Krieg in den Medien

1.10.2011

Geschichte der Kriegspropaganda

Vietnamkrieg

Bild: Apocalypse Vietnam, [2000] MDRDie Dokumentation "Apocalypse Vietnam" (2000) zeigt u. a. den US-amerikanische Präsidenten Lyndon B. Johnson sowie Militärs, die in propagandistischer Weise den Krieg in Vietnam gegenüber der Bevölkerung rechtfertigen. (© MDR)
Ein Ausschnitt der Dokumentation "Apocalypse Vietnam" findet sich auf der DVD "Der Krieg in den Medien" in E3 – Alles Propaganda? / Wissen im Detail / Geschichte / Vietnamkrieg
Der Vietnamkrieg ging als unzensierter Krieg in die Geschichte ein. Denn zum ersten und einzigen Mal im 20. Jahrhundert gab es während eines Krieges keine staatliche Zensur. Eine solche konnte anfangs rechtlich nicht begründet werden, weil die amerikanische Regierung den Krieg lange Zeit leugnete. Gleichzeitig fühlten sich die USA moralisch im Recht. So wurde die Entsendung amerikanischer Truppen als "amerikanisches Engagement" bezeichnet, mit dem Südvietnam im Kampf gegen den Kommunismus unterstützt werden sollte. Zensierende Maßnahmen wurden als unnötig empfunden. Stattdessen pflegte die Regierung mit den Journalisten ein partnerschaftliches Verhältnis und gewährte ihnen Zugang zum gesamten Kriegsgebiet. Die Informationen über den Krieg wurden vor allem durch die Presse und das Fernsehen verbreitet. Mit der Satellitentechnik konnte das Kriegsgeschehen zeitnah in die Wohnzimmer gebracht werden. Reporter berichteten "live" vor laufender Kamera und vor dem Hintergrund militärischer Handlungen aus dem Kriegsgebiet. Die amerikanischen Fernsehanstalten standen fest auf der Seite der Regierung: Kritische Berichte von der Front wurden nicht gesendet. Stattdessen griffen die Redaktionen gerne auf das verklärende Filmmaterial der Regierung zurück. Das Pentagon beschäftigte mehr Personal mit der Produktion von Propagandamaterial als alle amerikanischen Fernsehanstalten zusammen Mitarbeiter zur Verfügung hatten.

Doch je länger der Krieg dauerte, desto mehr verlor die Regierung an Glaubwürdigkeit. 1968 starben bei einem Angriff des Vietcong viele US-amerikanische Soldaten. Die amerikanische Bevölkerung forderte mehr Informationen. Fernsehanstalten und Presse begannen, häufiger kritische Berichte zu veröffentlichen. Es wurde deutlich, dass die eigene Armee mit maßloser Brutalität und Grausamkeit vorgegangen war. Die unzensierten Bilder schockierten die Öffentlichkeit. Die Regierung versuchte, die Journalisten einzuschüchtern und zu verleumden. Man nannte sie unpatriotisch, Landesverräter oder Kommunisten. Die Fernsehanstalten reagierten, indem sie dem Krieg wenig Sendezeit einräumten. Doch die Öffentlichkeit wusste bereits genug, um gegen den Krieg zu sein.

Irakkrieg 1991

Das Standbild aus einem CNN-Nachrichtenbeitrag zeigt die Bombardierung Bagdads.Das Standbild aus einem CNN-Nachrichtenbeitrag zeigt die Bombardierung Bagdads. Die Darstellung des Krieges im Fernsehen wirkte wie ein Spiel ohne Risiko und ohne Folgen. Die tatsächlichen Auswirkungen der Angriffe auf die Bevölkerung kann der Zuschauer nur erahnen. (© CNN)
Die USA hatten aus der Kriegsniederlage in den Siebzigerjahren in Vietnam gelernt: Alle Darstellungen des Irakkrieges 1991 wurden vom amerikanischen Verteidigungsministerium inszeniert oder zensiert. Der Zugang der Journalisten zum Kriegsgebiet erfolgte gemäß dem "Pool-Prinzip": Die Berichterstattung wurde nur ausgewählten Journalisten gestattet, die an einzelne Kriegsorte gebracht wurden. Diese konnten dort nur unter Aufsicht des Militärs arbeiten. Vor der Veröffentlichung mussten die Beiträge der Journalisten einer Sicherheitsprüfung ("security review") unterzogen und vielfach umgeschrieben werden.

