LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

2. ARD

Umsatz 2011: € 6,221 Mrd.

Geschäftsfelder

Fernsehen – Fernsehformate:
Für ihre Informationsberichterstattung verfügt die ARD über das größte Auslandskorrespondentennetz der Welt (rund 90 Korrespondenten in über 30 Metropolen), die dem Ersten und auch den Dritten Programmen für ihre Informationssendungen zuarbeiten. Führende Marken der ARD sind die Nachrichtensendungen "Tagesschau" und "Tagesthemen". Außerdem zählen die Krimireihe "Tatort", die ARD-"Sportschau" mit Zusammenfassungen von der Fußball-Bundesliga, abendliche Serien wie "In aller Freundschaft" oder "Um Himmels Willen" und Soap Operas wie "Lindenstraße", "Verbotene Liebe" oder "Marienhof" zu den bekannten Marken im Ersten. "Marienhof" war 2005 durch einen Schleichwerbeskandal bei der ARD-Tochter Bavaria Film, die diese Vorabend-Soap produziert, in Misskredit geraten. Im Dezember 2010 gab die ARD bekannt, dass "Marienhof" im Frühjahr 2011 wegen eines deutlichen Quotenrückgangs mit der dann 4053. Folge beendet werde. Mehr als alle anderen Sender versucht sich die ARD in den vergangenen Jahren mit Talkshows zu profilieren. An den verschiedenen Wochentagen sind aus diesem Genre im Ersten am Abend die Sendereihen "Anne Will" (sonntags), "Beckmann" (montags), "Menschen bei Maischberger" (dienstags) und "Hart aber fair" mit Moderator Frank Plasberg (mittwochs) vertreten. "Anne Will" – im September 2007 als Nachfolgeformat von "Sabine Christiansen" gestartet – war im Jahr 2010 nach absoluten Zuschauerzahlen und nach Marktanteilen der erfolgreichste (Polit-)Talk im deutschen Fernsehen. Im Schnitt hatten die Sendungen 4,2 Millionen Zuschauer (2009: 3,8 Millionen) und einen Marktanteil von 14,5 Prozent (2009: 13,5 Prozent). Zweitbeste Talkshow war 2010 "Hart aber fair" mit durchschnittlich 3,5 Millionen Zuschauern (13,8 Prozent) vor "Maybrit Illner" vom ZDF mit 2,4 Millionen (11,7 Prozent).

Da auf dem Freitagtermin um 20.15 Uhr viele süßliche Herz-Schmerz-Spielfilme, für deren Produktion die ARD-Tochter Degeto verantwortlich ist, im Ersten laufen, hat sich in der Branche abkürzend für den Vorgang der Verflachung der (ARD-)Spielfilme der Begriff der "Degetoisierung" geprägt. Das Genre des anspruchsvollen Fernsehfilms pflegt die ARD auf dem 20.15-Uhr-Sendeplatz "Film-Mittwoch im Ersten".

Zum großen Erfolg wurde es für die ARD, dass sie sich 2010 zur Ermittlung des deutschen Beitrags für den Eurovision Song Contest (ESC) mit dem Privatsender und dessen Entertainer Stefan Raab zusammentat. Lena Meyer-Landrut, die beim Vorentscheid "Unser Star für Oslo" (ARD/Pro Sieben) von den Fernsehzuschauern zur deutschen Vertreterin gewählt wurde, gewann mit ihrem Lied "Satellite" anschließend in der norwegischen Hauptstadt den Eurovision Song Contest und holte am 29. Mai 2010 erstmals seit 1982 den Sieg wieder nach Deutschland. Jenseits von Fußballübertragungen von der WM und der EM-Qualifikation war im deutschen Fernsehen die Live-Ausstrahlung der ESC-Show mit durchschnittlich 14,73 Millionen Zuschauern (Marktanteil: 49,0 Prozent) die erfolgreichste Sendung des Jahres 2010. "Satellite" wurde ein internationaler Hit, die 19-jährige Lena stieg kometenhaft zu einem Star der Popmusik auf.

