Screenshot Pac-Man von 1983.

6.12.2005 | Von:
Jürgen Fritz

Ich chatte also bin ich

Virtuelle Spielgemeinschaften zwischen Identitätsarbeit und Internetsucht

Der Begriff "Identität"

"Er ist es!" Mit diesem Satz wird die vollkommene Übereinstimmung von zwei Wahrnehmungsbildern, die man von einem Menschen besitzt, behauptet. So identifiziert der Zeuge in einem Strafprozess den Täter aufgrund seines Eindrucks einer vollkommenen äußeren Übereinstimmung: "Er ist ein und derselbe!" Und nur durch den unbezweifelbaren Eindruck der Identität kann man einer Person eine Tat zurechnen: "Er hat es getan!".

Dem benutzten Begriff "Identität" liegt das lateinische Demonstrativpronomen "idem" zugrunde: "eben der; ein und derselbe." Mit Hilfe des Begriffs "Identität" ist es der Gesellschaft möglich, die Unterscheidung von Personen über die aktuelle Wahrnehmung hinaus vorzunehmen und diese Personen in einem Zeitkontinuum von der Vergangenheit bis in die Zukunft hinein zu verankern: "Er war es gestern, ist es heute und wird es auch morgen sein."

Um eine Verhaltenssicherheit gegenüber Personen zu gewährleisten, ist es von Vorteil, wenn diese Personen sie selbst bleiben, d. h. neben der äußeren Übereinstimmung auch mit sich selbst übereinstimmen und sich auch so darstellen können. Identität ist damit die Fähigkeit, sich als ein und derselbe zu empfinden, sich im sozialen Umfeld so darzustellen und akzeptiert zu werden. Das Gefühl von Identität zu erreichen, ist ein Entwicklungsprojekt von Personen in dieser Gesellschaft: Wenn ich mich als mit mir selbst identisch wahrnehme und so wahrgenommen werde, dann bin ich.

Dieses Entwicklungsprojekt ist eine von jeder Person zu bewältigende Aufgabe: Ich finde meine Identität nicht, sondern ich stelle sie her. Mein "Ich" als Funktion des Bewusstseins, als organisierende Zentralinstanz meiner Person steht vor der Aufgabe, die verschiedenen Identitätsanteile als mit sich zusammenhängend und sich kontinuierlich entwickelnd zu verstehen und dies der Umwelt in angemessener Weise mitzuteilen. Gelingt dies, entsteht "Ich-Identität": das Gefühl von Einheitlichkeit und Kontinuität meiner Person.

Die Entwicklung der Identität wird durch den sozialen Kontext, in dem die Menschen leben, entscheidend geprägt. Meine Identitätsentwürfe werden sowohl durch diesen Kontext angeregt als auch durch ihn bestätigt. Meinen verschiedenen Rollen, definiert als die Erwartungen an meine Person in Hinblick auf meine Funktionen und Positionen, kommt daher ein besonderes Gewicht für mein Identitätsgefühl zu. Über meine Rollen gelingt es mir, meine Identität als eine zusammenhängende und fortdauernde darzustellen und darin bestätigt zu werden, weil diese Rollen in ein System gesellschaftlicher Erwartungen eingebettet sind. Rollen eignen sich daher als wirkungsvolle Schnittstellen zwischen den Identitätsangeboten der Gesellschaft und den Identitätserwartungen von Personen.

Identität beinhaltet damit die Verarbeitung von Interaktionen mit dem sozialen Umfeld. "Verarbeitung bedeutet identitätspsychologisch mehr als das bloße 'processing', das Informationsverarbeiten im Sinne der Informationstheorie. Verarbeitung bedeutet hier vielmehr aktive, bewußte Auseinandersetzung, im Sinne des Wortstamms: Arbeit an sich selbst, genauer an den Relationen zentraler Erfahrungen zu eigenen Überzeugungen, Gefühlen und Erwartungen."[12]

