Kinder sehen Krieg - Dossierstartbild
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14.7.2005 | Von:
Jan-Uwe Rogge

"Ob auch Kinder überlebt haben?"

Wie Kinder mit Tod, Trauer und Sterben in den Nachrichten umgehen

Kinder können sich die Bilder von Kriegen und Katastrophen oft im wahrsten Sinne nicht vom Leibe halten. An Beispielen aus der therapeutischen Praxis zeigt Jan-Uwe Rogge, wie Ängste entstehen und wie Eltern ihre Kinder begleiten und unterstützen können.

Einleitung

Juliane, 10 Jahre, hat von einer Seuche gelesen, einem Virus, gegen das es kein Gegenmittel gibt. Die Eltern hatten ihr erklärt, dass dieses Virus nicht nach Europa kommen könne. "Aber es kann doch sein", beharrt Juliane. Die Gespräche über die Seuche und die Krankheit zogen sich über Wochen hin.


"Sie fing immer wieder davon an", so die Eltern. "Und dann hatte sie von irgendwelchen Symptomen gelesen, die den Ausbruch der Krankheit anzeigen sollten. Da war von Hautflecken die Rede, von irgendwelchen braunen Flecken auf der Haut." Die Mutter rollt mit den Augen. "Die saß beim Essen und schaute nur noch auf die Hände und Finger. Fürchterlich! Ich hab die Krise gekriegt. 'Jetzt reicht es, verdammt!', hab ich einmal geschrien. 'Du willst wohl, dass ich sterbe', hat daraufhin meine Tochter mit gequälter Stimme hervorgepresst. Da war ich völlig fertig."

Eines Tages kam sie freudestrahlend an den Abendbrottisch. "Was hast du?", fragt die Mutter. "Ich krieg den Virus nicht", antwortet Juliane, um selbstbewusst hinzuzufügen: "Und wenn ich ihn krieg oder ihr, habe ich ´ne Adresse, wo´s ein Gegenmittel gibt!" "Und woher hast du die?" "Aus dem Internet. Da habe ich jemanden gefunden, der das herstellt. Und die Telefonnummer habe ich an die Pinnwand in der Küche geheftet."

Dies ist nur ein Ausschnitt aus Gesprächen, die ich in den letzten 20 Jahren mit Kindern zum Thema Ängste und ihre Verarbeitung in der Beratung geführt habe. Anlässe waren zumeist Fragen von Eltern, Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern, die diese in der Folge von Katastrophen, Unglücken oder Kriegen an mich stellten. Ein Schwerpunkt der Fragen war, wie man angemessen mit den Verunsicherungen der Kinder umgehen könne. Die Gespräche fanden in Kindergärten, Schulen und in meiner Praxis statt. Den Kindern wurde darüber hinaus Gelegenheit gegeben, ihre Eindrücke nachzuspielen oder zu zeichnen. Zudem berichteten Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer über ihre Erfahrungen mit Kindern im Nachgang der medialen Berichterstattung über Katastrophen und Kriege.

Mit Ängsten umgehen

Ein Ergebnis der Beratungsgespräche war: Kinder sind ganz individuelle Angsttypen. Sie gehen höchst unterschiedlich mit (medialen) Angstszenarien um. Meist entsteht Angst, so John Bowlby, in zusammengesetzten Situationen, zum Beispiel Dunkelheit und plötzliche laute Geräusche. Dies gilt gleichermaßen für die durch mediale Szenarien aktualisierten Ängste, an denen zumeist mehrere Sinne (zum Beispiel Sehen und Hören) beteiligt sind. Zusammengesetzte Situationen können sein: ein unverhofftes Geräusch in der Dunkelheit, fehlende Geborgenheit während des Sehens und undefinierbare Geräusche im Film, eine neue Situation, die plötzlich auftaucht, ein Ungeheuer, das komische Laute von sich gibt, der Schmerz einer geliebten Person etc.

Es gibt eine Vielzahl inszenierter Urängste (Furcht und Schrecken bei Dunkelheit, Geräusche, unbekannte Situationen etc.), bei denen Erwachsene und Kinder ähnlich reagieren. Doch es gibt Themen, Handlungen, Bilder und Hörelemente, die Kinder stärker betreffen als Erwachsene (zum Beispiel Katastrophen, Ungeheuer, das Wiederentdecken einer eigenen Erfahrung, das Ineinander von Fantasie und Realität, Tiere in Großaufnahmen), weil Kinder – wahrnehmungs- und entwicklungsbedingt – erst allmählich Distanzierungstechniken aufbauen.