Verlieren wird das Erste bald Entertainer Harald Schmidt und dessen gleichnamige Late-Night-Show. Schmidt hat am 13. September 2010 angekündigt, die ARD zu verlassen und ab September 2011 wieder für den privaten Fernsehsender Sat 1 zu arbeiten. Bei Sat 1 wird er dann erneut mit seiner "Harald Schmidt Show" zu sehen sein, die dort bereits von Dezember 1995 bis Dezember 2003 lief. Nach einem knappen Jahr Pause war Schmidt Ende 2004 zur ARD zurückgegangen, von der er zuvor Mitte der 1990er Jahre zu Sat 1 gewechselt war. Im Jahr 2010 verließen auch der Showmaster Jörg Pilawa und der Kabarettist Frank-Markus Barwasser die ARD. Sie wechselten zum öffentlich-rechtlichen Konkurrenten ZDF.

Fernsehen – Fußballprogramm:
Die attraktive Erstberichterstattung über die Fußball-Bundesliga im Free-TV konnte die ARD ab der Saison 2003/04 überraschend für ihre "Sportschau" (samstags) zurückerobern, nachdem mehrere Jahre lang die kommerzielle Konkurrenz – zunächst RTL und dann Sat 1 – die Rechte besessen hatte, die den Privatsendern jedoch zu teuer wurden. Die ARD sicherte sich wieder die Rechte und zahlte dafür in den ersten drei Jahren pro Saison (2003/04, 2004/05, 2005/06) rund 60 Mio. Euro. Die hohe Zuschauerakzeptanz der Bundesliga-"Sportschau" am Samstagabend (18.45 bis 19.55 Uhr) bestärkte die ARD in ihrer Strategie, hier am Ball zu bleiben. Ende 2005 konnte sich die ARD die Bundesliga-TV-Rechte für die nächsten drei Spielzeiten sichern (2006/07, 2007/08, 2008/09). Der Preis dafür betrug 95 Mio Euro pro Saison.

Der ARD gelang es, auch anschließend weiterhin die Free-TV-Rechte für zusammenfassende Spiele in der Samstag-"Sportschau" zu behalten. Im November 2008 vergab die Deutsche Fußball-Liga (DFL) diese Rechte erneut an die ARD. Der Vertrag läuft seither erstmals über einen Zeitraum von vier (statt drei) Jahren und erstreckt sich somit auf die Spielzeiten 2009/10, 2010/11, 2011/12 und 2012/13. Die ARD erhielt außerdem – eine überraschende Veränderung – auch den Zuschlag für die zusammenfassende Berichterstattung über die beiden Erstliga-Begegnungen am Sonntag. Diese Rechte besaß bis zum Ende der Saison 2008/09 der Privatsender Deutsches Sportfernsehen (DSF, inzwischen in Sport 1 umbenannt). Das gesamte und erweiterte Bundesliga-Rechtepaket kostet die ARD rund 100 Mio Euro pro Saison und damit unwesentlich mehr als zuvor. Über die beiden Sonntagsspiele kann die ARD seither ab 21.45 Uhr berichten. Zusammenfassende Berichte von den Bundesliga-Begegnungen am Sonntag werden in den "Tagesthemen" gezeigt und in speziellen Sendungen der Dritten Programme.

Dass die ARD die Bundesliga-TV-Rechte in der jetzigen Form erhielt, hat sie auch rundfunkregulatorischen Umständen zu verdanken. Denn ursprüngliche hatte die Deutsche Fußball-Liga für 2009 bis 2013 schon Leo Kirch den Zuschlag gegeben. Doch das Vermarktungskonzept, das die DFL und die von Kirch kontrollierte Firma Sirius Sport Media planten, war vom Bundeskartellamt im Juli 2008 mit einer Aufsehen erregenden Entscheidung abgelehnt worden. DFL und Sirius wollten eine zusammenfassende Berichterstattung von den Samstagsspielen der Ersten Liga im frei empfangbaren Fernsehen erst ab 22.00 Uhr zulassen, was das Kartellamt als einen zu späten Zeitpunkt einstufte. Die Wettbewerbsbehörde stellte klar, dass eine solche "Highlight-Berichterstattung" im Free-TV bis 20.00 Uhr abgeschlossen sein müsse. Damit war einem Milliardenvertrag zwischen DFL und Sirius die Grundlage entzogen. Ende September kündigte die DFL daher ihren Kontrakt mit Sirius, der eine Garantiesumme von 500 Mio Euro pro Saison aus dem Verkauf der Übertragungsrechte für die nächsten sechs Jahre ab Mitte 2009 vorgesehen und damit den Klubs insgesamt 3 Mrd. Euro eingebracht hätte. (Die Bundesliga-Exklusivrechte im Pay-TV hält bis Mitte 2013 weiterhin der Sender Sky – vormals: Premiere –, der alle Spiele der Ersten und Zweiten Bundesliga live überträgt.)

