Dossierbild: Verbotene Spiele

28.8.2007 | Von:
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Transkript: Welche Rolle spielt die Wirtschaft?

Am 26. September diskutierten Jörg Tauss und Martin Lorber im Live-Chat über die Frage: Welche Folgen hätte ein "Killerspiel"-Verbot für die Wirtschaft?

Chat Jörg Tauss und Martin Lorber

Moderator: Herzlich willkommen zum dritten Chat der Online-Debatte "Verbotene Spiele?" der Bundeszentrale für politische Bildung. Heute diskutieren der SPD-Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss und Martin Lorber vom Publisher Electronic Arts an dieser Stelle live über die Frage: "Welche Rolle spielt die Wirtschaft?" bei einem diskutierten Verbot sog. "Killerspiele"?


Moderator: Zum Anfang möchte ich beide Diskussionsteilnehmer um ein kurzes Statement bitten: Wie ist Ihre Position zum derzeit diskutierten Verbot von so genannten "Killerspielen"?

Jörg Tauss: Ich halte die Diskussion für sehr populistisch, zumal es eine Reihe von eindeutigen Vorschriften heute schon gibt.

Martin Lorber: Die Diskussion über ein Verbot von so genannten "Killerspielen" geht in unseren Augen an der Sache vorbei. Zum einen liegt immer noch keine juristisch haltbare Definition des Begriffs "Killerspiel" vor - dies insbesondere vor dem Hintergrund, das vergleichbare Verbote dann ja auch für Filme, Fernsehprogramm, Bücher usw. zu gelten hätten. Auch das gelegentlich diskutierte Produktionsverbot ist juristisch äußerst problematisch, da wohl kaum sinnvoll festzulegen ist, wann eine Produktion beginnt (Schon bei der ersten Skizze in einer Abteilungsbesprechung? Wenn erste Programmcodes stehen? Erst bei der Produktion der eigentlichen DVD?). Wir gehen davon aus, dass eine juristisch belastbare Definition des Begriffs "Killerspiel" deckungsgleich wäre mit dem, was bisher schon - und aus guten Gründen - durch Paragraph 131 Strafgesetzbuch (StGB) verboten ist. Die Diskussion ist also auch in unseren Augen sehr populistisch geführt.

Jörg Tauss: Herr Lorber hat das jetzt sehr schön gesagt. :-) Ich stimme zu.

Moderator: Dann lassen Sie uns gleich mit einer längeren Frage in die Diskussion einsteigen: Neben dem bayerischen Gesetzentwurf zum "Killerspielverbot" wird ja der Entwurf des Bundesfamilienministeriums diskutiert, der eine Ausweitung der Indizierung auf "gewaltbeherrschte" Spiele vorsieht und bislang dahingehend kritisiert wurde, dieser Begriff sei zu breit und erzeuge dadurch Rechtsunsicherheit. Mitte September drangen nun präzisere Formulierungen des Entwurfs an die Presse. Demnach soll die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in Zukunft solche Spiele von sich aus indizieren, die "besonders realistische, grausame und reißerische Darstellungen selbstzweckhafter Gewalt beinhalten, die das Geschehen beherrschen" oder in denen "Selbstjustiz als einzig bewährtes Mittel zur Durchsetzung der vermeintlichen Gerechtigkeit nahe gelegt wird". Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag?

Martin Lorber: Wir denken, dass die Diskussion in die richtige Richtung geht. Was den Gewaltbegriff angeht, denken wir aber, dass für Computer- und Videospiele gleiche Maßstäbe gelten sollten, wie für andere Medien auch. Die Diskussion über Gewaltdarstellungen müsste die Darstellungen in Büchern, Filmen und im Fernsehen auch einbeziehen. Wir würden dann allerdings schnell merken, dass es sehr schwierig ist, von staatlicher Seite Regeln aufzustellen, was in Ordnung ist und was nicht. Diese Frage ist aber von der Jugendschutzthematik zu trennen. Wir reden bei solchen Spielen ja von Unterhaltung für Erwachsene. Und hier ist es gute rechtliche Tradition, dass der Staat keine ästhetische Wertmaßstäbe vorschreibt.

