LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

Clear Channel Comm.

Umsatz 2011: $ 6,161 Mrd. (€ 4,426 Mrd.)

Management

L. Lowry Mays, seit Gründung CEO von Clear Channel Communications übergab die Leitung des Konzerns im März 2005 an seine Söhne Mark P. Mays (CEO) und Randall T. Mays (President und CFO), um sich selbst in den Aufsichtsrat zurückzuziehen. Dieser familieninterne Wechsel sichert dem studierten Erdölingenieur, der seine Erfolge einer manischen Kosteneffizienz verdankt, weiterhin großen Einfluss auf den Konzern. Das von ihm eingeführte "Voice Tracking", ist immer noch eines der gewichtigsten Argumente der stetig wachsenden Schar von Clear Channel-Gegnern. Mit modernen digitalen Techniken werden Radiosendungen ganz oder teilweise vorproduziert und dann an einem beliebigen Ort und Zeitpunkt als vermeintliche Live-Sendungen ausgestrahlt. Die Sprachbeiträge der Moderatoren können dabei - automatisch oder manuell - mit aktuellen Nachrichtenmeldungen, Reportagen und Wettervorhersagen beliebig kombiniert werden. Das macht es beispielsweise möglich, zentral hergestellte Inhalte an lokale Gegebenheiten anzupassen. Befürworter dieser auch "Cyber Jocking" genannten Methode stellen heraus, dass durch ihre Kosteneffizienz zuvor unrentable, kleine, lokale Sender erhalten werden könnten und sich die Arbeitsbedingungen von Moderatoren (beispielsweise durch die Aufzeichnung von Morgen- und Wochenendshows) verbessern ließen. Auch könne man die Qualität des Programms durch den Einsatz zwar nicht ortsansässiger, aber professioneller, bekannter Moderatoren steigern. Kritiker prangern dagegen den drohenden Mangel an Diversität sowie die "Irreführung" der Hörer durch die Suggerierung von Unmittelbarkeit und Lokalität an. Das traditionell als Live-Medium wahrgenommene Radio zeichne sich insbesondere durch die persönliche Interaktion mit dem Publikum aus. Darüber hinaus steht vor allem der stark reduzierte Bedarf an Moderatoren in der Kritik. Maßnamen dieser Art und Massenentlassungen nach Senderübernahmen brachten dem Unternehmen Ende der 90er den wenig schmeichelhaften Spitznamen "Cheap Channel" ein.

Durch Übernahme von Jacor-Chef Randy Michaels in den Clear Channel-Vorstand nach dem Merger 1998 fand Mays den idealen Partner. Michaels, der seine Radiokarriere in den 70ern als Extrem-Moderator ("incredibly horny, wet and ready naked in-studio guests") begonnen hatte, machte aus seiner Geschäftsphilosophie schon zu Jacor-Zeiten keinen Hehl: "We´re big. We´re bad. We´re rich". Unter der Ägide von Michaels und Mays wurde die Marktmacht des Konzerns voll genutzt. Die Verflechtung mit dem Veranstalter Clear Channel Entertainment führte 2001 zu einem Kartellverfahren, in dem Clear Channel beschuldigt wurde, Singles von Künstlern, die konkurrierende Veranstalter für Touren verpflichten, aus der Playlist zu streichen. Im Juli 2002 wurde Michaels aus der Schusslinie gebracht und verließ das Unternehmen. Die rechtlich ebenfalls fragwürdige Praxis, Independent Promoters, sogenannte "Indies", als Mittelsmänner zu nutzen, um sich die Aufnahme von Songs in die Playlists von den Plattenfirmen bezahlen zu lassen, stellte Clear Channel im April 2003 auf öffentlichen Druck ein.

Praktiken wie diese waren zwar wirtschaftlich erfolgreich, führten aber zu erheblicher Kritik nicht zuletzt aus den Reihen der Hörerschaft. In der Branche werden Clear Channel Stationen inzwischen als "Radio Sweatshops" bezeichnet, das Unternehmen wird in Insiderkreisen mit dem schon fast schmeichelhaften Namen "Evil Empire" bedacht. Dazu passt der Vorwurf, Clear Channel habe seine Marktmacht missbraucht, um George W. Bushs Wiederwahl und den Irakkrieg zu unterstützen. Im Mai 2005 musste die Firma zugeben, einen Piratensender, der vor allem das eigene Unternehmen beschimpfte, aus Marketinggründen selbst betrieben zu haben. Im Dezember 2006 organisierte die "Songwriters Guild of America" unter dem Motto "Big radio is bad radio." eine Reihe von Hearings bei der Federal Communications Commission (FCC), um auf die speziell durch Clear Channel verursachte Top 40 Monokultur im US-Radiomarkt aufmerksam zu machen. Inzwischen besteht ein erheblicher Teil der Unternehmenskommunikation aus Imagepflege, um den Ruf des notorisch geldgeilen Megakonzerns abzustreifen. Clear Channel hat eine "Less-is-More" Strategie für Webeunterbrechungen eingeführt und gehört mittlerweile zu den kommerziellen Networks mit den geringsten Werbeanteilen am Programm. Zumindest in mittleren und größeren Märkten arbeiten lokale Redakteure, das Voice-Tracking wurde vermindert. Die Quote jüngerer, weniger bekannter Künstler auf Clear Channel-Playlists entspricht in etwa dem Branchenschnitt, an den Boykotten von Bush-kritischen Künstlern zu Beginn des Irakkrieges beteiligte sich Clear Channel zumindest nicht als Network (auch wenn einige konservativere Sender des Unternehmens die Aufrührer aus dem Programm nahmen), so dass Madonna und die Dixie Chicks weiterhin auf CC-Stationen zu hören waren. Auch der Verkauf nahezu eines Drittels seiner Radiosender und all seiner TV-Stationen im Jahr 2007 ist wohl ein Versuch, Kritikern aus Gesellschaft und Justiz weniger Angriffsfläche zu bieten.

Die Diskussionen um Clear Channels Geschäftsgebahren sind seitdem leiser geworden, jedoch nicht verhalt. Allein die technische Entwicklung hin zur Digitalisierung der Radioproduktion verändert die Arbeitswelt der Radiomacher so stark, dass inhaltliche Diskussionen in den Hintergrund treten. Die Gründerfamilie Mays ist seit der Bestellung von Robert Pittman im Dezember 2011 in den Medien nicht mehr so sichtbar wie früher.


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