Dossierbild: Verbotene Spiele
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7.8.2007 | Von:
Dr. Klaus Spieler

Staatlicher, freiwilliger und kultureller Schutz

Zum Jugendschutz gehört neben Gesetzen und der freiwilligen Selbstkontrolle auch der kulturelle Schutz: Eltern müssen die Medien ihrer Kinder verstehen und über ethische und ästhetische Kriterien verfügen.

Die USK wird derzeit als gemeinnützige Gesellschaft zwischen dem Wirtschaftsverband BIU und den Bundesländern neu aufgestellt, nachdem ihr unter anderem vorgeworfen wurde, ihre Unabhängigkeit von der Wirtschaft sei nicht eindeutig genug. Reicht diese Umorganisation?

Foto: Dr. Klaus SpielerFoto: Dr. Klaus Spieler
Die USK war als eine Einrichtung der freiwilligen Selbstkontrolle lange vor der Neuregelung des gesetzlichen Jugendschutzes entstanden. Sie hatte Altersempfehlungen vergeben, die tatsächlich durch die USK und durch ihren Träger, den fjs e.V. zu verantworten waren. Dass die USK schon in dieser Situation gut und sorgfältig gearbeitet hatte, wird u.a. daran deutlich, dass von insgesamt 8.000 Titeln unter "18" in neun Jahren insgesamt nur vier indiziert worden sind.

Seit Inkrafttreten des Jugendschutzgesetzes in der Fassung von 2003 sind die Obersten Landesjugendbehörden zuständig für die gesetzliche Freigabe und Kennzeichnung von Computerspielen. Dabei werden sie durch die USK logistisch und fachlich unterstützt.




Es ist allerdings nicht gelungen, diese neue Verantwortung gegenüber der Politik und Öffentlichkeit zu verdeutlichen. Nach wie vor richtete sich die Kritik an den Altersfreigaben und beispielsweise am Zusammenwirken mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien an die USK und ihren Träger.

Ein wesentlicher Angriffspunkt war allerdings auch das vom fjs vertretene Konzept von der kulturellen Kontrolle des Mediums. Die Nutzung von Computerspielen ist wie bei anderen kulturprägenden Medien nicht allein mit den Mitteln des gesetzlichen Jugendschutzes zu kontrollieren. Kulturelle Kontrolle über das Buch bedeutet beispielsweise, dass Eltern und Erzieher nicht nur in der Lage sind, die Bücher ihrer Kinder zu lesen, sondern dass sie auch über ethische und ästhetische Kriterien verfügen, um ihre Kinder zu einem sinnvollen Medienverhalten zu erziehen.

Darauf hinzuwirken war bisher immer eine wichtige Seite der Arbeit der USK und des fjs. Jugendschutz für ein kulturelles Medium ist eben nicht vergleichbar mit Jugendschutz vor Nikotin und Alkohol. Es kann nicht darum gehen, Kinder und Jugendliche total vor den Wirkungen des Mediums zu schützen. Diese sind ja weitgehend erwünscht für ihre Entwicklung. Das entsprach allerdings nicht jener Auffassung von Jugendschutz, die von bestimmten Kritikern vertreten wurde. So gesehen wird die neue Trägerschaft der USK zu einem klareren Profil und zu einer deutliche Zuordnung der Verantwortung für die Alterskennzeichen führen.

Dass die Verantwortung für den Schutz der Kinder und Jugendlichen nicht an die Einrichtung delegiert werden kann, die die Alterskennzeichnung durchführt, dürfte allerdings auch klar geworden sein. Die Realität des global vernetzten Kinderzimmers und der vorwiegend hier angesiedelten Mediennutzung bleibt. Und die Kontrolleure des Kinderzimmers sind die Eltern, die Erzieher und natürlich auch die Altersgruppen der Kinder und Jugendlichen selbst. Diese müssen zum verantwortungsvollen Umgang mit dem Medium angeregt und befähigt werden.

Intransparente Prüfkriterien, uneinheitliche Qualität der Gutachten, zu niedrige Alterseinstufungen, nicht immer optimale Abstimmung mit der Prüfung durch die BPjM lauteten weitere Vorwürfe an die USK. Muss die jetzige Begutachtungspraxis geändert werden?

Ja und nein. In den letzten Jahren ist das Interesse der Öffentlichkeit und der Politik an den sozialen Wirkungen des Mediums Computerspiel und demzufolge auch am Jugendschutz in diesem Medien deutlich gewachsen. Das war für die Einrichtung, die dabei in die Kritik geriet, nicht immer bequem. Für den Jugendschutz ist das ein Gewinn. Die USK ist eine Agentur des öffentlichen Interesses am Jugendschutz im Medium Computerspiel. Sie muss kritische Hinweise aus Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft begrüßen, als Chance, sich weiterzuentwickeln.