Jörg Tauss: Da haben wir zwei Probleme: Auch hier gibt es wieder schwierige Definitionsfragen, z.B. beim Selbstzweck, aber auch bei der Frage, wie dann bspw. Filme wie Rambo zu bewerten wären, bei denen Selbstjustiz ja gleichfalls ganz "selbstverständlich" im Mittelpunkt steht. Eine einheitliche Bewertung von Medien ist daher sehr schwierig. Bei allen Regulierungen in diesem Bereich sind wir deshalb auch sehr nahe beim Problem der Freiheit von Meinung und Kunst. Bezweckt ist nicht Erwachsenenschutz sondern Jugendschutz, bei dem wir allerdings mit gesetzgeberischen Maßnahmen immer mehr an die natürlichen Grenzen in einer digitalisierten Welt stoßen. Diesen Spagat müssen wir machen: Effizienter Jugendschutz auf der einen Seite und die Vermeidung der Bevormundung Erwachsener auf der anderen Seite.

Martin Lorber: Dem kann ich nur zustimmen.

Moderator: Dann zur ersten Frage, vielleicht zuerst an Herrn Lorber: Nehmen wir an, in Deutschland dürften keine "Killerspiele" im Sinne des bayerischen Gesetzentwurfs mehr produziert und verbreitet werden. Welche Auswirkungen hätte dies auf die Computerspielindustrie?

Martin Lorber: Zunächst würde es natürlich bedeuten, dass die Entwickler der Spiele, die in diese Kategorie fallen, ins Ausland abwandern würden. Für die Industrie als Ganzes hätte das wenig Auswirkung, da es sich um eine globalisierte Industrie handelt. In welchen Orten sich die Unternehmenssitze befinden, ist für die Unternehmen selbst von untergeordneter Bedeutung. Was nun die Verbreitung angeht, würden die Unternehmen natürlich diese einstellen. Welche Umsatzeinbußen das mit sich bringen würde, ist schwer zu sagen, da ja wie gesagt, eine Definition des Begriffes "Killerspiele" vorliegt. Mit Spielen, die von der USK keine Jugendfreigabe erhalten haben (also ab 18 sind) wird derzeit ein Umsatz von circa fünf bis sieben Prozent des Gesamtumsatzes an Spielen gemacht. Das heißt, die Bevölkerung in Deutschland kauft zu 93 bis 95 Prozent Spiele, die ab 16 oder darunter freigegeben sind und also sicherlich nicht in die Kategorie "Killerspiele" fallen. In den Top Ten finden sich regelmäßig an erster Stelle Autorennspiele, Sport- und sonstige Simulationen.

Jörg Tauss: Unsere schwache Comupterspielindustrie in Deutschland, die sich ohnehin in völlig anderen Bereichen tummelt, würde weiter diskreditiert und Schaden nehmen. Der bayerische Vorstoß ist deshalb nicht nur populistisch sondern auch ökonomisch schädlich. Ganz im Gegenteil wird vermieden, tatsächlich sinnvolle Lösungen in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen. Aber so ist halt die CSU. ;-) Aus meiner Sicht ist sich zumindest die deutsche Computerspielindustrie ihrer Verantwortung in der Vergangenheit bewusst gewesen, was auch die Gründung der USK im Jahre 94 beweist. Deshalb sollten Lösungen nicht gegen die Hersteller sondern sinnvollerweise mit ihnen und den Nutzern diskutiert werden.

Martin Lorber: Die Lösung wäre, zunächst den bayerischen Vorstoß da zu belassen, wo er im Augenblick ist (auf unbestimmte Zeit vertagt) und gemeinsam daran zu arbeiten, den Jugendschutz effektiver zu machen.

Jörg Tauss: Eine verbesserte Durchsetzung der Alterskennzeichnung, auch in den Verkaufsstellen, dürfte schon ein wesentlicher Beitrag zur Entschärfung des Problems sein. Insofern gebe ich Herrn Lorber Recht, dass praktische Probleme bei der Diskussion im Mittelpunkt stehen müssten. Solange Omas dem zwölfjährigen Enkel Spiele ab 18 kaufen, können wir das Problem gesetzgeberisch kaum in den Griff bekommen.

Paritze: Wie kann es sein, das die USK einen Erwachsenen Bürger vorschreibt was er spielen darf und was nicht?

Jörg Tauss: Die USK schreibt überhaupt nichts vor sondern bewertet, welches Spiel altersentsprechen geeignet oder ungeeignet ist. Es geht hier also nicht um Erwachsene.

Martin Lorber: Was Herr Tauss sagt, ist richtig.

