Kinder sehen Krieg - Dossierstartbild

14.7.2005 | Von:
Maya Götz

Wie deutsche Kinder den Irakkrieg sahen

Amerikaner sind die Angreifer, die gerne töten

In den Episoden, die die Kinder in den Bildern malten und erzählten, finden sich wiederkehrende Vorstellungen, wie Kinder die Rollenverteilung in diesem Krieg konstruieren und welche Entwicklung sie sich wünschen würden.

Für die deutschen Kinder sind die Aggressoren die Amerikaner allgemein und die Person George Bush im Besonderen. In ihren Bildern nehmen die Amerikaner die angreifende Rolle ein, die irakische Armee die verteidigende bzw. leidende. Auf die Frage: "Wer macht den Krieg?" antwortet die größte Gruppe (37 Kinder) Amerika und Irak, eine relativ große Gruppe (26) erwähnt ausschließlich Bush bzw. Amerika als kriegsführende Partei. "Ich weiß schon", erzählt zum Beispiel der neunjährige Kerem, "dass George Bush dafür verantwortlich ist". In mehreren Bildern und Geschichten findet sich das Moment, dass Amerikaner Freude am Krieg finden und mit Begeisterung auf die Iraker schießen.

Julia glaubt, dass amerikanische Soldaten auch Kinder erschießen.Julia glaubt, dass amerikanische Soldaten auch Kinder erschießen. (© IZI 2005)
Besonders eindrucksvoll malte dies Julia (neun Jahre). Drei amerikanische Soldaten schießen mit einem Lächeln im Gesicht auf irakische Kinder. Die Erwachsenen sind groß und zwei von ihnen zielen auf ein Kind, das "Mama" ruft. Auf die Nachfrage im Interview, ob es Absicht gewesen sei, dass die Soldaten lächeln, bejahte Julia: "Die wollen ja die Kinder erschießen!".

Wie kommt sie zu einem solchen Bild? Zum einen ist es die antiamerikanische Stimmung, die auch das deutsche Meinungsklima prägte. Ein medialer Angelpunkt für diese Fantasien könnten Bilder jubelnder oder zumindest lachender amerikanischer Soldaten sein. In verschiedenen Medien wurden Amerikaner gezeigt, die sich zuversichtlich äußerten und sich jubelnd oder zumindest lächelnd präsentierten. Ein anderer Angelpunkt ist vermutlich das Wissen um das Sterben von Kindern im Irak. Wie dieses im Einzelnen geschieht, wurde in der Berichterstattung (zu Recht) nicht gezeigt. Julia verband die zwei Angelpunkte und stellte sich vor, wie die Kinder zu Tode kommen. Es entstand (vermutlich mediengestützt aus fiktionalen Stoffen) eine Szene, in der Soldaten lächeln, denn sie ziehen ja begeistert in den Krieg, wo sie wie bei einer Hinrichtung auf die wehrlosen Kinder schießen.

Der Wunsch, den Schwächeren zu unterstützen und George Bush zu attackieren

Bei einer ganzen Reihe von Kindern wurde der Wunsch deutlich, den Irak und Saddam Hussein zu unterstützen. Ines (acht Jahre) wünschte sich, "(...) dass die Soldaten aus dem Irak stärker sind". Ines übernahm (vermutlich) eine Information, die im Diskurs gegenwärtig war: die deutliche militärische Überlegenheit der Amerikaner. Im Sinne einer kindertypischen Deutung stellte sie sich auf die Seite des Schwächeren und wollte den Irak unterstützen. Ihre Hoffnung war, "dass sie den Krieg gewinnen". Die Amerikaner würden eingesperrt, was sie dann im Bild auch malte.

Thomas (sechs Jahre) fantasierte einen Angriff auf George Bush. "Weil Bush, der ist stark und macht ein anderes, kleines Land platt. Das hat keine Chance mehr." Er entwarf ein Szenarium, bei dem Bush gezielt getroffen, am Arm verletzt, aber nicht unbedingt getötet wird. Dann, so die Vorstellung von Thomas, würden die Amerikaner sofort mit den Kampfhandlungen aufhören und neu wählen. Das dauere zwar ein "paar Tage", erzählte Thomas, dann aber wäre der Krieg vorbei.

Auch Simon (neun Jahre) entwickelte Wunschszenarien, in denen George Bush persönlich angegriffen wird. Er fantasierte von einer Lenkrakete, die von einem irakischen Flugzeug "losgelassen" wird und direkt auf Bush zufliegt. Erst als dieser im letzten Augenblick schreit: "Halt, nein, kein Krieg mehr!", wird sie zurückgerufen.

