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Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Katja Mayer

Zur Soziometrik der Suchmaschinen

Ein historischer Überblick der Methodik

Soziale Strukturen sichtbar machen

Die Soziale Netzwerkanalyse beschäftigt sich mit der Sichtbarmachung (informeller) sozialer Strukturen und deren Interpretation. Ihr zentrales Untersuchungsobjekt sind (soziale) Beziehungen. Akteure wie Personen, Institutionen, Dokumente, Nationen, Telefonanschlüsse, Viren usw. sind durch vielfältige Beziehungsformen miteinander verbunden, die mit mathematischen Verfahren vermessen und interpretiert werden können. Sind die Daten erstmals gesammelt, dann kann man sie heute am Computer als Beziehungsgeflechte visualisieren und analysieren lassen. Die Techniken der Sozialen Netzwerkanalyse haben längst die Gefilde der Wissenschaft Richtung kommerzieller Sozialforschung verlassen, und akademische Soziologen blicken vielerorts fast neidisch auf die riesigen, routinemäßig erhobenen Datensätze der seit Jahren fleißig sammelnden Unternehmen.(8) Waren anfangs netzwerkanalytische Studien noch extrem zeitaufwändig und kostenintensiv, ersetzen sie heute aufgrund der verfügbaren Rechenkapazitäten und der bereitstehenden Daten herkömmliche Umfrageforschung und Sozialstatistiken in vielen Bereichen. Wahrscheinliches Verhalten der Gesamtheit muss nicht mehr inferentiell über Stichproben vorhergesagt werden. Observierende Institutionen archivieren jede einzelne Transaktion und können so Verhalten über konkrete Werte mappen. In Verbindung mit Daten von Partner-Institutionen, welche im Rahmen von so genannten Daten-Konsortien ausgetauscht werden,(9) aber auch mit Daten von staatlichen Stellen, wie statistischen Zentralämtern, werden vielerorts geodemographische Datenbanken aufgebaut.(10) Beherbergten vormals nur utopische Gesellschaftsentwürfe solche Systeme, sind sie heute Realität und ermöglichen sowohl auf Mikro- als auch auf Makroebenen gezielte Einblicke in soziale Sphären, punktgenau oder musterhaft. Paradoxerweise stehen diesen Verfahren nun auch die größten Dimensionen offen, dabei wollte man einst die Analyse von sozialen Strukturen doch eigentlich auch gegen allsichtige, "skopische Herrschaftsformen"(11) etablieren.

Die Methoden zur Erforschung sozialer Strukturen entwickelten sich in einem stark relational geprägten Denkklima im beginnenden 20. Jahrhundert. Einstein empfahl die Lektüre von Pearsons "The Grammar of Science",(12) und die Mathematik brachte u.a. Mengenlehre, Topologie und Spieltheorie hervor. Parallel zur Entstehung moderner Bürokratien hatte sich eine optimistische Vorstellung entwickelt, "dass eine auf Mathematik und empirischen Beobachtungen beruhende Rationalität zu einer Objektivität und somit einer Transparenz führen kann, die gleichermaßen auf Beschreibungen und Entscheidungen zutrifft."(13) Mathematische Vermessungsmethoden und statistische Verfahren begründeten ihrerseits neue Felder, wie Biometrie und Ökonometrie. Der Ausbau von offenen Infrastrukturen wie Telegrafie, Telefon- und Verkehrsnetzen gewann große Bedeutung, und traditionelle Vorstellungen von Staat als zentralistisch organisierte Einheit und von Gesellschaft als Gemeinschaft wurden porös. Nachdem sich bereits führende Sozialtheoretiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts explizit mit Sozialstrukturen auseinandergesetzt hatten, beschrieb Simmel zu Beginn des 20. Jahrhunders die Aufgabe einer "reinen" Soziologie wie folgt:
    [sie sollte] aus den Erscheinungen das Moment der Vergesellschaftung [ziehen], induktiv und psychologisch von der Mannigfaltigkeit ihrer Inhalte und Zwecke, die für sich noch nicht gesellschaftlich sind, gelöst, wie die Grammatik die reinen Formen der Sprache von den Inhalten sondert, an denen die Formen lebendig sind.(14)
Er fokussierte damit auf die Wechselwirkungen zwischen Individuen und Gesellschaft und auf die daraus entstehenden sozialen Dynamiken und Strukturen. Simmel bevorzugte die Erforschung der "sozialen Formen", der "Formen der Vergesellschaftung" als Beziehungsgeflechte in ihren vielfältigen Kontexten, im Gegensatz zur Erforschung der Inhalte der gesellschaftlichen Wirklichkeit, welche für ihn als Objekte anderer Sozialwissenschaften galten.(15) Für ihn war die Triade, das soziale Dreieck, die wichtigste Organisationsform in der Analyse sozialer Wechselbeziehungen:
    Die Zwei stellte, wie die erste Synthese und Vereinheitlichung, so auch die erste Scheidung und Antithese dar; das Auftreten des Dritten bedeutet Übergang, Versöhnung, Verlassen des absoluten Gegensatzes – freilich gelegentlich auch die Stiftung eines solchen.(16)
Die Triade stellt auch die kleinste soziale Gruppe dar, und soll deswegen als kleinste Analyseeinheit der Soziologie herangezogen werden.

