LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

2. ARD

Umsatz 2011: € 6,221 Mrd.

Geschichte und Profil

Die ARD ("Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland") wurde im Juni 1950 gegründet. Die Satzung der ARD benennt als Ziel der Arbeitsgemeinschaft unter anderem die "Bearbeitung gemeinsamer Fragen des Programms sowie gemeinsamer Fragen rechtlicher, technischer und betriebswirtschaftlicher Art". Gründungsmitglieder waren der Bayerische Rundfunk, der Hessische Rundfunk, Radio Bremen, der Süddeutsche Rundfunk, der Südwestfunk, der später geteilte Nordwestdeutsche Rundfunk sowie mit beratender Stimme der RIAS Berlin. Analog zum föderalen Aufbau der Bundesrepublik (Kultur als Ländersache) wurde bei der ARD die Form einer nicht rechtsfähigen Arbeitsgemeinschaft auch deshalb gewählt, um sich von der Rolle des zentralisierten Propagandafunks der NS-Zeit deutlich abzugrenzen. Allerdings führte das Modell eines lockeren Zusammenschlusses von Rundfunkanstalten ganz unterschiedlicher Größe und volatiler politischer Verankerung auch zu aufwändigen bürokratischen Verfahren, neuen politischen Abhängigkeiten, Behördenmentalität und zu entsprechender Reaktionsschwäche im liberalisierten Medienmarkt.

Die Geschäftsführung der ARD wechselt im zweijährlichen Turnus. ARD-Vorsitzender ist der Intendant der jeweils geschäftsführenden Landesrundfunkanstalt. Daneben verfügt die ARD über eine zentrale Programmdirektion in München für die Koordination und Planung des Ersten Deutschen Fernsehens (Das Erste), dessen Chef lange Zeit als "König ohne Land" galt. Denn er muss weitgehend abhängig von den Beschlüssen der Intendanten agieren. Dem von 1992 bis Oktober 2008 amtierenden ARD-Programmdirektor Günter Struve gelang es in zäher Kleinarbeit, die Stellung der Münchner Dependance zu stärken. Er zentralisierte das Marketing des Ersten und nahm wesentlichen Einfluss auf die gesamte Programmstruktur. Als Struves Leidenschaft galt der quantitative Erfolg des Ersten bei gleichzeitiger Wahrung eines öffentlich-rechtlichen Programmniveaus. Dabei musste sich er sich von Kritikern immer wieder vorwerfen lassen, dass er den Informationsanteil des Ersten zugunsten der Unterhaltung entkernt habe. Tatsächlich gibt es nur noch wenige auffällige Reportagen und Dokumentationen im Ersten, in der Primetime (20.00 bis 23.00 Uhr) tauchen sie fast gar nicht mehr auf. Die sechs ARD-Politmagazine haben ihre gesellschaftspolitische Funktion weitgehend verloren. Durch eine seit dem 1. Januar 2006 gültige Programmreform für das Erste wurde die Sendezeit dieser Magazine zudem von 45 auf 30 Minuten reduziert.

Am 26. November 2007 wählten die neun Intendanten der ARD-Landesrundfunkanstalten Volker Herres, Jg. 1957, zum neuen Programmdirektor der ARD. Herres, zuvor seit Mai 2004 Fernsehprogrammdirektor beim NDR, trat am 1. November 2008 die Nachfolge Struves an. Herres arbeitete in den folgenden zwei Jahren an einer Reform des ARD-Programmschemas am Abend. Diese Reform wurde von den Intendanten im November 2010 beschlossen. Sie sieht zum einen eine größere Vereinheitlichung der Anfangszeiten der ARD-"Tagesthemen" vor, die ab Herbst 2010 von montags bis donnerstags jeweils um 22.15 Uhr beginnen werden. Zum anderen erweitert die ARD zum gleichen Zeitpunkt die Anzahl ihrer abendlichen Talksendungen von vier auf fünf. Dies ist dadurch bedingt, dass Günther Jauch dann von Anne Will im Ersten die Talkshow am Sonntag (21.45 bis 22.45 Uhr) übernimmt, also den gewichtigsten Gesprächssendeplatz, den die ARD zu vergeben hat (siehe auch Kapitel "Aktuelle Entwicklungen"). Die Verpflichtung von RTL-Star Günther Jauch – erster großer Coup nach der Amtsübernahme von Herres – hatte die ARD im Juni 2010 bekannt gegeben. Jauch wird weiterhin auch für RTL arbeiten und bei dem Privatsender die populäre Quiz-Show "Wer wird Millionär?" moderieren.