Welche Interaktionen werden identitätsrelevant verarbeitet? Wie findet eine solche Verarbeitung statt und in welchen Bereichen der Persönlichkeit geschieht dies? Nur die Begegnungen und Austauschprozesse mit der Umwelt, die als subjektiv bedeutsam angesehen werden, die betroffen machen und mit denen man sich beschäftigt, können auf die Identität einwirken. Subjektive Bedeutsamkeit ist die wahrgenommene Wichtigkeit, die ein Gegenstand (Menschen, Lebewesen, Sachen, Zustände, Veränderungen, Ereignisse) für einen Menschen hat. "Subjektive Bedeutsamkeit und Betroffenheit bilden [...] einen Identitätsfilter – einen Filter für jene situativen Erfahrungen, mit denen sich eine Person besonders beschäftigt und anhand derer sie ihre ureigene, nur sie selbst kennzeichnende Identität aufbaut."[13]

Die Person muss darüber hinaus sensibel werden für bedeutsame Beziehungen zur Umwelt, sie muss eine "Selbstaufmerksamkeit" entwickeln. Aus dieser Selbstaufmerksamkeit wird die Selbstwahrnehmung: das augenblickliche Bild von mir selbst in seinem Prozesscharakter. Wird diese Wahrnehmung in Bezugssysteme eingeordnet, nimmt man eine Selbsteinschätzung vor. In der Selbstbewertung schließlich wird die Selbsteinschätzung in Hinblick auf sich selbst bewertet. Machen wir uns diese Abfolge in der Verarbeitung an einem Beispiel klar:

Ein Spieler, der in seiner Freizeit häufig in einer virtuellen Spielgemeinschaft mitwirkt und in regem Austausch mit anderen Spielern steht, räumt seinem Spielvergnügen Wichtigkeit ein. Er wird sensibel in Hinblick auf sein Verhalten und entwickelt dafür eine Selbstaufmerksamkeit: Er lernt zu beobachten, wie sich sein Spielverhalten darstellt.

Auf der Basis dieser Selbstaufmerksamkeit könnte er folgende Selbstwahrnehmung zur augenblicklichen Situation machen: "Ich bin jetzt schon 4 Stunden im Netz und komme seit geraumer Zeit nicht weiter. Im Moment habe ich keine Lust mehr. Außerdem habe ich Hunger. Es bringt nichts weiterzuspielen."

An diese kognitiven Selbstwahrnehmung schließt sich eine Selbsteinschätzung an, d.h. eine Einordnung der Wahrnehmungsinhalte in Bezugssysteme: "Ich kann nicht so gut spielen wie mein Freund. Insbesondere bei dieser Spielgemeinschaft brauche ich viel länger als er, und ich bin schneller frustriert."

Die Selbstbewertung schließlich würdigt Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung vor dem Hintergrund der eigenen Person: "Es ist o. k., dass ich jetzt aufhöre. Ich kann nicht in dieser Spielgemeinschaft zu jeder Zeit gut sein. Andere Anwendungen des Computers liegen mir mehr, und insgesamt stehe ich in meinem Freundeskreis noch gut da. Schließlich verstehe ich viel von meinem Beruf, und im Sport bin ich auch nicht schlecht."

Bedeutsame Beziehungen zur Umwelt werden vom Menschen insbesondere unter dem Gesichtspunkt der personalen Kontrolle wahrgenommen, bewertet und eingeschätzt. "Personale Kontrolle stellt das Bedürfnis dar, auf Gegebenheiten und Ereignisse der Umwelt Einfluss zu nehmen."[14] Eine wesentliche Motivation für Aufenthalte in virtuellen Welten ist nach unseren Untersuchungen das Kontrollmotiv, also der Wunsch der Spieler, in der jeweiligen Welt Macht, Kontrolle und Herrschaft auszuüben.[15]

Viele Erfahrungen ähnlicher Art oder besonders wichtige und für zentral gehaltene Begebenheiten können dazu führen, dass man sich länger damit befasst und sie schließlich generalisiert. Ein Computerspieler, der in einer virtuellen Spielgemeinschaft gut klarkommt, kann diese Selbstwahrnehmung auf den Umgang mit allen virtuellen Gemeinschaften schlechthin ausdehnen. Aus der situativen Wahrnehmung einer Fähigkeit entwickelt sich ein Selbstkonzept, das sich auf alle Netzwerkkontakte bezieht.

