Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch

2.12.2009 | Von:
Reinhard Mohr

Moderieren ist alles: Frauen im Politik-Talk

Verständnis für alle

Auch ohne in die Untiefen einer geschlechterspezifischen Psychologisierung zu geraten, scheint offensichtlich, dass unter diesen Bedingungen nicht mehr knorrige alte Herren wie Werner Höfer gefragt sind, sondern hochflexible Moderatorinnen, denen die Rolle der Supervisorin ebenso wie der mal energischen, mal sanften, mal gar ironisch reagierenden Dompteuse näher liegt als die Figur eines Überzeugungstäters mit einem unverrückbaren weltanschaulichen Standpunkt, der noch im undurchdringlichsten Zigarrenqualm erkennbar bleibt.

Es ist unbeschadet sonstiger persönlicher Gründe kein Zufall, dass ein leidenschaftlicher "Meinungsberserker" wie Michel Friedman, auch wenn er heute ganz neu die Szene beträte, keine Chance hätte. Andersherum formuliert: Dass Günther Jauch, Deutschlands TV-Liebling Nummer 1, vor Jahr und Tag das Angebot erhielt, die große Sonntagabendtalkshow zu leiten, war nur logisch und konsequent. Seine durchaus "weiblich" eingefärbte Allrounder-Kommunikationsfähigkeit hatte ihn prädestiniert. Was genau er inhaltlich anders gemacht hätte, weiß freilich niemand.

Doch gerade dieses Ausmaß an Durchlässigkeit und sprechfertiger Ausdrucksfähigkeit, Variabilität und Elastizität ist charakteristisch fürs moderne Anforderungsprofil beim Polittalk. Welcher Fernsehzuschauer etwa wüsste zu sagen, ob Anne Will, Sandra Maischberger oder Maybrit Illner überhaupt irgendeiner, und wenn ja: welcher politischen Partei oder Gruppierung nahe stehen - zu schweigen davon, wie ihre persönliche Haltung zum Krieg in Afghanistan und Hartz IV, zur Integration von muslimischen Migranten und zur Atomenergie aussähe. In Zeiten, da über den alten ideologischen Schützengräben zunehmend biologisch dynamisches Gras wächst, ist es naheliegend, dass die Moderatorinnen sich als interaktive Partnerinnen von Zuschauern und Gästen verstehen und nicht als Kombattanten in einem strengen Diskurs über Wirklichkeit und Wahrheit. Selbst bei Frank Plasberg, dem einzigen männlichen Mitglied im Kleeblatt der großen Talk-Moderator(inn)en, trifft Politik eben nicht allein auf "Wirklichkeit", wie es im Werbetrailer seiner Sendung "hart aber fair" heißt, sondern sehr oft auch auf Inszenierung und Klamauk. Dann wird aus einem Journalisten schon mal ein Journalistendarsteller.

Doch als es nach Günther Jauchs überraschender Absage darum ging, ob Plasberg statt Anne Will den politischen Wochenend-Talk am Sonntagabend leiten solle, schälte sich neben anderen Gründen wieder ein weiches, aber sehr wichtiges Motiv heraus, ihn doch lieber auf den Mittwochabend zu schieben: Männer, selbst so unterhaltsame (und selbstverliebte) Burschen wie Plasberg, übertragen zu viel männliches Gehabe - einschließlich dem notorisch präpotenten Knöpfchendrücken - auf die Fernsehcouch vor den heimischen Flachbildschirmen. Kurz: "hart aber fair" ist kein zuträgliches Motto für den niveauvoll-gemütlichen Wochenendausklang gleich nach dem "Tatort". Denn es kommt auf die richtige Mischung aus Aufregung und Zerstreuung an - auf den politischen Sandmännchen-Effekt für leidgeprüfte Erwachsene, die eine schwere Arbeitswoche vor sich haben.

Zum Beispiel so, wie am 18. Oktober 2009 bei Anne Will. Den Anlass zum boulevardesk-bildhaften Titel der Sendung "Keine Chance für Ali und Ayse - Gemüse verkaufen statt Karriere machen?" hatte das wochenlang skandalisierte "Kopftuchmädchen"-Interview von Thilo Sarrazin in "Lettre International" geboten. Es war eine typische, eine repräsentative Sendung. Irgendwie wurden fast alle wichtigen Fragen zum Thema "Integration" formuliert, aber sie wurden gleichsam chronologisch - eine nach der anderen - abgehandelt und nebeneinander gestellt und eben nicht kritisch-dialogisch aufeinander bezogen. Jeder Gast durfte seine ideologische Position darstellen, wobei man sich gegenseitig gern auch einmal ins Wort fiel - doch der präzise, punktgenaue Streit um Argumente, um ihre Plausibilität und die Hierarchie ihres Geltungsanspruchs blieb wieder einmal aus. Stattdessen wurden Einzelschicksale oder extreme Einzelbeispiele präsentiert, von denen niemand wissen konnte, wie repräsentativ sie waren.

Wie üblich gab es keinen Versuch, die sehr unterschiedlichen und teils völlig inkompatiblen Argumente zu gewichten, gleichsam ihren Platz im Diskursraum zu bestimmen. So war das Ganze tatsächlich eher die Zurschaustellung eines Gesprächs und nicht das Gespräch selbst - eine Talkshow eben, in der die prinzipielle Gleichberechtigung aller Positionen dazu führt, dass vom klassischen Wahrheitsanspruch kaum etwas übrig bleibt. Aber gewiss: Man hatte wieder einmal darüber gesprochen, in der Fernsehsprache: das Thema gecovert.

Doch vielleicht entspricht der Haltung, für praktisch jede Auffassung ein gewisses Verständnis zu haben oder zeigen zu müssen, nicht unbedingt eine immanente Charakter- oder Persönlichkeitsprägung weiblicher TV-Moderatoren, sondern eine offenbar unerlässliche mediale Funktion, die Will & Co. sehr professionell - und womöglich besser als Männer - erfüllen. Im persönlichen Gespräch nämlich zeigen sich Maybrit Illner und Anne Will durchaus meinungsfreudig, gedankenschnell und selbstironisch. Last but not least: Sie sehen deutlich besser aus als Werner Höfer mit Hornbrille und Einstecktuch.

Aber das tut natürlich nichts zur Sache.


Auszug aus: Aus Politik und Zeitgeschichte 50/2009


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