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Dossierbild: Verbotene Spiele

7.8.2007 | Von:
Alexander T. Müller

Eine Geisterdebatte

Ein Verbot global vertriebener Spiele ist wirkungslos, gibt das falsche Signal und dient eher als Versteck. Eine offene und kritische Diskussion in Gesellschaft und den Familien ist wichtiger, meint Alexander Müller. Denn die wirkliche Verantwortung liegt hier.

Derzeit werden zwei Verschärfungen des Jugendschutzgesetzes diskutiert: Zum einen ein Verbot der Herstellung, Verbreitung, Veröffentlichung und des Erwerbs "virtueller Killerspiele", zum anderen eine Ausweitung der Indizierung auf "gewaltbeherrschte" Spiele. Halten Sie einen der Vorstöße für sinnvoll?

Foto: Alexander T. MüllerFoto: Alexander T. Müller
Ich gehöre zu den Menschen in Deutschland, die Computerspiele und vor allem den elektronischen Sport fest als Jugendkultur verankert haben. Seit unseren ersten Schritten vor zehn Jahren haben wir stets das Thema Jugendschutz mit all seinen Facetten beachtet und sind damit offen umgegangen, sei es nun im Falle von Veranstaltungen mit einer Altersbeschränkung von 18+ oder von gewissen Spieltiteln, die einfach nicht gespielt oder gezeigt werden durften. Dabei hatten wir immer eine Maxime: den verantwortungsvollen Umgang mit dem Medium Computerspiel vorleben und auch anderen zu einem kritischen Umgang zu verhelfen.


Die erste Frage, die man sich stellen muss, ist sicherlich, ob ein Verbot generell ein richtiger Schritt sein kann und wenn ja, an welcher Stelle es kommt. In meinen Augen muss der gesamte Rahmen um dieses Problem zunächst emotionslos betrachtet werden. Wir neigen in Deutschland oft – getrieben von den Medien und der Politik – schnell dazu, ein Thema zu stigmatisieren und uns damit der eigentlichen Problematik zu verschließen. Ein Ruf nach einem Verbot wirkt in meinen Augen wie die schnellstmögliche Reaktion auf ein Problem. Wird das Verbot so schnell verlangt wie in diesem Fall, dann habe ich meist meine Zweifel, dass sich die agierenden Personen mit der Materie wirklich auseinander gesetzt haben und somit einen solchen Vorschlag vorantreiben können und sollen.

Die praktische Umsetzung eines Verbots zur Herstellung, Verbreitung, Veröffentlichung und des Erwerbs halte ich für nicht möglich. Vor allem dann, wenn das Verbot nicht global gilt. Ein Beispiel: Das Spiel "Quake 3" ist in Deutschland indiziert. In England hat es eine Einstufung als 16+ Titel erhalten. Auch in den USA steht es in den Regalen der Kaufhäuser. Auf Gaming-Seiten im Internet werden diese Spiele bereits vor Erscheinen und vor der USK Prüfung diskutiert und besprochen. "Quake 3" wird in Amerika von ID Software hergestellt. Es ist eine feste Größe im Gaming-Markt, jeder Spieler kennt die Quake-Titel und wartet auf den nächsten. Das Produkt erscheint und wird weltweit vertrieben. Es gibt hier auch für Spieler aus Deutschland genügend Möglichkeiten, den Titel in anderen Ländern bzw. online zu erwerben. Bilden wir uns tatsächlich ein, einen wirkungsvollen Schutzmechanismus installiert zu haben, wenn wir ein Verbot hierfür aufstellen?

Ich denke, das Verbot an dieser Stelle ist wirkungslos und wird vorgeschoben anstatt sich tatsächlich verantwortungsvoll damit auseinanderzusetzen. Ich bin selber Vater. Mir liegt viel daran, meine Tochter so zu erziehen, dass solche Themen offen besprochen und diskutiert werden. Ein Verbot kommt für mich an letzter Stelle und ist von mir als Vater umzusetzen.

