LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

Bertelsmann AG

Umsatz 2011: € 15,253 Mrd.

Management

Das Machtzentrum: die BVG

Bertelsmann wird über die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) gesteuert, in der 100 Prozent der Stimmrechte für alle Aktien gebündelt sind. An der Spitze steht ein Lenkungsausschuss, dem drei Mitglieder der Familie Mohn und drei gewählte, familienfremde Mitglieder angehören. Die BVG wurde eingerichtet, um die Interessen der Bertelsmann Stiftung und der Familie Mohn als Aktionäre der Bertelsmann AG zu wahren. Außerdem soll sie die Kontinuität und die Unternehmenskultur von Bertelsmann sichern.

Man kann sich streiten, welche Veränderung an der Spitze der Bertelsmann AG wichtiger war für die Zukunft von Europas größtem Medienkonzern. Die Ernennung im Januar 2008 von Hartmut Ostrowski zum neuen Vorstandsvorsitzenden? Oder die Beschneidung seines künftigen Amtes fünf Tage danach? Bereits bei Ostrowskis Ernennung war klar, dass er ein Unternehmen führen wird, das stärker als in der Amtszeit seiner Vorgänger Gunter Thielen und Thomas Middelhoff im Griff der Familie Mohn steckt. Ostrowski war lange genug bei Bertelsmann, um das zu wissen und als Basis und Übereinkunft seiner Ernennung zu akzeptieren. Das illustriert ein Vorgang, den die Öffentlichkeit kaum wahrgenommen hat: Fünf Tage nach seiner Berufung gab Bertelsmann eine Verkleinerung und Umbesetzung in der BVG bekannt. Der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, Erich Ruppik, und Christoph Mohn schieden als Gesellschafter aus. Gleichzeitig wurde die Zahl der BVG-Gesellschafter von acht auf sechs verkleinert. Das Prinzip, dass der Vorsitzende des Vorstands und der Aufsichtsratsvorsitzende kraft ihres Amtes in der BVG vertreten sind, wurde aufgegeben.

Weder die Person noch das Amt von Hartmut Ostrowski waren wohl Grund für die Änderung. Und doch bedeutet die neue Regelung einen Machtverlust für ihn gegenüber seinen Vorgängern. Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG sitzt nicht mehr automatisch in der BVG. Durch die Verkleinerung wurde die Familie gestärkt - und der Vorstandsvorsitzende geschwächt. Man kann das als Mohns Lehre aus dem Konflikt mit dem einstigen Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff ansehen. Einmal mehr wurde deutlich, dass nicht die Manager, sondern die Familie das Unternehmen führen – trotz des Ausscheidens von Christoph Mohn.

Zum Beginn des Jahres 2012 wird Hartmut Ostrowski von dem derzeitigen Finanzvorstand Thomas Rabe als Vorstandsvorsitzender abgelöst. Medienberichten zufolge soll Ostrowski gesagt haben, dass er nicht mehr die Kraft habe, Bertelsmann zu führen.

Die Eigentümer: Familie Mohn

Johannes Mohn: Er sollte einst das Unternehmen erben. 2008 schied er aus.

Im August 2008 wurde bekannt, dass Johannes Mohn Bertelsmann verlässt. Der älteste Sohn des Patriarchen Reinhard Mohn war jahrelang von ihm selbst als sein Nachfolger ins Gespräch gebracht worden. Das währte, bis Reinhards zweite Ehefrau Elisabeth ("Liz") mehr und mehr Macht übernahm und mit Christoph und Brigitte zwei ihrer drei Kinder in aussichtsreiche Positionen brachte. Ihr Sohn Andreas, das jüngste von sechs Kindern von Reinhard Mohn, spielt keine aktive Rolle im Unternehmen. Vorstandschef Hartmut Ostrowski kommentierte das Ausscheiden von Johannes Mohn in einem Schreiben an die Mitarbeiter mit den Worten: "Johannes Mohn war 27 Jahre lang eine wichtige Führungskraft."