Jörg Tauss: Dennoch müssen wir uns natürlich überlegen, wie wir das Instrument USK weiter verbessern können. Hierzu sind auch alle Beteiligten bereit.

Sukram71: Schon heute geben viele ihr Geld lieber für Spiele in der ungeschnittenen Originalversion aus. Warum sollte sich etwas daran ändern, wenn man noch stärkere "Zensur" in Computerspielen einführt?

Martin Lorber: Computerspiele sind digital und können natürlich online verbreitet werden. Viel wichtiger ist der Aspekt der Aufklärung. Eltern und Lehrer müssen sich mehr damit beschäftigen, was Kinder und Jugendliche spielen. Es gibt bereits wichtige Initiativen in diesem Bereich, zum Beispiel das Institut "Spielraum" der Fachhochschule Köln. Später kann ich gerne noch etwas zu dem Runden Tisch der Verantwortung sagen, zu dem die Industrie kürzlich geladen hat.

Jörg Tauss: Ich stimme Herrn Lorber zu. Moderner Jugendschutz müsste heute sehr viel stärker durch die Vermittlung von Medienkompetenz durchgesetzt werden, denn durch gesetzgeberische Maßnahmen. Dennoch können solche auch nicht ausgeschlossen werden. Aber was Bayern ignoriert ist, dass hier bereits sehr sinnvolle rechtliche Regelungen bestehen - Stichwort §131 StGB.

Martin Lorber: Dass es den § 131 bereits gibt, wissen natürlich auch die Verantwortlichen in Bayern. Die Frage ist also, welche Ratio steckt hinter dieser Initiative. Ich kann da natürlich nur spekulieren.

Jörg Tauss: Wir überlegen uns auch, eine Plattform für gute Computerspiele zu fördern. Dies wäre für die Eltern und Erzieher ein wichtiger Beitrag und kann sinnvoll sein, wenn darauf Spiele zu finden sind, die auch die Kiddies nicht langweilen sondern herausfordern.

Martin Lorber: An sich ist das eine gute Idee, wenngleich es ja schon viele Auszeichnungen für "gute Computerspiele" gibt. Wenn man die Sache im Detail anschaut, wird es schwierig. Wer soll denn entscheiden, was ein "gutes Computerspiel" ist? Müssen sich diese Kriterien von denen der Käufer unterscheiden?

Jörg Tauss: Ich habe es bereits gesagt: Blanker Populismus und ein Professor Pfeiffer, der sich wichtig macht und sich der wissenschaftlichen Medienwirkungsforschung völlig entzieht. Auszeichnungen halte ich auch für einen richtigen Weg. Die Plattformidee gefällt mir aber richtig gut. Die Kriterien müssen sich keinesfalls unterscheiden, aber schon auf der Games Convention sieht man genügend Spiele, die richtig Spaß machen und nicht Gewalt und Ballerei allein bieten. Diese Unterscheidung in gut und weniger gut kann ich so gut treffen, wie etwa beim Jugendfilm oder bei der Beurteilung darüber, ob eine Schule etwas taugt oder nicht.

Moderator: Herr Lorber, wollen Sie antworten?

Martin Lorber: Gerne. Man muss nur klar kommunizieren, was man vor welchem Hintergrund auszeichnen möchte: ein pädagogischer Nutzen, die ästhetische Gestaltungskraft, Erfolg beim Publikum. Das wären mögliche Ansätze und es gibt sicherlich noch viele weitere.

Jörg Tauss: Einverstanden.

Martin Lorber: Wir denken aber auch, dass der Computer- und Videospielbranche ein Award mit Strahlkraft fehlt, vergleichbar den Preisen, für Kinofilme, die auf den einschlägigen Festivals verliehen werden.

Jörg Tauss: Auch über einen wirklich bedeutenden Preis für Computerspiele in Deutschland denken wir nach. Komischerweise gibt es allerdings an diesem Vorhaben auch Kritik aus der Jugendschützerszene, die dies für ein falsches Signal hält. Diese Kritik kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

Moderator: Eine Rückmeldung zur USK und Altersfreigabe für Erwachsene:

ElNabo: In der Frage Nr. 1 geht es sehr wohl um Erwachsene, die Frage ist nur schlecht gestellt. Der Fragesteller wollte wohl wissen wie es sein kann das Spiele mit der Altersfreigabe ab 18 teilweise trotzdem sehr stark beschnitten sind. Wie rechtfertigen Sie also dies Zensur am mündigen Bürger ?