Mitte 2006 schuf die ARD als neue Stabsstelle ein Generalsekretariat, das in Berlin angesiedelt wurde und das alte, 1965 gegründete ARD-Büro in Frankfurt am Main ablöste. Die ARD wurde durch diesen Schritt auch medienpolitisch in der Hauptstadt präsent. Geleitet wird das Berliner Büro seit dem 1. Juli 2006 von Verena Wiedemann, Jg. 1957, die zuvor (seit Dezember 1993) Leiterin des ARD-Verbindungsbüros in Brüssel war. Wiedemann arbeitet in Berlin als ARD-Generalsekretärin, sie wurde von den Intendanten und Gremienvorsitzenden für eine Amtszeit von fünf Jahren gewählt. Die Generalsekretärin ist dem alle zwei Jahre wechselnden ARD-Vorsitzenden direkt unterstellt. Sie ist verantwortlich für die strategische Positionierung der ARD und die Interessenvertretung nach außen. Zugleich ist die Generalsekretärin auch stellvertretende Vorsitzende der ARD-Strategiegruppe. Sie hat zudem das Recht, an Sitzungen aller Kommissionen und Arbeitsgruppen des Senderverbundes teilzunehmen und mitzuwirken. Das gilt auch für Tochterunternehmen der ARD sowie für Sitzungen der Fernsehprogrammkonferenz und der ARD-politisch relevanten Gremien. Die ARD unterhält weitere Zentraleinrichtungen wie die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) in Köln, die in Frankfurt am Main ansässige Degeto Film GmbH (für die ARD-Fernsehfilmproduktion, den Rechtehandel mit diesen Filmen und für Produktionsbeteiligungen), das in Potsdam und Frankfurt am Main angesiedelte Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) und die Zentrale Fortbildung der Programm-Mitarbeiter (ZFP; zusammen mit dem ZDF). Die Redaktion ARD-aktuell hat ihren Sitz beim NDR in Hamburg. Mit rund 200 Mitarbeitern erstellt sie die aktuellen TV-Nachrichtensendungen ("Tagesschau", "Tagesthemen", "Nachtmagazin", "Wochenspiegel"). Ansonsten gilt bei der ARD das föderale Prinzip. Federführung haben bei senderübergreifenden Projekten jeweils einzelne Landesrundfunkanstalten, etwa bei Übertragungen großer Sportereignisse.

Die Fernseh- und Radioprogramme der ARD waren und sind ein wesentlicher kultureller und gesellschaftlicher Faktor in der Geschichte der Bundesrepublik. Nationale Wirkungen erzielten ab den 1960er Jahren Politikmagazine wie "Panorama", vom NDR nach BBC-Vorbild geschaffen, oder "Monitor" vom WDR, zeitkritische Fernsehspiele von Regisseuren wie Egon Monk, Peter Beauvais, Eberhard Fechner oder Heinrich Breloer, die "Stuttgarter Schule" des dokumentarischen Fernsehens, Unterhaltungssendungen mit Hans-Joachim Kulenkampff und Rudi Carrell. Da sich der öffentlich-rechtlichen Rundfunk in den 1950er Jahren in vielen Redaktionen zu einem Sammelplatz der kritischen Intelligenz entwickelt hatte, galt der ARD-Verbund schon für die seinerzeitige Adenauer-Administration als suspekt und linkslastig. Ende der 1950er Jahre versuchte Kanzler Konrad Adenauer (CDU), mit dem Projekt eines "Freien Fernsehens", einer Mischung aus Staats- und kommerziellem TV, das ARD-"Monopol" zu brechen. Mit dem sogenannten "Fernsehurteil" stoppte das Bundesverfassungsgericht 1961 die Adenauer-Pläne. Vom Juni 1961 bis Ende März 1963 wurde täglich etwa 150 Minuten lang ein zweites ARD-Programm ausgestrahlt, bis am 1. April 1963 das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) als zusätzlicher bundesweiter Sender seinen Programmbetrieb aufnahm. Am 22. September 1964 startete der Bayerische Rundfunk ein bildungs- und kulturorientiertes Drittes Fernsehprogramm. Diesem Modell folgten schrittweise alle ARD-Landesrundfunkanstalten. Ein gemeinsames Drittes Programm veranstalteten der NDR und Radio Bremen sowie zum Teil der SWR und der Saarländische Rundfunk.

