BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Frauen auf dem Weg an die Spitze?

25.10.2012 | Von:
Henriette Meseke

Gender Mainstreaming im Europäischen Sozialfonds (ESF)

Die Agentur für Gleichstellung

Unterstützung konkret

Wie sehen nun die konkreten Unterstützungen seitens der Agentur für Gleichstellung im ESF aus? Die ESF-Fondsverwaltung des Bundes ist einerseits Auftraggeberin der Agentur und zugleich die zentrale Verwaltungsstelle, in der inhaltliche und organisatorische Vorgaben für die Umsetzung des ESF in Deutschland gemacht werden. Das Team der Agentur für Gleichstellung berät, gibt Empfehlungen oder liefert Beiträge für die Berichterstattung an die Kommission oder zu Aktivitäten der Öffentlichkeitsarbeit, wie z.B. die großen ESF-Jahrestagungen. Zur Unterstützung der ESF-Fondsverwaltung gehört auch das Gender Budgeting. Die jährlichen Berichte der Agentur zeigen den jeweiligen Stand der Umsetzung des Ziels an, 50 Prozent der Mittel, die für ESF-Programme mit Teilnehmenden verausgabt werden, an Frauen bzw. Männer zu vergeben (http://www.esf-gleichstellung.de/fileadmin/data/Downloads/Aktuelles/gender-budgeting-bericht-2011_agentur_gleichstellung_esf.pdf, 10.10.2012). Da es aber um mehr als nur das viel zitierte „Köpfe zählen“ geht, wurde in diesem Jahr erstmals ein qualitativer Gender Budgeting Ansatz modellhaft angewandt, der sich mit der Frage befasst, welchen Gleichstellungsgehalt ESF-Programme besitzen, die ohne Teilnahmen umgesetzt werden und in welchem Verhältnis deren Budget zu den Gesamtausgaben stehen (http://www.esf-gleichstellung.de/fileadmin/data/Downloads/Aktuelles/qual_gb_2011_agentur-gleichstellung-esf.pdf, 10.10.12012)

Eine weitere zentrale Aufgabe der Agentur für Gleichstellung im ESF ist die Analyse und Bereitstellung von geschlechterdifferenzierten Daten im Kontext der deutschen Arbeitsmarktpolitik. Da der ESF nicht im luftleeren Raum umgesetzt wird und häufig auf der Projektebene mit arbeitsmarktpolitischen Instrumenten verzahnt werden muss, ist es wichtig, die jeweiligen Ausgangslagen für bestimmte Zielgruppen geschlechterdifferenziert zu analysieren. Wieviele Jungen und Mädchen brechen vorzeitig die Schule ab und aus welchen Gründen? Wieviele Frauen und Männer mit Migrationshintergrund sind hochqualifiziert, aber dennoch im Niedriglohnbereich beschäftigt oder erwerbslos? Wie ist die Langzeiterwerbslosigkeit zwischen Ost- und Westdeutschland verteilt und wie sieht das Geschlechterverhältnis dahingehend aus? Die Beschaffung von geschlechterdifferenziertem Material ist nach wie vor ein wichtiges Thema, denn trotz aller Mahnungen von Expertinnen und Experten gibt es bislang keine Qualitätsstandards für diejenigen Institutionen, die diese Statistiken erstellen. Die Norm scheint noch immer vermeintlich geschlechtsneutral zu sein, was bedeutet, dass wichtige Informationen verloren gehen.

Der direkte Beratungsbereich umfasst auch die Unterstützung von einzelnen ESF-Programmen, die in den fünf Bundesministerien umgesetzt werden (Projektträger können auf Grund der hohen Anzahl nicht direkt beraten werden). Im Rahmen des Informationsmanagements der Agentur werden seit 2009 regelmäßig Expertisen erarbeitet, die ausgewählte Fachpolitiken unter der Gleichstellungsperspektive im ESF-Kontext untersuchen. Diese fachlichen Beiträge – wie z.B. zu Genderaspekten bei der Existenzgründung oder bei der sozialen Integration von Migrantinnen und Migranten, Genderaspekte im Übergang von der Schule in den Beruf – enthalten wichtige Hintergrundinformationen für die ESF-Verantwortlichen, die bei der Programmplanung und auch bei der Projektentwicklung von großer Bedeutung sind. Von aktuellem Interesse ist in diesem Zusammenhang die neueste Expertise zum Thema Existenzsichernde Beschäftigung von Frauen und Männern (http://www.esf-gleichstellung.de/fileadmin/data/Downloads/Aktuelles/expertise_existenzsichernde_beschaeftigung.pdf, 10.10.2012)


