Screenshot Pac-Man von 1983.

6.12.2005 | Von:

Leben mit der Hydra

Die Medienwelten von Kindern und Jugendlichen

Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen

In der etablierten Kommunikations- und Medienforschung, nicht zuletzt in ihrer angewandten, kommerziellen Variante, werden unter Medienwelten nur die signifikanten Bereiche der Mediennutzung und der Medienwirkungen verstanden. Für die Mediennutzung liegen unzähligen Daten vor, zumal sie als Indikatoren für Märkte, Konsumpräferenzen und innovative Trends und als Markierungen für Werbekampagnen von Belang sind; allerdings sind sie mehr oder weniger valide, dicht, kontinuierlich und der akademischen Öffentlichkeit zugänglich. Viele Studien und Daten der kommerziellen Auftragsforschung bleiben unveröffentlicht oder werden nur in Ausschnitten – meist ohne Angabe ihres methodischen Zustandekommens – bekannt gemacht. Doch da ihre Erhebung aufwändig und teuer ist, können sie von der unabhängigen Forschung höchstens in Teilbereichen überprüft und ergänzt werden. Ansonsten bleibt man auf ihre wenn auch kritische Beachtung angewiesen.

Trends der Mediennutzung von Kindern

Im letzten Jahrzehnt, bis 1999/2000, bekamen immer mehr Kinder von sechs bis 13 Jahren Zugang zu Geräten der Unterhaltungselektronik, also zu Fernsehapparaten, Videorecordern, CD-Playern und PCs, und zwar nicht nur deshalb, weil diese Geräte in den Familien vorhanden waren, sondern weil immer mehr Kinder, zumal die älteren, solche Geräte im eigenen Kinderzimmer haben: Im Jahr 2000 hatten 34 Prozent bereits einen eigenen Fernsehapparat (in den neuen Bundesländern sogar 51 Prozent), 26 Prozent eine Spielkonsole bzw. ein Videospielgerät (im Osten 33 Prozent), 14 Prozent einen PC (im Osten 18 Prozent) und acht Prozent einen Videorecorder (im Osten 16 Prozent) (Feierabend/Klingler 2001, 349). Die höheren Quoten in den neuen Bundesländern deuten darauf hin, dass der dort empfundene Nachholbedarf offenbar nicht zuletzt den Kinder zugute kommt.

Trotz dieser verbreiteten Ausstattung mit elektronischen Gerätschaften treffen sich Kinder noch immer am liebsten und häufigsten mit Gleichaltrigen und Freunden. Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass auch bei solchen gemeinsamen Treffen Medien eine nicht unerhebliche Rolle spielen können: Vielfach sind sie nicht nur Anlass, sondern auch Inhalt des Treffens, sei es als gemeinsames Spiel am PC oder via Internet, als gemeinsames Anschauen eines Films im Fernsehen bzw. auf Video oder als Hören der Musikfavoriten. Außerdem nutzen ältere Kinder und Jugendliche Medien auch in außerhäuslichen Situationen, in Kaufhäusern, Jugendhäusern, Internet-Cafés, Schulen, Bibliotheken etc (Ebd., 347).

testPräferierte Freizeitbeschäftigungen (PDF)
Von allen Medien nutzen Kinder bis 2001 das Fernsehen am häufigsten, gut 1,5 Stunden sitzen die Drei- bis 13jährigen im Durchschnitt vor dem Bildschirm, im Osten fast zwei Stunden, im Westen knapp 1,5 Stunden. Täglich werden gut 60 Prozent aller Drei- bis 13jährigen oder 5,36 Millionen Kinder vom Fernsehen erreicht, im Osten drei Prozent mehr als im Westen. Diese tatsächlich sehenden Kinder bringen es auf eine erheblich höhere so genannte Verweildauer, nämlich auf gut zweieinhalb Stunden pro Tag. Kinder, die einen Fernsehapparat in ihrem Zimmer haben, sehen sogar knapp drei Stunden pro Tag fern. Damit deuten sich schon in diesen pauschalen Daten einige soziale Problemlagen an, die nur durch qualitative Detailstudien herausgearbeitet werden können. Immer noch behauptet das Fernsehen die höchste emotionale Bindung: Für drei Viertel der Kinder ist es das wichtigste Medium, nur für zwölf ist es der Computer, der damit an zweiter Stelle rangiert (Feierabend/Klingler 2001, 349; 2002).

