



Betrachtet man die Kinderladenbewegung aus heutiger Sicht, dann gibt es irritierende Momente und solche, die sich historisch durchgesetzt haben. Zu den irritierenden gehört beispielsweise die große Bedeutung, die - in manchen Konzepten - der Sexualerziehung beigemessen wurde. Sexualität wurde zum wichtigsten Indikator für eine freie Persönlichkeit stilisiert und damit zum "Ort der Wahrheit" erklärt. Distanz erzeugen auch solche Ansätze, die mit Wilhelm Reich dafür plädierten, die Bindungen zwischen Kindern und Eltern möglichst früh durch solche zum Kinderkollektiv zu ersetzen, um so Persönlichkeiten zu erziehen, die weniger Hass auf ihre Eltern empfinden und damit insgesamt weniger aggressiv seien. Im Rahmen der so genannten "proletarischen Erziehung" wurde Kindheit teilweise politisch funktionalisiert, indem Kinder möglichst früh zu antikapitalistischen Kämpfern erzogen werden sollten. Eltern bürgerlicher Herkunft unterschrieben in den Kinderläden, dass ihre Kinder später Friseurin oder Elektromeisterin werden würden. Dies galt jedoch bei weitem nicht für alle Konzepte. Im Gegenteil, die sich eher als unpolitisch verstehenden Eltern-Kind-Initiativen, wie die Kinderläden dann später hießen, dürften in der Mehrzahl gewesen sein. Unter dem Aspekt der Modernisierung von Erziehungsverhältnissen haben die Kinderläden zu einer Pluralisierung der Trägerlandschaft geführt. Sie haben auch zur Enthierarchisierung des Verhältnisses von Kindern und Erwachsenen beigetragen, wie sie heutige Erziehungsstile auszeichnet. Die Gefahr, die damit verbunden war, ist die Auflösung jeglicher Differenz von Kindern und Erwachsenen. Teilweise ging es in den Kinderläden dann auch mehr um die Erwachsenen, die ihre eigene Erziehungsvergangenheit bearbeitet haben, als um die Kinder.

Die Balance zwischen Freiheit und Zwang, die der Philosoph Immanuel Kant als Kern des Erziehungsgeschäftes ausgemacht hat, bestimmt das Nachdenken über Erziehung seit der Aufklärung. Die Erziehung von 1968 hat den Akzent auf die kindliche Freiheit gelegt und den von Erwachsenen ausgehende Zwang kritisch reflektiert. Insbesondere aber hat die antiautoritäre Erziehungsbewegung ein öffentliches Nachdenken über Erziehung befördert. Seine besondere Dynamik verdankte es dabei dem Zusammenspiel von Protestbewegung und Bildungsreformen der 60er und 70er Jahre.

Für die Behauptung eines grundsätzlichen Werteverfalls bei heutigen Jugendlichen gibt es keinerlei empirische Belege (Shell-Jugendstudie 2006). Jugendliche heute betonen traditionelle Werte wie Freundschaften und Familie, die in ihrer Werteskala ganz oben rangieren. Damit erledigt sich auch die Frage, ob 1968 für einen Wertverfall in der Erziehung verantwortlich ist. Allerdings haben wir es seit Beginn der 70er Jahre mit einem so genannten Werte- und Mentalitätswandel zu tun. So stimmten 1967 noch 81% aller unter 30jährigen einer Orientierung von Erziehung an Sekundärtugenden wie Sauberkeit, Sparsamkeit etc. zu, 1972 waren es nur noch 52% (Noelle-Neumann 2001). Heute gilt Erziehung zur Selbständigkeit als zentrales Erziehungsziel. Unterordnung und Gehorsam sind keine Tugenden mehr, die Menschen gut auf die Lebensführung in pluralen, modernen und globalisierten Gesellschaften vorbereitet. Bei den Diskussionen über 1968 und die Erziehung geraten die Ausgangsbedingungen häufig aus dem Blick. So hatten beispielsweise Lehrer und Lehrerinnen in der Bundesrepublik bis 1973 das Recht auf körperliche Züchtigung ihrer Schüler und Schülerinnen. Die Idee, dass Kinder, weil sie Kinder sind, "untergeordnet", wie Bernhard Bueb es wieder einfordert und - entsprechend - Erwachsene "übergeordnet" sind, diese Idee hat 1968 aus der Erziehung verbannt und anstelle eines Unter- und Überordnungsverhältnisses ein Beziehungsverhältnis gesetzt, das vom Erwachsenen auch eine kritische Selbstreflexion einfordert.


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