Dritte Programme:
Die Dritten Programme sind in den 1980er Jahren sukzessive zu Vollprogrammen ausgebaut worden, die meisten werden über Kabel und Satellit auch bundesweit verbreitet. Ihren ursprünglichen Charakter als Experimentierfeld und formelle Bildungsinstitutionen haben die Dritten nahezu vollständig verloren. In den zurückliegenden Jahren haben sie dafür das Regionale als ihre eigentliche Stärke entdeckt, die ihnen hervorragende Einschaltquoten garantiert. Zum Teil, aber nur noch sehr selten, werden die Dritten Programme auch noch als Experimentierfläche für neue Formate genutzt, die im Erfolgsfall ins Erste Programm wechseln können.

Sonder-TV-Engagements:
Ihren 1986 gestarteten Kulturfernsehkanal Eins plus gab die ARD Ende November 1993 auf und beteiligte sich stattdessen mit 30 % am von ZDF, ORF (Österreich) und SRG (Schweiz) betriebenen Gemeinschaftsprojekt 3sat, dem internationalen deutschsprachigen Kulturfernsehen. Seit 1992 ist die ARD zudem mit 25 % am in Straßburg angesiedelten deutsch-französischen Kulturfernsehkanal Arte beteiligt (25 %: ZDF, Arte France 50 %). 1997 starteten die beiden öffentlich-rechtlichen Spartenfernsehprogramme Phoenix und KIKA. Phoenix ist ein sogenannter Ereignis- und Dokumentationskanal und hat seinen Sitz in Bonn. Beim KIKA handelt es sich um den unter MDR-Federführung in Erfurt angesiedelten Kinderkanal. An diesen beiden Sendern sind ARD und ZDF mit je 50 % beteiligt.

Digitale Sender:
Im digitalen Zeitalter wird bei ARD und ZDF das Spartenfernsehen als notwendiges Angebot im Gesamtbouquet betrachtet, allein um die Konkurrenzfähigkeit zu erhalten. So verfügt die ARD seit Ende August 1997 über drei via Kabel und Satellit digital verbreitete Spartenkanäle: Eins Extra (Infokanal; federführend: NDR), Eins Plus (Ratgeber- und Servicekanal; SWR) und Eins Festival (Schwerpunkt Kultur; WDR). Das digitale (Zusatz-)Angebot kann aber erst dann von einem größeren Publikum wahrgenommen werden, wenn die digitale Terrestrik (DVB-T) und die anderen digitale Empfangstechniken stärker verbreitet sein werden. Bisher können erst 48 Prozent der deutschen TV-Haushalte diese Digitalangebote nutzen (Stand: Mai 2011). Da in den digitalisierten Haushalten wiederum eine umso größere Vielzahl von gegeneinander konkurrierenden Sendern zu empfangen ist, kommen die drei ARD-Spartenprogramme bisher über eine marginale Wahrnehmung (unterer 0,x-Bereich) nicht hinaus.

