30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Paul Duguid

Die Suche vor grep

Eine Entwicklung von Geschlossenheit zu Offenheit?

Diese ungewöhnlichen Revolutionen durchbrachen viele der früher existierenden Schranken der Suche und wiesen den Weg in eine offene Landschaft, wobei sich der Wunsch nach individueller Freiheit und die Ablehnung von existierenden Institutionen und deren Wissenshierarchien artikulierten. Die Geschichte endet aber nicht hier. Die Öffentlichkeit, so Habermas, wurde verändert und den bürgerlichen Interessen untergeordnet. Es erforderte institutionelle Innovationen und Experimente mit verschiedenen Arten der Demokratie, um die Vorstellung der Offenheit selbst zu erhalten, denn die bestehenden Institutionen hatten die Aufgabe, Offenheit zu bekämpfen. In ähnlicher Weise erfuhr die Entwicklung der Märkte und des Freihandels mit der Südsee-Blase und der Tulpenmanie die ersten globalen Schocks. Wie die Öffentlichkeit so hatten sich auch die Märkte auf institutionelle Strukturen gestützt, welche die Idee des freien Markts und einer offenen Suche nach Wert verachteten. Die meisten Märkte erfordern nach wie vor institutionelle Interventionen und Justierungen, um sicherzustellen, dass die Preise eher offen als fest sind. Und wie Shapin und andere gezeigt haben, institutionalisierte sich auch die Wissenschaft allmählich.(44) Im Laufe der Zeit wurde die Royal Society und ihre ungewöhnlich offene Publikation Philosophical Transactions immer geschlossener. Während Politik, Wirtschaft und Wissenschaft einerseits einen beachtlichen Ehrgeiz in Richtung Freiheit und Offenheit entwickelten, bauten sie andererseits kreisförmige Wagenburgen und beschränkten die legitime Suche auf bestimmte Vorhaben, Methoden und Fragen, wobei andere als inakzeptabel ausgeschlossen wurden. Abweichende Stimmen wurden in den Bereich der Alchemie, des Überkommenen, des Kabbalismus, der Zauberei etc. verwiesen. Es fällt auf, dass viele der wichtigen Eingrenzungs-Institutionen – von der modernen Zeitung, der Bank of England, der Royal Society bis hin zur modernen Enzyklopädie – etwa zur selben Zeit entstanden wie diese drei Revolutionen der Suche, und wohl eine Antwort auf diese darstellten. Und ein Großteil des Erfolgs ihrer Suche ging auf die Beschränkungen zurück, denen sie unterlagen. Es ist daher wenig überraschend, dass in den folgenden Jahrhunderten neue Versuche unternommen wurden, restriktive Beschränkungen zu überwinden und neue Gegenbewegungen entstanden, die unstrukturiertes Verhalten erlaubten. Zwangsläufig wurden manche der neuen Beschränkungen von den rückwärtsgewandten Kräften durchgesetzt, etwa im Zuge der Reaktion der katholischen Kirche auf Galileo. Manche, aber nicht alle. Andere beinhalteten den Aufbau von Weberschen Institutionen, um die Voraussetzungen für den Habermasschen Idealdiskurs zu schaffen, oder für Hayeksche Märkte, oder für die offene Wissenschaft und ihre Suche nach Antworten. Nehmen wir uns ein letztes Beispiel aus einem Bereich vor, der viele machtvolle Suchwerkzeuge geschaffen hat, nämlich das Recht.(45) Das Common Law ist in vielfacher Weise ein archetypisches offenes System, das im Laufe der Zeit durch die Entwicklung des statutarischen Gesetzes zunehmend geschlossen wurde. Zyklen der Offenheit und der Geschlossenheit sind zum Beispiel in der Entwicklung der Rechtsberichte erkennbar. Mit diesen wurden bedeutende Rechtsfälle veröffentlicht, welche von den Gerichten und den Streitparteien als Präzedenzfälle herangezogen wurden. Am Beginn des 19. Jahrhunderts führten neue Drucktechnologien und in der Folge sinkende Publikationskosten zu einem lebhaften Markt für Rechtsberichte. Die Law Amendement Society bemerkte damals, dass "es schon lange ein praktisches Arrangement für Rechtsvertreter und Buchhändler ist, sich aus Gründen der Bekanntheit und des Gewinns zusammen zu schließen und die bestehende Liste der Rechtsberichte zu erweitern". Diese Erweiterung, so bemerkte die History and Origin of the Law Reports in der Mitte des Jahrhunderts, war eine Folge der "Anwendung des Wettbewerbsprinzips, um die Übel der Weitschweifigkeit, der Verzögerung, und der Kostspieligkeit zu korrigieren, die dem [alten] System der autorisierten Berichterstattung anhafteten". Dieser Prozess könnte aus heutiger Sicht als "Öffnung" des Rechtsberichterstattungswesens beschrieben werden, bei der sich der Markt entfalten darf und die besseren Publikationen an die Spitze gelangen. Doch solche Wissensmärkte tun oft genau das Gegenteil. Die Berichte wurden immer mehr, und da es keine institutionellen Standards für sie gab, nahm die Sorge der Rechtsanwälte und Richter um die Verlässlichkeit der Berichte zu. So wurden zwar alte Beschränkungen durchbrochen, diese Veränderung führte aber ihrerseits zu "neuen Übeln, [die] Verwirrung und Ungewissheit im Recht herbeiführten". Offener Wettbewerb, dem im 19. Jahrhundert ebenso das Wort gesprochen wurde wie heute, diente den Interessen einzelner Rechtsanwälte und Verleger, die die Produktion von Rechtsliteratur ankurbeln wollten. Diese machte aber die Suche und die Beurteilung des Gefundenen zunehmend problematisch, denn sie wurde "ohne Bedachtnahme auf die Interessen des Berufsstandes oder der Öffentlichkeit" durchgeführt und verursachte "Ratlosigkeit in der Rechtsverwaltung".(46) In einem Versuch, die miteinander unverträglichen Interessen auszugleichen, gelang es der Law Amendment Society, einer Reformorganisation, das System zu institutionalisieren und den unkontrollierten Vertrieb der Berichte zu unterbinden, ohne die Innovation in der Berichterstattung völlig zu unterdrücken. Solche Prozesse sind jedoch nach wie vor zyklisch. Neue Technologien haben das System wieder geöffnet, und dementsprechend hören sich vorausschauende Rechtsanwälte heute oft an wie ihre Vorgänger im 19. Jahrhundert: "Die Ansicht der meisten Richter in England ist, dass zu viel, nicht zu wenig berichtet wird".(47)