Hinter der "Killerspieldebatte" stehen ja so wichtige Fragen wie die nach den ethischen Mindeststandards, die die Gesellschaft gegenüber dem neuen Medium geltend machen will. Denn natürlich geht es beim Jugendschutz nicht nur um die Wirkungsvermutungen. Wenn das so wäre, müssten die Vorstellungen über das Schützenswerte in Europa sehr einheitlich sein. Wir haben eine Wertediskussion in Deutschland und müssen uns interessiert an ihr beteiligen. Das heißt einerseits, die eigenen Kriterien zu prüfen und andererseits diese Kriterien für den Alltag der Eltern und Erzieher transparenter und nachvollziehbarer zu machen. Dabei muss allerdings auch vermittelt werden, dass Jugendschutz beim Computerspiel, ebenso wie in anderen Medien kulturelle Grenzziehung ist. Er kann nicht im Abarbeiten von Kriterienlisten bestehen.
Am Ende geht es um eine Bewertung, die mit Mehrheitsentscheidung im fünfköpfigen Prüfgremium getroffen wird. In der USK wirken insgesamt 55 Gutachterinnen und Gutachter mit. Jede Oberste Landesjugendbehörde hat das Recht, mindestens zwei zu benennen. Es ist gewollt, dass diese auch ihre jeweilige Fachlichkeit und Subjektivität in den Bewertungsvorgang einbringen.

Jährlich finden acht Fachtage statt, in denen die Gutachter sich über neue Ergebnisse u.a. der Wirkungsforschung und der Pädagogik informieren, aber auch über die Gutachten austauschen. Die USK stellt ihnen schon verschiedene Handreichungen zur Verfügung. Derzeit werden diese Handreichungen in Form eines Qualitätshandbuches zusammengefasst und weiterentwickelt. Trotzdem wird man die Qualität der Gutachten nicht völlig vereinheitlichen können.

Im Rahmen der Gutachterfortbildung fanden schon immer Veranstaltungen gemeinsam mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien statt. Neu ist, dass eine Beisitzerin und ein Beisitzer der Bundesprüfstelle als Gutachterin und Gutachter bei der USK mitarbeiten, was die Kriterienabstimmung auf der Arbeitsebene sehr erleichtern wird.

Neben den USK-Einstufungen finden sich oft auch die Alterskennzeichnungen des europäischen PEGI und des amerikanischen ESRB auf Spielepackungen - was beim Einkauf potentiell verwirrt. Einige Prüfer meinen zudem, die jetzigen USK-Altersstufen (ab 0, ab 6, ab 12, ab 16, ab 18) seien nicht fein genug. Muss die Alterskennzeichnung reformiert werden?

Jugendschutz ist nationalkulturell geprägt. Wir Deutschen haben eine besondere Sensibilität gegenüber dem medialen Umgang mit Krieg und Gewalt. Das hat auch etwas mit unserer Geschichte zu tun. Selbst unsere unmittelbaren europäischen Nachbarn haben dazu ein anderes Verhältnis. So unterscheiden sich die Altersempfehlungen von PEGI und ESRB in diesem Punkt sehr deutlich von den deutschen Altersfreigaben. Umgekehrt ist unser Umgang mit sexuellen Bezügen und schlechter Sprache entspannter. Gemeinsamkeiten gibt es eher gegenüber den verschiedenen Formen sozialer Diskriminierung.

Die Verwirrung resultiert also nicht bloß aus dem Nebeneinander verschiedener Altersratings. Die Altersempfehlungen und die Alterskennzeichen unterscheiden sich teilweise beträchtlich. Das ist eine ungute Situation. Eine gesetzliche vorgegebene Vergrößerung der USK-Kennzeichen könnte hier teilweise Abhilfe schaffen.

Auch das Problem der Altersstufen wird nicht befriedigend zu lösen sein. Für die Zehnjährigen werden beispielsweise nur Spiele freigegeben, die schon für die Sechsjährigen unbeeinträchtigend sind. Aber wenn ich das System weiter differenziere, wird es immer unübersichtlicher und unkontrollierbarer werden. Dazu kommt, dass es in den einzelnen Alterskohorten erhebliche Abweichungen vom Durchschnitt gibt, u.a. die großen geschlechterspezifischen Unterschiede in einzelnen Altersstufen. Konsequenterweise bedürfte es dann auch geschlechterspezifischer Kenzeichen.

Ob die bisherigen Altersstufen (0, 6, 12, 16) sinnvollerweise durch andere ersetzt werden könnten, wird gegenwärtig im Dialog mit der Wissenschaft geprüft. Aber: Spiele mit der Altersfreigabe "0" (Freigegeben ohne Altersbeschränkung) bis "12" werden in der Regel von Erwachsenen, auch für die Kinder, gekauft. Hier sollte es also eher darum gehen, deren Kompetenz zur Medienerziehung der Kinder und Jugendlichen zu stärken.

Wie soll die Umsetzung der Indizierungen und USK-Einstufungen im Handel gewährleistet werden?

Die Umsetzung der Indizierungen bedeutet, dass ein Medium in der Öffentlichkeit für Kinder und Jugendliche unsichtbar gemacht werden muss und dass es nicht im Wege des Versandhandels vertrieben werden darf. Das ist m.E. ausreichend gegeben.

Bei der altersgerechten Abgabe von Spielen im Handel gibt es noch Verbesserungsbedarf beispielsweise hinsichtlich elektronischer Warnsysteme an den Kassen und einer Verstärkung der Kontrolle durch Testkäufe. Wenn die Ordnungsbehörden deutlicher auf die Einhaltung des Gesetzes achten, hätte das auch eine symbolische Bedeutung. Eltern und Erzieher wird demonstriert, dass die Beachtung der Alterskennzeichen nicht unwesentlich ist.

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