Insgesamt haben seit 1996 die Sehzeiten der Kinder nicht merklich zugenommen, sondern sind im wesentlichen, mit kleinen Schwankungen, konstant geblieben. Die Expansion des Programmangebots scheint also für diese Zielgruppe an eine gewisse Grenze zu stoßen; nur die Jüngsten, die Drei- bis Fünfjährigen, haben ihren durchschnittlichen Fernsehkonsum im letzten Jahrzehnt um etwa zehn Minuten auf gut 1,5 Stunden gesteigert. Hier zeigt sich zum einen der Teletubbies-Effekt, zum anderen wohl auch, dass die morgendlichen Programmteppiche an den Wochenenden, die inzwischen fast alle Sender, nämlich bis zu acht, den Kindern anbieten, zum unkontrollierten Zuschauen verleiten (Feierabend/Simon 2001, 178f; 2002).

Verschoben haben sich die Sehzeiten der Kinder auch an den Wochentagen. Zwar sehen Kinder werktags immer noch mehrheitlich zwischen 18.30 und 20 Uhr fern, wobei das Fernsehen freitags durchaus bis fast 22 Uhr andauern kann. Mehrheitlich sehen Kinder mithin nach wie vor dann fern, wenn Programme für Erwachsene angeboten werden. Aber auch tagsüber, schon kurz nach sechs Uhr, finden sich gut fünf Prozent der Kinder vor dem Bildschirm ein, nachmittags sind es durchweg rund zehn Prozent. Auch wenn sich hinter diesen Zahlen nicht immer dieselben Kinder verbergen, muss man doch davon ausgehen, dass Fernsehen für etliche Kinder ein Begleitmedium während des ganzen Tags geworden ist, natürlich im Winter mehr als im Sommer.

Je älter die Kinder werden, umso mehr schauen sie fern. Waren bislang Jungen die Spitzenreiter, scheinen nun die Mädchen nachzuziehen: Jungen wenden sich inzwischen zunehmend dem Computer zu: 16 Prozent der Drei- bis 13jährigen Kinder bezeichneten im Jahr 2000 den Computer bereits als liebste Freizeitbeschäftigung, elf Prozent mehr als noch 1999, und dabei sind die Jungen – besonders unter den jüngeren Kindern – in der Mehrheit, wenngleich die Mädchen mit jedem Jahr aufholen (Feierabend/Klingler 2001, 347).

Bei allen Medien suchen Kinder primär Spaß, Spannung, Abenteuer, auch Nonsense. Das bieten ihnen vor allem die Zeichentrickfilme und Soaps der privatkommerziellen Fernsehkanäle. Deren Highlights und Stars werden längst zugleich im Medienverbund mit Comics, Kinofilmen, Videos/DVDs und Computerspielen vermarktet, sodass die Komplementarität der Nutzungsoptionen wächst und der Trend zum letztlich Immergleichen forciert wird. Zwar gibt es auf dem hiesigen Medienmarkt noch eine beachtliche Konkurrenz zwischen den Medien, etwa zwischen Qualitäts- und Trivialmedien, zwischen anspruchsvollen und konformen Inhalten, doch beherrscht wird der Main Stream inzwischen von den gewaltig gepuschten, weltweit und pro Saison vermarkten Erfolgsrennern global agierender Konzerne in allen Medien, und es bedarf schon einiger kognitiver Anstrengungen und Widerstandsfähigkeit, die anderen Angebote zu finden und sie auszuwählen. Breit angelegte Angebote wie der Kinderkanal von ARD und ZDF sehen sich daher ständig genötigt, opportunistische Kompromisse einzugehen, nämlich ambitionierte Angebote mit seichter Massenware zu kombinieren. Hochgerechnet und auf abstrakte Kategorien gebracht, sehen Kinder jährlich 264 Stunden Fiction, davon 120 Stunden Animation, 50 Stunden andere Unterhaltung, 48 Stunden Action und 39 Stunden Komödie. Hinzu kommen noch 54 Stunden Werbung und 12 Stunden Sport; Information sehen Kinder etwa 56 Stunden im Jahr (Feierabend/Simon 2001, 187). Als Vorschule und als Bildungsfaktor hat das Fernsehen auch für Kinder offensichtlich weit gehend ausgedient.