Emotionale Verunsicherungen bei Kindern sind dann zu beobachten, wenn geliebte und vertraute Personen bedroht, reale Opfer in Nachrichten- und Informationssendungen gezeigt werden und die Fantasie nahe legt, "das könnte mir und meinen Eltern auch passieren". Ängste können entstehen, wenn Kinder dramaturgische Elemente (zum Beispiel Kameraeinstellungen) nicht einordnen können. Ben, der sich von einer Riesenameise bedroht fühlt, hatte diese nicht in einem Horror-, sondern in einem Tierfilm gesehen, der normale Waldameisen in Großaufnahmen zeigte.

Je jünger die Kinder sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie über Visuell-Äußeres (über Monster, Geister, Ungeheuer etc.), über nicht durchschaubare Trick- und Verwandlungseffekte erschrecken. Je jünger die Kinder sind, desto intensiver ziehen Geräusche und Musik sie in den Bann, gestalten sie das kindliche Filmerleben auf der Grenze zwischen Freiwilligkeit und Überfahrenwerden.

Ältere Kinder, meist vom siebten Lebensjahr an, reagieren betroffen-verunsichert auf Schmerz, Verletzungen und Vernichtung, auf realistische Situationen und soziale Ängste, die dem kindlichen Alltag nahe sind und eine Wiederbegegnung mit vielleicht verdrängten oder vermiedenen Ängsten ermöglichen. Aber auch Mitfühlen und Mitleiden können eine emotionale Verunsicherung mit sich bringen.

Generell gilt: Die Ängste, die mediale Szenarien bei Kindern wachrufen, hängen neben der intellektuellen vor allem von der gefühlsmäßigen Entwicklung der Kinder ab. Je jünger die Kinder sind, desto heftiger, archaischer und ungebrochener reagieren sie. Da Distanzierungstechniken nur ansatzweise entwickelt sind, bleiben Rationalisierungen wie "Das ist doch nur ein Film!" häufig folgenlos. Das gilt auch für ältere Kinder, wenn sie subjektiv bedeutsame und gefühlsmäßig besetzte Themen im Film wieder entdecken. Das Vorwissen und die Vorerfahrungen sind entscheidende Bedingungen für die Wiederbelebung von Ängsten.

Ein wichtiger Faktor für den Umgang mit filmischen Emotionen sind die psychische Gesamtsituation des Kindes und seine Möglichkeiten, mit Ängsten umzugehen

Entscheidend ist, dass ein Kind über Distanzierungstechniken verfügt: sei es die Möglichkeit, die Nutzung abzubrechen, sich die Augen und Ohren zuzuhalten, die Gelegenheit zu Nebentätigkeiten oder die Vergewisserung von Nähe und Geborgenheit durch Bezugspersonen. Das Wissen über die Künstlichkeit einer Szene ("Das ist ja nur ein Film!") hilft umso weniger, je mehr das Kind in den Bann gezogen oder bereits überwältigt wurde. Auch Verunsicherungen über reale Katastrophen oder Unglücke, die durch Nachrichten oder andere Informationssendungen vermittelt werden, lassen sich durch Rationalisierungen nur schwer bearbeiten.

Wann Ängste entstehen

Medien machen etwas mit den Kindern, genauso wie Kinder ihnen höchst verschiedene Bedeutungen zuweisen. So sind selbst heftige Reaktionen auf Fernsehsendungen, die Eltern nach bestem Wissen und Gewissen als "gut" einschätzen, häufig nicht vorhersehbar. Und umgekehrt sind Eltern entsetzt, wenn Kinder mit gruseligen Dramaturgien "cool" umgehen. Es gibt für Kinder keine harmlosen, soll heißen: folgenlosen Medienprodukte. Manchmal bewältigt das Kind seine Ängste schöpferisch, manchmal schlägt die spielerische Begegnung mit Ängsten in Furcht und Schrecken, in Unlust und Frustration um.

