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10.10.2012 | Von:
Linda Groß

Im Spannungsfeld von Offenheit und Qualität

Konflikte um technische und soziale Offenheit

Ebenso wird Egalität als ein weiterer Wert erkennbar: Die realweltliche Expertise ist innerhalb der Wikipedia nicht von Bedeutung, es soll nicht interessieren, ob ein neuer Nutzer im wirklichen Leben ein Professor oder ein Schüler ist. Des Weiteren wird hier der Wunsch kommuniziert, dass auch ihre interne Sozialstruktur dem egalitären Anspruch entsprechen möge. In den Vorstellungen über den Modus der Zusammenarbeit wird ebenso deutlich, wie die technische Offenheit in soziale Normen übersetzt wurde. Hier gelten sowohl Artikelinhalte als auch Richtlinien als Resultat eines diskursiven Aushandlungs- und Entscheidungsprozesses, an dem sich jeder beteiligen darf und der den Konsens aller Beteiligten zum Ziel hat.

Die technische und soziale Offenheit der Wikipedia ist einerseits ein Faktor ihres Erfolgs. Wer jedoch hinter die Kulissen der Wikipedia schaut, entdeckt, dass solch ein Unterfangen nicht ohne Organisation möglich ist. Es müssen sich folglich Strukturen herausbilden, die die Handlungen der Mitglieder einer Gemeinschaft regulieren, damit sie ihre Ziele erreicht. Die Offenheit kann somit auch als ein Problem begriffen werden, da sie gemeinschaftliches, zielgerichtetes Handeln unwahrscheinlich macht. Dieses Problem beschäftigt sowohl die mittlerweile zahlreichen Wikipedia-Forscher als auch den öffentlichen Diskurs: Denn wie ist es möglich, dass Wikipedia dennoch funktioniert? Die Anonymität ihrer Nutzer, fehlende wechselseitige Wahrnehmbarkeit und Regeln der Mitgliedschaft, da jeder beliebig "ein- und austreten“ kann, lassen eigentlich auf nur schwache soziale Bindungen zwischen den Akteuren schließen, die aber notwendig sind, damit sich geteilte Zielvorstellungen und Normorientierungen entwickeln können und Anreize zur Mitarbeit gegeben sind. Außerdem mangelt es an zentralen Sanktionsinstanzen, die die für alle verbindliche Regeln und Normen durchsetzen können, um nur einige der Kriterien zu nennen, die Wikipedia aufgrund ihrer technischen, kommunikativen und sozialen Struktur zunächst einmal nicht bedienen kann oder will.

Zahlreiche Forschungsarbeiten haben zu einem Verständnis der vielfältigen Koordinations- und Regulierungsmechanismen beigetragen und zeigen, dass soziale Strukturen unter den Bedingungen internetvermittelter Kommunikation doch möglich sind. Ich möchte darauf nicht weiter eingehen, sondern auf die Beiträge in diesem Band verweisen, die sich genauer mit diesen Mechanismen beschäftigen. Was an dieser Stelle interessiert, ist, dass die Strukturbildung mittlerweile so stark vorangeschritten ist, dass sie nicht mehr nur eine Lösung des Problems darstellt, sondern selbst zu einem Problem wird, da sie im Widerspruch zur Offenheit des Projekts steht.

Die vielbeobachtete Tendenz ist, dass sich die Wikipedia nach außen verschließt. Der Wert der Offenheit wird in der Praxis scheinbar nicht länger eingelöst. Eine Forschergruppe am Palo Alto Research Center konnte diese Beobachtungen mit den Ergebnissen einer quantitativen Untersuchung der Wikipedia stützen, aus der sie folgende Entwicklungstrends herleitet: Die obere, d.h. die aktivste Nutzergruppe wird immer undurchlässiger – Neulinge werden exkludiert, es gibt einen zunehmenden Widerstand gegenüber neuen Inhalten und das Artikelwachstum sowie die Nutzerzahlen stagnieren.[5] Die soziale Schließung nimmt also zu. Sie wird als die Hauptursache für das Ausbleiben neuer Mitarbeiter gehandelt, was schließlich Wachstum und die Sicherung der Qualität bedrohe. (strategy.wikimedia.org/wiki/Editor_Trends_Study) Wenn dem so ist, dann sind die Prozesse der Strukturbildung, die das Problem der Offenheit lösen sollten, nun selbst zu einem Problem geworden.

Wir können an dieser Stelle einen Spannungszusammenhang erkennen, der sich an dem Dilemma festmacht, dass Offenheit Strukturbildung hervorruft, welche ihrerseits die Offenheit bedroht. Das wäre an sich kein Problem, würde nicht die Offenheit einen zentralen Wert des Projekts darstellen, an dem auch bei zunehmenden Schließungstendenzen weiter festgehalten wird. So hat die Wikimedia Foundation als Reaktion auf den Mitgliederschwund eine Resolution verfasst, die betont, dass Offenheit und Partizipation weiterhin wichtige Grundpfeiler des Projekts seien sowie diverse Initiativen ins Leben gerufen, die sich der Erarbeitung wissenschaftlicher, technischer und praktischer Lösungsansätze widmen.