Jörg Tauss: Es kann natürlich auch sein, dass ein solches Spiel "ungeschnitten" überhaupt keine Altersfreigabe erhielte und dann auch im Handel auf Schwierigkeiten im Abverkauf stößt. Deshalb handelt es sich hier eher um eine Selbstzensur der Industrie, um einer Nichtfreigabe zuvor zu kommen. Ich denke aber, dass auch nicht alles erlaubt werden muss, was auf dieser Welt an Scheußlichkeiten denkbar ist.

Martin Lorber: In der Tat macht es ökonomisch wenig Sinn, in Deutschland ein Spiel herauszugeben, dass möglicherweise indiziert wird. Ein Altersrating "ab 18 Jahren" ist also wichtig. Die USK hat hierfür einigermaßen klare Kriterien und die will die Industrie erfülllen. Es ist eben so, dass in den einzelnen Ländern völlig unterschiedliche Meinungen darüber herrschen, was jugendgefährend ist und was nicht. Dauch die teilweise unterschiedlichen Versionen.

Moderator: Kommen wir einmal vom bayerischen Verbot zur verstärkten und automatischen Indizierung nach den Plänen den Bundesfamilienministeriums: Und welche Auswirkungen auf die Wirtschaft hätte eine automatische Indizierung von "gewaltbeherrschten" Computerspiele im Sinne der bisher bekannten Definition des Bundesfamilienministeriums?

Jörg Tauss: Also der Entwurf des Familienministeriums erscheint mir wesentlich realitätsnäher als der bayerische Vorstoß oder die Überlegungen der Innenministerkonferenz. Exakt an diesem Punkt sehe ich aber auch Schwachstellen in diesem Entwurf. Insbesondere unbestimmte Rechtsbegriffe in dieser Richtung machen den Vorstoß auch angreifbar.

Martin Lorber: Wir sind auch der Meinung, dass in diesem Punkt noch Diskussionsbedarf besteht. Und wie gesagt, ich verstehe nicht, warum man bei Computerspielen einen anderen Gewaltbegriff anwenden sollte, als bei Filmen und Büchern.

Jörg Tauss: Im Gutachten des Bredow-Instituts ist diese Überlegung des Familienministeriums mit angedacht und ich würde ganz gerne mit Betroffenen und Juristen an dieser Stelle weiter diskutieren. Der Weisheit letzter Schluss scheint es mir noch nicht zu sein. Praktische Maßnahmen wie die Kontrolle des Abverkaufs scheinen mir aber immer noch wesentlich wirksamer zu sein als eine kaum durchsetzbare Gesetzesnovelle.

Moderator: "Lokalisierungen", also Übersetzungen eines Spiels in deutsche Sprache, samt Anpassungen an den hiesigen Jugendschutz sind für Spieler ein so wichtiges Thema, dass die Unterschiede Original versus Lokalisierung mittlerweile standardmäßig in Spielrezensionen besprochen und oft beklagt werden. Welche Erfahrungen hat EA mit Spielerprotesten oder Umsatzverschiebungen gemacht, wenn Spieler sich dann doch lieber die "ungeschnittene" Originalversion besorgen, legal oder illegal?

Martin Lorber: Insgesamt gesehen, sind die Proteste der Spieler in dieser Hinsicht eher ein Randphänomen. Wir kommen den Bedürfnissen der Spieler so weit wie möglich entgegen. Das kann soweit gehen, dass wir für einzelne Spiele zwei unterschiedliche Versionen für den deutschen Markt produzieren.

Jörg Tauss: Nochmals zurück zu Herrn Lorber: Genau die Miteinbeziehung des Films ist mein Problem. Ich teile die Auffassung von Professor Pfeiffer überhaupt nicht, dass ein Computerspiel schon als solches wesentlich schädlicher als das pure Betrachten eines Films sein soll. Hier merkt man, dass Pfeiffer sich allenfalls am Rande mit Medienwirkungsforschung beschäftigt hat.

Martin Lorber: Ich sehe das so wie Herrn Tauss. Überhaupt ist die Herangehensweise, Computerspiele zunächst als ein Problem zu betrachten, abwegig.