Damit es nicht zu Missverständnissen kommt: es ist in meinen Augen unabdingbar, dass wir uns als Gesellschaft kritisch mit den Inhalten von Computerspielen auseinandersetzen und entsprechende Konsequenzen ziehen. Ein Verbot wie gefordert halte ich für falsch. Es gibt das falsche Signal an Erziehungsberechtigte und an das soziale Umfeld. Vielmehr sollte die Energie, die hier aufgebracht wird, in Weiterbildung und vor allem in Aufklärung investiert werden. Nur so kann eine nachhaltige Wirkung in der Gesellschaft erreicht werden, die dann dazu befähigt, eingenständig und verantwortungsvoll mit diesem Thema umzugehen.

Die Ausweitung der Indizierung ist für mich eine mögliche Maßnahme. Es gibt Spiele und Inhalte, denen der Zugang zu unserem Markt verwehrt werden muss. Vor der Novellierung hat die BPJS, später dann BPJM dort in vielen Punkten richtig agiert. Lobenswert ist die Auseinandersetzung mit dem Spiel "Counter-Strike" verlaufen. Hier greifen die Mechanismen bereits sehr gut. In diesem Punkt bin ich offen für eine stärkere Thematisierung und Auseinandersetzung.

Über Internet-Tauschbörsen und raubkopierte DVDs können Jugendliche auch neben dem Handel an indizierte oder für sie nicht freigegebene Spiele gelangen. Macht dies Gesetze sinnlos? Wie kann dem begegnet werden?

Man muss nicht so weit gehen und von Tauschbörsen oder raubkopierten DVDs sprechen, wenn man sich die Frage stellt, wie Jugendliche an Spiele kommen, die für sie in Deutschland eigentlich nicht freigegeben sind. Eine Klassenfahrt nach London oder ein Freund nahe der niederländischen Grenze, all das reicht schon aus, um sich sehr schnell Zugang zu verschaffen. Oder nehmen wir die Online-Plattform "Steam", über die Spiele wie "Counter-Strike" oder "Team Fortress" vertrieben werden. Mit einem Account auf dieser Seite kann sich ein Jugendlicher Zugang zu den entsprechenden Medien verschaffen. Eine Kreditkarte als Altersverifikation ist selten eine wirkliche Hürde.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in Deutschland eine absolute Geisterdebatte führen, die am Kern der Sache deutlich vorbei geht. Das Internet mit all seinen Möglichkeiten hebelt die meisten Vorschläge, wie sie jetzt gemacht wurden, aus. Da muss man sich sicher keine falschen Hoffnungen machen. Natürlich kann ein Verbot eine gewisse Hürde darstellen, aber es ist eben sehr sehr durchlässig und entfaltet sicher nicht die gewünschte Wirkung. Dafür muss man sich dem Problem ganz anders nähern.

Man muss in Deutschland umdenken. Man muss verstehen, dass die Debatte anders geführt werden muss:

Wie kann ich ein Kind vor Inhalten jeglicher Art schützen, wenn seine Eltern nicht wissen, was auf der Festplatte des Rechners installiert ist? Wie kann ich den Anspruch haben, ein Kind richtig zu erziehen, wenn ich mich mit den Einflüssen, denen es ausgesetzt ist und damit meine ich jegliche Medien, nicht auseinander setze? Wie will ich ein Kind in unserer Medienlandschaft begleiten, wenn ich keine Ahnung von den Inhalten habe?

Ein Verbot ist in meinen Augen keine Lösung, sondern eine sehr platte Reaktion, ohne sich mit einem Problem tatsächlich auseinandergesetzt zu haben. Ich nehme mir das Recht heraus, meiner Tochter das Spiel "Counter-Strike" zu erlauben, wenn sie in meinen Augen das richtige Alter erreicht hat und Interesse daran hat. Genauso nehme ich mir aber auch das Recht heraus, den Titel "Manhunt" in unserem Haushalt zu verbieten. Darüber reden werden wir aber dann zu gegebener Zeit.

Was ich damit sagen möchte ist, dass gerade beim Thema Computerspiele endlich ein Dialog einsetzen muss zwischen allen Beteiligten und vor allem dort, wo es zählt, innerhalb der Familie.


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