Dossierbild: Verbotene Spiele

7.8.2007 | Von:
Monika Griefahn

Stigmatisierung einer Branche

Mit der verengten Debatte, die sich ausschließlich um Killerspiele dreht, tut man nicht nur den Spielerinnen und Spielern Unrecht, sondern stigmatisiert zugleich eine sehr interessante und innovative Branche.

Die USK wird derzeit als gemeinnützige Gesellschaft zwischen dem Wirtschaftsverband BIU und den Bundesländern neu aufgestellt, nachdem ihr unter anderem vorgeworfen wurde, ihre Unabhängigkeit von der Wirtschaft sei nicht eindeutig genug. Reicht diese Umorganisation?

Foto: Monika GriefahnFoto: Monika Griefahn
Die Umorganisation scheint mir ein wichtiger Schritt zu sein. Ich freue mich, dass die Industrie damit ein klares Zeichen setzt, dass Sie bei dem Thema Gewaltspiele nicht daran interessiert sind, reine Wirtschaftsinteressen auf Kosten des Kinder- und Jugendschutzes durchzusetzen. Stattdessen wollen sie durch die Umorganisation für Transparenz sorgen und deutlich machen, dass die Alterseinstufung durchaus unter Aufsicht und Einfluss von staatlichen Institutionen geschieht.


Wenn man jedoch nicht gewalthaltige Spiele in den Fokus nimmt, sondern sich die gesamte Vielfalt im Spielesektor ansieht, dann wird schnell klar, warum es gar nicht im Interesse der Industrie sein kann, Verbesserungen bei der Struktur zu verhindern. Gewaltspiele nehmen in Deutschland im Verhältnis einen eher geringen Anteil an den verkauften Spielen ein. Im letzten Jahr waren sechs der zehn am meist verkauften Spiele für Kinder und Jugendliche ganz ohne Altersbeschränkung freigegeben. Keines der anderen vier Spiele hatte eine höhere Alterseinstufung als "Freigegeben ab 12 Jahre". Das zeigt deutlich, dass Fußball- und Denkspiele, Autorennen oder historische Strategiespiele weitaus beliebter und erfolgreicher sind als Gewaltspiele.

Mit der verengten Debatte, die sich in den letzten Monaten fast ausschließlich um die gewalthaltigen Angebote drehte, tut man also nicht nur den Spielerinnen und Spielern Unrecht, sondern stigmatisiert gleichzeitig eine gerade in Deutschland sehr interessante und innovative Branche. Aus diesem Grund ist es gut und richtig, dass sich die Industrie in Zusammenarbeit mit den Ländern bemüht, durch Umstrukturierung der USK zu erreichen, dass das System der Alterseinstufung noch effektiver und transparenter wird.

Gerade weil wir jedoch in Deutschland so eine lebendige Branche haben, sollte dringend darüber nachgedacht werden, wie man noch besser deutsche Unternehmen innerhalb der USK berücksichtigen kann. Der BIU, der als Verband gar keine deutschen Hersteller unter seinen Mitgliedern hat, bildet zwar einen wichtigen Teil, aber dennoch nur einen Ausschnitt der Unternehmen ab. Durch die Aufnahme von deutschen Herstellern, sollten auch diese an den Prüfungen beteiligt werden.

Intransparente Prüfkriterien, uneinheitliche Qualität der Gutachten, zu niedrige Alterseinstufungen, nicht immer optimale Abstimmung mit der Prüfung durch die BPjM lauteten weitere Vorwürfe an die USK. Muss die jetzige Begutachtungspraxis geändert werden?

Ich denke, im Großen und Ganzen haben sich der Jugendschutz und die Begutachtungspraxis bewährt. Das sieht auch das Hans-Bredow-Institut in seinem Gutachten so. Was jetzt eine Rolle spielen muss, sind sinnvolle Verbesserungen innerhalb des Systems. Über einige Vorschläge wie einen Leitfaden für die Prüfungen, eine höhere Anzahl von Prüfern, ein Abgleich der geprüften mit den veröffentlichten Versionen oder eine bessere Zusammenarbeit der unterschiedlichen Ebenen muss in Hinblick auf die USK diskutiert werden.