Die Vielfalt und Unvorhersehbarkeit kindlicher Ängste, die mit der Mediennutzung einhergehen können, sollten Eltern als Zeichen nehmen, die ein Kind setzt, als Zeichen für emotionale Entwicklungsschritte, die das Kind gerade vollzieht, für momentane Sorgen und Nöte bzw. als Hinweis darauf, dass mit dem Filmerleben längst überwundene Erfahrungen wieder belebt wurden.

Auch wenn man nicht genau vorhersagen kann, welche medialen Dramaturgien Ängste auslösen und verstärken können, so lassen sich einige formale und inhaltliche Elemente benennen, die Stresssituationen und ängstigende Gefühlslagen nach sich ziehen. Kinder zeigen unsichere emotionale Gefühle und Regungen, wenn
  • sie keine Fähigkeiten entwickelt haben, mit medialen Szenarien umzugehen, und nicht wissen, was sie erwartet;
  • Filme kein Happy End haben;
  • sie Szenen sehen, die ohnehin gefühlsmäßig belastet sind;
  • sie Unglücke, Katastrophen und Kriege medial vermittelt miterleben;
  • sie unvorbereitet durch Handlungen und Thema einer Sendung negative Assoziationen zu ihrem Alltag empfinden.
Nachrichten- und Informationssendungen, die sich mit Katastrophen oder problematischen Ereignissen beschäftigen, berühren Kinder, verunsichern oder verängstigen sie. Sie beleben – unbewusst oder bewusst – Trennungs- oder Verlassensängste. Damit ist nichts über die Schädlichkeit oder Gefährlichkeit solcher Sendungen gesagt oder darüber, dass es sinnvoll sei, Kindern den Zugang grundsätzlich zu untersagen. Zu bedenken ist allerdings, dass die Begegnung mit den Sendungen häufig zufällig oder nebenbei geschieht – und im Übrigen Kinder auch durch andere Medien mit Tod und Zerstörung konfrontiert werden. Vermeidung, Verdrängung von Ängsten helfen weder Eltern noch Kindern. Notwendiger denn je erscheint es mir, Kinder bei der Ver- und Bearbeitung von Trennungs- und Vernichtungsängsten zu unterstützen, ihnen Vertrauen zu geben, sich mit ihren meist sehr anschaulichen Mitteln auf die durch Bilder- und Hörwelten belebten Ängste einzulassen.

Frederick und das Unglück der Estonia

Frederick, 7 Jahre, sitzt am 28. September 1994 am Frühstückstisch, als die Radionachrichten über das Unglück der Fähre "Estonia" in der Ostsee berichten. Er blickt entsetzt auf: "Ob auch Kinder überlebt haben?", lautet seine erste Frage. Die Eltern sind irritiert und schweigen. "Wenn sie alt genug sind, können sie schwimmen!", gibt sich Frederick selbst die Antwort. Danach ist er ruhig, fragt beim Hinausgehen, wo Finnland und Estland liegen und ob "wir schon mal da gewesen sind". Er gibt seiner Mutter einen längeren Abschiedskuss als sonst.

Als er mittags nach Hause kommt, will er sofort weitere Nachrichten hören. Dann fragt er, so seine Mutter, "mir viele Löcher in den Bauch". Frederick will alles ganz genau wissen: Wie die Fähre ausgesehen habe, warum die so schnell gesunken sei, die Menschen sich nicht haben retten können. Frederick zeigt ein großes Interesse an technischen Details. Die Mutter kann keine befriedigende Antwort geben: Zum einen ist sie selbst erschüttert, zum anderen verfügt sie – wie auch? – nicht über die erforderliche Sachkenntnis.

Aber sie bleibt geduldig, stellt häufig Rückfragen, die ihren Sohn ermuntern, eigene Vorstellungen zu formulieren. Was ihr besonders auffällt, sind seine Ideen, wie man bei einem solchen Unglück dennoch überleben könne. Er weiß: Im Sommer geht die Reise nach Norwegen und hierfür muss die Familie eine Fähre benutzen. Fredericks Mutter vermeidet Hinweise darauf, ihnen würde das nicht passieren, weil die Fähren nach Norwegen sicher seien.

Fredrick entwickelt die Idee von einer Wache, die rund um die Uhr arbeitet, wenn die anderen Familienmitglieder im Sommer auf der Fähre schlafen. Einer müsse "halt immer aufpassen" und wenn dann "etwas passiert", dann "warnt er die anderen". Die Mutter streichelt sein Haar, Frederick scheint zufrieden.