Generalisierungen können sowohl im Bereich der Selbstwahrnehmung vorgenommen werden, als auch bei der Selbstbewertung und der personalen Kontrolle. "Selbstkonzept ist definiert als generalisierte Selbstwahrnehmung, Selbstwertgefühl als generalisierte Selbstbewertung und Kontrollüberzeugung als generalisierte personale Kontrolle."[16]
  • Der Begriff "Selbstkonzept" meint, wie eine Person sich empfindet bzw. welche Schemata sie sich von sich selbst gemacht hat. Beim Selbstkonzept geht es weniger darum, als welche Person man sich darstellt, als vielmehr darum, wer man nach eigener Vorstellung wirklich ist und was einen von den Grundlagen her ausmacht. Die Basis von Selbstkonzepten sind Selbstwahrnehmungen auf kognitiver und emotionaler Ebene sowie die Wahrnehmung der Einschätzung der eigenen Person durch andere und schließlich die Wahrnehmung eigener Leistungsfähigkeit in z. B. der Bewältigung von Problemen und Aufgaben.

  • Das "Selbstwertgefühl" bildet sich zum einen aus den Generalisierungen der erfahrungsabhängigen Selbstbewertungen. Zum anderen gehen die Bewertung der Selbstkonzepte und der Kontrollüberzeugungen in die Bildung des Selbstwertgefühls mit ein. Beim Selbstwertgefühl geht es um wertende Aspekte wie Wohlbefinden und Selbstzufriedenheit, Selbstakzeptierung und Selbstachtung, Erleben von Sinn und Erfüllung sowie um Selbständigkeit und Unabhängigkeit.

  • Der Begriff "Kontrollüberzeugungen" meint das generalisierte Empfinden, Gegenstandsbereiche erklären, vorhersehen und beeinflussen zu können oder nicht zu können.
Der Identitätsbegriff impliziert Verarbeitung von Gegenstandsbeziehungen auf der Stufe von Generalisierungen und lässt sich nun definieren als die Einheit aus Selbstkonzept, Selbstwertgefühl und Kontrollüberzeugung, als die konzeptionelle Grundlage der Selbstdarstellung einer Person in sozialen Kontexten. Es hat verschiedene Gründe, warum in diese Definition von Identität der Aspekt der Selbstdarstellung mit eingefügt worden ist.

Zum einen ist so eine Abgrenzung zum Begriff "Selbstkonzept" leichter möglich. Zum anderen enthalten die identitätsbildenden Schemata einen narrativen Kern, also Geschichten, die die Personen über sich erzählen und in denen sie anderen biographische Bedeutungen und Hintergründe ihrer Identitätsangebote verständlich machen. "Indem wir uns fortlaufend als Zentralfigur einer Narration erzählen, produzieren wir für uns und andere die Integration und Kohärenz, die uns für andere verstehbar macht und unser Handeln kontextuiert und zeitlich ordnet."[17]

Ein so gefasster Identitätsbegriff ist schließlich auch forschungsmethodisch hilfreich. Anhand von Erzählungen der Besucher virtueller Spielgemeinschaften wird es möglich sein, die Einflüsse dieser Welten auf die Ausbildung der Identität deutlicher zu fassen.

Die Begriffe "Selbstkonzept", "Selbstwertgefühl" und "Kontrollüberzeugung" als Ergebnis einer Ich-Leistung korrespondieren mit dem Begriff der "Persönlichkeit", also den Anmutungen, die meine Person im sozialen Umfeld auslöst. In die von einem sozialen Umfeld einer jeweiligen Person zugemessene Persönlichkeit gehen alle sie langfristig bestimmenden Merkmale ein: soziale Herkunft, Beruf, Kenntnisse, körperliche Erscheinung, ethnische Zugehörigkeit, Familienstand.

Den Kern der Persönlichkeit machen jedoch die geäußerten Gefühle aus. Dabei sind es nicht die einzelnen Gefühle, sondern die soziale Einbettung, die die Zuschreibung einer bestimmten Persönlichkeit ausmacht. Von Wichtigkeit sind z.B. das Ausmaß der Gefühlskontrolle, die Empathie, die Solidarität, die Verlässlichkeit, das Taktgefühl. Die einer Person vom sozialen Umfeld zugeschriebene Persönlichkeit wirkt auf das Selbstkonzept dieser Person zurück, so dass zwischen Selbstkonzept und Persönlichkeitszuschreibungen kontinuierliche Wechselwirkungen stattfinden, die nicht ohne Einfluss auf die Identität bleiben.

