30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

TF1 S.A.

Umsatz 2011: € 2,620 Mrd.

Management

Mitte 2006 gab es auf der Führungsetage des Konzerns viel Bewegung, nach rund zwei Jahrzehnten personeller Kontinuität. Es hieß, die alten Männer an der Spitze von TF1 hätten den Anschluss verpasst an die geänderten Grundlagen des Mediengeschäfts (Internet, digitale Technologie). Martin Bouygues, Chef des gleichnamigen Hauptaktionärs, beschloss daraufhin einen „radikalen Epochenwandel“ (Le Figaro). Nun müsse das „TF1 der kommenden 20 Jahre“ erfunden werden.

Patrick Le Lay (geb. 1942), Président-Directeur général von TF1 seit 1988, zog sich am 22.5.2007 zunächst auf den (quasi ehrenamtlichen) Posten des Verwaltungsratspräsidenten zurück und ist heute Präsident des Investmentfonds Serendipity (mit Bouygues als einem der Hauptanteilseigner). Ein weiteres Opfer der großen Wachablösung: Etienne Mougeotte (Jg. 1940), TF1-Programmchef seit der Privatisierung 1987 und somit Schlüsselfigur der hocherfolgreichen TF1-Programmpolitik. Er trat am 6. August 2007 als Vizepräsident der TF1-Gruppe zurück, ging zum „Figaro Magazine“. Am 20.11.2007 wurde er zum directeur des rédactions der Figaro-Gruppe ernannt.

Seit dem 22.5.2007 gibt es also einen neuen starken Mann im 14. Stock des TF1-Turms in Boulogne-Billancourt, gleich neben der Pariser Périphérique: directeur général Nonce Paolini (Jg. 1949). Auch er startete als Großer Unbekannter, genau wie der Bauingenieur Patrick Le Lay beim Amtsantritt 1987. Und genau wie Le Lay ist Paolini ein Zögling des Mutterhauses, ein „Bouyguesman“ durch und durch, ein Fremder in der glitzernden Fernsehwelt, ohne enge Kontakte und Netzwerk im Hause TF1, noch ohne politsche Bindung. Noch: wenige Tage vor seiner Inthronisierung wurde gemeldet, dass Laurent Solly (Jg. 1970), ENA-Absolvent (französische Eliteuniversität für höheres Beamtentum), zuvor mitverantwortlich für die Präsidentschaftskampagne von Nicolas Sarkozy und in Fernsehdingen komplett unbedarft, zum Quasi-Stellvertreter Paolinis ernannt wird. Widerstand zwecklos, Mehrheitseigner Martin Bouygues gilt als enger Freund von Präsident Sarkozy (er war sein Trauzeuge bei der Ehe mit Cécilia). Wie schon gesagt: von einer gewissen Kontrolle über das Leitmedium können französische Regierungen nicht lassen (siehe den Eintrag zu France Télévisions).

Das Profil der großen TV-Lenker hat Paolini nicht. Er ist kein Ingenieur und kein ENA-Alumnus (oder Abgänger einer ähnlichen Auslesefakultät), hat dafür einen Literatur- und Politologieabschluss. Man nennt ihn „l’incarnation du mystère“, einen Taktiker und Diplomat, von ruhiger Natur (im Gegensatz zu seinem als cholerisch geltenden Vorgänger Le Lay), standhaft aber freundlich. „Er ist definitiv kein Chorknabe, er weiß genau was er will“, so ein früherer Mitarbeiter. Was noch bekannt ist: Er ist Korse, aber Republikaner, in dritter Ehe verheiratet mit der Téléshopping-Moderatorin Catherine Falgayrac, dreifacher Vater (drei Töchter aus den ersten beiden Ehen) und passionierter Jazz-Fan mit einer Sammlung von 10.000 Platten.

Weitere Veränderungen, die es zu verzeichnen gab: Anfang März 2008 kündigte Programmchef Takis Candilis und ging als directeur général délégué der Produktionssparte zu Lagardère. „Es gibt keine Verstimmung zwischen Nonce Paolini und mir, es hat nie eine gegeben“, stellte Candilis unmittelbar nach Bekanntwerden seiner Kündigung klar. Als Grund dafür gab er neue Herausforderungen als Produzent an; die von ihm initiierten, erfolglosen und bald eingestellten Eigenproduktionen (v.a. „L’Hôpital“ nach dem Modell von „Grey’s Anatomy“) hätten nichts damit zu tun. Tatsächlich ist Candilis seinem Rauswurf wohl zuvorgekommen.