Nachmittags holt er sein Spielzeugschiff aus Plastik, geht damit zum Gartenteich und spielt – in unendlichen Wiederholungen – den Schiffsuntergang nach. Am Abend erklärt er seinem Vater, die "Estonia" habe keine Chance gehabt. Wenn ein Schiff "erst mal richtig Schlagseite hat, dann säuft es schnell ab". Das Spiel mit dem Schiffsuntergang erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Nachdem Frederick vom Untergang gehört hat, wirkt er in den Nächten unruhig, schläft nicht durch, hat Alpträume und Angstfantasien. Der Vater will ihm angesichts der besonderen Situation erlauben, im elterlichen Schlafzimmer zu bleiben, obgleich sein Sohn nicht darum bittet.

Die Mutter hat deshalb eine andere Idee: "Wir üben schon mal die Wache für die Fahrt im Sommer", erklärt sie ihrem Sohn am Morgen. Frederick strahlt, er will mit der Wache am Abend als Erster beginnen. Man einigt sich darauf, eine Stunde zu wachen, dann soll der Wechsel erfolgen. Als die Mutter in der Nacht aufwacht, findet sie Frederick im Flur auf ein Kissen gekuschelt – tief schlafend. Die Müdigkeit hat ihn eingeholt. Als die Mutter ihn ins Bett trägt, blinzelt er. "Jetzt bist du dran, Mama!" Sie legt ihn ins Bett, bleibt eine kurze Zeit sitzen, er schläft sofort ein.

Das Wachritual wiederholt sich in den nächsten Nächten: Fredrick übernimmt die erste Wache, schläft dabei ein und wird von seiner Mutter ins Bett getragen. Seine nächtliche Unruhe, seine Alpträume und Angstfantasien verschwinden schnell. Gemeinsam haben er und seine Mutter einen Weg gefunden, mit den Ängsten umzugehen, die durch eine Katastrophe konkrete Gestalt angenommen hatten. Sowohl sein Spiel, das Untergang und Zerstörung zum Inhalt hat, als auch die Art, wie seine gefühlsmäßige Unsicherheit durch das von ihm entwickelte Ritual konstruktiv bewältig wird, zeigen, wie einfühlendes Verstehen dem Kind bei der Bewältigung von Krisen helfen kann. Der Weg, den Fredericks Mutter gefunden hat, hält ihn nicht von der Krise fern, er gibt ihm vielmehr die Kraft, sie zu bestehen.

Raum für Spiel, Zeit für Fragen

Man konfrontiert Kinder mit Informationen, die sie nicht selten belasten und überfordern, die Ängste, ein Gefühl von Ohnmacht, Resignation und Hilflosigkeit hinterlassen. Gerade jüngere Kinder verarbeiten diese Gefühle im Spiel. Deshalb ist es wichtig, den Kindern Raum dafür zu geben. Ab den 90er-Jahren ist eine deutliche Zunahme des Kriegsspiels unter Heranwachsenden zu beobachten gewesen. Dies ist auf eine lebenszeitliche frühe Begegnung von Kindern mit kriegerischen Ereignissen, die sie auf der Mattscheibe und in den Medien erleben, zurückzuführen. Während mitteleuropäischen Kindern der symbolische Verarbeitungscharakter ihres Spiels deutlich ist (es wird nicht "richtig" gestorben), verarbeiten Kinder mit realen Kriegserfahrungen, z.B. aus Bosnien oder afrikanischen Bürgerkriegsgebieten, diese gravierenden Erfahrungen anders: Die "totgeschossenen" Spielkinder müssen liegen bleiben, dürfen nicht aufstehen.

Und dies sei allen Pädagogen bei ihren wohl gemeinten Friedensbemühungen ins Stammbuch geschrieben: Kindern ist mit pädagogischen Bemühungen, die sich am Entwicklungsstand von Erwachsenen orientieren, nicht geholfen. Kinder haben ein genaues Gespür für die symbolische wie die reale Aufarbeitung von Schreckenserfahrung. Wer praktische Friedensarbeit mit Kindern leisten will, muss bereit sein, von Kindern zu lernen und sich auf ihr unzivilisiertes, manchmal drastisch unbekümmertes Handeln einzulassen.

