LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

Bertelsmann AG

Umsatz 2011: € 15,253 Mrd.

Geschichte und Profil

1835 gründete der Gütersloher Drucker und Lithograph Carl Bertelsmann einen Verlag für religiöse Literatur. Sein Sohn Heinrich erweiterte das Geschäft durch Zukäufe von Verlagen und den Ausbau einer Druckerei; dessen Schwiegersohn Johannes Mohn fügte ab 1881 Fachzeitschriften und pädagogische Buchreihen hinzu. In der vierten Generation unter Johannes Mohns Schwiegersohn Heinrich Mohn dehnte sich der Verlag von Beginn der Weimarer Republik an kontinuierlich aus, vor allem durch populäre Unterhaltungsromane. In der NS-Zeit lavierte sich der überzeugte Protestant Mohn durch die politischen Wirren, etwa als passives SS-Mitglied und Verleger von Wehrmacht- und NS-Literatur ("Panzer am Feind", "Volk ohne Raum").

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Mohns politisch unbelasteter zweitjüngster Sohn Reinhard (Jahrgang 1921) den danieder liegenden Buch- und Kirchenverlag und formte daraus einen Weltkonzern. Das Erfolgsrezept: So genannte "Leseringe", die Bücher im Abonnement zum Billigpreis sowie auch eigene Lexika und Atlanten anbieten. Für den Vertrieb sorgen aggressive Drückerkolonnen, die an Haustüren und in Innenstädten Kunden locken sollen. Das Club-Geschäftsmodell überträgt Mohn auch auf das Ausland. Mitte der 1950er Jahre tritt er mit dem Kauf von Ariola ins Schallplattengeschäft ein.

Der schrittweise Zukauf des Hamburger Zeitschriftenkonzerns Gruner + Jahr ("Stern", "Geo", "Brigitte"), 1972 vollendet, katapultiert das Unternehmen aus Gütersloh an die Spitze der deutschen Medienwirtschaft. Unter Bertelsmann-Regie stößt Gruner + Jahr als erster deutscher Großverlag ins Ausland vor und kauft 1994 die komplette Zeitschriftengruppe der "New York Times" und Ende 2000 die Wirtschaftstitel "Fast Company" und "Inc." - doch im Juni 2005 beschloss das Medienhaus, für Branchenkenner eher unerwartet, wieder den Rückzug aus den USA. International bekannt wurde Bertelsmann 1986 durch einen Doppelkauf in New York: die Akquisition des New Yorker Traditionsverlags Doubleday und des Musikriesen MCA. Zeitweilig, bevor 1989 Time mit Warner fusionierte, war Bertelsmann damit das weltgrößte Medienunternehmen. Auch im deutschen Privatfernsehgeschäft war Bertelsmann unter den Pionieren: Der 1984 zusammen mit der CLT gegründete Sender RTL wird 1993 Marktführer in Deutschland und steigt zu Europas größtem Werbeträger auf, später übernimmt Bertelsmann sogar in mehreren Etappen für hohe Kaufpreise die gesamte RTL-Gruppe. Nachdem sich der Gütersloher Konzern 1995 an AOL beteiligt hatte, investierte der Konzern zunehmend in Internet-Aktivitäten, etwa den Aufbau der amerikanischen Internet-Buchhandlung barnesandnoble.com sowie in das europäische Pendant BOL. Um über möglichst viele Inhalte für das vom damaligen Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff (November 1998 bis Juli 2002) hoch geschätzte E-Commerce zu verfügen, kauft Bertelsmann für schätzungsweise 4,7 Milliarden DM den New Yorker Verlag Random House und für knapp eine Milliarde DM die Mehrheit am wissenschaftlichen Springer-Verlag aus Heidelberg. Anfang 1999 steigen die Gütersloher aus dem deutschen Pay-TV (Premiere) aus und übernehmen in den folgenden Jahren im Free-TV die Produktionsgeschäfte von Pearson und Fremantle, den Kölner Sender Vox, sowie einen Anteil von 47 Prozent am Nachrichtensender n-tv, letzterer im Tausch gegen die "Berliner Zeitung". Aufgrund alter Verträge aus dem Jahr 1991 kaufte Bertelsmann 2002 außerdem die Musikfirma Zomba Records. Für hohe Sondererlöse sorgen die Verkäufe der 50 Prozent gehaltenen Anteile an AOL Europe und der 100 Prozent an der Technikfirma Mediaways an AOL. Middelhoffs Nachfolger Gunter Thielen trennte sich danach wieder von einigen Internet-Aktivitäten (E-Commerce), konsolidierte das Geschäft (Fusion von BMG und Sony) und akquirierte den DVD-Verkaufsklub Columbia House in den USA. Eine neue Firma für Tiefdruck vereinigte die Aktivitäten von Bertelsmann und der Tochter Gruner + Jahr sowie dem Juniorpartner Axel Springer AG. In zwei Büchern wurde jüngst die Klitterung der eigenen Geschichte im Dritten Reich kritisiert. Das Haus Bertelsmann, das sich zeitweise als Widerstandsverlag gerierte, arbeitete in Wahrheit mit den Nationalsozialisten gut zusammen.