Immer wieder war während der Kampfhandlungen auch vom "chirurgischen" und "sauberen" Krieg die Rede. So sollte der Eindruck erweckt werden, das Militär könne mit Hilfe der neuesten Hightech-Waffen Krieg führen, ohne dabei Unschuldige zu töten. Bei der Berichterstattung stand daher häufig die Militärtechnik im Zentrum. Auf den zahlreichen Pressekonferenzen zeigte das amerikanische Militär Videoaufnahmen von Raketen, die präzise in Gebäude oder feindliche Militärfahrzeuge einschlugen, oder Aufnahmen von lasergelenkten Bomben. Zerstörte Häuser und Landschaften waren ebenso wenig zu sehen wie Darstellungen von Gewalt oder Bilder von Toten. Das Grauen, das mit dem Krieg stets verbunden ist, verschwand hinter den oft grünlich eingefärbten Live-Bildern, die aus sicherer Entfernung zum Geschehen eingefangen wurden. Der Krieg sah auf dem Fernsehbildschirm plötzlich aus wie ein Computerspiel. Das Leiden und Sterben der Zivilisten blieb hinter der medialen Inszenierung unsichtbar.

Bild: Der Propaganda-Krieg, [2003] ZDFDie ZDF-Reportage "Der Propaganda-Krieg" (2003) schildert den Einsatz von Propaganda und Zensur während des Irakkrieges 1991, der auch als Zweiter Golfkrieg bezeichnet wird. (© ZDF)
Ein Ausschnitt der Reportage "Der Propaganda-Krieg" (2003) findet sich auf der DVD "Der Krieg in den Medien" in E3 – Alles Propaganda? / Wissen im Detail / Geschichte / Irakkrieg 1991
Bei ihren massiven Luftangriffen hatten die Streitkräfte zwar vor allem strategische Ziele wie Flugplätze oder Elektrizitätswerke angegriffen, aber dabei immer wieder auch zivile Einrichtungen getroffen. Durch einen Bombentreffer auf einen Luftschutzbunker starben beispielsweise 300 irakische Zivilisten. Der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh wirft dem US-Militär außerdem vor, wehrlose Iraker – Soldaten wie Zivilisten – während des Irakkrieges erschossen zu haben. Bekannt wurde im Nachhinein auch, dass die Geschichte der 15-jährige Nayirah vor dem Menschenrechtsausschuss des US-Kongresses am 19.10.1990 – über die Ermordung von kuwaitischen Babys durch irakische Soldaten – eine Erfindung der PR-Agentur Hill & Knowlton war. Diese arbeitete im Dienste der kuwaitischen Organisation "Citizens for a Free Kuwait" (CFK) und hatte den Auftrag, die öffentliche Meinung gegen den Irak aufzubringen. Viele grausame Details des Krieges werden jedoch für immer verborgen bleiben, da die Berichterstattung vom US-Militär enorm eingeschränkt wurde. Im Nachhinein wurde die im Irakkrieg praktizierte Zensur von vielen Seiten kritisiert und öffentlich diskutiert. Es entstanden auch einige Dokumentarfilme, die sich kritisch mit der Medienberichterstattung während des Irakkrieges auseinandersetzten.


Die neuen technischen und inhaltlichen Entwicklungen der digitalen Medien sind eine Herausforderung für Medienmacher, Publikum und Politik. Journalisten müssen beispielsweise immer mehr Informationskanäle beobachten und große Mengen an Daten auswerten. Für die Bürger können die Veränderungen in der Medienlandschaft zu einer stärkeren (politischen) Beteiligung führen und Medien werden genutzt, um für politische Belange Aufmerksamkeit zu erzeugen. Neue Entwicklungen wie soziale Medien oder das Internet der Dinge werden bezüglich des Daten- und Verbraucherschutzes kontrovers diskutiert. Das Dossier möchte Grundlagen zum Rundfunk- und Medienrecht vermitteln, die neuen Herausforderungen und Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen und eine kritische Auseinandersetzung mit der sich ständig wandelnden Welt der Medien und der sie regulierenden Medienpolitik fördern.

Mehr lesen

Jeden Tag tragen Medien die Krisen in unsere Kinderzimmer. Wie gehen Jungen und Mädchen damit um? Kindernachrichten aus der ganzen Welt bieten Hilfe.

Mehr lesen

Was mit Graffiti auf Höhlenwänden begann, ist heute vom Bildschirm bis zur Litfaßsäule allgegenwärtig: Bilder bestimmen unser Leben. Das Dossier erklärt ihre Bedeutung in Geschichte und Politik und zeichnet die Entwicklung der Bildkultur nach.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

APuZ 22-23/2014

Politik, Medien, Öffentlichkeit

Um zu einer gelingenden "deliberativen Demokratie" beizutragen und den Bürgerinnen und Bürgern die...

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Der Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten lautet: Gewährleistung einer unabhä...

Medienfreiheit

Medienfreiheit

Wenn die Öffentlichkeit mit brutalen Bildern geschockt wird oder Maßstäbe ins Rutschen geraten, w...

Massenmedien

Massenmedien

Angebot und Vielfalt der Medien haben in den vergangenen Jahrzehnten einen dramatischen Wandel erfah...

Somme

Somme

Am 1. Juli 1916 begann an der Somme im Nordwesten Frankreichs eine der größten Schlachten des Erst...

Zum Shop