Kinder brauchen Begleitung, aber keine Besserwisser, erzieherische Bevormundung oder gar eine pädagogische Aggression, die mit Verbot und Liebesentzug arbeitet. Wenn Kinder nach dem Krieg fragen, gilt die Regel: Fragen Sie zurück. Nur so erfahren Sie, was Kinder wissen wollen.

"Papa, was sind Napalm-Bomben?", fragt der 6-jährige Tobias. "Was stellst du dir darunter vor?" "Das ist was Großes, Farbiges, was Klebriges!" Man kann diese Antwort so stehen lassen, wenn das Kind damit zufrieden ist. Irgendwann wird ihm diese Antwort nicht mehr ausreichen, dann stellt es andere Fragen und fordert genauere Antworten. Vermeiden Sie unbedingt einen endlosen Wortschwall! Antworten Sie knapp und am Gefühls- und Entwicklungsstand Ihres Kindes orientiert. Lassen Sie dem Kind Zeit, seine Fragen zu entwickeln. So bereiten Sie die emotionale Grundlage vor, die Ihr Kind befähigt, später umfassende und komplexe Fragen zu stellen und die Antworten auszuhalten. Und denken Sie daran: Mit Fragen nach dem Krieg wollen Kinder sicherstellen, dass sie im Fall eines Falles nicht allein sind und sich der Nähe von Erwachsenen sicher sein können.

"Was ist, wenn der Krieg zu uns kommt?", fragt die 8-jährige Evelyn. "Der kommt nicht!", antwortet der Vater. "Aber was ist, wenn er doch kommt?", beharrt sie. "Dann bin ich bei dir!" "Bestimmt?" Der Vater zieht seine Tochter fest an sich. "Bestimmt?" Der Vater nickt. Er hält seine Tochter fest. "Das ist gut! Das ist gut!"

Der 11. September 2001

11./12. September 2001. "Da war ein großes Feuer. Das sah aus, als ob da der Backofen gebrannt hat. Wie bei uns mal. Ganz viel schwarzer Qualm", so Patrick, knapp vier Jahre, als er die Bilder des brennenden World Trade Centers auf der ersten Seite der Tageszeitung sah. "Ich möchte nie in ein Hochhaus ziehen, da können Flugzeuge reinfliegen. Gut, dass mein Zimmer im Keller ist", erzählt Florian, fünf Jahre.

"Die wären mit Absicht hineingeflogen. So blöd kann doch keiner sein", erklärt Benedikt, sieben Jahre. "Das müssen böse Menschen sein, ganz böse Menschen." Sie habe keine richtige Angst, sagt Sarah, acht Jahre. "Ich bin einfach nur traurig, weil so viele Menschen tot sind. In den Häusern waren doch auch Eltern drin und die hatten Kinder. Und die Kinder weinen jetzt."

Sie habe, berichtet Katharina, neun Jahre, angefangen, ein Tagebuch zu schreiben. "Mit Eltern reden, das bringt mir nichts. Entweder erzählen die mir, dass wohl Krieg kommt, und wenn ich dann nicht einschlafen kann abends, erzählen sie, ich brauche keine Angst zu haben. Die sind vielleicht komisch."

Kinder – egal welchen Alters – sind von den Ereignissen des 11. September 2001 betroffen. Sie reagieren gefühlsmäßig, suchen nach Erklärungen, wollen das schier Unbegreifliche irgendwie begreifen. Und ein Mittel dabei ist das Spielen.

13. September 2001, zwei Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York. Eine Gruppe von vier Jungen – Nico, René, Björn und Roman, alle etwa fünf Jahre alt – bauen aus Holzklötzen zwei hohe Türme und schmeißen mit ungeheurer Wucht Plastikflugzeuge in die Bauwerke. Dieses Spiel wiederholt sich unendliche Male. Zwischendurch springen sie auf, rennen herum, schreien, toben. Dann bauen sie in der Sandkiste eine Burg, bringen sie durch Trampeln zum Einsturz. Oder sie nehmen einen kleinen Ziehwagen, setzen zwei Jungen hinein, während zwei andere ziehen, und spielen damit Feuerwehr, die einen Brand löschen muss. Die Spiele verlaufen lautstark. In den Aktionen der Jungen ist Kampfbereitschaft sichtbar, der Versuch, sich einer unbegreiflichen Herausforderung zu stellen.