Zwar hält der Medienmarkt für jedes Alterssegment der Kinder spezielle Offerten, Arrangements und Stile bereit, aber je älter die Kinder werden, umso ähnlicher wird ihr Nutzungsverhalten dem der Erwachsenen, zumindest was die familienbezogenen Medien angeht: Kindersendungen im Fernsehen, Kindertonkassetten und Kinderfilme sind nicht mehr angesagt, vielmehr werden nun die Medien genutzt und die Sendungen gesehen, die die Familie insgesamt goutiert – daneben aber werden jeweils jugendspezifische Vorlieben gepflegt: Sie machen sich noch immer vorrangig an den Musikstilen und an den verehrten Musikgruppen fest, wobei diese Attitüden bei immer jüngeren Kindern anzutreffen sind. Außerdem sind Handys, Computer/Internet, Video und bald auch Kino typische Jugendmedien. Ihre Freizeit verbringen ältere Kinder und Jugendliche stärker außerhalb der Familie, zusammen mit Gleichaltrigen, dementsprechend verliert das Indoor-Medium Fernsehen an Attraktivität: 14- bis 19jährige schauen durchschnittlich weniger fern als Zehn- bis 13jährige, nur noch knapp zwei Stunden, wobei die im Osten gut 20 Minuten länger sehen als die im Westen (Gerhards/Klingler 2001, 66).

Trends der Mediennutzung von Jugendlichen

Wie über Kindermedien so existieren auch über jugendspezifische Medien und Verhaltensweisen von Jugendlichen viele Studien und Interpretationen (vgl. etwa Baacke u.a. 1990; Themenheft von medien + erziehung 2000, darin Gleich 2000; Barthelmes/Sander 1997; 2001; Vollbrecht 2002). Viele erledigen sich mit der Zeit schon deshalb, weil sie als übliche empirische Momentaufnahmen von den Zeitläuften und technischen Entwicklungen überholt werden (z.B. Bonfadelli u.a. 1986). Natürlich spielen in sie auch sämtliche Vorstellungen von Jugend und Jugendlichen hinein: Jugend gilt als die biografische Phase, in der das Individuum seine soziale Position sucht und seine berufliche Qualifikation erfährt, während derer es aber auch zunehmend freier wird von elterlicher Aufsicht und elterlichen Vorgaben. Es entwickelt sich in engem Kontakt mit Gleichaltrigen und erprobt dabei viele Situationen und Grenzen und testet so manch eine Rolle und Personalitätsvariante aus.

Da sich diese Erprobungen heute vornehmlich über Konsum und Medien vollziehen, fallen diesen expandierende Aufgaben zu. Dem Drang, sich aus familiärer Privatheit zu lösen und sich in der Welt zu positionieren, auch zu präsentieren, kommen die Medien als probate Vermittler unmittelbar entgegen – weshalb Jugendforscher (Baacke u.a. 1990) Jugend als typische "Medienzeit" apostrophieren. Andere halten solche Etikettierung für zu eng und eindeutig (Barthelmes/ Sander 1997; 2001). Um ihre Sicht der Welt zu präsentieren, ihre Visionen von Leben und Gesellschaft zu kommunizieren, auch Protest und Abgrenzung zu äußern, kreieren Jugendliche selbst immer wieder weit gehend authentische, eigene Medien bzw. medienunterstützte Ausdrucksweisen. An und mit den Medien formen sich Gruppen von Gleichgesinnten, Fans und Kommunikationspartnern. Das lässt sich durch die Geschichte der Jugendbewegung, spätestens seit den "Wandervögeln", der ersten, sich öffentlich präsentierenden Jugendbewegung, immer wieder verfolgen (Baacke 1999; Farin 2001) – bis hin zu jüngsten Gesellungsformen bei den so genannten LAN-Partys (Fromm 2002).