Und noch einer ging bzw. musste gehen: Anchorman-Ikone Patrick Poivre d’Arvor (PPDA, geb. 1947), seit über 20 Jahren Sprecher der 20 Uhr-Hauptnachrichten und das zweifelsfrei bekannteste Gesicht des Senders bzw. der gesamten französischen TV-Landschaft, fiel Anfang Juni 2008 nach Le Lay, Mougeotte und dem TF1-Chefredakteur Robert Namias dem Großen Personalwechsel zum Opfer. Es ist kein Geheimnis, dass sein beizeiten unehrerbietiger, spöttischer Ton Nicolas Sarkozy mißfiel. Aber natürlich war das Ganze auch ein Facelifting: Radio- und TV-Journalistin Laurence Ferrari, geboren 1966, wurde Ende 2007 in der People-Presse noch als neueste Flamme des frisch geschiedenen Sarkozy gehandelt. Seit Ende August 2008 ersetzt sie PPDA, bald darauf gingen die Quoten der 20-Uhr-Nachrichten bergab.

Beim TF1-Spitzenpersonal ist die Lage volatil. Im Juni 2009 war bestätigt worden, dass TF1-Chefredakteur Jean-Claude Dassier (67) das Haus verlässt und Präsident des Erstligavereins Olympique de Marseille wird. Dassier war der großen Austrittswelle der TF1-Urgesteine 2007/2008 entgangen und hielt den Zeitpunkt nun offenbar opportun für einen Wechsel. Unklar bleibt, ob das angespannte Klima innerhalb der Redaktion (wegen der Zusammenführung mit dem TF1-eigenen Nachrichtenkanal LCI) der Auslöser war. Paolini verneint das. Wiederum wenige Tage zuvor war gemeldet worden, dass Axel Duroux (46), Frankreich-Präsident der RTL-Gruppe, als Directeur général und somit als Nummer Zwei zu TF1 kommt. Und endlich gab es wieder eine gute Nachricht aus Boulogne: an der Börse wurde die Ernennung des erfahrenen Managers und Medienmachers äußerst positiv aufgenommen; die TF1-Aktie stieg am nächsten Morgen um 7%.

Doch wie gesagt: volatil. In einem zweizeiligen Pressekommuniqué vom 23.10.09 hieß es: „TF1 und Axel Duroux beenden die Zusammenarbeit in gegenseitigem Einverständnis wegen strategischer Differenzen hinsichtlich der Unternehmensführung. Axel Duroux wird TF1 heute verlassen.“ „TF1 verliert den Kopf“, titelt L’Express. Die Differenzen mit Paolini waren zu groß. Dabei sollte Duroux, der Programm-Macher, der Mann mit Ideen, eben den kreativen Input bringen, den Nonce Paolini nicht bieten kann.


Dossier

Medienpolitik

Die neuen technischen und inhaltlichen Entwicklungen der digitalen Medien sind eine Herausforderung für Medienmacher, Publikum und Politik. Journalisten müssen beispielsweise immer mehr Informationskanäle beobachten und große Mengen an Daten auswerten. Für die Bürger können die Veränderungen in der Medienlandschaft zu einer stärkeren (politischen) Beteiligung führen und Medien werden genutzt, um für politische Belange Aufmerksamkeit zu erzeugen. Neue Entwicklungen wie soziale Medien oder das Internet der Dinge werden bezüglich des Daten- und Verbraucherschutzes kontrovers diskutiert. Das Dossier möchte Grundlagen zum Rundfunk- und Medienrecht vermitteln, die neuen Herausforderungen und Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen und eine kritische Auseinandersetzung mit der sich ständig wandelnden Welt der Medien und der sie regulierenden Medienpolitik fördern.

Mehr lesen

Dossier

Deutsche Fernsehgeschichte in Ost und West

Hier der "Tatort", dort der "Polizeiruf", hier die "Tagesschau, dort die "Aktuelle Kamera": Diese Sendungstitel stehen für TV-Ikonen in Ost und West. Welche Brüche und Gemeinsamkeiten zeichnet die Fernsehgeschichte im geteilten Deutschland aus? Was hat sich seit der Wende verändert?

Mehr lesen