Zur gleichen Zeit sitzt eine Gruppe von drei Mädchen in der Puppenecke – Sabine, Mareike und Melanie, alle 5 Jahre alt. Sie lassen aus großer Höhe kleine Stoffpuppen fallen, fangen sie aber kurz vor dem Aufprall auf, betten sie auf eine Matratze, versorgen sie, tun so, als hätten die Puppen Verletzungen. Auch dieses Spiel zeichnet sich durch endlose Wiederholungen in ständig wiederkehrenden Abläufen aus.

"Mein Vater", so Sabine, "kommt aus so einem Hochhaus raus. Der würde nur nach unten rennen, der würde nicht aus dem Fenster springen." "Meiner auch", meint Mareike, "der hätte ´nen Fallschirm dabei." Sie zeigt auf eine Puppe, die sie fallen lässt: "Wie die hier! Und dann", sie fängt die Puppe mit der anderen Hand auf, "landet er ganz weich und tut sich nicht weh." "Und wenn doch", fährt Melanie fort, "kommt er ins Krankenhaus, wie die hier." Sie weist auf eine Puppe, die auf der Matratze liegt.

Etwas später im Stuhlkreis sitzen die Jungen und Mädchen mit anderen, etwa gleichaltrigen Kindern zusammen. René: "Wie kann man so blöd sein, da reinzufliegen!" Björn, René ansehend: "Find ich auch. Ich hab da so´n Computerspiel. Ich flieg nie in so ´nen Turm. Ich flieg immer drum herum." René, den Kopf schüttelnd: "Die waren nicht blöd, die waren böse, einfach böse. Meine Eltern sagen, die wollten das. Die haben das mit Absicht gemacht." Björn, skeptisch guckend: "Vielleicht konnten die nicht steuern. Vielleicht? Ich weiß es aber auch nicht!" Melanie greift ein: "Ist doch auch völlig egal! Ob die das nun konnten oder nicht. Gestorben sind da viele. Das war ganz schrecklich. Als ich das im Fernsehen gesehen habe, habe ich nach Mama gerufen!" Sie überlegt: "Aber wenn die im Turm ´nen Fallschirm gehabt hätten, wären sie nicht gestorben!" Nico blickt genervt drein: "Oh, so ein Blödsinn!" Melanie: "Gar kein Blödsinn!" Nico streckt ihr die Zunge raus: "Doch Blödsinn! Ein Fallschirm öffnet sich nicht, wenn man aus einem Hochhaus springt!" Melanie nickt mit dem Kopf. "Doch, der öffnet sich!"

Roman hat die ganze Zeit zugehört, dann meint er bedächtig: "Wenn man da rausspringt, bist du gleich ohnmächtig, sagt mein Vater. Da merkst du nichts mehr." Mareike nickt mit dem Kopf: "Und deshalb tun die sich auch nicht weh, wenn die unten landen!" Sabine hat die ganze Zeit still zugehört, dann meint sie zufrieden: "Bin jedenfalls froh, dass wir nicht in einem Hochhaus wohnen. Dann muss ich auch nicht springen!" René lacht: "Also Batman könnte aus dem Hochhaus springen. Der könnte das!" Björn platzt in die Worte von René: "Oder Superman! Also, ich würd gern Superman sein. Dann kann mir nichts passieren!" Sabine wirkt nachdenklich, als sie sagt: "Wenn der Superman da rausspringt, der bricht sich bestimmt auch ein Bein."

Jungen wie Mädchen werden häufig unvermittelt mit Katastrophen, Unglücken, mit Krieg und Terror konfrontiert. Solche Ereignisse prägen die Gespräche, zeigen sich in den Aktivitäten, in den (Nach-)Spielen der Jungen. Dabei lassen sich geschlechtstypische (aber nicht -spezifische) Akzente unterscheiden:

  • Die Aggressionen der Jungen richten sich stärker nach außen, dies vor allem im Nachspiel und den Erzählungen. Mädchen zeigen dagegen mehr Betroffenheit, sie reagieren verunsichert und verängstigt. Mädchen fühlen mehr mit den Opfern, versetzen sich in die Lage von Betroffenen, sind an den Folgen zerstörerischer Akte interessiert.
  • In den Spielen der Jungen dominieren Körperlichkeit und Kraft. Das Nachspielen der Mädchen wirkt ruhiger, stiller, zurückgezogener. Mädchen arbeiten in den Spielen nicht so sehr die physische als vielmehr die psychische Anspannung ab.
  • Die Verunsicherungen, die Jungen haben, werden durch Übermotorik oder rationalisierende Bemerkungen geleugnet. Das soll Gleichgültigkeit, Lässigkeit, Souveränität oder Kompetenz vorspiegeln.