Natürlich bedient sich solch jugendliche Performance der jeweils neuesten Technik, das gehört zum jugendlichen Selbstverständnis und war schon beim Film und Radio so, behauptete sich bei den Elektrogitarren und bei Video und reproduziert sich heute mit der digitalen Musik und im Internet, in den unzähligen Chats, Newsgroups, Foren und eben bei jenen LAN-Partys. Insofern sind Jugendliche immer Pioniere von Medien gewesen, zumindest zählen sie zu den "early adopters" – und meist zwar zu den recht unkonventionellen und kreativen. Deshalb apostrophieren Jugendforscher Medien nicht nur als wichtige Faktoren der Sozialisation für Jugendliche, also als Mittler zwischen dem jugendlichen Individuum und der Gesellschaft, sondern zugleich auch als Vehikel jugendlicher Selbstsozialisation, mithin als Katalysatoren der Findung und Profilierung des Jugendlichen als zeitgemäßes Individuum im sozialen Hier und Jetzt (Kübler 1997; Fromme u.a. 1999; Lange 2000; Barthelmes/ Sander 2001; Vogelsang 2002).

Ob und wie weit dieses Konzept trägt, hängt wiederum davon ab, wie viel Eigensinn und Autonomie man Jugendlichen heute zuschreibt oder ob und wie man sie abhängig von der übermächtigen Konsum- und Medienindustrie sieht. Denn diese vereinnahmt unentwegt sämtliche Profilierungs- und Protestbestrebungen von Jugendlichen, sofern sie einen Markt haben könnten und lukrativ sind; hernach offeriert sie den Erfindern, in jedem Fall ihren Nachahmern als ihre vermeintlich ureigenen Medien und Konsumstile. Dabei scheut sie auch nicht vor ganz künstlichen Kreationen zurück, wie sie sich etwa bei den so genannten Yuppies paradigmatisch herausstellten. Werden sie nur plausibel und attraktiv genug vermittelt, generieren sie selbst einen speziellen Jugendstil. Die Konjunkturen dafür werden immer kürzer und die Segmente immer kleiner, sodass es immer weniger Sinn macht – noch weniger als bei den Kindern – von den Jugendlichen zumal in der breiten Altersspanne von 14 bis 28 Jahren zu sprechen und ihnen gemeinsame, allein alterspezifische Merkmale anzusinnen.

Dieser Vorbehalt gilt auch für einschlägige Mediendaten: Sind sie allgemein gehalten, beschreiben sie kaum mehr als grobe Trends und Proportionen, aber als konkrete Daten müssten sie entsprechend jenen Ausdifferenzierungen fast unendlich differenziert werden. Abermals bietet der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest für die letzten Jahren die umfangreichsten und aktuellsten Daten (Feierabend/Klingler 1998a; 1998b; 2000; 2002; Gerhards/Klingler 2001). Diese Daten können noch mit denen der jüngsten Shell-Jugendstudie 2000 (Deutsche Shell 2000) und mit Erhebungen des Münchner Instituts für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (Eggert 2001) sowie mit denen des Deutschen Jugendinstituts (Barthelmes 2001; Barthelmes/Sander 1997; 2001) partiell verglichen werden:
Mediennutzung JugendlicherMediennutzung Jugendlicher (PDF)
Auch wenn die 12- bis 19-Jährigen schon mehrfach als "Cybergeneration", "Multimedia-Generation", "digitale" oder "@Generation" (Kellner 1997; Netkids 2000; Tapscott 1998; Opaschowski 1999) bezeichnet wurden, auch wenn Computer und Internet in den letzten drei Jahren unter ihnen noch selbstverständlicher geworden sind und der Gebrauch zugenommen hat, nutzt auch diese Altersgruppe die etablierten und mithin alten Medien – Schallplatten/CDs und Radio – immer noch am häufigsten und intensivsten; und das Fernsehen ist auch gegenwärtig noch das "Leitmedium" für sie (Gerhards/Klingler 2001, 65; Feierabend/Klinger 2002, 13). Die Mediengewohnheiten der Jugendlichen sind also trotz der rasanten und dramatischen Medienentwicklung, trotz zunehmender Medienausstattung und wachsendem Medienbesitz den Mediengewohnheiten früherer Generationen erstaunlich ähnlich, mithin recht stabil, resümieren die Forscher besagten Forschungsverbunds. Dabei darf nicht außer Acht bleiben, dass solch globale Daten natürlich Besonderheiten nivellieren.