Reinhard Mohn: Abschied vom Bertelsmann-Patron

Reinhard Mohn, der Bertelsmann nach dem 2. Weltkrieg gemeinsam mit seinen Managern an die Weltspitze geführt hat und der im Jahr 1980 den Vorstandsvorsitz abgab, ist im Oktober 2009 im Alter von 88 Jahren verstorben. In den Jahren vor seinem Tod trat er nach außen als Unternehmenschef nicht in Erscheinung - es gab jedoch keine wesentliche Entscheidung ohne sein Plazet, wobei der gesundheitlich angeschlagene Mohn vor allem auf seine Frau Liz Mohn hörte.

Christoph und Brigitte Mohn: Die Kinder, die das Unternehmen erben

Bücher von Reinhard Mohn sind keine Bestseller, enthalten aber entscheidende Botschaften, was die Macht und Nachfolge in seinem Unternehmen betrifft. 2003 war die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, damals noch Oppositionsführerin, nach Gütersloh an den Unternehmenssitz geeilt, um Mohns Buch "Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers" vorzustellen. Die Buchpremiere geriet als Inthronisation seiner Frau Liz als Familiensprecherin. Liz Mohn bedankte sich mit einer Empfehlung bei Angela Merkel.

2008 schrieb Reinhard Mohn: "Während sich Christoph durch große Eigenständigkeit auszeichnet, teilt Brigitte in ihrer zielgerichteten und verantwortungsvollen Art meine Auffassung, dass jedermann mit seiner Arbeit auch einen Beitrag für die Gemeinschaft zu erbringen hat." Brigitte sei einst das Sorgenkind gewesen. Wie ihr Großvater und ihr Vater, so leidet sie an Asthma.

Im Dezember 2007 wurde Brigitte Mohn mit Wirkung zum 1.1.2008 auf einer außerordentlichen Hauptversammlung in den Aufsichtsrat der Bertelsmann AG gewählt. Brigitte Mohn übernahm bereits 2001 den Vorstandsvorsitz der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe (SDSH) von ihrer Mutter und Stiftungsgründerin Liz Mohn. 2005 wurde Mohn Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, in der sie die Bereiche tertiärer Sektor und Gesundheit verantwortet. Brigitte Mohn ist außerdem seit 2002 Gesellschafterin der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG). Mohn studierte Politik, Kunstgeschichte und Germanistik und promovierte an der privaten Universität Witten/Herdecke. 2001 absolvierte sie ein MBA-Studium an der Managementhochschule WHU Koblenz und am Kellogg Institute in den USA. Sie arbeitete am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, bei den US-Verlagen Bantam, Doubleday und Dell in New York, sowie bei McKinsey und der Multimediaagentur Pixelpark.

Im Vorstand der Stiftung werde Brigitte die Kontinuität sichern, schreibt Reinhard Mohn. Mit diesen Worten erhebt er sie quasi zur Nachfolgerin seiner Frau. Das ist die Botschaft des Buches. So wurde das Buch bei Bertelsmann und in der Branche verstanden.

Christoph Mohn: Das "europäische Google" gibt auf - das Ende von Lycos

Christoph Mohn, 43, Chef der Internetfirma Lycos und Bertelsmann-Milliardenerbe, wurde erzogen, bescheiden zu sein. Als Unternehmer habe man Verantwortung, predigte sein Vater Reinhard, der ihn zusammen mit seinen Geschwistern Brigitte und Andreas adoptierte als er fast schon erwachsen war. "Ich kenne überhaupt keinen Manager, der so wenig führt wie Chris Mohn", sagte einst ein Geschäftsführer einer Lycos-Tochterfirma. Er habe die dezentrale Führungstechnik des Vaters Reinhard so sehr verinnerlicht, dass er überhaupt nicht mehr führe. Christoph Mohn studierte Marketing in Münster, arbeitete in New York und Hongkong bei der Bertelsmann Music Group (BMG) und bei McKinsey. Als er, zurück am Firmensitz in Gütersloh, für Bertelsmann Internet-Firmen fit für die Börse machen sollte, und niemand sich für Lycos interessierte, stieg er selbst ein und investierte Millionen. Die Eigentümer machten ihn zum Chef. Damals dachte man, Lycos werde ein zweites AOL, mit dem Bertelsmann Milliarden verdienen kann – und sein Gesellenstück auf dem Weg in den Vorstand von Bertelsmann. Lycos galt als seine Bewährungsprobe.