Wegen des umstrittenen Spiegel-Geschäftsführers Mario Frank kam es 2008 erstmals zu einem offenen Machtkampf zwischen Gruner + Jahr und den Mitarbeitern des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Die Mitarbeiter KG besitzt 50,5 Prozent am Spiegel; Europas größter Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr hat mit 25,5 Prozent ein Vetorecht bei allen wichtigen Entscheidungen. Schlusspunkt war, dass der Spiegel-Verlag am 15. September 2008 einen neuen Geschäftsführer erhielt. Damit war der Streit beendet. Die Mitarbeiter hatten sich durchgesetzt und ihren Geschäftsführer Mario Frank abgesetzt, dem viele vorwarfen, auch als Geschäftsführer des Spiegels in erster Linie seinem alten Arbeitgeber Gruner + Jahr gedient zu haben. Bei der Personalentscheidung konnte aber auch der Mitbesitzer G+J sein Gesicht wahren. Der neue Mann, Ove Saffe, kommt wie sein Vorgänger Mario Frank von Gruner + Jahr, wo er zuletzt für die Stern-Gruppe (Stern, Geo, Art) verantwortlich war.

Am 6. Januar 2009 gab Gruner + Jahr bekannt, dass der Verlagsmanager Bernd Buchholz ab sofort Vorstandsvorsitzender des Hamburger Großverlags sei. Sein Vorgänger Kundrun hatte zuvor mitgeteilt, er habe sein Mandat „wegen unterschiedlicher Auffassungen über die zukünftige Strategie von Gruner + Jahr mit sofortiger Wirkung niedergelegt.“

Gruner + Jahr legte im Frühjahr 2009 die Redaktionen seiner Wirtschaftsmagazine „Capital“, „Impulse“ und „Börse Online“ mit der „Financial Times Deutschland“ zusammen und entließ zahlreiche Redakteure. Bei Bertelsmann und der Eigentümerfamilie Jahr fand dieser Kurs laut FAZ zwar grundsätzliche Zustimmung, doch wurde es als Affront verstanden, dass der Verlagschef Kundrun inmitten dieses Prozesses mit ProSieben verhandelte und offenbar gehen wollte. Gleichwohl hieß es nun mit der üblichen Floskel, man trenne sich „in gegenseitigem Einvernehmen“ voneinander. In den acht Jahren seiner Amtszeit wurden bei Gruner + Jahr zwar, wie der Verlag betont, mehr als 80 neue Zeitschriften in über 20 Ländern gegründet, zuletzt aber lief im deutschen Zeitschriftengeschäft nichts mehr rund. Das Gesellschaftsmagazin „Park Avenue“ wurde eingestellt, die Rettungsaktion für die Wirtschaftsmagazine und die FTD „wirkt brachial“ (FAZ). Daran beteiligt war in seiner bisherigen Funktion auch der neue Vorstandschef und frühere FDP-Politiker Buchholz.