In ihrer Freizeit sind Jugendlichen nicht-mediale Tätigkeiten nach wie vor wichtiger als Medien (vgl. auch Barthelmes/Sander 2001): mit Freunden und anderen Leuten zusammen sein bzw. sich mit ihnen treffen, Sport zu treiben, nichts zu tun und sich auszuruhen sowie Einkaufsbummel machen – diese Beschäftigungen rangieren laut der Shell-Studie (2000, 206) und der JIM-Studie 2001 (Feierabend/Klingler 2002, 10f.) noch vor allen medialen Tätigkeiten. Viele von ihnen haben sicherlich mediale Begleitungen, aber als Arrangement und Hintergrund bleiben die Medien sekundär – abermals Indizien dafür, dass Medien kaum mehr isoliert und als zentrale Faktoren apostrophiert werden können.

Für die dezidiert sozialen und kommunikativen Orientierungen von Jugendlichen ist ein Medium mittlerweile zentral geworden, das bis vor wenigen Jahren noch unspektakuläres, kaum auffälliges Medium der Familie und der personalen Kommunikation war, aber mit seiner Mobilisierung im doppelten Sinn nunmehr zum typischen Symbol heutiger Jugend avanciert ist (auch wenn es im Geschäftssektor immer noch extensiver frequentiert wird): das mobile Telefon, vulgo Handy. In wenigen Jahren sind sein Besitz und seine Nutzung förmlich explodiert: Weihnachten 2000 schäumte das Handy-Geschäft über, sodass – wie der SPIEGEL (Kneip/Martin 2000, 164) meldete – das Handy inzwischen "fester Bestandteil der Teenagerkultur" geworden ist – mit all den schon anderswo bekannten Konsumfolgen: nämlich mit der allfälligen Diversifikation des Produkts für diverse Zielgruppen wie etwa "plüschige Handytaschen in Teddybärform für Mädchen, auswechselbare Oberschalen für coole Jungs, außerdem kleine, speicherbare Bildschirmlogos und putzige Liegestühlchen als Handyablage für den Schreibtisch". "Arme-Leute-Handys" erkenne man am kleinen Display, "Türkenhandy" an der silbernen Oberschale.

Doch auch wohl unausweichliche negative Konsequenzen sind nicht zu übersehen: etwa die wachsende Verschuldung Jugendlicher durch horrende Telefonkosten und der steigende Handyklau (Hamann 2001). Und Wissenschaftler debattieren darüber, ob das Handy Fluch oder Segen für Jugendliche sei – eine englische Studie will herausgefunden haben, dass Jugendliche weniger rauchen (Kneip/Martin 2000, 165), weil das Taschengeld fürs Handy draufgeht: Während einige – wie schon früher bei anderen Medien – die Verkümmerung der Sprache durch vorgestanzte SMS-Sprüche beklagen, entdecken andere in den pfiffigen Mixturen jugendlicher Sprüche und skurriler Logos bereits wieder neue Kommunikationsformen, abermals kreative Momente von Jugendkultur (Vollbrecht 2002, 54ff).

1999 hatten laut JIM-Studien nur vierzehn Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen ein eigenes Handy, im Jahr 2000 schon 49, und im Jahr 2001 waren es bereits 74 Prozent, das ist eine höhere Besitzerquote als bei Fernsehgeräten (64 Prozent) oder Computern (50 Prozent); dabei übertreffen Mädchen und junge Frauen mit 80 Prozent übrigens die Jungen (69 Prozent). Auch frühere soziale Unterschiede – anfänglich galt das Handy als "Männlichkeitsmarker" besonders bei männlichen Jugendlichen der Unterschicht – haben sich weit gehend nivelliert; das eigene Handy gehört heute offensichtlich zur Grundausstattung jedes Jugendlichen (Feierabend/Klingler 2002, 12f).

Ständige Erreichbarkeit und pausenloser Kontakt – wenn auch mit minimalstem sprachlichen Aufwand – avanciert zum kuranten Markenzeichen: Mehr als 15 Milliarden SMS' sollen laut SPIEGEL im Jahr 2000 verschickt worden sein, dreimal so viel wie in 1999, zu einem durchschnittlichen Preis von 39 Pfennigen und mit unaufhaltsam steigender Tendenz (Kneipp/Martin 2000, 167). Die Jugendlichen selbst fiebern längst neuen Optionen der bald handlichen Taschencomputer entgegen, die ihnen die Verbindung mit dem Internet, bessere Displays und höhere Tonqualitäten – via UMTS oder anderer Techniken – bescheren sollen. Aber auch Skeptiker lassen sich vernehmen, wie eine junge Leserin in der Bielefelder Neuen Westfälischen (29. Mai 2001), die in schön konservativer Manier befürchtet, dass "wir mehr und mehr vom Handy abhängig gemacht [werden] und [...] dabei die Kommunikation auf der Strecke [lassen], jedoch ohne es zu bemerken." Statt standardisierter SMS-Sprüche wünscht sie sich lieber wieder persönliche Liebesbriefe.