Beflügelt vom Börsengang im Jahr 2000, bei dem Lycos rund 700 Millionen Euro einnahm, kaufte Mohn andere Firmen auf und plante eine riesige Firmenzentrale mit drei 20 Meter hohen Türmen für 2000 Mitarbeiter. Er hatte große Träume. Damals war die Aktie 33mal überzeichnet. Doch dann brach die Internetblase ein, der Börsenkurs von einst 20 Euro sank auf Pennyniveau und Christoph und seine Mitarbeiter mussten in ihren Containern an der Carl-Bertelsmann-Straße bleiben. Für 2008 immerhin hatte Christoph schwarze Zahlen vorausgesagt.

Doch es kam anders. Lycos ist Geschichte. Mohn musste im November 2008 verkünden, das Unternehmen werde aufgelöst – profitable Teile wie das Domaingeschäft nach Dänemark verkauft, der Rest (Webhosting und Portal) geschlossen. Das hatte eine interne Analyse der Gesellschafter ergeben. 500 Mitarbeiter verlieren ihren Job; die Gesellschafter erhalten immerhin 50 Millionen der verbliebenen 130 Millionen Euro ausbezahlt. Seit dem Börsengang hat Lycos eine halbe Milliarde Euro verbraucht. Die Analyse habe ergeben, dass man in absehbarer Zeit nicht profitabel werden könne, sagte Mohn. Gegen Google habe Lycos keine Chance gehabt.

Welche Rolle wird Christoph Mohn künftig bei Bertelsmann spielen? Wird er ins Management wechseln? "Ich sitze im Aufsichtsrat", sagte er. "Das ist bei Bertelsmann meine Rolle und daran wird sich nichts ändern." Der Medienunternehmer Jürgen Richter (ehemals Springer-Vorstandschef), der bei Lycos den Aufsichtsrat führte und Christoph als Mentor vor Fehlern beschützte, sagte: "Christoph Mohn lernt nun fürs Leben. Er muss sich jetzt durchbeißen."

Die Bertelsmann Stiftung

Die 1977 gegründete Organisation soll einerseits die Unternehmenskontinuität sichern, wie das Fortbestehen des Betriebes im Gütersloher Jargon gern heißt, andererseits fördert sie Zukunftsprojekte auf den Gebieten Medien, Gesellschaftspolitik, internationale Verständigung, Kultur, Bildung, Medizin und Gesundheit. Die Stiftung hält 77,6 Prozent der Kapitalanteile an der Bertelsmann AG. Bertelsmann war in seiner Anfangszeit von der evangelischen Erweckungsbewegung geprägt und streng pietistisch sowie entschieden konservativ ausgerichtet. Ein bisschen Missionsgeist ist geblieben: Gesellschaftspolitisches Engagement nimmt Bertelsmann heute über die eigene Stiftung wahr, die sich auch zur Pflege des Meinungsklimas sowie der Kontaktaufnahme mit ranghohen Politikern gut nutzen lässt. Das Ergebnis der Anstrengungen war ein positives liberales Image, das der Bertelsmann AG seit Jahren anhaftet, anders als etwa dem 1985 verstorbenen Verleger Axel Springer oder dem Filmhändler Leo Kirch. Dabei hatte zum Beispiel die frühe Beteiligung des Bertelsmann-Personals am Betriebsgeschehen von vornherein den angenehmen Nebeneffekt, dass sich dank der Mitarbeiterdarlehen und Genussscheine die großen Akquisitionstouren des Konzerns auch ohne immense Bankschulden finanzieren ließen. Bertelsmann solle stets gegen Begehrlichkeiten von Geldgebern sowie Attacken von Konkurrenten immun sein, verfügte Mohn.