Das Begriffsumfeld von "Identität"Das Begriffsumfeld von "Identität"
Der Begriff "Selbst" geht über den Identitätsbegriff hinaus. Er umfasst die Gesamtheit der Möglichkeiten einer Person, die ihr als Mensch gegeben sind. Diese Möglichkeiten sind einer Person nur teilweise bewusst. Das Selbst ist nur zum Teil vorstellbar als ein der Person vertrauter und gut organisierter Bestand an Wissen, Fähigkeiten, Verhaltensschemata und Überzeugungen.

Zu einem anderen Teil besteht es auch aus "possible selves", aus latenten Entwürfen für mögliche zukünftige Entwicklungen der Person. Insofern ist das Selbst die auf Selbstentfaltung hin angelegte Ressource eines Menschen, die ihn befähigt, das, was er werden kann, zu wollen. Insofern die Menschen des sozialen Umfeldes ihr Gegenüber ganzheitlich als Person sehen, erblicken sie in ihm auch das auf die Zukunft hin gerichtete Mögliche.

Identitätsarbeit heute

Identität entsteht in einem dialogischen Prozess einer Person mit ihrem sozialen Umfeld. Dabei entwickelt diese Person ihre Identität, indem sie auf die Erwartungen und Vorstellungen ihrer Mitmenschen ihres sozialen Umfeldes eingeht. Dieses Umfeld muss die angebotenen Identitätsentwürfe akzeptieren bzw. Vorschläge zu Modifikationen machen. Von der Person entwickelte Identifikationen und Bedürfnisse werden in einem kontinuierlichen Prozess mit den gesellschaftlich möglichen und angebotenen Rollen verschränkt, bis eine hinlänglich akzeptable Passung entsteht.

Dieser Prozess des Aushandelns von Identität ist eine lebenslange Aufgabe des Menschen. Identität hat ein Mensch dann erlangt, "wenn er für die anderen verständlich handeln kann, und dies ist ihm dann möglich, wenn er sein Handeln aus den Perspektiven der konkreten Gegenüber, aber auch des weiten gesellschaftlichen Zusammenhangs einschätzen und kontrollieren kann."[18]

Problematisch an dieser Identitätsarbeit ist, dass die gegenwärtigen Gesellschaften lebendige, in steter Wandlung begriffene, in ihrer Vielschichtigkeit nicht mehr überschaubare Sozialsysteme sind, in denen Ziele und Orientierung oft diffus, mehrdeutig und umstritten sind. Aus dieser Fülle von Wertvorstellungen, Rollenangeboten, strukturellen Verwerfungen und vielfältigen Möglichkeiten müssen die Personen ihre Identität selbst konstruieren.

"Da aber Identität die Anerkennung der anderen auf der Basis geteilten Sinns braucht, ist die Kompetenz herausgefordert, mit den anderen Identität auszuhandeln, Angebote aufzugreifen, eigene Bedürfnisse nicht aufzugeben, sondern eine Vermittlung der divergierenden Elemente zu versuchen und sich dabei von Rückschlägen und Verletzungen nicht hindern zu lassen. Nicht Rollen, Positionen, Laufbahnen oder irgendwelche Requisiten der Selbstdarstellung garantieren also Identität, sondern vor allem die Kompetenz, Sinn mit den anderen beharrlich auszuhandeln, oft auch auszustreiten."[19]

Um diese Identitätsarbeit leisten zu können, benötigt die Person weniger eine wohlbalancierte, fest etablierte Identität als vielmehr die Kompetenz, in ständiger Anstrengung neue Vermittlungen zwischen sich selbst und dem sozialen Umfeld zu erreichen. Dabei muss sich die Person darum bemühen, Verschiedenartiges, Widersprüchliches und Sich-Veränderndes wahrzunehmen, es als sinnvoll zu akzeptieren und es in seine Identität zu integrieren. Von einer abschließenden Identität kann nicht mehr ausgegangen werden. Der Begriff "Identitätsarbeit" weist auf das Unabgeschlossene dieses Prozesses hin.