Mit der Erweiterung des Handys zum mobilen kleinen Internet-Terminal zeichnen sich jene basalen technischen Fusionen der digitalen Medien ab, die es künftig noch schwerer, wenn nicht unmöglich machen, Nutzung und erst recht Wirkungen eines Mediums hinreichend zu unterscheiden. Einen eigenen PC hatten 2001 laut JIM-Studie 58 Prozent der Jungen, aber nur 40 Prozent der Mädchen (Feierabend/Klingler 2002, 13). Gegenüber dem Vorjahr ist dies nur noch eine Steigerung von drei Prozent und könnte bereits eine gewisse Sättigungsgrenze markieren. Auch scheinen die Computer der Mädchen weniger opulent ausgestattet zu sein als die der Jungen und auch nicht entsprechend den neuesten technischen Optionen – oder die Mädchen und jungen Frauen kennen sich bei den Finessen der Hardware nicht so gut aus wie Jungen (Ebd., 19). Jeder vierte Jugendliche hatte 2001 einen Internetzugang, Jungen zu 33 Prozent, Mädchen nur zu 16 Prozent. Ebenfalls überwiegend im Besitz männlicher Jugendlicher befanden sich Spielkonsolen für den Fernseher (46 Prozent; Mädchen 18 Prozent). Gewisse geschlechtsspezifische Akzente machen sich also (noch) bemerkbar, und zwar sowohl in der Affinität zu den technischen Geräten wie auch in der Nutzung ihrer Optionen.

Gut 80 Prozent der Jugendlichen haben Erfahrungen mit dem Computer, 64 Prozent nutzen ihn intensiv, d.h. täglich oder mehrmals in der Woche. Geschlechts- und bildungsspezifische Differenzen etwa zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten lassen sich zwar noch erkennen, aber ebnen sich allmählich ein. Eher sind sie bei den konkreten Tätigkeiten sichtbar: Während Jungen, zumal diejenigen jüngeren Alters und niedriger Bildung, vorzugsweise spielen – doppelt so häufig wie Mädchen – nutzen diese ihn häufiger für die Erledigung schulischer Aufgaben oder zum Schreiben von Texten. Beide Geschlechter surfen außerdem bevorzugt im Internet und nutzen Online-Dienste (z. B. zum Versenden oder Empfangen von E-Mails), je höher die formale Bildung, umso häufiger. Jungen hören mit dem Computer außerdem eher Musik als Mädchen.

Deutlich wird an diesen Nutzungsschwerpunkten, dass der Computer mit Internetzugang und Multimedialität zunehmend 'medialer' wird und konventionelle Computertätigkeiten in den Hintergrund treten: 63 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen lassen sich mindestens zu den seltenen Internet-Nutzern ("nutze zumindest selten das Internet") zählen, Jungen etwas stärker als Mädchen, Gymnasiasten mehr als Hauptschüler. Durchschnittlich 71 Minuten pro Tag sind die Jugendlichen im Netz, mehr als zwei Stunden werktäglich ist es jeder fünfte männliche, aber nur jede siebte weibliche Jugendliche. Wie zu erwarten, steht der Versand und der Empfang elektronischer Post mit 54 Prozent an der Spitze der Internet-Nutzungen, gefolgt vom Chatten und vom Suchen nach bestimmten Informationen (jeweils 38 Prozent). Es sind aber eher Jungen, die Musik- und Sounddaten hören, bestimmte Nachrichten oder aktuelle Informationen abrufen oder sich Musikdateien herunterladen. Mädchen halten sich hingegen beim Datentransfer zurück, ihre Domäne ist vornehmlich das Chatten.