    Begleitung und Unterstützung der Kinder

    Es ist paradox und widersprüchlich zugleich: Bei Kriegen und Katastrophen sind Pädagogen und Psychologen gefragter denn je – egal, ob die Fragen nun von Eltern oder Journalisten formuliert werden. Die am häufigsten gestellten Fragen in den letzten Jahren und meine Antworten darauf will ich abschließend in Form eines Interviews anreißen.

    Wie kann ich meinem Kind den 11. September oder den Irak-Krieg erklären?

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    Dies ist eine typische Herangehensweise von Erwachsenen. Obgleich sie selbst emotional getroffen sind, wollen sie alles mittels Verstand erklären. Doch sind Kinder, je jünger sie sind, vor allem gefühlsmäßig berührt. Kinder sind verunsichert durch den Beginn des Krieges. Hintergründe, langatmige Erklärungen, theoretische Begründungen helfen ihnen nicht. Diese und auch eine vernünftige Aufklärung, was ein Krieg ist oder warum es dazu kommen konnte, sind mehr für ältere Schulkinder geeignet, zielen mehr auf Jugendliche ab.

    Sollten Eltern warten, bis die Kinder mit ihren Fragen zu ihnen kommen? Oder müssen sie von sich aus auf das Kind zugehen?

    Jüngere Kinder sind aufnahmebereiter, wenn man auf die Fragen antwortet, die sie von sich aus stellen. Aber sie nehmen sich manchmal Zeit, bis sie fragen. Ein forsch-neugieriges Kind wird schneller fragen, ein in sich gekehrtes versucht zunächst, selbst Antworten zu finden. Für Eltern gilt: Halten Sie sich zur Verfügung, wenn die Kinder mit ihren Fragen und ihrem Wissensdurst kommen.

    Worauf sollten Eltern achten? Was ist aus Ihrer Sicht wichtig?

    Kinder wollen ehrliche, sie wollen offene Antworten, sie brauchen keine Beschwichtigungen nach dem Motto: "Dafür bist du noch zu klein" oder elterliche Antworten, die die Gefühle der Kinder nicht respektieren: "Du brauchst keine Angst zu haben!" Bilder wie die vom Irak-Krieg lösen bei jüngeren Kindern Trennungsängste aus, sie rufen Gefühle des Alleinseins hervor: "Was passiert mit mir, wenn Papa und Mama tot sind?" Schulkinder stellen häufiger Bezüge zur eigenen Wirklichkeit her: "Was ist, wenn so etwas in meiner Stadt passiert?" Oder: "Ich habe Angst, dass der Krieg auch zu uns kommt." Berichte, die ältere Kinder in den Medien lesen oder sehen, hinterlassen bei ihnen Gefühle der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins.

    Was ist für Kinder in dieser Situation wichtig?

    Kinder brauchen die Gewissheit und das Gefühl, ernst genommen zu werden. Sie brauchen Halt, Sicherheit und Geborgenheit. Sie brauchen so viel Normalität wie nötig. Kindergeburtstage oder -feste mit dem Hinweis auf den Krieg ausfallen zu lassen trägt zu einer weiteren Verunsicherung bei. Sollte das Kind jetzt schlecht schlafen, nächtliche Alpträume haben, den Weg ins elterliche Bett suchen, um sich dort Nähe zu holen, dann ist das zeitlich begrenzt völlig in Ordnung.

    Man hört immer wieder, Eltern müssen jetzt mit Kindern reden. Worauf müssen sie dabei achten?

    Wichtig sind altersgemäße Antworten. Bei jüngeren Kindern ist das Prinzip der Rückfragen besonders geeignet. "Kann das auch bei uns passieren, Papa?" – "Was meinst du?" – "Ich glaube schon, Papa. Aber wenn was passiert, bist du bei mir!" Der Vater nickt und nimmt seinen Sohn in den Arm. An diesem kleinen Dialog erkennt man: Es geht dem Kind nicht darum, ob der Krieg kommen kann, sondern um die Folgen, die sich daraus ergeben. Das Kind will Gewissheit, ob es sich dann auf den Halt der Eltern verlassen kann.