Der Prozess der Identitätsentwicklung in der heutigen Zeit bezieht sich eher auf hoch differenzierte Netzwerke, also auch auf virtuelle Beziehungsnetze, die Verständigungs- und Bestätigungsmöglichkeiten für Identitätsentwürfe bieten, und weniger auf grundsätzliche und normative Verallgemeinerungen.

"Das Subjekt löst sich infolge dieses Prozesses immer mehr von vorgegebenen biographischen Entwurfsschablonen und Schnittmustern und muss die Lebensentwürfe in eigene Regie nehmen. In diesen Erosionsprozessen verlieren die großen religiösen, philosophischen, kulturellen und politischen Deutungsmuster und Formationen ihre Konstruktionskraft."[20] Anstelle dieser ordnenden Rahmen muss die Person in ihrer Identitätsarbeit aus den vielfältigen Identitätsangeboten recht individuelle (und originelle) Eigenschöpfungen ihrer Identität entwickeln.

Multiple Identität

Die Entwicklungsaufgabe des Menschen, eine auf Kohärenz und Kontinuität angelegte Identität herauszubilden, wird durch tief greifende Veränderungen in der Lebenswelt von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nachhaltig verändert. Die bürgerliche "Normalfamilie" büßt an Bedeutung ein. Die Erziehungsfunktion der Eltern vermindert sich. Kinder und Jugendliche erleben ihre Familie vermehrt als unbeständig und diskontinuierlich. Der Sinn- und Verweisungszusammenhang von Liebe, Ehe, gemeinsamem Zusammenleben, Sexualität, Kind und Familienbildung wird brüchiger.

Der Zeitpunkt, an dem der nachwachsenden Generation ihre berufliche Etablierung gelingt, verschiebt sich in großen Teilen der Bevölkerung über das 30. Lebensjahr hinaus. Viele Berufsrollen befinden sich in einem ständigen Umstrukturierungsprozess mit der Folge einer wesentlich verringerten Stabilitätsgarantie für die individuelle berufliche Entwicklung.[21] Die Lebenswelt gliedert sich immer stärker in Teilbereiche mit unterschiedlichen Anforderungen, Erwartungen und sozialen Bezügen. Was in den verschiedenen Welten von Ausbildung und Beruf Geltung hat, trifft auf die unterschiedlichen Bereiche von Freizeitkontakten und Freundesgruppen in der Regel nicht zu.

Diese pluralen und divergierenden Lebensformen mit ihren unterschiedlichen Normen und Erwartungen fordern von der Person den Aufbau einer flexiblen Identität, die in der Lage ist, das "Surfen" in den verschiedenen Lebensbereichen und ihre ständigen Veränderungen aufzufangen und darauf angemessen zu reagieren.

Sie fordern auch Toleranz gegenüber anderen Identitätsentwürfen bis hin zum Abschied von jeglicher Normativität, die über das Individuelle in einer konkreten Lebenssituation hinausgeht. "Identität ist dann nur noch das, was einer zu einem gegebenen Zeitpunkt an Bezügen bündelt, ohne notwendigen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, Dauerhaftigkeit, Kohärenz und Kontinuität."[22] Die Person "legt Masken nach Belieben an und ab, begreift persönliche Identität nicht als Substanz, sondern als lockere Aggregationsform von Handlungsrepertoires, die, wie es die Situation erfordert, zum Einsatz kommen."[23]

Diese multiple Identität greift auf ein Selbst zurück, das in sich vielfältig und teilweise auch widersprüchlich sein kann: In der beruflichen Situation A bin ich der eine, in der Situation B der andere; ganz anders im sozialen System meines Freundeskreises und wieder anders bei meinen sportlichen Aktivitäten; und davon wiederum verschieden in meinem familialen Bezugssystem; auf meinen Auslandsreisen schließlich bin ich wieder ein ganz anderer.

