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Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch

2.12.2009 | Von:
Katja Glaesner

Angela Merkel - mit "Soft Skills" zum Erfolg?

Folgerungen und Fragen

Der erforderliche "Biss" sowie Kommunikationsfähigkeit, Vertrauen, Lernbereitschaft, eine Vision verfolgen, Motivation und emotionale Intelligenz bilden die hier beleuchteten sieben Kriterien moderner Führungskompetenz. Die Beispiele aus Angela Merkels Politikalltag zeigen auf, dass sie vielerorts angesiedelt werden könnte: Ihr könnte demnach der harte weibliche Führungsstil attestiert werden, denn ihr Ruf als "Männer"- und "Vatermörderin" zeugt von der Fähigkeit, sich zu beweisen. Auch die menschliche Unnahbarkeit der Regierungschefin demonstriert diese Härte. Dennoch könnte ihr ebenfalls der eher weiche weibliche Führungsstil - der den derzeit als modern geltenden Führungskriterien entspricht - zugestanden werden, wenn wir beispielsweise die vertrauensvolle Atmosphäre der Morgenlage bedenken. Diese widersprüchlichen Tatsachen im Fall Angela Merkel deuten auf eines hin: Ein weiblicher Führungsstil ist eine Illusion. Denn Führungserfolg ist schlichtweg nicht geschlechtsspezifisch prädestiniert.

Es sprechen noch weitere Argumente gegen die Definition eines typisch weiblichen Führungsstils. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Unterschiede im Führungsstil nicht auf das Geschlecht einer Führungskraft zurückzuführen sind. Es gilt hierbei ferner zu beachten, dass Frauen untereinander keine homogene Gruppe bilden. Eine Frau, die zum Beispiel aus einer bildungsfernen Schicht stammt, ist gänzlich anders geprägt, als eine Frau aus einer Unternehmerfamilie, was sich auf ihre Lebenschancen und persönlichen Kompetenzen auswirkt. Überdies ist die Bipolarität der Begriffe männlich und weiblich mit Schwierigkeiten verbunden. Denn eine Führungskraft kann unabhängig von ihrem Geschlecht die sieben oben genannten soft skills besitzen oder erwerben. Darüber hinaus definiert sich eine Person schließlich durch viel mehr als lediglich ihr Geschlecht oder damit verknüpfte Stereotypen. So kann die Herkunft, die Erziehung, die Sozialisation, die politische Überzeugung, die Fachrichtung oder auch die Interpretation gemachter Erfahrungen und Vieles mehr eine Rolle spielen.

Diese Dekonstruktion eines weiblichen Führungsstils beantwortet allerdings nicht die Frage, warum Frauen - obwohl bestens qualifiziert - in Führungspositionen allgemein unterrepräsentiert sind. Für diesen Umstand werden gewisse Karriererestriktionen verantwortlich gemacht, wie unter anderem ein token status, Männerbünde oder auch das "think manager - think male"-Phänomen. Auf alle drei Phänomene werde ich im Folgenden kurz eingehen.

In vielen Führungspositionen sind Frauen immer noch die Ausnahme und besitzen daher einen Minderheitenstatus. Dieser sogenannte token status beschreibt ihre Rolle als "Vorzeigefrau", in der eine weibliche Führungskraft vorsichtig wie eine exotische Orchidee betrachtet und jedes Verhalten beurteilt wird. Es kann Vor- und Nachteile bergen, derart aus der Menge herauszustechen. Deutlich wird dieser Status auch bei der Kanzlerin, wenn wir uns beispielsweise die Fotos des G-8-Gipfels 2007 in Heiligendamm in Erinnerung rufen. Dort war sie in ihrem grünen Jackett im Strandkorb zwischen den dunklen Anzügen der männlichen Kollegen ein wahrer Blickfang. Bei anderen Zusammenkünften auf globalem Parkett ist Angela Merkel allerdings nicht mehr die einzige Politikerin. Dort trifft sie unter vielen anderen auf Pratibha Patil (Staatspräsidentin Indiens), auf Cristina Kirchner (Präsidentin Argentiniens) oder auf Michelle Bachelet (Präsidentin Chiles). Eine weitere Karriererestriktion stellen Männerbünde bzw. seilschaftenähnliche Zusammenschlüsse langjähriger Mitstreiter dar. So sollen sich beispielsweise 1979 ein Dutzend Mitglieder der Jungen Union auf einem Flug nach Caracas/Venezuela dazu verabredet haben, ihre Karrieren gegenseitig zu unterstützen - im sogenannten Andenpakt. Über solch einflussreiche Männerbünde hinaus, gilt das "think manager - think male"-Phänomen als weiterer Erklärungsversuch für die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen. Hierbei geht es darum, dass eine Vorstellung vorherrscht, die den Mann als Archetyp einer Führungskraft oder auch eines Staatsoberhaupts auffasst. Ein solches Idealbild kann das Emporstreben einer Frau an die Spitze erschweren, was vor allem aus ökonomischer Perspektive bedauerlich ist, da Ressourcen vergeudet werden. Die vorherigen Ausführungen über die Bundeskanzlerin und weitere Regierungschefinnen lassen allerdings vermuten, dass genau diese Restriktionen vielleicht derzeit im Umbruch begriffen sind.

Es stellt sich daher die Frage, wie es zu einer solchen positiven Entwicklung kam und wie diese sich weiter fördern lässt. Zunächst gilt es, sie durch strukturelle Veränderungen zu unterstützen. Der Staat, Unternehmen, der öffentliche Dienst und auch Parteien müssen Strukturen schaffen, in denen von aufgestülpten Maßnahmen wie Quotenregelungen abgesehen werden kann und Chancengleichheit sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt werden.

