LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

2. ARD

Umsatz 2011: € 6,221 Mrd.

Aktuelle Entwicklung

Als die ARD Mitte Juni 2007 ihre Digitalstrategie publizierte, stießen ihre Pläne, die Aktivitäten im Online-Bereich und bei den digitalen Angeboten deutlich auszubauen, auf heftige Proteste der privaten Konkurrenz. Der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) und besonders die Zeitungs- und Zeitschriftenverleger attackieren die ARD (und zum Teil auch das ZDF) seither regelmäßig. Der Streit dauert weiterhin an und ging bis vors Gericht. Es geht dabei um die Frage, in wieweit der öffentlich-rechtlich Rundfunk im Rahmen seines Grundversorgungsauftrags seine Angebote auch auf das neue Verbreitungsmedium Internet ausdehnen darf. Die Printverlage und die kommerziellen Sender wollen das Webterrain möglichst umfassend für sich als Geschäftsfeld beanspruchen. Deshalb fordern sie von der Politik, den durch das „Gebührenprivileg“ finanzierten Sendern enge gesetzliche Grenzen für deren Online-Engagement zu setzen.

Grundsätzlich sind die öffentlich-rechtlichen Sender durch ein eigentlich die Rundfunkgebührenfestsetzung betreffendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom 11. September 2007 gestärkt worden: Die Richter sprachen der ARD – wie auch dem ZDF und dem Deutschlandradio – das Recht zu, dass sie an der technischen Entwicklung im Rahmen ihres Programmauftrags teilhaben dürfen. Das heißt, sie dürfen in diesem Zusammenhang nicht vom Internet ausgeschlossen werden. Die private Konkurrenz warnte daraufhin vor einer marktgefährdenden Expansion der Öffentlich-Rechtlichen. Die ARD wies demgegenüber darauf hin, dass sie im Online-Bereich keine neuen Angebote schaffen, sondern nur bestehende ausbauen und für den neuen Übertragungsweg zugänglich machen wolle. Es entwickelte sich in der Folgenzeit eine heftige Kontroverse darüber, was den öffentlich-rechtlichen Sendern künftig konkret im Internet erlaubt sein sollte. Die Verlage agierten dabei mit dem Kampfbegriff „elektronische Presse“, die unrechtmäßig zu veranstalten sie den gebührenfinanzierten Sendern vorwarfen.

Nach langwierigen Beratungen unterzeichneten die Ministerpräsidenten der Bundesländer Ende 2008 eine Rundfunknovelle: Mit dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag wurden auf Basis des sogenannten Beihilfekompromisses zwischen Deutschland und der Europäischen Kommission die neuen Regelungen für das Internet- bzw. digitale Engagement von ARD, ZDF und Deutschlandradio eingeführt. Die Novelle trat am 1. Juni 2009 in Kraft. Der Staatsvertrag schuf für die Sendeanstalten im Online-Bereich (Telemedien) zahlreichen Beschränkungen. Dadurch sollen die Verlage vor übermäßiger Konkurrenz geschützt werden. So dürfen die öffentlich-rechtlichen Anbieter im Internet zum Beispiel ihre Fernseh- und Hörfunksendungen generell nur bis zu einer Dauer von sieben Tagen nach deren Ausstrahlung zugänglich machen (wobei es einige Ausnahmeregelungen gibt). Nach der Sieben-Tage-Frist müssen sie ihre Inhalte wieder aus dem Netz entfernen. Dies schuf für den öffentlich-rechtlichen Rundfunkbereich das völlig neue Arbeitsfeld des Depublizierens – also gleichsam eine „journalistische“ Zwangspraxis, die man eigentlich eher in autokratischen Staaten verorten würde. Eine weitere eingrenzende Vorschrift für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten: Sie dürfen im Internet nur sendungsbezogene Angebote betreiben, nicht-sendungsbezogene Beiträge sind für sie verboten.