Im Verlauf des Bundestagswahlkampfs 1976 wurde dem ARD-Fernsehen seitens der CDU/CSU (im Verbund mit der publizistikwissenschaftlichen "Mainzer Schule" der Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann) vorgeworfen, die Wahlen zum Nachteil der Unionsparteien beeinflusst zu haben. Danach nahm der politische Druck auf die ARD, deutlich sichtbar im Einfluss auf wichtige Personalentscheidungen, ständig zu. Unter der Ägide von Bundeskanzler Helmut Kohl und des seinerzeitigen Postministers Christian Schwarz-Schilling (beide CDU) wurden seit 1984 auch in der Bundesrepublik private Fernseh- und Hörfunkangebote zugelassen. Wie sich zeigen sollte, tangierte diese Entwicklung nachhaltig das Selbstverständnis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Trotz großzügiger Finanzausstattung sah sich das ARD-Management, auf die neuen Marktverhältnisse nur unzureichend vorbereitet und politisch, ökonomisch und medienkulturell bedroht.

Im Januar 1995 schlugen die Ministerpräsidenten Sachsens und Bayerns, Kurt Biedenkopf (CDU) und Edmund Stoiber (CSU), in einem aufsehenerregenden Papier die Abschaffung des Ersten Deutschen Fernsehens und eine Reduktion der ARD auf größere Landessender mit nur noch Regionalfernseh- und Hörfunkprogrammen vor, falls die ARD nicht intensive Rationalisierungsmaßnahmen einleite. Die ARD kam den Forderungen nach. Aus den bis dahin elf Landesrundfunkanstalten wurden neun. 1998 wurden der Südwestfunk (SWF) und der Süddeutsche Rundfunk (SDR) zum Südwestrundfunk (SWR) zusammengelegt, am 1. Mai 2003 entstand aus der Fusion von Sender Freies Berlin (SFB) und Ostdeutschem Rundfunk Brandenburg (ORB) die neue Zwei-Länder-Anstalt Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Politische Angriffe auf die Existenz und Grundstruktur der ARD fanden danach nicht mehr statt.

Seit der öffentlich-rechtliche Rundfunk ab 2006/07 seine Angebote verstärkt auch via Internet zugänglich macht, steht die ARD (wie auch das ZDF) im Zentrum heftiger Kritik vor allem seitens der Verleger, die hier eine Wettbewerbsverzerrung sehen. Sie fordern, dem gebührenfinanzierten Rundfunk müssten für sein Online-Engagement deutliche Grenzen gesetzt werden, da ansonsten das privatwirtschaftliche Geschäftsfeld der Verlage in seiner Existenz bedroht sei.


Dossier

Medienpolitik

Die neuen technischen und inhaltlichen Entwicklungen der digitalen Medien sind eine Herausforderung für Medienmacher, Publikum und Politik. Journalisten müssen beispielsweise immer mehr Informationskanäle beobachten und große Mengen an Daten auswerten. Für die Bürger können die Veränderungen in der Medienlandschaft zu einer stärkeren (politischen) Beteiligung führen und Medien werden genutzt, um für politische Belange Aufmerksamkeit zu erzeugen. Neue Entwicklungen wie soziale Medien oder das Internet der Dinge werden bezüglich des Daten- und Verbraucherschutzes kontrovers diskutiert. Das Dossier möchte Grundlagen zum Rundfunk- und Medienrecht vermitteln, die neuen Herausforderungen und Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen und eine kritische Auseinandersetzung mit der sich ständig wandelnden Welt der Medien und der sie regulierenden Medienpolitik fördern.

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Dossier

Deutsche Fernsehgeschichte in Ost und West

Hier der "Tatort", dort der "Polizeiruf", hier die "Tagesschau, dort die "Aktuelle Kamera": Diese Sendungstitel stehen für TV-Ikonen in Ost und West. Welche Brüche und Gemeinsamkeiten zeichnet die Fernsehgeschichte im geteilten Deutschland aus? Was hat sich seit der Wende verändert?

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