Radio:
Die neun ARD-Landesrundfunkanstalten betreiben über 50 Hörfunkprogramme. Die Radiowellen aller ARD-Anstalten sind heute über die „Zielgruppe“ und die „Musikfarbe“ definiert (Jugendwelle, Kulturradio, Mainstream-Programm, Wortradio, Nachrichtensender). Eine Besonderheit in diesem Spektrum bildeten längere Zeit zwei sogenannte Integrationsprogramme: Radio Multikulti (RBB) und Funkhaus Europa (WDR mit Radio Bremen), zwei Angebote, mit denen die Sender dem gesellschaftlichen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in besonderer Weise nachkommen wollen. Zum Jahresende 2008 kam jedoch – trotz zahlreicher Proteste gegen diese Maßnahme – das Aus für Radio Multikulti: Der RBB sah sich auch wirtschaftlichen Gründen gezwungen, das Programm einzustellen. Der WDR, größte Anstalt der ARD, verfügt allein über sechs UKW-Radiowellen, wobei beim erfolgreichen Jugendprogramm Eins Live erstmals jeder Hinweis auf den Muttersender vermieden wurde. Das WDR-Image wurde für junge Zielgruppen als ungünstig angesehen. Statt Radio Multikulti, das 1994 gegründet worden war, ist im Berliner Sendegebiet des RBB als Ersatz nun auch das WDR-Programm Funkhaus Europa zu hören. Alle ARD-Sender bieten einen Teil ihrer Hörfunkprogramme inzwischen auch über Internet an. Teilweise gibt es auch erste speziell für das Internet geschaffene Hörfunkangebote (etwa 1Live diggi vom WDR). Des Weiteren ist ein Teil der ARD-Radiowellen über die neue Digitaltechnik DAB plus zu empfangen.

Im Jahr 2009 gab es während des Sommers im Hörfunkbereich erstmals das „ARD-Radiofestival“. Unter diesem Label strahlen die Kulturwellen der ARD seither jedes Jahr von Mitte Juli bis Mitte September acht Wochen lang täglich von 20.05 bis 0.00 Uhr ein gemeinsames Musik- und Wortprogramm aus. Diese Zentralisierung wurde als programmverflachende Sparmaßnahme kritisiert. So hieß es seitens des Verlags der Autoren und des Deutschen Kulturrats 2009, der neue Schwerpunkt „ARD-Radiofestival“ führe zu einer Vereinheitlichung der Programme. Denn es entfielen deswegen Hunderte Stunden Wortprogramm bei den einzelnen Kulturwellen. Der Verband der Hörspielregisseure (VdHR) schloss sich dieser Kritik an und beklagte einen „radikalen Einschnitt in die Vielfalt des Kulturprogrammangebots der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten“. Der VdHR sprach von einem „Systembruch“ mit entsprechenden Auswirkungen für die Zukunft wie Programmkürzungen, Verlust an Kreativität, an Vielfalt und Qualität. Dass die ARD ihre Kulturradiowellen im Sommer zusammenschaltet, steht bis heute öffentlich in der Kritik.


Dossier

Medienpolitik

Die neuen technischen und inhaltlichen Entwicklungen der digitalen Medien sind eine Herausforderung für Medienmacher, Publikum und Politik. Journalisten müssen beispielsweise immer mehr Informationskanäle beobachten und große Mengen an Daten auswerten. Für die Bürger können die Veränderungen in der Medienlandschaft zu einer stärkeren (politischen) Beteiligung führen und Medien werden genutzt, um für politische Belange Aufmerksamkeit zu erzeugen. Neue Entwicklungen wie soziale Medien oder das Internet der Dinge werden bezüglich des Daten- und Verbraucherschutzes kontrovers diskutiert. Das Dossier möchte Grundlagen zum Rundfunk- und Medienrecht vermitteln, die neuen Herausforderungen und Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen und eine kritische Auseinandersetzung mit der sich ständig wandelnden Welt der Medien und der sie regulierenden Medienpolitik fördern.

Mehr lesen

Dossier

Deutsche Fernsehgeschichte in Ost und West

Hier der "Tatort", dort der "Polizeiruf", hier die "Tagesschau, dort die "Aktuelle Kamera": Diese Sendungstitel stehen für TV-Ikonen in Ost und West. Welche Brüche und Gemeinsamkeiten zeichnet die Fernsehgeschichte im geteilten Deutschland aus? Was hat sich seit der Wende verändert?

Mehr lesen