    Sie sprechen von altersgemäßen Antworten und Formen der Verarbeitung. Was ist damit gemeint?

    Jüngere Kinder verarbeiten Ängste in ihren Spielen, in ihren Träumen, ältere Kinder suchen das Gespräch mit den Eltern, vor allem aber auch die Unterhaltungen mit gleichaltrigen Freunden. Sie reden aber nicht nur, sie tun auch etwas: Sie stellen Kerzen auf, sie demonstrieren, sie legen Blumen nieder, sie schreiben Briefe und Tagebücher. Solche Aktivitäten sind Versuche, mit Gefühlen der Ohnmacht und Hilflosigkeit umzugehen. Erwachsene haben doch auch Ängste. Sollen Eltern diese verbergen? Eltern sind keine angstfreien, allwissenden Wesen! Das nehmen Kinder ihren Eltern nicht ab. Für Eltern gilt: ehrlich sein! Unsicherheiten zugeben! Und wenn man etwas nicht erklären kann, dies dem Kind auch mitteilen. Sätze wie: "Dafür bist du noch zu jung!" nehmen kindliche Persönlichkeiten mit ihrem Drang, Wirklichkeit zu begreifen, nicht ernst.

    Dürfen Kinder jetzt Nachrichten sehen?

    Nachrichten über die Weltlage erfährt ein Kind nicht allein über die Fernsehprogramme. Alle Medien sind voll von Nachrichten. Berichte über Katastrophen lösen bei Kindern Trennungsängste, Gefühle des Verlassenwerdens aus. Zwei Dinge sind wichtig: Bei jüngeren Kindern gilt es, bezüglich Nachrichten, die für Erwachsene gemacht sind, klare Grenzen zu setzen. Aber sollten Kinder damit doch konfrontiert werden, dann muss man ihnen Gelegenheit geben, das Gesehene zu verarbeiten. Sie tun dies über das Spiel oder, wenn sie älter sind, über das Gespräch. Hinzu kommt ein zweiter Gesichtspunkt: Es gibt Informationssendungen für Heranwachsende wie logo!, die solch dramatische Ereignisse für Kinder vom 8. Lebensjahr an hervorragend aufbereiten.

    Wann gehen Kinder wieder zur Tagesordnung über?

    So schnell und so komplikationslos wird das nicht gehen. Beim ersten Golfkrieg konnte man beobachten, wie Elemente des Krieges noch nach vielen Wochen und Monaten in den Spielen und Träumen der Kinder, in ihren Zeichnungen und Gesprächen enthalten waren. Kinder brauchen Zeit, um ihre Ängste und Unsicherheiten zu verarbeiten. Und wir sollten ihnen diese Zeit auch geben. Halt, Geborgenheit, Normalität sind wichtig. Und letztlich kommt es auch darauf an, den Kindern weltanschauliche Toleranz vorzuleben, ihnen Achtung und Respekt vor den unterschiedlichen Kulturen zu vermitteln. Die Reaktion vieler Kinder auf die Ereignisse am 11. September 2001 macht dabei Mut: Kinder haben – egal welcher Kultur und Religion sie angehören – getrauert. Erwachsene könnten von Kindern lernen, was es heißt, respektvoll und würdevoll miteinander umzugehen.

    Was können Produzenten und Nachrichtenmacher tun, um Kinder nicht zu verunsichern?

    Seit dem ersten Golfkrieg Anfang der 90er-Jahre lässt sich eine Veränderung in der medialen Berichterstattung über Katastrophen und Kriege feststellen. Mit Großaufnahmen werden die Opfer im wahrsten Sinne des Wortes vorgeführt. Solche Bilder, in deren Mittelpunkt nicht selten weinende Kinder und verunsicherte Mütter stehen, erschrecken nicht nur die zusehenden Heranwachsenden. Der Berichterstattung fehlt es an mitfühlender Distanz zum Geschehen. Es ist einfach, die Kamera auf das Opfer zu halten, es ist ungleich schwieriger, in Bild und Ton hintergründig und getragen von Solidarität über Kriege und Katastrophen zu berichten. Wie man dies auf eine für Kinder angemessene und nachvollziehbare Weise tun kann, das beweist die Kindernachrichtensendung logo! in ihren Standard- und Spezialsendungen Woche für Woche immer aufs Neue.
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