Jörg Tauss: Dies ist möglicherweise auch der Hauptgrund dafür, dass Computerspiele in Deutschland von weiten Teilen der Gesellschaft eher als "igittigitt" betrachtet werden. Vielleicht ist dies auch der Grund, dass bei uns der ökonomische aber auch der kulturelle Aspekt von Computerspielen völlig unterbelichtet diskutiert wird.

Martin Lorber: Da muss ich Herrn Tauss etwas korrigieren. Computerspiele werden von weiten Teilen der Bevölkerung überhaupt nicht als "igittigitt" betrachtet. Im Gegenteil: Sie sind für viele das Leitmedium geworden. Mit Angst und Unbehagen sehen das nur diejenigen, die sich kaum damit beschäftigen.

Moderator: Herr Tauss möchte etwas einwerfen:

Jörg Tauss: Zwischenruf: Von mir auch nicht "igittigitt". Spiele ja gelegentlich selbst. Aber ich bin auch nicht allein "weite Teile der Bevölkerung". Die Zustimmung nach einem Killerspielverbot ist an den Stammtischen bis in den journalistischen Bereich hinein aber relativ hoch.

Moderator: Das führt uns zur nächsten Frage, die auch zur Antwort von Herrn Tauss passt:Welche Auswirkungen hat die Verbotsdebatte auf das Image der Computerspielindustrie in der Öffentlichkeit?

Martin Lorber: Das Image von Computerspielen bei den Menschen ist sehr gut, sonst würden sie ja nicht mehr Geld dafür als für das Kino ausgeben. Etwas differenzierter könnte man sagen, Spiele werden genauso kritisch wahrgenommen, wie etwa das Fernsehen. Also als ein selbstverständlicher Teil der modernen Unterhaltungskultur akzeptiert. Selbstverständlich nehmen wir aber auch wahr, dass Teile der Medien und der Entscheidungsträger sich dem Medium nur ungern nähern. Diese sind aber inzwischen längst in der Minderheit.

Jörg Tauss: Wenn es so ist, soll es mir recht sein. Dann wird Herr Beckstein in Bayern bald abgewählt. :-)

Moderator: Wie stehen Sie zu Kindersicherungen wie etwa den "Family Settings" in der XBOX360: Ist das zu begrüßen? Bringt das was? Wäre da ein Industriestandard für PCs, Handhelds und andere Konsolen denkbar? Wünschenswert?

Martin Lorber: Die neuen Konsolen von Sony, Microsoft und Nintendo haben inzwischen alle "Kindersicherungen". Auch das neue Betriebssystem Windows Vista hat eine solche Option. Das begrüßen wir sehr. Und das ist ein wichtiger Beitrag, dass der Jugendschutz auch Realität ist.

Jörg Tauss: Ich bin eher Fan der "Positivliste", aber das muss sich ja nicht ausschließen. Denn alle Erfahrungen mit technischen Lösungen haben gezeigt, dass spätestens Zwölfjährige ihren pädagogischen "Vorgesetzten" technisch weit überlegen sind und diese Systeme aushebeln. Deshalb scheint es mir interessanter zu sein, Kinder und Jugendliche auf anderem Weg und ohne erzieherischen Zeigefinger an spannende Computerspiele heranzuführen, wenn sie schon Spaß daran haben.

Lulatsch: Würden die Spieleproduzenten wirklich ins Ausland gehen, wenn "Killerspiele" in Deutschland nicht mehr hergestellt werden dürften?

Martin Lorber: Da bliebe ihnen ja gar keine andere Wahl. Ich meine natürlich nicht alle.

Jörg Tauss: Natürlich kann man auch von Deutschland aus für den internationalen Markt produzieren. Aber eine strafrechtliche Lösung wäre natürlich für deutsche Entwickler immer ein Problem - selbst dann, wenn sie selbst im Ausland arbeiten und sich dennoch nach inländischem Recht strafbar machen.

mdtdip: In der Killerspiel-Debatte werden die "serious games" meist nur am Rande erwähnt. Welche Potenziale haben diese Spiele aus Ihrer Sicht und wie können diese Spiele besserer gefördert werden?

Jörg Tauss: Ich bin für eine Förderung von Computerspielen, wie dies andere Länder, zum Beispiel Frankreich vormachen. Zum Thema Preise habe ich mich bereits geäußert. Meines Erachtens sind die Potenziale außerordentlich hoch und eventuell sogar die "Nische" für die kleine einheimische Branche.