In der Vergangenheit führte die vorsichtige Finanzstrategie dazu, dass Bertelsmann beispielsweise den bereits mehrfach eingefädelten Kauf eines Hollywood-Filmstudios (Universal, Savoy) scheute. In der New Economy versuchte der Konzern 1999 und 2000 über Börsengänge von Tochter- und Beteiligungsfirmen ausreichend Kapital für Expansionspläne hereinzuholen. Die zwischenzeitlich von der Gütersloher Konzernspitze verordnete Kulturrevolution, zu der "Stock Options" für Mitarbeiter und Manager gehörten, ist längst verflogen. Nun ist es wieder Philosophie, dass sich die Manager des Hauses mit hohen Gewinnbeiträgen qualifizieren sollen.

Zwei Manager, die sich mit Wertsteigerungen profilierten, waren deshalb auch für die Nachfolge des Vorstandsvorsitzenden Thielen im Gespräch, der am 1. Januar 2008 sein Amt quittierte. Ein Jahr lang wurde über die Nachfolge Thielens spekuliert. Die Berufung von Christoph Mohn, Sohn von Reinhard und Liz Mohn, in den Aufsichtsrat Mitte November 2006 bot einen ersten Anlass für Mutmaßungen. Im Januar 2007 berief der Aufsichtsrat für den 48jährigen Hartmut Ostrowski, bisher Chef der Druck- und Onlinedienst-Sparte Arvato, zum neuen Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden. Der gebürtige Bielefelder Betriebswirtschaftler, lebenslängliche Bertelsmann-Angestellte und Zögling von Thielen setzte sich als typisches Bertelsmann-Gewächs souverän gegen seinen Hauptkonkurrenten Ewald Walgenbach, Chef der Direct Group, durch. Mit der Berufung von Ostrowski seien "Kontinuität" und zugleich "neue Impulse" gewährleistet, so Stimmen aus dem Hause Bertelsmann.

Nachfolger von Ostrowski als Arvato-Chef wurde Rolf Buch, der als Vorstandsmitglied von Arvato maßgeblich zum Erfolg der Gruppe und besonders zum Ausbau des Servicegeschäfts beigetragen haben soll. Buch wird zudem neues Vorstandsmitglied. Ostrowski übernimmt ab Januar 2008 das Amt von Gunter Thielen, der an die Spitze des Aufsichtsrats wechselte. Thielen, enger Vertrauter der Gründerfamilie Mohn, wird Nachfolger des Vorsitzenden Dieter Vogel, der nach 20 Jahren aus dem Aufsichtsrat ausscheidet. Vogel bleibt Gesellschafter der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft.

Anfang Januar 2008 wird bekannt, dass Ex-Bertelsmann-Chef Gunter Thielen, nach fünfeinhalb Jahren an der Konzernspitze, den Vorstandsvorsitz der deutschen Bertelsmann Stiftung übernimmt. "Mein vorrangiges Ziel ist es, die hohe Glaubwürdigkeit der Stiftung zu sichern, zudem wollen wir internationaler werden und uns intensiver als bisher mit den Auswirkungen der Globalisierung befassen", ließ Thielen wissen. Thielen hatte von Oktober 2001 bis Juli 2002 schon einmal den Vorstandsvorsitz der Stiftung inne, seit 2001 gehört er dem Kuratorium an. Gunter Thielen wurde Mitte Januar 2008 auch zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt, und trat damit die Nachfolge des 65-jährigen Dieter Vogel an, der sein Amt Ende 2007 niedergelegt hatte.


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