Soziale Verantwortung, Unternehmenskultur, Führung und Partnerschaft, gesellschaftlicher Beitrag, Dialog - die wohlklingenden Begriffe sind Standardvokabular der Manager der Bertelsmann AG. Unentwegt beten sie der Öffentlichkeit einen Werte-Katechismus vor - und setzen ihn gegen die Shareholder-Value-Philosophie der Börsenunternehmen ein. Im Innenverhältnis dagegen messen sie sich an einer viel profaneren Größe: dem Gewinn. Das Unternehmen aus Gütersloh hat sich eine Rendite von mindestens zehn Prozent auf den Umsatz vorgeschrieben. Nur so hält sich Bertelsmann nach den Berechnungen der in dem Unternehmen traditionell starken Controller in der Spitzengruppe des weltweiten Mediengeschäfts und kann den Anlegern eine Verzinsung von 15 Prozent auf die Bertelsmann-Genussscheine bieten. Die Kalkulation erlaubt ständige Akquisitionen und Fusionen, mitunter hart an der kartellrechtlichen Grenze.

Bertelsmann musste 2008 den niedrigsten Nettogewinn seit fünf Jahren hinnehmen. 2008 verdiente die Gruppe nur noch 270 Millionen Euro, ein Drittel weniger als im Vorjahr. Der Vorstand verzichtete für 2009 auf seine Tantiemen und damit auf mehr als 50 Prozent seines Einkommens. Die Bezüge des Vorstandes summierten sich 2008 auf rund 22 Millionen Euro. Der Verzicht war ein Signal für den strikten Sparkurs, den der Konzernchef seinem Unternehmen angesichts der Konjunkturkrise verordnete. Bertelsmann litt unter der schlechten Konjunktur und milliardenschweren Schulden. Die Beiträge der wichtigsten Sparte RTL fielen vor allem aufgrund der Werbekrise geringer aus. Der Medienkonzern aus Gütersloh schrumpfte. 2009 stand im Zeichen der Sicherung von Geschäften, sodass 2010 der Konzernumsatz um 4,5 Prozent auf 15,8 Milliarden Euro gesteigert werden konnte und die Umsatzrendite mit 11,7 Prozent ihren bisher höchsten Wert erreichte.

Random House arbeitet seit Oktober 2008 mit dem Onlinekonzern Google zusammen. Das Abkommen, das zunächst nur für das US-Geschäft der Verlagsgruppe gilt, erlaubt Google Random House-Veröffentlichungen in die Bücher-Suchmaschine Google Book Search zu integrieren. Damit hat es Google geschafft, den größten Buchverlag der Welt für sein Digitalisierungsprojekt zu gewinnen, dessen Ziel es ist, sämtliches Wissen elektronisch zugänglich zu machen. In der Vergangenheit war Random House einer der prominentesten Gegner der Google-Buchsuche, die in einer urheberschutzrechtlichen Grauzone operiert.

Seit Beginn des Jahres 2009 gehört der Brockhaus-Verlag zur Bertelsmann AG.

Der Direktvertrieb gehörte bis zum 30. Juni 2011 in den Geschäftsbereich Direct Group. Wegen sinkender Mitglieder- und Buchhandelsumsätze kam es neben Entlassungen und Portfolioveränderungen zu Verkäufen der Unternehmen u.a. in Portugal, Italien, Australien, Neuseeland und Frankreich. Schließlich wurde die Direct Group als eigenständiger Unternehmensbereich der Bertelsmann AG aufgelöst und in andere Bereiche integriert bzw. verkauft. Die Club- und Direktmarketinggeschäfte in den deutschsprachigen Ländern, Spanien und Osteuropa werden seitdem unter einem Dach mit dem Musikrechtegeschäft (BMG), dem Fonds Bertelsmann Digital Media Investments (BDMI) und Bertelsmann Asia Investments (BAI) geführt, die dem Bereich Corporate Investments angehören. Hinsichtlich des Buchvertriebs in Russland, Osteuropa, der Ukraine sowie in der Slowakei und Tschechien wird derzeit laut Unternehmensangaben die „strategische Option“ des Verkaufs überprüft.


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