Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

28.12.2005 | Von:
Prof. Dr. Michael Sauer

Bilder als historische Quellen

Beispiel: Wehrmachtsausstellung

WehrmachtsausstellungWehrmachtsausstellung
Auch als Beweismittel für punktuelle Ereignisse sind Fotos nur bedingt geeignet. Darum ging es beim Streit um die so genannte Wehrmachtsausstellung. Einzelne Fotos zeigen keine Abläufe, sondern nur Momente. Ob der Soldat, der einen Gefangenen mit angelegtem Gewehr bedroht, tatsächlich geschossen hat, wissen wir nicht. Ob der Tote am Boden tatsächlich von dem Mann, der ihn betrachtet, ermordet worden ist, können wir lediglich vermuten. Das folgende Foto gehörte zu den in der Wehrmachtsausstellung umstrittenen. Es zeigt Wehrmachtssoldaten, möglicherweise auch einen Angehörigen der Sicherheitspolizei und des SD (der SS zugeordneter Sicherheitsdienst) vor Leichen im Hof des Gerichtsgebäudes in Tarnopol; aufgenommen wurde es vermutlich am 4./5. Juli 1941, der Fotograf ist unbekannt. Die alte Wehrmachtsausstellung (1995-1999 in 33 Städten Deutschlands) sah in den Betrachtern auch die Täter. Das Bild bietet dafür freilich keinen Beleg, sogar eher im Gegenteil: Dass sich der Soldat links und der zweite von rechts Taschentücher vor den Mund halten, weist darauf hin, dass die Leichen schon Verwesungsgeruch ausstrahlen. Eine genaue Überprüfung der Ereignisse (Hesse 2000) lässt vermuten, dass es sich bei den auf mehreren Fotografien zu sehenden Toten einerseits um Opfer eines NKWD-Massakers (das sowjetische Volkskommissariat für innere Angelegenheiten), andererseits um Opfer eines antijüdischen Pogroms handelt, an dem nach dem Abzug der Roten Armee ukrainische Aktivisten und Angehörige der Waffen-SS, nicht aber der Wehrmacht beteiligt waren.

Für den Quellenwert von Bildern im Bereich Ereignisgeschichte lässt sich also festhalten: Alle Bilder außer der Fotografie ermöglichen nur eine vage Annährung; selbst diese muss mit Vorsicht behandelt werden.

Bilder historischer Personen

Oft wollen wir wissen, wie Personen aussahen, die früher gelebt haben. Das können Persönlichkeiten aus der allgemeinen Geschichte sein oder Personen, die regional oder lokal oder für bestimmte Institutionen von Interesse sind, oder Vorfahren aus der eigenen Familie. Dass es im Mittelalter keine Porträtähnlichkeit gegeben hat, ist eine Binsenweisheit. Aber auch ein Renaissanceporträt muss den Dargestellten nicht unbedingt realistisch zeigen; wie nah es dem kommt, lässt sich nur schwer überprüfen.

Fotografenfoto eines kleinen Jungen, 1903Fotografenfoto eines kleinen Jungen, 1903
In der Regel gibt es nur die Möglichkeit, verschiedene Bilder miteinander zu vergleichen: Bei Kolumbus etwa klaffen dann die Ergebnisse ziemlich auseinander. Anlässlich der Weltausstellung 1893 sind 71 Kolumbus-Porträts zusammengetragen worden, die den Entdecker allesamt unterschiedlich darstellen – wir wissen nicht, wie Kolumbus wirklich aussah. Die Künstler pflegten zu verschönern und zu stilisieren; schließlich musste das Bild auch dem Auftraggeber gefallen. Gerade in der Überhöhung der Person, in der Darstellung von Individualität und Charakter, lag ja der Wert des Porträts. Immerhin ermöglichen uns solche Bildquellen aber doch eine Annäherung an eine Person, von der wir uns anhand von Textquellen überhaupt kein Bild zu machen imstande sind.