Jenseits der 2 Gs

Wenn man sich moderne Suchwerkzeuge ansieht, kommt man leicht zur Auffassung, dass sie Teil einer geschichtlichen Entwicklung sind, die von geschlossenen und restriktiven Institutionen weg und hin zu mehr demokratischer Offenheit führt, und dass das Anhäufen von Information, unabhängig von deren Quelle, und ihre Durchsuchung mit grep-ähnlichen Technologien von Natur aus etwas Gutes sind. Von ihren Ursprüngen in der Open-Source-Bewegung ausgehend, ist diese neue Idee der Offenheit heute in die Politik, die Märkte, die Wissenschaft und die kulturelle Arbeit vorgedrungen. Sich gegen sie auszusprechen, scheint hoffnungslos reaktionär. Wie ich jedoch hier versucht habe zu zeigen, sind Bestrebungen, eine Struktur durchzusetzen, nicht immer gleich Bestrebungen, uns in die Vergangenheit zurück zu befördern. Sie sind häufig (aber eben auch nicht immer) Versuche, etwas zu kontrollieren, was – wie die Rechtsberichte des 19. Jahrhunderts – zu unverwaltbarer Information geworden ist. Solche Information führt die Suche in die Irre, nicht weil sie resistent gegen Suchalgorithmen ist, sondern weil sie in keiner offen zugänglichen Weise strukturiert ist, weshalb die Suchergebnisse für jene, die mit ihnen arbeiten wollen, unverständlich oder unverlässlich sind. Es ist einfach anzunehmen, neue Technologien würden alte Institutionen ersetzen. Oft begegnet man dem Glauben, Google würde an die Stelle der Bibliotheken treten. Doch Technologien und Institutionen sind nicht das gleiche. Technik ist oft nicht in der Lage, eine sinnvolle Struktur durchzusetzen und die Verlässlichkeit zu erhöhen, sondern erfordert begleitende Institutionen, die offen sind und öffentlich überprüft werden können. Wie ich zu zeigen versucht habe, sieht eine Geschichte des Suchens daher weniger wie ein linearer Verlauf aus, der von einem angeborenen Drang nach Informationssammlung vorangetrieben wird, sondern eher wie eine Reihe von fast unergründlichen Zyklen um offene und geschlossene Strukturen.

