LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

Thomson Reuters Corporation

Umsatz 2011: $ 13,807 Mrd. (€ 9,919 Mrd.)

Geschichte und Profil

Thomson Reuters ist 2007 aus der Fusion des kanadischen Medienunternehmens Thomson mit der 1851 gegründeten britischen Nachrichtenagentur Reuters hervorgegangen.



Der Grundstein für das Unternehmen Thomson war 1934 gelegt worden: Der Kanadier Roy Thomson (1894–1976) erwarb mit der “Timmins Press” aus Ontario seine erste Zeitung. In den folgenden Jahrzehnten baute Thomson das größte Zeitungsimperium Kanadas auf. In den 50er Jahren begann er, sich im Ausland nach Betätigungsfeldern umzusehen, und wurde in Großbritannien, seiner neuen Wahlheimat, fündig. 1959 erwarb er den Zeitungsverlag Kemsley Group, zu der die einflussreiche Regionalzeitung „The Scotsman“ gehörte. 1967 folgte die Akquise des Kronjuwels der britischen Zeitungslandschaft, der Londoner Tageszeitung „The Times“. Die 70er Jahre waren von einem Ausflug des Unternehmens ins Ölbusiness geprägt. Thomson beteiligte sich an der Erschließung eines Ölfelds in der Nordsee. Zu dieser Zeit übernahm auch Thomson-Sohn Kenneth (1923–2006) die Leitung der Gesellschaft. Zu Beginn der 80er Jahre wandte man sich schließlich dem Segment des Informationshandels zu und baute die Aktivitäten in den folgenden Jahren durch Zukäufe kontinuierlich aus. Durch den Erwerb von Anbietern spezialisierter Informationen in den Bereichen Recht, Gesundheit, Wissenschaft und Finanzen sowie von Datenbank-Firmen entstand sukzessive ein neues Firmenprofil. Das Engagement bei verschiedenen britischen Zeitungen wurde 1995 beendet. Die „Times“, war bereits 1981 an Murdochs News International Ltd. verkauft worden.

Den Umbau - weg von Print hin zu elektronischen Informationsdiensten und Datenbanksystemen - setzte ab 1997 CEO Richard Harrington fort, der bereits seit 1982 für Thomson gearbeitet hatte. Ziel war ein schlankes und fokussiertes Unternehmen. Auch wurden Sparten abgestoßen, die nicht mehr ins Konzept passten. Paradebeispiel ist der Verkauf der Tourismussparte Thomson Travel im Jahr 1998. Innerhalb von sechs Jahren verkaufte Harrington 130 Zeitungen und über 60 Tochterfirmen. Da die meisten Tochterfirmen in den damaligen Spitzenzeiten des New-Economy-Booms hoch profitabel arbeiteten, war die Liquidität des Konzerns nach den Verkäufen äußerst hoch. Die Erlöse wurden zunächst zur Akquise von über 200 Spezialinformationsfirmen aus den Bereichen Recht, Steuern und Buchführung, Bildung, Finanzen, Wissenschaft und Gesundheitswesen genutzt. 2007 legte Thomson schließlich ein Übernahmeangebot für die Nachrichtenagentur Reuters in Höhe von 17,6 Milliarden Dollar (ca. 13 Milliarden Euro) vor. 


Fusionspartner Reuters war über 80 Jahre vor Gründung der Thomson Corporation entstanden und blickte auf eine traditionsreiche Vergangenheit als eine der wichtigsten Nachrichtenagenturen der Welt zurück. Allerdings wurden zum Zeitpunkt der Fusion kaum mehr zehn Prozent des Umsatzes mit klassischen Nachrichten generiert. Institutionelle Kunden aus dem Finanzsektor, die über spezielle Terminals mit Finanzdaten beliefert werden, machten den Großteil des Geschäfts aus.