Martin Lorber: Serious Games sind sicherlich eine interessante Angelegenheit. Wir selbst stellen allerdings nur Spiele her, die ohne staatliche Förderung Aussicht auf einen Markterfolg haben.

Moderator: Haben Sie den Eindruck, dass die deutsche Computerspielbranche unter dem jetzt schon strengen Jugendschutz hierzulande leidet?

Martin Lorber: Nein. Wir können mit dem Jugendschutz in seiner jetzigen Form sehr gut leben. Wir halten ihn für wichtig und leben ihn auch, in dem wir zahlreiche Initiativen zur Aufklärung et cetera auf den Weg gebracht haben. Zuletzt durch die "Initiative gesellschaftliche Verantwortung".

Jörg Tauss: Wir haben uns sehr bemüht, mit der USK auch ein Instrument zu schaffen, das beiden Seiten Rechnung trägt. Schon insofern verstehe ich - bei aller Notwendigkeit, sich über weitere Verbesserungen zu unterhalten - die Aufgeregtheit der Diskussion nicht.

Moderator: Stichwort Sucht: Ist das Suchtpotenzial der andauernden Erfolgserlebnisse in Spielen nicht viel bedenklicher als Gewaltdarstellungen? Die Industrie hat - gerade bei Onlinespielen mit Abonnement-Gebühren - naturgemäß ein Interesse daran, die Spieler am Spielen zu halten. Gleichzeitig ist Suchtverhalten, einmal ausgeprägt, etwas, das sich der rationalen, selbstverantwortlichen Kontrolle des Einzelnen entzieht. Da reicht Medienkompetenz für selbstverantwortetes Spielen also nicht mehr, oder?

Jörg Tauss: Sucht ist eine Krankheit und als solche zu behandeln. Die Computerspielsucht unterscheidet sich hier nicht von anderen Suchtverhalten. So begegnet man Sucht auch nicht mit Verboten des "Stoffes" allein - siehe Alkohol. Wir werden uns dem Thema Spielsucht im Unterausschuss Neue Medien allerdings auch noch einmal separat zuwenden. Selbstverständlich muss alles getan werden, um Kinder und Jugendliche aus einer Scheinwelt herauszuholen, wenn sie jeglichen Bezug zur Realität verlieren und Umgebung bis hin zur Schule völlig vernachlässigt wird. Aber auch dies ist bei jeder Sucht - egal ob Alkohol, sonstige Drogen oder Spiele - die eigentliche Herausforderung.

Martin Lorber: Wie bei vielen anderen nicht stoffgebundenen Süchten, kann man auch bei Computerspielen ein Suchtverhalten entwickeln. Das ist nicht anders als beim Telefon, beim Internet usw. Da man bei dieser Form von Sucht nicht beim ersten Konsum süchtig wird (im Unterschied zu manchen Stoffsüchten), kommt wohl keiner auf die Idee, Handys, das Internet oder eben Computerspiele zu verbieten, weil es Menschen gibt, die ein entsprechendes Suchtverhalten zeigen. Gleichwohl ist das ein ernstzunehmendes Problem, dem sich die Hersteller stellen. wir hatten als ersten Schritt schon vor Monaten einen Schwerpunkt in unserem EA-Magazin dazu und eine entsprechende Datenbank im Internet veröffentlicht.

Jörg Tauss: Meine erste Erfahrung mit "Killerspielen" habe ich bei Counter Strike gemacht und dabei festgestellt, dass es sich um höchstnormale Menschen handelt, die nicht meuchelnd durch die Gegend wandeln. Dennoch wird gerade dieses Spiel - nach Erfurt - als "Killerspiel" bezeichnet. Das Beispiel zeigt, wie schwierig die Beurteilung ist. Ich halte den Begriff "Killerspiele" auch nicht für justiziabel.

Moderator: Eine passende Frage stellvertretend für viele weitere: Es besteht wohl noch Definitionsberdaf bei den Usern:

Sukram71: Was verstehen Sie unter "Killerspiel"? Sind das für Sie auch bedeutende Titel wie "Bioshock", "Enemy Territory: Quake Wars" oder "Half Life 2" bei denen Ballerei in eine spannende Handlung eingebunden ist? Oder nur ganz super-extreme "Machwerke"?