Suchen Jugendliche bestimmte Informationen, nutzen sie vorzugsweise Suchmaschinen (62 Prozent) oder halten sich an die Tipps von Freunden (60 Prozent): Aber auch die Internetauftritte der klassischen Medien sind beliebte Einstiegspunkte für das Surfen: 69 Prozent der jugendlichen Internetnutzer haben schon einmal Seiten einer Fernsehsendung oder eines Fernsehsenders besucht. Damit verfügt das Fernsehen wie schon in den Jahren zuvor (Feierabend/Klingler 1998a; 152; Shell 2000, 202) über das "das größte Potenzial für Internetbesuche durch Jugendliche" (Feierabend/Klinger 2002, 17).

Deshalb noch ein Blick auf die etablierten Medien: Fernsehen, CDs oder Musikkassetten sowie Radio hören je 93, 91 und 82 Prozent der Jugendlichen in dieser Reihenfolge 2001 täglich oder mehrmals pro Woche. Sie sind daher die am meisten frequentierten Medientätigkeiten und haben sich seit 1999 kaum verändert (siehe Tabelle). Allein die Lektüre von Zeitungen hat ab-, die der Bücher hingegen zugenommen, wobei dazu im Jahr 2001 ein gewisser, aber wohl einmaliger Harry-Potter-Effekt beigetragen haben dürfte. Konstant bleibt die Nutzung von Videos, Comics und Hörspielkassetten, der Kinobesuch steigt. Mädchen haben eine höhere Affinität zu den auditiven Medien als Jungen, die bei der Computernutzung immer noch ein wenig dominieren. Jungen ziehen auch Comics und Videos vor, während Mädchen dem Buch einen höheren Stellenwert einräumen, selbst wenn aktuell am Markt eine wachsende Neigung von Mädchen für japanische Mangas registriert wird (Böckem/Dallach 2002; Vollbrecht 2002, 37ff). Mit höherem Alter verstärkt sich die Nutzung des Radios und besonders die der Zeitung, Hörspielkassetten, Comics und Videos verlieren an Beachtung. Bildungsunterschiede zeigen sich am markantesten im Umgang mit dem Computer, aber auch bei der Buch- und Zeitungslektüre: Jüngere Hauptschüler präferieren Videos und Hörspielkassetten, Fernsehen ist bei allen Jugendlichen das meistgenutzte Medium, das über die Nutzung hinaus auch die höchste emotionale Bindung besitzt und das bevorzugte mediale Gesprächsthema unter Jugendlichen ist (Feierabend/Klingler 2002).

Nach den GfK-Messungen werden 61 Prozent der Zwölf- bis 19jährigen im Jahr 2000 vom Fernsehen täglich erreicht und sie sehen durchschnittlich knapp zwei Stunden pro Tag fern, im Osten gut 20 Minuten länger als im Westen (Gerhards/Klingler 2001, 66). Nach den eigenen Einschätzungen von Jugendlichen in der Shell-Studie (Deutsche Shell 2000, 203) sind es werktags sogar zweieinhalb Stunden und am Wochenende sogar fast vier Stunden; Jungen sehen mehr fern als Mädchen und junge Frauen, jüngere Jugendliche mehr als ältere, und Jugendliche aus höheren Bildungsschichten weniger als solche aus niedrigeren. Die extensive Nutzung des Fernsehens ist also noch immer sozial verteilt und lässt sich auch noch als komplementär zur Computernutzung einstufen.

Auch die Programmvorlieben Jugendlicher sind nicht außergewöhnlich, sondern eher konventionell; allenfalls in der Begeisterung für aktuelle Hits und in der Vorliebe für bestimmte Macharten von Filmen bzw. Sendungen dürften sie sich vom Geschmack Älterer absetzen: Jugendliche präferieren insgesamt Spielfilme, Serien und Krimis auf den privaten Kanälen, Mädchen sodann Pop/Rock-Sendungen und Jugendsendungen vorzugsweise auf RTL, PRO 7 und Viva, Jungen danach Sportsendungen und – erstaunlicherweise – Nachrichten auf PRO 7 und RTL. Die öffentlich-rechtlichen Sender, insbesondere das ZDF, rangieren weit unten in der Gunst der Jugendlichen. Differenziert man Jugendliche nach Alter und Geschlecht, zeigen sich markante Unterschiede in den Präferenzen: Junge Mädchen sind Fans von Daily Soaps à la Gute Zeiten, Schlechte Zeiten und von so genannten Real Life Shows à la Big Brother, ältere Mädchen und junge Frauen stehen auf Show- und Quizsendungen sowie Spielfilme – wobei solche Moden auch rasch wieder verschwinden können. Jungen bevorzugen Science Fiction und Actionfilme sowie Sportsendungen mit Fußball und Formel 1 (Gerhards/Klingler 2001, 68). Mit ihren Vorlieben für die privatkommerziellen Sender sind Jugendliche natürlich dem ständigen Bombardement der Werbung ausgesetzt, sie steht daher in der Nutzung an vierter Stelle nach Fiction, Information/Infotainment, Unterhaltung, aber noch vor dem Sport (Ebd., 73).