Auch hier bedeutet die Fotografie einen Sprung hin zu mehr Wirklichkeitsnähe. Allerdings zeigt auch sie eine Person oder ihr Gesicht nicht unbedingt unverstellt. Im 19. und bis ins 20. Jahrhundert waren beim Porträtfoto im Studio Inszenierungen mit Hintergrundleinwand, Stühlen, Tischchen, Säulen, künstlichen Pflanzen üblich, in denen die Personen arrangiert wurden. Dieses Foto eines kleinen Jungen im Kleid aus dem Jahre 1903 zeigt entsprechende Accessoirs – bis hin zum hier ganz unpassenden Buch.

Hinzu kommen die technischen Rahmenbedingungen: Bei minutenlangen Belichtungszeiten ließ sich kein Lächeln einfangen. Dennoch: Nicht zuletzt das spezielle Genre der erkennungsdienstlichen Fotografie belegt, dass mit dieser Technik ein neuer Stand erreicht wurde, das Aussehen von Personen festzuhalten. Und die sinkenden Kosten für die Fotografie demokratisierten gleichsam das Personenbild im Laufe der Zeit.

Geschichte: gemalter Alltag

Der Sänger Chenard in Sansculottenkleidung mit Pantalons, Carmagnole, Kokarde und Fahne. Gemälde aus der Schule von Louis Leopold Bailly, 1792.Der Sänger Chenard in Sansculottenkleidung mit Pantalons, Carmagnole, Kokarde und Fahne. Gemälde aus der Schule von Louis Leopold Bailly, 1792.
Bildquellen sind hervorragende Zeugnisse für die materielle Kultur vergangener Zeiten. Wie sahen Häuser, Städte und Wohnungen aus, wie kleideten sich die Menschen, welche Werkzeuge und Geräte benutzten sie? Soweit uns nicht einschlägige Sachquellen vorliegen, stützen sich unsere historischen Kenntnisse zu solchen Fragen im Wesentlichen auf Bildquellen. Nehmen wir das Beispiel Kleidung: Wie in einem Modekatalog führt uns das Gemälde des Sängers Chenard die typische Kleidung eines Sansculotten in der französischen Revolution vor.

Informationen über Realien geben uns die Maler und ihre Bilder – anders als in diesem Gemälde – zumeist unabsichtlich. Das eigentliche Sujet des Bildes spielt dabei keine Rolle: Eine biblische Szene in einer mittelalterlichen Darstellung ist natürlich mit mittelalterlichen Ausstattungsstücken versehen, denn andere waren dem Künstler gar nicht bekannt. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass Realien ausdrücklich zum Gegenstand von Darstellungen gemacht wurden: Wir haben z. B. – von den mittelalterlichen Monatsbildern angefangen – über landwirtschaftliche Arbeit
Eine bäuerliche Familie bei der Arbeit. Buchmalerei um 1023.Eine bäuerliche Familie bei der Arbeit. Buchmalerei um 1023.
einen großen Fundus an Bildern, aus denen wir viel über die jeweiligen Tätigkeiten, Verfahren und Geräte ablesen können. An dieser um 1023 entstandenen Buchmalerei ist beispielsweise die Technik des so genannten hohen Sichelschnitts sehr gut zu erkennen. Obwohl dies viel weniger anstrengend gewesen wäre, wurde das Getreide nicht mit der Sense, sondern mit der Sichel geschnitten. Man fasste mit der einen Hand die Ähren oder den oberen Teil des Halmes und schnitt mit der anderen den Halm direkt darunter ab. Dadurch konnte man ein Umknicken der Halme oder eine zu große Erschütterung, durch die die Körner leicht verstreut worden wären, vermeiden – schließlich gab es damals noch keine mähdreschergeeigneten Züchtungen.


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Die wenigsten Menschen haben Krieg selbst erfahren. Ihre Vorstellung vom Krieg wird vor allem durch die Medien geprägt. Insbesondere den Bildschirmmedien kommt dabei eine große Bedeutung zu.

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