Zu den Vernetzungsaktivitäten der Agentur gehören sowohl die aktive Mitarbeit in Gremien als auch die eigenständige Organisation und Durchführung von Kooperationen, Fachgesprächen und Fachforen. Eine der wichtigsten Vernetzungsaktivitäten ist derzeit die Mitarbeit in der Community of Practice on Gender Mainstreaming (CoP on GM), ein europäisches Lernnetzwerk, in dem momentan 14 EU-Mitgliedsländer mitwirken. Die Besonderheit dieser „CoP on GM“ ist die Beratungsfunktion, die sie gegenüber der EU-Kommission und dem Europäischen Parlament übernimmt. Gerade jetzt in der entscheidenden Phase der Vorbereitung zur neuen Förderperiode 2014-2020 können so – mittels der CoP on GM – durch die Agentur wichtige Informationen, Impulse und Vorschläge unterbreitet werden, die die Weichen für die künftige GM-Strategie in der EU-Strukturpolitik stellen.

Auswirkungen der Agentur für Gleichstellung im ESF

Wie sehen nun die Wirkungen der Aktivitäten der Agentur für Gleichstellung im ESF aus?

Diese Frage kann objektiv nur von Dritten – im besten Fall durch wissenschaftliche Auswertungen (Evaluierungen) beantwortet werden. Aus der Binnenperspektive lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt zwei gegenläufige Tendenzen feststellen: Zum einen gibt es eine Reihe positiver Anzeichen, dass die Gleichstellung der Geschlechter als wichtiges Grundsatzthema akzeptiert wird. Es findet ein langsamer Prozess des Umdenkens statt, der auch mit der Aneignung von Kompetenzen einhergeht. Es wurden gute Initiativen auf den Weg gebracht und eine Vielzahl an Ideen, Impulsen und Vorschlägen für einzelne ESF-Programme unterbreitet und weit überwiegend angenommen. Wie sich diese Aktivitäten auf der Projektebene auswirken, kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden, zumal Projektträger eine Vielzahl an Problemen zu bewältigen haben. Zum anderen ist aber auch festzustellen, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern kein „gesetztes“ Politikfeld ist. Je nach „Konjunktur“ (im wahrsten Sinne des Wortes) werden Mittel gekürzt, Personal anderweitig eingesetzt oder Förderungen eingestellt. So geht viel Kompetenz wieder verloren und die notwendige Kontinuität, die Gender Mainstreaming benötigt, kann nicht entwickelt werden. Auch wird Gender Mainstreaming oftmals in Konkurrenz zum Ansatz des „Diversity“ (Vielfalt) gesetzt, eine unnötige Abgrenzung, denn Gender Mainstreaming beinhaltet immer auch den Blick auf die Geschlechter in ihrer Vielfalt und nicht als homogene Gruppen. Und schließlich gibt es noch häufig die Haltung, Gleichstellung zwischen Frauen und Männern als reine familienpolitische Angelegenheit zu betrachten: Eine gute und ausreichende Kinderbetreuung für Väter und Mütter hilft jedoch nicht dabei, das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern zu verringern oder die Altersarmut von Frauen zu verhindern. Es ist noch viel zu tun und zu bewegen – vor allem in den Köpfen, wie bei so vielen gesellschaftspolitischen Fragen. Vor allem zum jetzigen Zeitpunkt, in dem die Förderperiode der EU-Kohäsionspolitik (auch EU-Strukturpolitik) 2014 bis 2020 vorbereitet wird, stellt sich die Frage, ob die Gleichstellung der Geschlechter eine Stärkung oder Abwertung erfährt.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Henriette Meseke für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Regierung und Wirtschaft diskutieren derzeit die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für Führungspositionen. Bisher sind Chefetagen überwiegend von Männern besetzt, obwohl Frauen gleiche oder höhere Abschlüsse, Qualifikationen und Führungskompetenzen besitzen.

Mehr lesen

In Deutschland ist wieder viel von Frauenbewegung und vom Verhältnis der Geschlechter die Rede. Doch wie verlief der Weg der Emanzipation? Die Geschichte der Frauenbewegung zeigt, an welchem Punkt wir heute stehen und was alles erreicht wurde.

Mehr lesen

Publikation zum Thema

Coverbild Geschlechterverhältnisse in der Politik

Geschlechter-
verhältnisse in der Politik

Wie steht es um die Gleichberechtigung der Geschlechter? Was können, was müssen Akteure in Staat, Gesellschaft, Politik (noch) leisten, damit Teilhabe und Chancengleichheit verbessert werden? Die Autorin beleuchtet das Thema aus politikwissenschaftlicher Perspektive.Weiter...

Zum Shop