Zudem schrieb der neue Rundfunkstaatsvertrag als zentrales Element sogenannte Drei-Stufen-Tests vor. Mit diesen aufwändigen Prüfverfahren mussten bis Ende August 2010 alle bereits bestehenden Online-Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender geprüft werden. Die ARD hatte anschließend rund 35 Drei-Stufen-Tests zu absolvieren. Dies geschah unter der Verantwortung der Rundfunkräte der Landesrundfunkanstalten, wobei die Gremien in großem Umfang kostenpflichtige Prüfauftrage an externe Gutachter vergaben. Bis auf ein Verfahren beim NDR, das etwas später beendet wurde, wurden alle Verfahren bis Juli 2010 abgeschlossen. Ein Ergebnis war zwar, dass die ARD nach eigenen Angaben über 100.000 einzelne Dokumente aus dem Internet löschen musste. Doch am Ende wurden im Grundsatz sämtliche bestehenden Online-Angebote der ARD relativ problemlos genehmigt. Das wurde von Kritikern zwar als bescheidenes Ergebnis eines fast megaloman anmutenden bürokratischen Verfahrens bezeichnet, seither aber stehen die Telemedien-Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Sender auf rechtlich gesichertem Boden.

Im Folgenden verlagerte sich der Angriffspunkt der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger auf die spezielle Frage, ob die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Internet-Angebote auch über sogenannte Apps (Applikationen) auf mobilen Endgeräten mit Webfunktion (Smartphones, Tablet-Computer) verbreiten dürfen. Auch darin sieht die Printbranche – die hier von einigen verlagsaffinen Politikern unterstützt wird – erneut eine Wettbewerbsverzerrung, da kostenlose ARD-Apps das Bemühen der Zeitungen und Zeitschriften torpedierten, mit ihren Anwendungen Geld zu verdienen. Die ARD verwies darauf, dass die Nutzer die neuen öffentlich-rechtlichen Angebote bereits über ihre Rundfunkgebühren mitfinanziert hätten und deshalb keine Extrakosten dafür verlangt werden könnten. Am 21. Dezember 2010 startete die ARD ihre „Tagesschau“-App für Smartphones und Tablet-PCs. Sie bietet einen einfacheren Zugang auf die Inhalte des Portals tagesschau.de an. Über die App sind dabei nur Inhalte erhältlich, die ohnehin schon im Angebot von „tagesschau.de“ enthalten sind, darunter die „Tagesschau in 100 Sekunden“.

Der Protest der Verleger an der „Tagesschau“-App hatte sich entzündet, nachdem der in diesem Fall federführende NDR Ende Dezember 2009 offiziell ankündigte, diesen neuen ARD-Service einzurichten. Zuvor gab es bereits seit längerer Zeit Apps für die kompletten Hörfunkangebote beispielsweise von WDR, NDR, SWR und BR. Als diese gestartet worden waren, hatte es von keiner Seite auch nur den geringsten Protest gegeben. Am 14. Januar 2011 startete der WDR eine kostenlose „Sportschau“-App für Smartphones. Diese Applikation biete all das, was schon bisher unter sportschau.de abrufbar sei, betonte WDR-Intendantin Monika Piel, zusätzliche Inhalte gebe es nicht. Der WDR hat innerhalb der ARD die redaktionelle und produktionstechnische Verantwortung für die „Sportschau“.