Da die Jugendlichen mit Medien aufgewachsen sind und gemeinhin in ihren Eltern eher kritische Begleiter als – wie früher – Kontrolleure ihrer Medienvorlieben haben (Barthelmes 2001, 89), nutzen sie heute alle Medien selbstverständlich; sie sind ihre Mixtur und den Umgang mit ihren diversen Optionen gewöhnt und variieren sie entsprechend ihren biografischen Phasen, jeweiligen Orientierungen, Neigungen und Vorbildern sowie entsprechend ihren situativen Stimmungen: Die Musik ist dabei das wichtigste Vehikel und der am emotionalsten besetzte Begleiter; die anderen Medien wechseln, wobei sich – so Jürgen Barthelmes (2001) vom Deutschen Jugendinstitut in einer qualitativen Langzeitstudie (Barthelmes/Sander 1997; 2001) – mit 15, 16 Jahren eine gewisse Sättigung und Skepsis bei den Jugendlichen hinsichtlich der Medien, vor allem des Fernsehens, beobachten lässt: Oft genug beschleicht Jugendliche dann das Gefühl, irgendwie alles schon einmal gehört und gesehen zu haben. Dennoch ändern sie ihre Mediengewohnheiten nicht radikal, sondern allenfalls entsprechend den alltäglichen Obliegenheiten. So sind allgemeine Situationsbeschreibungen, wann und wozu Jugendliche die einzelnen Medien nutzen, pauschal zutreffend, aber konkret jeweils zu spezifizieren:
  • Fernsehen bevorzugen Jugendliche in der häuslichen Abendsituation, beim Zusammensein mit den Eltern, bei und zur Überwindung von Langeweile, bei Sorgen und Probleme, zur Entdeckung gesellschaftlicher Rollen und Vorbilder sowie zum Spaß und zur Unterhaltung. Das Anschauen von Nachrichten und Sportsendungen befriedigt aktuelle Neugier und dient der (virtuellen) Teilnahme am aktuellen Geschehen. Für extensive Seher wird das Fernsehen auch zu einem alltäglichen Begleitmedium.
  • CDs und Kassetten, inzwischen auch das Internet, dienen zum Hören von Musik; das geschieht oft zusammen mit Freunden und Gleichaltrigen und muss auch düstere Stimmungen vertreiben.
  • Das Radio ist als Musikmedium besonders für aktuelle Mediennews und Hitparaden interessant sowie für Hinweise auf Veranstaltungen in der Region. Jugendliche nutzen es allein, zusammen mit Freunden oder als Begleitmedium in vielen Situationen. Allenfalls Kurznachrichten nehmen sie im Radio noch mit.
  • Zeitungen dienen der aktuellen Information über bestimmte Themen und über regionale Veranstaltungen und werden sehr flüchtig gelesen. Zeitschriften unterstützen mediale Vorlieben, berichten anschaulich und emotional über Hits, Stars und Tendenzen des Musik- und Medienmarktes, dienen einem bestimmten Hobby und/oder formen eine Fangemeinde
  • Den Computer nutzen Jugendliche allein oder mit anderen, Eltern und Gleichaltrigen, vornehmlich zum Spielen, sodann für Textverarbeitung und Arbeiten für die Schule. Ist er online und mit dem Internet verbunden, nehmen einerseits die multimedialen Optionen und die Informationsrecherchen zu, die sich nicht zuletzt auf andere Medien beziehen oder diese – wie erwähnt – sukzessive integrieren, andererseits erweitern und multiplizieren sich die Kommunikationsmöglichkeiten mittels E-Mail, Chats, Newsgroups und virtuellen Spielformen, sodass Jugendliche sich neue, virtuelle Kontaktchancen erschließen (Feierabend/Klingler 1998b, 488).


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