Helga Bilden sieht in dieser Form von Identität die angemessene Antwort auf die Herausforderungen unseres sozialen Systems: "Die eigene innere Vielfalt zu akzeptieren und eine Vielzahl von Formen des Individuum-Seins zu akzeptieren, ist meines Erachtens eine Voraussetzung, um mit Pluralität in der Gesellschaft leben zu können, ohne rigide unterordnen und ausgrenzen zu müssen. Innere Pluralität brauche ich, um mit unterschiedlichen Sinnsystemen umgehen zu können. Wenn ich in mir mehrere Wahrheiten und Lebensformen existieren lasse – wenigstens als mögliche Selbste –, dann kann ich auch leichter andere Menschen auf andere Weise leben und die Welt interpretieren lassen."[24]

Die Aufgabe der alltäglichen Identitätsarbeit besteht darin, die Passungen und Verknüpfungen der unterschiedlichen Elemente der multiplen Identität zu erreichen. Dazu ist eine lebenslange, bewusste Entwicklung der Person notwendig, die sowohl die produktive Realitätsverarbeitung als auch die sozialen Kompetenzen einschließt. Nur so ist es der Person in einer sich ständig verändernden gesellschaftlichen Situation möglich, wenigstens teilweise ihr Leben selbst zu bestimmen.

Das Akzeptieren der verschiedenen Elemente meiner Identität und ihr Erleben in unterschiedlichen sozialen Kontexten muss nicht Konfusion, Destabilisierung oder Pathologie bedeuten. Möglicherweise kann eine lockere und akzeptierende Verbindung meiner Teil-Identitäten dazu beitragen, Erschütterungen, Störungen und Beeinträchtigungen in einem bestimmten Lebensbereich besser zu verarbeiten, weil sie nicht die ganze Person betreffen, sondern nur einige Identitäts-Anteile.

Problematisch an einer multiplen Identität ist nicht die Trennung der verschiedenen Identitätsanteile an sich, sondern die extreme Verminderung von Austausch und Kommunikation dieser Anteile im Bewusstsein der Person. Risse die Kommunikation dieser Teile untereinander vollständig ab, entstünden multiple Persönlichkeiten, deren Teilidentitäten wenig oder nichts voneinander wissen.

Erforderlich ist es daher, ein Selbstkonzept zu entwickeln, das zum einen variable, elastische Verbindungen zwischen den Teil-Identitäten zulässt, ein spielerisches Experimentieren mit den Identitäten in unterschiedlichen Lebensbereichen nicht ausschließt und zum anderen die Person in ihrer Integrationsfähigkeit nicht überfordert. Ein solches Selbstkonzept würde nicht den Verlust von Identität bewirken, sondern eine Veränderung des Typus von Identität, der sich durch ein großes Maß zentrierender Kohärenz und Kontinuität, und damit berechenbarer Verlässlichkeit, ausgezeichnet hat.

Neue Medien und Identität

Der Prozess der strukturellen Veränderung von Identität wird durch die (jugendspezifische) mediale Welt verstärkt und beschleunigt. Diese Welt präsentiert sich in einer unverbindlichen Vergleichzeitigung von Bildern, Tönen, Texten, aus denen der Rezipient nach Belieben auswählen und zusammenstellen kann, was zu den eigenen Identitätsentwürfen passen könnte.

"Über Musik, Werbung, Konsum und Mode ausdifferenzierte, also multimedial präsentierte Lebensstile übernehmen für viele Jugendliche quasi identitätsstiftende Funktionen. Sie treten an die Stelle der – durch unaufhaltsame Erosionen – geschwächten identitätsstiftenden Funktionen gemeinschaftlicher Traditionen, Strukturen, Einrichtungen und traditional-kollektiver Lebensformen. [...] Die besonders über den Medienverbund von Pop-Musik, Pop-Film und Videoclips transportierten Stilelemente jugendlicher Identitätsbildung arbeiten jenseits geschlossener und uniformierter Sinnsysteme mit der heutigen Sinnpluralität, Sinn-Vervielfältigung und Sinn-Beliebigkeit und sind nicht mehr umfassend oder 'mulitifunktional', sondern nur begrenzt verpflichtend. Sie sind statt dessen offener und beweglicher, nur lose miteinander verknüpft, relativ beliebig zusammenstellbar und können stets modifiziert werden."[25]
Der "Supermarkt" an Möglichkeiten für die Ausbildung von Identitätsprojekten besitzt verschiedene Stufen im Prozess der Identitätsarbeit:
  • Stilelemente aus medialen Angeboten werden wie ein Flickenteppich zu Identitätsentwürfen zusammengestellt, rasch wieder demontiert und mit schöpferischer Energie zu neuen Patchworks verarbeitet.