In der Tat – und hier entschuldige ich mich bei allen, die mir bis hier gefolgt sind, dass ich dies so spät sage – können wir diese zyklischen Bewegungen erkennen, ohne eine mühsame historische Reise zu unternehmen. Wikipedia zum Beispiel, die vielen als Beispiel einer Sammlung von offener, durchsuchbarer und verlässlicher Information über die Welt gilt, widmet sich seit einiger Zeit dem Aufbau von Strukturen. Ihr früheres Misstrauen gegenüber verbürgtem Expertenwissen und ihr Widerstand gegen hierarchische Ausschlüsse sind einem Verständnis gewichen, wonach behauptete Erfahrung nicht notwendigerweise besser ist als erworbene Autorität. Wikipedia hat sogar selbst begonnen, über ihre Stiftung eine institutionelle Struktur aufzubauen, was zwangsläufig die Offenheit des Projekts einschränkt.(48) Implizit beginnt der Wortteil Encyclo- wieder die pedia zu umhegen. Eine noch interessantere Entwicklung ist, dass Google Wikipedia mit seinem Knol-Projekt herausfordert, welches wesentlich mehr auf Institutionen und ihre Rolle in der Wissensproduktion, der Informationssammlung und der hierarchischen Ordnung von Ideen setzt. Gleichzeitig wird Googles technisch ausgerichtetes Bibliotheksprojekt angesichts von Zweifeln an seiner Qualität vom Hati Trust eingezäunt. In diesem Fall werden Versuche, die Suche verlässlicher zu machen, von einer der ältesten gegenwärtig existierenden Institutionen gebremst, nämlich der Universität.(49)


Publikation zum Thema

Deep Search

Deep Search

Beherrschen Suchmaschinen nicht nur Märkte, sondern auch unser Denken? Am Beispiel von Google untersucht das Buch deren Bedeutung und innere Systematik. Es diskutiert angemessene Reaktionen in Gesellschaft, Gesetzgebung und Politik sowie von Verbraucherseite. Weiter...

Zum Shop

Dossier

Open Data

Open Data steht für die Idee, Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen. Welches Potential verbirgt sich hinter den Daten, die Behörden und Ministerien, Parlamente, Gerichte und andere Teile der öffentlichen Verwaltung produzieren? Das Dossier klärt über die Möglichkeiten offener Daten für eine nachhaltige demokratische Entwicklung auf und zeigt, wie Datenjournalisten mit diesen Datensätzen umgehen.

Mehr lesen

Dialog

Die Netzdebatte

Netzdebatte ist das Debattenportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Weblog greift Themen auf, die die Gesellschaft bewegen. Netzdebatte erklärt Hintergründe, bildet Positionen ab und bietet einen Ort zum Diskutieren.

Mehr lesen

spielbar.de

spielbar.de informiert über Computerspiele und erstellt pädagogische Beurteilungen. Pädagogen, Eltern und Gamer sind eingeladen, ihre eigenen Beurteilungen, Meinungen und Kommentare zu veröffentlichen.

Mehr lesen auf spielbar.de