Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch

2.12.2009 | Von:
Birgit Meyer

"Nachts, wenn der Generalsekretär weint" - Politikerinnen in der Presse

1980er Jahre

In den 1980er Jahren rückt das traditionelle Bild von der "guten Mutter" in der Politik immer weiter in den Hintergrund. Eine jüngere, besser ausgebildete und selbstbewußtere Frauengeneration betritt die politische Bühne.[21] Auch diese Frauen werden anfangs, vor allem wenn sie frauenbewegt (wie einige SPD- und FDP-Abgeordnete) und feministisch (wie manche der Grünen) auftreten, verhöhnt, verspottet, nicht ernst genommen und an Äußerlichkeiten statt an Inhalten gemessen. Es finden sich auch Berichte, die Politikerinnen für ihren hohen Sachverstand loben, ihnen aber gleichzeitig die Weiblichkeit absprechen, als seien Qualifikation und Frau-Sein Widersprüche: "All diesen Frauen ist eines gemeinsam: Sie sind (...) keine Konzessionsfrauen mehr (...) sie arbeiten auch nicht in jenen, auf die schier-weibliche Interessensvertretung beschränkten Bereichen der Politik, die ihren Geschlechtsgenossinnen bisher zumeist vorbehalten waren. Vielmehr gehören sie zu den Fachleuten in ihrer Partei und in ihrer Fraktion. Deshalb (...) haben sie Karriere gemacht. Sie sind nicht als Frauen für andere Frauen in die Politik gegangen, sie sind (...) wegen ihrer besonderen persönlichen und fachlichen Qualifikation da. Sie sind schlicht, und jedem Manne vergleichbar, Politiker".[22]

Mitte der 1980er Jahre taucht Rita Süssmuth als "Komet über Kohls neuer Frauenwelt"[23] auf. In der Berichterstattung über sie zeigt sich der Wandel zu einer größeren Anerkennung einer Spitzenpolitikerin als kompetente Fachfrau. Mit Petra Kelly, Antje Vollmer oder Waltraut Schoppe werden auch bei den Grünen junge, unkonventionell auftretende Frauen in Führungspositionen gewählt. Auch sie werden durchaus anerkennend kommentiert - mal wohlwollend, mal spöttisch im Ton, je nach der politischen Ausrichtung des jeweiligen Presseorgans. Als mit Herta Däubler-Gmelien 1988 erstmals eine Frau in die Parteiführung der SPD gewählt wird, ist das Medienecho mehrheitlich positiv. Man attestiert ihr übereinstimmend hohe fachliche Qualifikation, Zielstrebigkeit, und - mit kritischem Unterton - den Willen zur Macht: "Sie ist fleißig, weiß sehr viel, setzt sich zielstrebig ein."[24] Die "Süddeutsche Zeitung" meint dieses stereotype Lob sogar positiv und ergänzt: "Sie ist keine Quotenfrau, keine, die ihr Selbstbewusstsein mit einem Doppelnamen schmückt, sondern eher eine von der Art: Selbst ist die Frau".[25] Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sieht gar ein Matriarchat in der SPD aufziehen: "Herta Däubler-Gmelin ist die erste Nutznießerin des Münsteraner Matriarchats der SPD."[26]

Doch auch im Jahrzehnt der Quotenbeschlüsse und neuen Gesichter überwiegen herkömmliche Zuschreibungen. Verblichene Passepartouts werden zwar ausgewechselt, aber alte Klischees über die Untauglichkeit von Frauen für das Politische bleiben als Hintergrundfolie bestehen. Komplexe Sachfragen werden oft vereinfacht und besonders im Zusammenhang mit Politikerinnen der Grünen, die als "Quotenfrauen" belächelt oder abqualifiziert werden, sekundär behandelt. Dem weiblichen Geschlecht haftet in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer ein quasi von Natur aus gegebenes Defizit an, was die "Emma" 1985 kritisch aufgreift: "Sie muss sich anstrengen und fleißig sein - oder durch Quoten in Ämter kommen -, denn: Sie kann es nicht! Und wenn sie es kann, dann ist sie eine Ausnahme oder wird als karrieregeil stilisiert. Als eine bekannte CDU-Politikerin 1985 Familienministerin unter Helmut Kohl werden möchte, wird sie von der Union nahe stehenden Zeitungen als Horror-Emanze abgestempelt. Sie wolle wohl selbst Ministerin werden, vermutete die Kölnische Rundschau und sprach damit den furchtbarsten Verdacht aus, den man in einer Männergesellschaft gegen eine Frau hegen kann: Ehrgeiz in eigener Sache."[27]