Zwei Erklärungsansätze bieten sich an, um diesen Konflikt der Wikipedia zu begreifen. Dieser kann zum einen als Widerspruch zwischen Anspruch und Praxis begriffen werden: Die Darstellung nach außen entspricht nicht mehr der organisationalen Realität im Inneren. Wie organisationssoziologische Studien zeigen, muss sich das Bild, das eine Organisation von sich hat und nach außen trägt, nicht unmittelbar mit ihrer Praxis decken.[6] Ursache dieser Inkonsistenzen liegen oft in den widersprüchlichen Anforderungen, die eine Organisation zu meistern hat. Dies trifft auch auf die Wikipedia zu, die zwei konfligierende Zielorientierungen aufweist. So verfolgt sie zum einen das Ziel der Egalität und Partizipation, welches sich in dem Wert der Offenheit ausdrückt. Zum anderen hat sie sich – ihrem Selbstverständnis als Enzyklopädie nach – die Qualität ihrer Inhalte zur Aufgabe gestellt.[7] Beide Orientierungen stehen in einem Spannungszusammenhang, der beispielsweise die teils kritische öffentliche und akademische Diskussion ihrer Vertrauenswürdigkeit oder "Zitierwürdigkeit“ erklärt.

Der Anspruch der Offenheit bildet den Kern eines Deutungsmusters, dessen Wurzeln weit zurückreichen und den neuen sozialen Praktiken der Wissensproduktion eine politische Bedeutung verleihen. Auf diese Weise schließt die Wikipedia an Diskurse an, die das gesellschaftsverändernde Potential neuer Medien, die Hoffnungen auf eine Demokratisierung des Zugangs zu Wissen und die Befreiung des Subjekts, seiner Emanzipation durch eine produktive Teilhabe am öffentlichen Diskurs, zum Inhalt haben. Die Auflösung der Unterscheidung zwischen Experten und Laien sowie nicht-hierarchische Entscheidungsstrukturen sind bspw. daraus resultierende Forderungen. Diese normative Ressource bezeichnet Christian Stegbauer als "Befreiungsideologie" die einen wesentlichen Anreiz zur Beteiligung an der Online-Enzyklopädie ausmacht.

Das zweite Ziel, eine qualitativ hochwertige Enzyklopädie zu schaffen, wird so infrage gestellt, da unsere Maßstäbe zur Bewertung ihrer Qualität von gesellschaftlichen Institutionen wie bspw. dem Wissenschaftssystem geformt sind, die auf einem hierarchischen Organisationsprinzip, formalisierten Verfahren der Wissensproduktion und Qualitätssicherung sowie Expertentum basieren. Auch von dieser Vorstellung möchte sich die Wikipedia nicht lösen. Sie nimmt die Herausforderung an, sich trotz eines neuen Produktionsmodells an konventionellen Qualitätskriterien messen zu lassen.

Inwiefern es ihr gelingen wird diese widersprüchlichen Anforderungen zu meisten, wird ihren weiteren Erfolg bestimmen. Solange sie auf freiwilliger, ehrenamtlicher Arbeit beruht, muss sie in der Lage sein, ihren Anspruch der Partizipation und Egalität glaubhaft nach außen zu vertreten. Ebenso muss sie effektive Wege ausbilden, die die interne Koordination ermöglichen und dennoch neue Mitglieder nicht abschrecken und zu integrieren vermögen. Vielleicht ist sie auch irgendwann so weit, um für neue Maßstäbe in der Bewertung von Wissen einzutreten. Wäre dies der Fall, würde eine neue Wissensordnung Wirklichkeit, in der die Deutungshoheit von der Wissenschaft oder der Brockhaus-Redaktion an die Netzgemeinschaft übergeben würde.

Fußnoten

5.
Suh, Bongwon; Convertino, Gregorio; Chi, Ed H.; Pirolli, Peter (2009): The Singularity is Not Near: Slowing Growth of Wikipedia. In: WikiSym '09: Proceedings of the 2009 international symposium on Wikis. Online-Version: wikisym.org/ws2009/procfiles/p108-suh.pdf.
6.
vgl. z.B. Brunsson, Nils (2006): The organization of hypocrisy. Talk decisions and actions in organizations. Oslo: Universitäts-Verlag.
7.
Stegbauer, Christian (2011): Kulturwandel in Wikipedia – oder von der Befreiungs- zur Produktideologie. In: Jan Fuhse und Christian Stegbauer (Hg.): Kultur und mediale Kommunikation in sozialen Netzwerken. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 55-47.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Linda Groß für bpb.de

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