Reuters’ Historie hatte kurios begonnen: Der Deutsche Paul Julius Reuter (1816-1899) nutzte Mitte des 19. Jahrhunderts eine Lücke im Telegrafennetz zwischen Aachen und Brüssel, um mit Hilfe von Brieftauben Informationen zu versenden. Als die Telegrafenleitung fertig gestellt worden war, eröffnete Reuter 1851 ein Büro in London und betrieb seinen Informationshandel von dort aus über das Calais-Dover-Unterseekabel. In den folgenden Jahrzehnten expandierte Reuters und belieferte britische Zeitungen mit Nachrichten. Zunächst aus Büros in ganz Europa, später aus aller Welt. So wurde 1872 ein Büro in Japan eingeweiht, nachdem die Öffnung des Landes erzwungen worden war. Während der beiden Weltkriege wurden die Reuters–Berichte von der britischen Regierung zensiert, woraufhin die Eigentümer 1941 den Reuters–Trust konstituieren. Dieser sollte die Unabhängigkeit der Agentur sicherstellen. Die Grundsätze des Trusts untersagten Beteiligungen von über 15 Prozent. Außerdem hielt die Reuters Founders Share Company Ltd. seit dem Börsengang von 1984 eine „Goldene Aktie“, mit der ein Vetorecht bei Entscheidungen der Hauptversammlung verbunden war. Mit diesen Prinzipien sollte die Überparteilichkeit und Unabhängigkeit von Reuters gesichert werden. Reuters konnte seine Position auf dem internationalen Nachrichtenmarkt in der Vergangenheit auch durch eine frühe Adaption neuer Technologien ausbauen. Ab 1923 erfolgte die Nachrichtenübermittlung per Funk, ab 1961 per Satellit und ab 1971 per Computerverbindung. In den 90er Jahren expandierte Reuters stark – eine Strategie, die nach Ende des dot.com-Booms zu Beginn des neuen Jahrhunderts Probleme verursachte. Das Angebot war zu unübersichtlich geworden; die Kunden kündigten reihenweise die als unflexibel geltenden Reuters-Terminals. Vor diesem Hintergrund übernahm 2001 Tom Glocer (Jahrgang 1959) den Chefposten von Peter Job. Zu diesem Zeitpunkt erwirtschaftete das Unternehmen zwar Gewinne, verlor jedoch zunehmend Marktanteile an Wettbewerber Bloomberg. Die Marke Reuters war zudem in den Vereinigten Staaten wenig bekannt und das Unternehmen rutschte kurz darauf zum ersten Mal seit dem Börsengang 1984 in die Verlustzone. In der Folgezeit konnte sich Glocer als harter Sanierer profilieren.

Die Fusion von Reuters und Thomson Corporation zum weltweit größten Informationsdienstleister ging im Frühjahr 2008 über die Bühne, nachdem zwei außerordentliche Hauptversammlungen der Aktionäre in Kanada und London ihren Segen erteilt hatten. Bis 2011 stand Ex-Reuters-CEO Tom Glocer bis 2011 an der Spitze von Thomson Reuters. Thomson-Manager Harrington wechselte zur Reuters Foundation.

Der Zusammenschluss der zwei Unternehmen war aus wettbewerbsrechtlicher Sicht nicht unumstritten: Der neue Konzern werde zusammen mit Bloomberg zwei Drittel des Marktes kontrollieren, so das Argument, es entstehe ein Duopol. Überraschenderweise fiel die seit Oktober 2007 laufende Prüfung durch die EU-Kommission als zuständige Kartellbehörde für Europa trotz solcher "erheblicher Bedenken" jedoch milde aus. Den beiden beteiligten Unternehmen gelang es, den Großteil der Vorbehalte zu zerstreuen.

Wesentliches Zugeständnis des neuen Konzerns war der Verkauf diverser Datenbanken an Mitbewerber. Thomson hat sich verpflichtet, eine Kopie seiner Thomson Fundamentals (Worldscope) Datenbank zu verkaufen. Reuters muss analog jeweils Kopien der Datenbanken Reuters Estimates, Reuters Aftermarket Research und Reuters Economics (EcoWin) auf dem Markt anbieten.

Sowohl die Europäische Kommission als auch das zuständige US-Justizministerium und das Canadian Competition Bureau erteilten im Februar 2008 eine vorläufige, mit Auflagen bewehrte Genehmigung.

Im Zuge des Zusammenschlusses ist die Familie Thomson über ihren Investmentarm Woodbridge im Besitz von 53% der Aktien. Dies hatte eine Änderung der Reuters–Grundsätze erforderlich gemacht, da diese bis dahin einzelnen Reuters–Aktionären einen maximalen Anteil von 15% der emittierten Aktien gestatteten. Im Gegenzug für die Satzungsänderung gelten die Unabhängigkeitsprinzipien des Reuters Trusts (heute: Thomson Reuters Trust) nun für das gesamte neue Unternehmen.

Die aus der Reuters Founders Share Company hervorgegangene Thomson Reuters Founders Share Company, die über die Einhaltung der Prinzipien des Trusts zur Sicherung der Unabhängigkeit des Unternehmens wacht, verfügt mittels der so genannten „Goldene Aktie“ wie ihre Vorgängerin über ein Vetorecht bei Übernahmeversuchen. Die Einhaltung der Trust–Prinzipien wie etwa Überparteilichkeit, Integrität, Unabhängigkeit und Freiheit wird von einem Direktorengremium wahrgenommen, dem zwischen 14 und 18 Honoratioren angehören.



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