Dossierbild: Verbotene Spiele

13.8.2007 | Von:
Andreas Wilkens

Einführung

Seit fünf Jahren wird in Deutschland lebhaft über "Killerspiele" diskutiert

USK in der Kritik

"Die Gesellschaft muss lernen, ein neues und sehr kräftiges Medium zu kontrollieren und teilweise zu zivilisieren", wirbt in der gleichen Anhörung USK-Geschäftsführer Klaus Spieler für ein Erlernen des Umgangs mit Computerspielen. Zu Verboten und Handelseinschränkungen müsse eine "Wertediskussion der Gesellschaft über das Schützenswerte" treten.

Kurz darauf gerät die Arbeit der USK selbst in die Kritik, als Ergebnisse einer KfN-Studie über die Altersfreigabe bei Computerspielen bekannt werden. Der Vorwurf lautet, die USK-Prüfer ließen zu viele Spiele mit zu niedrigen Altersfreigaben "durchgehen". Kurz darauf, im Juni 2007 veröffentlicht das Hans-Bredow-Institut die vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebene Evaluation des Jugendschutzes bei Video- und Computerspielen. Auch sie bemängelt die schwankende Qualität der USK-Gutachten und empfiehlt größere Transparenz bei Prüfkriterien und Verantwortungsstrukturen der USK. Insgesamt bewertet der Evaluationsbericht den 2003 reformierten Jugendschutz und die USK jedoch als echte Verbesserung und lehnt ein ausgeweitetes Verbot von "Killerspielen" ab; es gebe allerdings große "Vollzugsdefizite" bei der Durchsetzung der aktuellen Gesetzgebung.

Die USK beziehungsweise der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU), eine Interessenvertretung der Spielehersteller, reagieren und kündigen Ende Juni 2007 eine Neuorganisation der USK an. Gleichzeitig warnt der BIU vor der überhasteten Einführung eines "Killerspielverbots". Es fehle eine genaue Definition des Begriffs.

Auch kritisiert der BIU das KfN und zieht die Seriosität seiner Forschung in Zweifel. Er weist dabei auf eine im April 2007 erschienene qualitative Studie des British Board of Film Classification (BBFC) hin, der staatlichen Alterskennzeichnungsinstitution in Großbritannien. Sie komme zu dem Ergebnis, dass Spiele trotz ihrer Interaktivität emotional kaum fesseln würden. Schließlich gebe es wirtschaftliche Einwände: Entwickler könnten wegen eines rigiden Verbots ins Ausland abwandern.

Ausblick

EU-weit ist eine gesetzliche Harmonisierung nicht geplant, erläutert EU-Justizkommissar Franco Frattini Mitte Juni 2007 nach einer Ratstagung der Justiz- und Innenminister. Eine im Februar unter der deutschen Präsidentschaft gestartete Umfrage in den EU-Mitgliedsländern ergibt, dass strafrechtliche Regelungen nur in zehn Staaten vorgesehen sind. Zwölf Mitgliedsstaaten haben andere Prozeduren, etwa Zulassungsverfahren für gewalthaltige Spiele. 17 Mitgliedsstaaten sehen Sanktionen beim Verstoß gegen Jugendschutzbestimmungen vor. Zugangsverbote für Minderjährige zu den Gewaltspielen gebe es in 16 Mitgliedsstaaten.

Frattini räumt ein, bevor man Negativ- oder Empfehlungslisten mache, müsse man sich erst auf ein gemeinsames Verständnis einigen, "was ein Gewaltvideospiel ist und was nicht". Der portugiesische Justizminister Alberto Costa beteuert, die portugiesische Präsidentschaft werde die Bemühungen gegen Gewaltspiele fortsetzen.

Die Bundesregierung will voraussichtlich im Herbst 2007 über eine Verschärfung des Jugendschutzgesetzes entscheiden, wie sie das Sofortprogramm des Bundesfamilienministeriums im Februar bereits ansatzweise vorschlug. Künftig sollen demnach nicht nur Gewalt verherrlichende Spiele für Computer und Spielekonsolen auf den Index kommen. Der entsprechende Paragraf solle auf "Gewalt beherrschte Spiele" ausgedehnt werden. Der Polizei sollen Testkäufe im Handel erleichtert werden. So will Familienministerin von der Leyen verhindern, dass verbotene Spiele trotz der Indizierung durch die BPjM über die Ladentheke gehen. Auch sollen Angst- und Suchtpotenziale stärker als bisher in die Einstufung von Spielen eingehen.

Links

Linkliste der Meldungen zur Diskussion über "Killerspiele" auf heise online: www.heise.de

Sammlung von wissenschaftlichen Vorträgen über die Auswirkung von Medienkonsum auf Mediaculture online: www.mediaculture-online.de

Abschlussbericht der Gutenberg-Kommission zum Amoklauf Robert Steinhäusers: www.thueringen.de

Studie "Das deutsche Jugendschutzsystem im Bereich der Video- und Computerspiele" des Hans-Bredow-Instituts: www.hans-bredow-institut.de

Zusammenfassung des Forschungsberichts "Alterseinstufung von Computerspielen durch die USK" des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen: kfn.de

Zusammenfassung der BBFC-Studie "Playing Video Games": www.bbfc.co.uk

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