1990er Jahre bis heute

Je zahlreicher Politikerinnen im Laufe 1990er Jahre in die Parlamente einziehen[28] und je lautstarker Forderungen nach Veränderungen in der Geschlechterhierarchie werden, desto seltener werden in dieser Zeit die offenen Feindseligkeiten oder Tendenzen zur Trivialisierung in der seriösen Presse. Die inflationäre Reproduktion von Geschlechterstereotypen ist ins Stocken geraten - oder wird zumindest nett verpackt. Eine vielfältigere Realität gibt die Vorlage ab für eine differenziertere Berichterstattung. Aber implizite Ignoranz, Häme, Besserwisserei und Amüsiertheit sind nicht völlig verschwunden, sondern prägen weiterhin viele Berichte über die zunehmende Präsenz und Erfolge von Politikerinnen. Der Trend zur symbolischen Akzeptanz zeigt sich aber zum Beispiel in der auffallend freundlichen Berichterstattung über die erste weibliche Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Ursula Seiler-Albring: "Sie weiß, was sie will!"[29] - "Die im politischen Management geübte Liberale hat sich mit vollem Engagement in das außenpolitische Geschäft geworfen".[30]

Politikerinnen, die keine frauenpolitischen Forderungen erheben, werden durchweg positiver dargestellt als bekennende Feministinnen. Dieses gilt auch für die linksliberale Presse und betrifft auch CDU-Abgeordnete: "Für die Presse war ich das rote Tuch. Und in meiner Partei kann man sich mit keiner Politik so unbeliebt machen wie mit Frauenpolitik."[31] Frauenbewusste Politikerinnen geraten damit in eine "Doppelfalle": Zum einen, weil sie als Angehörige des "anderen" Geschlechts den "Männerbund" Politik ohnehin schon "stören", zum anderen, weil sie es darüber hinaus auch noch "wagen", Forderungen für ihr Geschlecht zu erheben.

Die 1990er Jahre sind die "Gründerzeit" der Frauenministerien und Gleichstellungsstellen in Bund, Ländern und Kommunen. Politikerinnen kommen in Ämter, in denen sie die Rolle "der Ersten" bzw. der Pionierin spielen.[32] Selbst unkonventionelle Politikerinnen, wie zum Beispiel die ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen, Jutta Oesterle-Schwerin, die als Jüdin und bekennende Homosexuelle nach ihrem Parteiaustritt eine feministische Partei gründet, oder Heidi Wieczorek-Zeul (SPD) bekommen in den Medien eher lobende Aufmerksamkeit und Zuspruch als Kritik: "Durchsetzungsfähig, zielstrebig, kalkulierend - das ist die Ex-68erin noch immer, auch weicht sie politischem Zoff nicht aus."[33] Aber die Fokussierung auf Spitzenpolitikerinnen kristallisiert sich in diesen Jahren bereits deutlich heraus.

Fußnoten

21.
Zwischen 1980 und 1990 stieg der Frauenanteil im Bundestag von 8,5 auf 20,5 Prozent und es spiegelte sich die gestiegene Anzahl von vielseitig qualifizierten Frauen (Naturwissenschaftlerinnen, Juristinnen) auch im Parlament wider.
22.
Stuttgarter Zeitung vom 25. 4. 1981.
23.
Die Zeit vom 13. 6. 1986. Süssmuth wurde 1985 Ministerin für Jugend, Familie, Gesundheit, 1986 auch für Frauen sowie Vorsitzende der Frauenunion.
24.
Süddeutsche Zeitung vom 2. 9. 1988.
25.
Ebd.
26.
FAZ vom 2. 9. 1988.
27.
Emma, April 1985.
28.
Zwischen 1990 und 2000 stieg der Anteil weiblicher Bundestagsabgeordneter von 20 auf 30 Prozent. Unter Helmut Kohl gab es 1994–1998 drei Frauen unter 17 Ministern. Während der rot-grünen Koalition 1998–2005 waren rund ein Drittel der Bundestagsabgeordneten weiblich.
29.
FAZ vom 4. 4. 1991.
30.
Die Welt vom 22. 4. 1991.
31.
So Renate Hellwig (CDU), zit. in: B. Meyer (Anm. 8), S. 105.
32.
So wurde Rita Süssmuth 1988 die erste Bundestagspräsidentin der Union, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger 1992 Justizministerin, Renate Schmidt 1991 die erste Landesvorsitzende der SPD und Angela Merkel 2001 die erste Bundesvorsitzende der CDU.
33.
Der Spiegel vom 10. 5. 1993, S. 24 f. über Wieczorek-Zeul.

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