Jörg Tauss: Nicht nur bei den Usern. Die Innenminister sind uns jede Antwort auf diese Frage schuldig geblieben. Herr Beckstein hat sie mir gegenüber auch nur allenfalls emotional, aber nicht verwendbar beantwortet. Also wenn überhaupt kann es sich meines Erachtens nur um die superextremen Beispiele handeln, die allerdings bereits unter das Verbot des §131 StGB fallen. Danach sind in Deutschland zur Zeit lediglich zwei Spiele verboten. Deren Name fällt mir im Moment auch nicht ein.

Moderator: Herr Lorber, was wäre für Sie ein "Killerspiel"?

Martin Lorber: Wir verwenden diesen Begriff nicht. Verboten gehört unserer Ansicht nach das, was unter den § 131 StGB fällt.

Moderator: Die Strategie der Industrie scheint "Responsible Gaming" zu sein: Computerspielen ist selbstverantwortetes Vergnügen, ergo müssen wir Spielern, Eltern und Pädagogen die Medienkompetenz vermitteln, verantwortlich mit dem Medium umzugehen. Reicht das?

Martin Lorber: Das ist keine Strategie der Industrie. Computerspiele sind ein Teil des Angebots der modernen Unterhaltungskultur. Kein Mensch muss sie spielen, aber für viele scheint das sehr attraktiv zu sein. Die allermeisten der 20 bis 25 Millionen Menschen, die in Deutschland mehr oder weniger regelmäßig spielen, pflegen einen angemessenen Umgang mit diesem Medium, sowohl in Bezug auf die Inhalte aus auch auf die Zeit, die dafür investiert wird. Gleichwohl ist ein funktionierender Jugendschutz wichtig, weil es eben nicht nur Kinderspiele gibt sondern auch Angebote für Erwachsene.

Moderator: Die Frage bezieht sich sicher auf den bereits bestehenden Rahmen des Strafgesetzbuches:

Ramanan468: Es gibt sicherlich viel mehr als zwei Spiele, die unter das Verbot des §131 StGB fallen. Wieso wird da nicht härter durchgegriffen und die Spiele verboten?

Jörg Tauss: Niemand hindert eine Staatsanwaltschaft an Ermittlungen. Eventuell zeigt das Beispiel aber auch, dass die Diskussion aufgeregter als die eigentliche Sachlage ist.

Martin Lorber: Ich stimme Herrn Tauss zu.

Moderator: Wir sind kurz vor Schluss: Zeit für ein Schlusswort unserer Gäste. Herr Lorber, wollen sie den Anfang machen?

Martin Lorber: Gerne. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Diskussion weniger aufgeregt und mir mehr Sachkenntnis geführt würde, so wie das Herr Tauss eben gezeigt hat. Aus vielen Gesprächen mit Politikern und Verantwortlichen in den Medien wissen wir aber, dass wir weiter sind, als das manchmal den Anscheint hat.Ich danke der BpB für dieses Forum.

Jörg Tauss: Die Argumentation bzgl. der Einführung eines Verbotes der so genannten "Killerspiele" halte ich wie dargestellt für viel zu kurz. Sie blendet die geltende Rechtslage weitgehend aus und übersieht andere wichtige Aspekte eines wirksamen Jugendmedienschutzes bis hin zum Thema Medienkompetenz. Eine Debatte, die nur die Gefahren im Mittelpunkt hat, entspricht nicht der Realität und der Vielfalt in diesem Bereich. Computerspiele sind in ihrer ganzen Breite heute eine beliebte Beschäftigung in allen Altersgruppen und Bevölkerungsschichten und zudem auch Kulturgut. Das Gesagte enthebt uns nicht der Verantwortung, über mögliche negative Folgen, bspw. auch auf den Schulerfolg zu diskutieren. Dennoch sollten wir einen differenzierten Blick einfordern um weder die Spiele selbst, noch Spielerinnen und Spieler pauschal zu stigmatisieren.

Moderator: Das waren 90 Minuten Live-Chat in der Online-Debatte "Verbotene Spiele?" der Bundeszentrale für politische Bildung. Vielen Dank an unsere Gäste für die kontroverse Diskussion und vielen Dank auch an die User für die interessanten Fragen und Beiträge. Das Chat-Team wünscht noch einen schönen Tag.

Martin Lorber: Ich wünsche auch allen einen schönen Tag.

Jörg Tauss: Herr Tauss schließt sich dem an. :-)

Moderator: Dankeschön auch von hier.

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