LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.7.2011

Mediaset SpA

Umsatz 2010: € 4,293 Mrd.

Geschichte und Profil

Der beispiellose Eroberungsfeldzug des Mailänder Baulöwen Silvio Berlusconi im italienischen Mediengeschäft beginnt eher beiläufig am 24. September 1974 in einem kleinen Ladenlokal in der modernen Trabantenstadt Milano 2, vor den Toren der lombardischen Finanzmetropole. Das dort entwickelte TV-Angebot dient der Vertriebsabteilung des Immobilienunternehmers als zusätzliches Verkaufsargument, die Herkunft der immensen Finanzmittel des Selfmade-Unternehmers liegt bis heute teilweise im Dunkeln. Das Bestreben Berlusconis, seinen Aktionsradius über das Immobilienbusiness hinaus zu erweitern, manifestiert sich erstmals 1977. Er steigt bei der in Finanzschwierigkeiten steckenden Mailänder Tageszeitung "Il Giornale" des renommierten Journalisten Indro Montanelli ein.

Die entscheidende Wende erfolgt 1978: Berlusconi beschließt, das Kabel-Programm TeleMilano ab sofort terrestrisch auszustrahlen. Zwei Jahre zuvor hatte das römische Verfassungsgericht das Sendemonopol der staatlichen Fernsehanstalt RAI aufgehoben und kommerzielles Fernsehen zugelassen. Die Liberalisierung des Äthers erfolgt mit zwei Einschränkungen: Die Privatsender dürfen weder landesweit noch live ausstrahlen. Berlusconi tritt die Führung der Baufirma Edilnord an den jüngeren Bruder ab und widmet sich von nun an zusammen mit seinen engsten Mitarbeitern, darunter auch der heutige Mediaset-Chef Fedele Confalonieri, dem Aufbau eines integrierten Fernsehimperiums. Alle Aktivitäten des Unternehmers werden unter der Dachholding Fininvest zusammengefasst. Den drei Kanälen der öffentlichen Fernsehanstalt RAI hat der Fininvest-Gründer als einziger wirklicher Konkurrent mittlerweile seinerseits drei Sendernetze entgegenzusetzen. Innerhalb von nur sechs Jahren hat sich der Schwerpunkt des Konzerns komplett vom Bau- ins Fernsehgeschäft verlagert. Der Wildwuchs in der elektronischen Medienlandschaft hat ein Duopol aus der staatlichen RAI und dem Kommerzfernseh-Monopolisten Fininvest hervorgebracht, das 90 Prozent des italienischen TV-Marktes beherrscht. Platz für andere Wettbewerber bleibt nicht.

Schützenhilfe von höchster politischer Stelle ist dem Medienfürsten bei seiner beispiellosen Expansion gewiss. Erst 1990, 14 Jahre nach dem Start des Privatfernsehens, beendet ein Mediengesetz die Ära der totalen Anarchie im italienischen Äther. Die Kartellbestimmungen sind jedoch maßgeschneidert für Berlusconi und führen zur Konsolidierung der entstandenen Konzentration. 1991 gewinnt Fininvest nach einer erbitterten Übernahmeschlacht auch die Kontrolle über Italiens größten Buch- und Zeitschriftenverlag Mondadori. Zwei Jahre später steht der hoch verschuldete Konzern am Rande der Pleite. Die Gläubigerbanken drücken im Herbst 1993 die Einsetzung des Topmanagers und bewährten Sanierers Franco Tatò auf dem Chefsessel der Fininvest durch. Gleichzeitig trifft Berlusconi Vorbereitungen für den Start seiner Politkarriere. Unter massivem Rekurs auf seine Konzernstrukturen gründet er die Partei "Forza Italia". Im Frühjahr 1994 wird Berlusconi zum Premierminister gewählt, kann sich jedoch mit seiner heterogenen Rechtskoalition nur sieben Monate an der Macht in Rom halten. Er muss sich zudem zusammen mit führenden Mitarbeitern seines Konzerns wegen des Verdachts der Korruption, Bilanzfälschung und Steuerhinterziehung vor Gericht verantworten.

1995 werden schließlich alle Fernsehaktivitäten in dem neu gegründeten Tochterunternehmen Mediaset zusammengeführt, das 1996 an die Börse gebracht wird. Mediaset gehört heute auch dank seiner Monopolstellung im italienischen Privatfernsehen zu den profitabelsten TV-Konzernen der Welt. Die Internationalisierungsbestrebungen des italienischen "König des Äthers" waren dagegen, abgesehen von der Mehrheitsbeteiligung am ertragsstarken spanischen Sender Telecinco, weniger erfolgreich. Auch die 1999 vereinbarte Überkreuzbeteiligung mit der Münchner Mediengruppe Kirch wurde zum Grab für fast 400 Millionen Euro. 2001 wird Berlusconi zum zweiten Mal zum italienischen Ministerpräsidenten gewählt. Die offizielle Leitung des Mediaset-Konzerns hat er bereits abgegeben, dennoch ist der offenkundige Interessenkonflikt Gegenstand heftiger Kritik. Berlusconi kann als Regierungschef die Personalpolitik der staatlichen RAI-Sender bestimmen und kontrolliert gleichzeitig die Berichterstattung seiner "eigenen" Sender. Der liberale Journalist Enzo Biagi beispielsweise muss bei der RAI gehen, nachdem er bei Berlusconi in Ungnade gefallen war. Der Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco beschreibt die Mechanismen des "Medienregimes" etwa in den Fernsehnachrichten so: "Wenn ein diskutiertes Gesetz vorgestellt wird, sind erst die Einwände der Opposition an der Reihe, die dann sofort von Vertretern der Regierung widerlegt werden. Das Ergebnis ist absehbar: Recht hat, wer zuletzt spricht. Ein Medienregime braucht die Opposition nicht ins Gefängnis zu stecken. Man bringt sie zum Schweigen, indem man ihre Argumente als erste zur Sprache bringt." Dennoch: Selbst massives Spinning kann 2006 die Abwahl Berlusconis als Ministerpräsident nicht verhindern. Schon bei den vorgezogenen Neuwahlen am 13. April 2008 kehrte der Medientycoon aber gestärkt an die Macht zurück.

2008 gelang es Mediaset, sich vom negativen Trend der TV-Branche abzukoppeln. Bereits in den Krisenjahren nach 2001 ließen Konjunkturschwäche und Werbeeinbrüche Mediaset ungeschoren. Während die RAI und Italiens Presse im vergangenen Jahr wieder empfindliche Einnahmerückgänge registrierten, profitierte Mediaset von der Umschichtung der Werbeetats italienischer Großkonzerne wie Barilla, Telecom Italia oder Fiat, die ihre Investitionen bei Mediaset zu Lasten des Staatsfernsehens RAI steigerten. Auch die von der Regierung kontrollierten Staatsunternehmen wie die Post oder der Energiekonzern ENI erhöhten ihre Werbeinvestionen auf Berlusconis Kanälen spürbar. Unterm Strich steigerte Mediaset 2008 den Umsatz um 4,2 Prozent auf 4,2 Mrd. Euro und musste nur eine leichte Minderung seiner stattlichen Gewinne hinnehmen. Die Bruttorendite sank 2008 gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozentpunkte auf 23,2%. Allem Anschein nach wirkt die Regierungsmacht Berlusconis auch in der größten Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren als Fallschirm für Mediaset.


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