Ziel der Kinder bei diesen Vorstellungen war es, den Krieg zu beenden. Bei dem Entwurf, wie dies möglich wäre, nutzten die Jungen bestimmte Begriffe wie "Lenkrakete" oder "wählen" und folgten ihren vorhandenen Deutungsmustern. Sie folgten der Idee, dass durch Bedrohung das Ende des Krieges erzwungen werden könne. Da für sie (mediengestützt) der Krieg durch George W. Bush personifiziert wurde, galt es, diesen zu attackieren.

Saddam Hussein ist "irgendwie" auch nicht gut

Die Vorstellung der befragten Kinder von Saddam Hussein lässt nur bei ganz wenigen eine kritische Perspektive erkennen. Vorstellungen wie in den USA oder Israel, in denen Hussein eindeutig als Gegner oder problematischer Politiker konnotiert wurde, kamen nicht vor. Einige erzählten, dass der Diktator sich einiges zu Schulden habe kommen lassen.

So konstruierte Robert (neun Jahre) den Kriegsgrund folgendermaßen: "Der Bush hat halt mitgekriegt, dass der Saddam Hussein sein Volk quält und die ganzen Spendengelder, die für den Irak gekommen sind, hat der Saddam Hussé eingesackt." Elly (zehn Jahre) nahm an, Saddam Hussein habe "sich nicht so gut verhalten gegenüber den anderen Ländern und dass die Sachen gemacht haben, die vielleicht nicht so gut waren." Auch Thomas (sechs Jahre) wusste Details von Saddam Hussein: "Der Saddam, der hat halt mit Chemiewaffen ein Land angegriffen. Der ist eigentlich auch schlimm" Er erzählte: "Pauls Lehrerin findet den Saddam schlimmer als den Bush. Ist eigentlich auch. Aber der Bush ist der Stärkste gerade." Sein Anliegen war daher eindeutig: Er wollte Bush angreifen.

Die Kinder nahmen eine grundsätzliche Wertung von Saddam Hussein als problematische Person wahr. Doch es fehlte an festen Vorstellungen. In den Bildern und den Geschichten, wie Kinder sich den Krieg vorstellen, erscheint Saddam Hussein als Person nicht.

Im kollektiven Gedächtnis von Erwachsenen ist die Problematik des Diktators bekannt, etwa aus den Ereignissen des vorherigen Golfkrieges. Da der öffentliche Diskurs in Deutschland sich jedoch kaum auf diese Argumentationslinie eingelassen hatte, war dies weniger präsent. Die befragten Kinder lebten zum Zeitpunkt des ersten Golfkriegs meist noch nicht. Entsprechend konnten sie die potenzielle Konnotation von Personen zwar wahrnehmen, aber nicht wirklich verstehen. Hintergrundinformationen, für Kinder verständlich und ansprechend aufbereitet, wären hier wichtig gewesen.

Aufnahme der öffentlichen Stimmung

Kinder ziehen aus der Berichterstattung bestimmte Bilder, Handlungsepisoden und Konnotationen. Das aktuelle Geschehen
Ludwig hat viele Fragen zum Krieg.Ludwig hat viele Fragen zum Krieg. (© IZI 2005)
vermischt sich mit Bekanntem aus früheren Ereignissen wie den Terroranschlägen des 11. September und fiktionalen Geschichten. In dem Bemühen um Verständnis und Integration dieser aktuellen Bilder und Diskussionen stellen sie Zusammenhänge zwischen den einzelnen Wissensinseln und Eindrücken her. Hierbei kommt es zum Teil zu Fehldeutungen, die aus der Sicht des Kindes gut nachvollziehbar, aber problematisch sind: der Wunsch, Saddam Hussein mehr Waffen zur Verfügung zu stellen oder George Bush zu bombardieren, oder das Bild von amerikanischen Soldaten, die hinterhältige Tricks spielen oder lächelnd Kinder hinrichten.

Viele Dinge, die für Erwachsene selbstverständlich sind (zum Beispiel, dass auch Amerikaner nicht gerne töten), sind für Kinder, die zum Teil das erste Mal einem konkreten Krieg und seiner Bedeutung begegnen, nicht klar. Hier hätte es einer gezielten Unterstützung zum Beispiel durch eine kindernahe, reflektierte Berichterstattung bedurft – so wie logo!, was leider nur wenige Kinder gesehen haben. Über die Berichterstattung hinaus hätten die Kinder sich aber auch für sehr viele grundlegende Fragen interessiert, wie: "Warum gibt es Krieg?" oder "Töten Soldaten gerne?"