Momentan können einzig Spiele, die keine Altersfreigabe von der USK erhalten haben, indiziert werden. Das ist richtig, denn darauf basiert das wertvolle System der Selbstkontrolle. Bei Spielen, bei denen die USK eine Kennzeichnung jedoch ablehnt oder bei solchen, die der USK erst gar nicht zur Prüfung vorgelegt werden, ist momentan nicht sichergestellt, dass eine Indizierungsprüfung erfolgt, bevor der Abverkauf in den Geschäften bereits stattgefunden hat. Hier kommt es darauf an, das Indizierungsverfahren zu verbessern, vor allem indem es beschleunigt wird.

Neben den USK-Einstufungen finden sich oft auch die Alterskennzeichnungen des europäischen PEGI und des amerikanischen ESRB auf Spielepackungen - was beim Einkauf potentiell verwirrt. Einige Prüfer meinen zudem, die jetzigen USK-Altersstufen (ab 0, ab 6, ab 12, ab 16, ab 18) seien nicht fein genug. Muss die Alterskennzeichnung reformiert werden?

In diesem Punkt gehen die wissenschaftlichen Meinungen auseinander. Auch ich finde den Abstand zwischen 6 und 12 Jahren und insbesondere zwischen 12 und 16 Jahren verhältnismäßig groß – zumindest gemessen an den deutlichen Entwicklungsschritten von Jungen und Mädchen in diesem Alter. Allerdings ist die individuelle Entwicklung wiederum so unterschiedlich, dass das Prinzip der Kategorisierung im Einzelfall automatisch an seine Grenzen stößt.

Im Gespräch mit dem Hans-Bredow-Institut haben wir gebeten, genau diese Frage in der gegen Ende des Jahres vorliegenden Hauptevaluation des Jugendschutzes zu thematisieren, um uns noch einmal genauer und fundierter mit dieser Frage beschäftigen zu können. Änderungen in solch einem grundlegenden Bereich hätten nicht nur Auswirkungen auf die Einordnung von Computerspielen, sondern würden auch andere Medien wie beispielsweise Filme betreffen. Hier müssen beispielsweise zusätzlich Unterschiede in der Rezeption berücksichtigt werden.

Wie soll die Umsetzung der Indizierungen und USK-Einstufungen im Handel gewährleistet werden?

In der SPD-Bundestagsfraktion haben wir das Gespräch mit Vertretern des Handels gesucht und waren erfreut, dass diese einem besseren Vollzug der Regeln zum Jugendschutz beim Verkauf sehr aufgeschlossen gegenüberstanden. Die meisten großen Handelsketten haben bereits wirkungsvolle Systeme. Computerspiele stecken hier in gesicherten Plastikverpackungen, die zudem je nach Altersstufe eingefärbt sind. Beim Kauf eines altersbeschränkten Produktes erscheint an der Kasse der Hinweis für die Kassiererin, dass die Käuferin oder der Käufer auf sein Alter hin kontrolliert werden muss. Gleichzeit hängen viele größere Geschäfte die Hinweise der USK in den Verkaufsräumen aus.

Auch wenn sich bei den großen Kaufhausketten mit Mitarbeiterschulungen, mehr Kontrollen oder besser abgetrennter Platzierung der Spiele sicher noch einiges verbessern ließe, so sind die wirklich problematischen Verkaufstellen eher die kleinen Läden. Hier kennt die Verkäuferin oder der Verkäufer die Regeln zum Jugendschutz oft nicht so genau oder nimmt es mit ihnen nicht so genau. In diesen Fällen ist zum einen zu überlegen wie die Händler noch besser auf die strikte Anwendung der Altersbeschränkungen hingewiesen werden können und wie zum anderen effektive Kontrollen und Testkäufe stattfinden können. Staatliche Regelungen sind dabei eine Sache. Ebenso ist es jedoch auch Aufgabe des gesamten Handels und in seinem Interesse, sicherzustellen, dass keine gekennzeichneten Spiele an zu junge Kinder und Jugendliche abgegeben werden. Hier könnten ein "Code of Conduct" als Grundlage für die Implementierung von Standards oder ein klarer Berufkodex helfen.

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