Soziometrie und Netzwerkmetapher

    Before the advent of sociometry no one knew what the interpersonal structure of a group ‚precisely‘ looked like.(17)
Zu Beginn des 20. Jahrunderts untersuchte Jakob Levi Moreno bereits das Verhältnis von psychologischem Wohlbefinden und damit sozialen Konfigurationen. 1916 etwa unterbreitete er dem Innenministerium der K.u.K Monarchie einen Vorschlag zur sozialpsychologischen Intervention mittels Vermessung der sozialen Beziehungen in einer Flüchtlingsgruppe, doch sein Vorschlag wurde abgelehnt. 1925 wanderte Moreno von Wien nach New York mit dem Ziel, seine sozialpsychologischen Methoden der Gruppentherapie wie Rollenspiele ("Soziodrama") und Stegreiftheater dort anwenden zu können, wo sie auch willkommen wären. Seine Methode nannte er fortan Soziometrie und verband sie mit einem politischen Ziel: die "soziometrische Revolution"(18) sollte zur Gleichberechtigung der Menschen führen. Indem die Klienten als Experten selbst an den "soziometrischen Experimenten" mitarbeiteten, sollten sie ihre Situation und ihre strukturelle Einbettung selbst umgestalten und eine soziale Ordnung entsprechend der eigenen Perspektive herstellen können. Im Gegensatz zur sozialwissenschaftlichen Statistik und survey sociology wollte man nicht bereits mit vorgefertigten Kategorien in die Datenerhebung gehen, sondern solche Kategorisierungen sollten aus den vermessenen sozialen Strukturen heraus sichtbar werden.

Die Soziometriker arbeiteten kontinuierlich an neuen Mess- und Darstellungstechniken. In Beobachtungen, Befragungen und Rollenspielen wurden Anziehung und Abstoßung von Individuen erhoben und das soziale Wahlverhalten in Form von Matrizen notiert. Nach der Analyse der Gruppe und der Beziehungstypen konnte so etwa die soziale Kohäsion gemessen werden. Als wichtiges methodisches Werkzeug und Darstellungsinstrument führte man das Soziogramm ein, das die Struktur der Gruppe und die Muster der Verbindungen zwischen den Individuen sichtbar machen konnte. Punkte repräsentierten Individuen, Linien entsprachen den Verbindungen zwischen Individuen und ermöglichten so eine operative Bildlichkeit, die darauf abzielte, soziale Strukturen zugänglich und veränderbar zu machen. Indem die Einbettung der Akteure evident gemacht wurde, wollte man diese dazu bewegen, ihre soziale Positionierung nun selbst in die Hand zu nehmen, und so sowohl Veränderung induzieren als auch Ordnung optimieren.


Erst durch Soziogramme wurden eine Experimentierung und "präzise Exploration" der komplexen Beziehungen, welche seit damals als "soziale Netzwerke" und als "Entstehungsorte der öffentlichen Meinung" (19) gelten, möglich. Die so angewendete "Sozialkartographie" ermöglichte die Entdeckung des "soziodynamischen Gesetzes", des tendenziellen Wahlverhaltens in einer Gruppe, aber auch die Entwicklung von Mustern und Formen, wie den "Star", welcher heute wohl hub genannt würde.


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