In den quantitativen und qualitativen Tendenzen der Befragung wird deutlich, wie Kinder Medienbilder und gesellschaftlichen Diskurs mit individuellen Themen und den Deutungsmustern vermischen. Die öffentliche Diskussion zum Krieg war in Deutschland in den Medien wie auch in den Schulen zumeist eindeutig gegen den Krieg. Dies eröffnete Kindern pädagogische Freiräume, denn selten stimmten ihre Positionen und ihre Aktivitäten zu weltpolitischen Themen mit dem Diskurs der Erwachsenen so überein.

Egal wie kindgemäß ihre Äußerungen zu dem Thema auch waren, sie entsprachen der Position der Erwachsenen. Aussagen wie: "(...) wenn Bush so weitermacht, dann wird er auch zum Diktator" (Jan, neun Jahre) oder: "Ich hab mir erstmal gedacht, wie blöd Bush ist" (Pepe, zehn Jahre), selbst unflätige Bemerkungen wie: "Der Bush ist ein Wichser" (Thomas, sechs Jahre) wurden von den Erwachsenen vermutlich mit einem Lächeln aufgenommen – sprachen die Kinder doch etwas aus, was sich so mancher Erwachsene auch schon gedacht hatte. Dies unterstützte das Selbstvertrauen der Kinder und förderte Aktivität.

Ob in der Schule oder zu Hause, die Kinder merkten, dass es sich lohnt, politisch aktiv zu werden, sei es auch nur im kleinen Kreise. Eine ganz wichtige Erfahrung, die politische Bildung und Engagement fördern kann. Gleichzeitig birgt die Eindeutigkeit aber auch die Gefahr in sich, ein einfaches Gut-Böse-Schema zu fördern, bei dem Saddam Hussein eben nur gut und George Bush nur böse ist. Diese Personalisierung und Entwicklung eines einfachen Gut-Böse-Schemas ist für die kindliche Aneignung der Kriegsberichterstattung nicht untypisch.[3]

In dieser Studie wurde an Einzelbeispielen deutlich, wie sich Kinder Stücke aus der Medienberichterstattung und dem gesellschaftlichen Diskurs herausnehmen. Wo sie kein konkretes Wissen haben, imaginieren sie sich Zusammenhänge und Details. Dabei folgen sie den dominanten Diskursen. Es entstehen Deutungsmuster und Fantasien.

Was dies längerfristig für die Weltbilder der Kinder bedeutet, ob deutsche Kinder z.B. die antiamerikanischen Bilder nachhaltig integrieren (oder ob amerikanische Kinder ihre stark vereinfachte Sicht auf Krieg ausdifferenzieren), können wir derzeit noch nicht einschätzen. Was jedoch deutlich wird, ist die Notwendigkeit von Reflexion und mehr Zusammenarbeit von Forschung, Pädagogik und Fernsehproduktion. Gemeinsam müssen wir der Frage nachgehen, wie wir Kinder darin unterstützen können, sich in einer zunehmend globaliserteren Welt und ihren Konflikten zurechtzufinden – und das im Sinne nachhaltiger Friedenspädagogik.

Literatur

Feierabend, Sabine/Walter Klingler: KIM-Studie 2003: Kinder und Medien - Computer und Internet. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Baden-Baden: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2003.

Götz, Maya/Peter Nikken: Kinder schreiben zum Krieg. Foreneinträge in fernsehkonvergenten Websites im deutsch-niederländischen Vergleich. In: TelevIZIon, 16/2003/2, S. 49-53.

Götz, Maya: Wir sind dagegen! Kinder in Deutschland und ihre Wahrnehmung vom Krieg im Irak. In: TelevIZIon, 16/2003/2, S. 27-36.

Lemish, Dafna: Dieser Krieg ist unser Krieg! Israelische Kinder und ihre Wahrnehmung des Krieges im Irak. In: TelevIZIon, 16/2003/2, S. 43-48.

Seiter, Ellen/Megan Pincus: Beschützendes Schweigen. Amerikanische Kinder und der Krieg im Irak. In: TelevIZIon, 16/2003/2, S. 37-42.

Fußnoten

3.
Vgl. Gillard u. a. 1993

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