Darauf aufbauend stehen Frauen in der Pflicht, selbst aktiv zu werden. Anstatt beispielsweise Männerbünde moralisch zu verurteilen, könnten sie selbst die Vorteile von Netzwerken nutzen. Angela Merkel hat es vorgemacht - trotz ihres relativ späten Seiteneinstiegs in die CDU im Alter von 36 Jahren. Zum einen besitzt sie einen Kreis enger politischer Vertrauter, der zeitweise als "Girls' Camp" betitelt wurde: vorneweg ihre loyale Begleiterin Beate Baumann, ihre Beraterin Eva Christiansen und die Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan.[10] Zum anderen stehen im Zentrum ihres braintrust bürgerliche Damen eines postfeministisch-konservativen Lagers. Durch die Gefolgschaft der Verlegerinnen Friede Springer und Liz Mohn, der Fernsehmoderatorin Sabine Christiansen oder der Chefredakteurin der "Bunte" Patricia Riekel, verfügt Angela Merkel über ein beachtliches publizistisches Potenzial.[11]

Neben diesem cleveren Engagement der Frauen ist es von größter Bedeutung, die früheren Idealbilder von Führung durch ein neues Bewusstsein abzulösen. Dies kann beispielsweise geleistet werden, indem es immer mehr weibliche Vorbilder gibt. Über Angela Merkel und die bereits erwähnten politischen Kolleginnen hinaus, seien hier zwei weitere Frauen genannt, die sich hinter Kanzlerin Merkel in die Liste des US-Magazins "Forbes" der mächtigsten Frauen der Welt einreihen: Sheila Bair, die Vorsitzende der staatlichen Einlagenfonds der US-Banken (FDIC) und Indra Nooyi, die Chefin von PepsiCo, Inc. Somit lässt sich auch das "think manager - think male"-Phänomen immer mehr abschwächen, und es löst sich eher in einem "think politician - think male, female, black, white, privileged, deprived"-Phänomen auf. Denn es gilt zu beachten, dass die meisten Führungspersonen zwar männlich, aber in den meisten Fällen auch eine weiße Hautfarbe haben und einer Oberschicht zugehörig sind. Das heißt, dass neben Frauen andere hochqualifizierte Gruppen ebenfalls in Führungspositionen unterrepräsentiert sind. Demnach müssen auch Personen mit Migrationshintergrund, mit Behinderungen oder beispielsweise aus einer bildungsfernen Schicht gegen die genannten Karriererestriktionen ankämpfen.

Eine Überwindung dieser Unterrepräsentanz ist aber nicht nur aus Gründen der Chancengleichheit erstrebenswert, sondern vor allem aus ökonomischer Sicht. Die Potenziale diverser Menschen zu nutzen, ist zum einen wichtig, weil jeder Einzelne über die oben diskutierten Kompetenzen verfügen kann. Zum anderen können gerade in Gruppen mit unterschiedlichen Teilnehmern Synergien freigesetzt werden: Vor allem eine Mischung an Persönlichkeiten lässt somit Kreativität entstehen.[12] Dies scheint auch Angela Merkel zu unterstützen, wenn sie sagt, dass wir "mehr gemischte Teams aus Frauen und Männern, Älteren und Jüngeren (brauchen). Die Mischung aus Erfahrung und Jugend, aus weiblich und männlich macht's."[13] Eine Gesellschaft oder auch Unternehmen und politische Parteien müssen folglich versuchen, alles verfügbare geistige Potenzial zu fördern und zu nutzen. So ist es für eine zukunftsfähige Partei unablässig, von dem Ideenreichtum aller ihrer aktiven Mitglieder, unabhängig von deren Geschlecht oder Herkunft, Gebrauch zu machen. Durch das Ausbremsen bestimmter Personengruppen verschleudert unsere Gesellschaft sonst viel Leistungsstärke.

Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass mit Barack Obama erstmals ein Schwarzer US-Präsident und mit Angela Merkel erstmals eine Frau Bundeskanzlerin ist, scheint die Gesellschaft im Hinblick auf Stereotypisierung und Schubladendenken bei Führungskompetenzen an einem Wendepunkt zu stehen. Die Anerkennung dieser Politiker deutet auf moderne Strukturen und ein neues Bewusstsein in der Führungskultur hin. Insofern können wir Angela Merkels Eingangszitat beipflichten, dass jeder Führungsstil persönlich geprägt ist. Eine Person oder ein Führungsstil lässt sich also nicht auf eine Eigenschaft reduzieren. Angela Merkel ist zwar die erste Frau im Bundeskanzleramt, sie ist allerdings ebenfalls die erste Naturwissenschaftlerin, die erste Ostdeutsche und mit 51 Jahren bei Amtsteintritt auch die Jüngste, die dieses Amt bekleidet. Folglich wirkt sich ihr facettenreicher Führungsstil auf die politische Landschaft aus, aber nicht primär weil sie eine Frau ist. Die Bundeskanzlerin führt hingegen mit ihrem ganz persönlichen "Merkel-Stil".


Auszug aus: Aus Politik und Zeitgeschichte 50/2009

Fußnoten

10.
Dieser Kreis lässt sich allerdings um einige männliche Kollegen wie etwa Planungschef Matthias Graf von Kielmansegg oder den heutigen Umweltminister Norbert Röttgen erweitern, weswegen die Bezeichnung "Girls' Camp" die Tatsachen verzerrt.
11.
Vgl. Hajo Schumacher, Die zwölf Gesetze der Macht. Angela Merkels Erfolgsgeheimnisse, München 2006, S. 83ff.
12.
Vgl. Olaf-Axel Burow, Ich bin gut - wir sind besser. Erfolgsmodelle kreativer Gruppen, Stuttgart 2000, S. 71ff.
13.
Angela Merkel (Anm. 8).

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