  • Identität als Lebens-Collage bedarf der Bestätigung und Festigung durch das soziale Umfeld, also durch Familie, Schule, Beruf, Freizeit und insbesondere durch den Umgang mit Gleichaltrigen.

  • Um im sozialen Umfeld Bestätigung zu erlangen, muss die eigene Identität so präsentiert werden, dass sie den anderen in Erzählungen und Geschichten (Narrationen) deutlich wird: Ich bin die Person, die ich durch meine Narrationen konstruieren kann. "Die Geschichten, die wir erzählen, sind keine individuellen Besitztümer, sondern als Produkte des sozialen Austausches zu verstehen. Insofern sind Identitätsprojekte als Narrationen auch nicht die Kopfgeburten von Einzelnen, sondern sie gründen im sozialen Austausch [...]."[26]

  • Der Austausch von Narrationen zur Bestätigung von Identitätsentwürfen bezieht sich zunehmend auch auf mediale Geschichten: Gesehene und bewertete Filme und Fernsehsendungen, gelesene Bücher und Comics, gehörte Musik und ihre Einschätzung und schließlich Computerspiele und andere Erfahrungen in virtuellen Welten.[27]

  • Die virtuelle Welt (vom Computerspiel bis zu "virtuellen Gemeinschaften" im Internet) wird schließlich zum Erfahrungsraum und zum sozialen Kontext für das Aushandeln von Identitätsentwürfen. Anstelle von Narrationen über meine reale und mediale Welt tritt die Unmittelbarkeit "virtuellen Lebens" als die Grundlage einer "virtuellen Identität".

Fußnoten

12.
Haußer, Karl (1995): Identitätspsychologie, S. 25. Heidelberg: Springer.
13.
a.a.O.
14.
a.a.O. [12] S. 17.
15.
Vgl. Fritz, Jürgen (1997): Macht, Herrschaft und Kontrolle im Computerspiel. In: Fritz, Jürgen und Fehr, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch Medien: Computerspiele, 183ff. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
16.
a.a.O. [12] S. 26.
17.
Kraus, Wolfgang (1996): Das erzählte Selbst. Die narrative Konstruktion von Identität in der Spätmoderne, S. 128. Pfaffenweiler: Centaurus.
18.
Krappmann, Lothar (1997): Die Identitätsproblematik nach Erikson aus einer interaktionistischen Sicht. In: Keupp, Heiner und Höfer, Renate (Hg.): Identitätsarbeit heute, S. 79. Frankfurt: Suhrkamp.
19.
a.a.O. S. 80.
20.
Keupp, Heiner (1997): Diskursarena Identität: Lernprozesse in der Identitätsforschung. In: Keupp, Heiner und Höfer, Renate (Hg.): Identitätsarbeit heute, S. 16. Frankfurt: Suhrkamp.
21.
Vgl. Kraus, Wolfgang und Mitzscherlich, Beate (1997): Abschied vom Großprojekt. In: Keupp, Heiner und Höfer, Renate (Hg.): Identitätsarbeit heute, S. 163. Frankfurt: Suhrkamp.
22.
a.a.O. S. 167.
23.
a.a.O. [20] S. 22.
24.
Bilden, Helga (1997): Das Individuum – ein dynamisches System vielfältiger Teil-Selbste. In: Keupp, Heiner und Höfer, Renate (Hg.): Identitätsarbeit heute, S. 228. Frankfurt: Suhrkamp.
25.
Ferchhoff, Wilfried (1997): Identitätsbildung im Umgang mit neuen Medien. In: deutsche jugend 1 (1997) 34.
26.
a.a.O. [17] S 170.
27.
Dies geschieht insbesondere in speziellen Fan-Clubs, die sich z. B. um einen Star oder einen einzelnen Film bilden. Der Club bietet den Fans einen geschützten Raum, um aus der Faszination einem Medienprodukt gegenüber eigene Identitätsentwürfe narrativ zu entwickeln. Beispiele dazu und weiterführende Hinweise finden sich bei Vogelgesang, Waldemar (1997): Jugendliche Medienfreaks. In: deutsche jugend10 (1997) 440 ff.

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