Die Verlage verschärften ihren Kampf gegen die Internet-Strategie der ARD, indem sie dagegen auch juristisch vorgehen: Am 21. Juni 2011 haben acht Zeitungshäuser bei der Wettbewerbskammer des Landgerichts Köln eine gemeinsame Wettbewerbsklage gegen die „Tagesschau“-App eingereicht. Mit der Klage wende man sich, wie der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) am selben Tag mittelte, „gegen die textdominante Berichterstattung in der ‘Tagesschau‘-App ohne jeglichen Sendungsbezug“. Hörfunk- und fernsehähnliche Inhalte, die über die App abrufbar seien, würden nicht angegriffen, so der Verband. „Die Ministerpräsidenten schauen untätig zu, wie mit Gebührengeldern umfänglich Pressetexte geschrieben und digital verbreitet werden. Es bedarf in Deutschland aber keiner staatsfinanzierten Presse“, erklärte BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff. Der BDZV unterstützt den juristischen Vorstoß der Zeitungshäuser. Bei den acht klagenden Verlagen handelt es sich um die Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, die Axel Springer AG (Berlin), die Süddeutsche Zeitung GmbH (München), die Rheinische Post Verlagsgesellschaft (Düsseldorf), die WAZ-Mediengruppe (Essen), Lensing Medien (Dortmund), M. DuMont Schauberg (Köln) und die Medienholding Nord (Flensburg). Deren Klage richtet sich gegen die ARD und den NDR, der die Gemeinschaftseinrichtung ARD-aktuell betreibt, die für die „Tagesschau“-App zuständig ist.

Am 13. Oktober 2011 kam es vor der 31. Kammer des Landgerichts Köln zu einer ersten mündlichen Verhandlung in Sachen „Tagesschau“-App (Az.: 31 O 360/11). Vorläufiges Ergebnis war, dass das Gericht die Parteien zu außergerichtlichen Gesprächen aufforderte. Dabei solle erörtert werden, „ob und gegebenenfalls wie der Auftritt in der "Tagesschau"-App etwas anders gestaltet werden könnte“, um so möglicherweise zu einer außergerichtlichen Einigung zu kommen. In der Verhandlung in Köln stellte das Gericht nicht in Frage, dass auch in der „Tagesschau“-App Texte enthalten sein dürfen. Die Kammer sah sich dabei allerdings nicht in der Lage, die konkreten Klagepunkte zu verhandeln, und forderte die Verlage auf, ihren Klageantrag zunächst einmal zu überarbeiten und zu präzisieren. Letztlich hielt das Gericht die Klage in der vorliegenden Form nicht für entscheidungsreif. Die außergerichtlichen Gespräche der beiden Parteien führten in den folgenden Monaten jedoch zu keinem Konsens, so dass es am 19. Juli 2012 vor dem Kölner Landgericht zu einer zweiten Verhandlung kam. Doch auch hier kam es zu keiner juristischen Entscheidung. Ein Urteil werde die Problematik nicht lösen, sagte der Vorsitzende Richter der zuständigen Wettbewerbskammer des Gerichts, Dieter Kehl, in der zweiten Verhandlung. Man könne lediglich eine „Momentaufnahme“ liefern. Dem Gericht sei es nicht möglich, so Kehl weiter, Vorgaben zum Anteil des Textes oder der sendungsbezogenen Beiträge zu machen. Für die Beurteilung der Streitfrage komme es auf den Gesamteindruck an. Es sei bedauerlich, dass sich die streitenden Parteien bisher nicht hätten einigen können. Bis Ende August müssen die Parteien nun dem Gericht mitteilen, ob eine außergerichtliche Verständigung erzielt wurde. Sollte bis dahin keine Einigung gelingen, dann will das Kölner Landgericht am 27. September 2012 ein Urteil zu der Klage der Verleger fällen.


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Auf ihrer Tagung am 29. und 30. November 2010 in Berlin entschieden die ARD-Intendanten und ARD-Programmdirektor Volker Herres, das Abendprogramm des Ersten einschneidend zu reformieren. Dazu zählt eine Erweiterung und teilweise Neuplatzierung des Angebots an Talkshows. Dieses Programmgenre erfüllt nach ARD-Verständnis auch eine gesellschaftspolitische Funktion. Seit dem 11. September 2011, als Günther Jauch mit seiner nach ihm benannten neuen Talkshow startete, gibt es nun im Ersten von sonntags bis donnerstags an jedem Abend eine Gesprächssendung: am Sonntag „Günther Jauch“, am Montag „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg, am Dienstag „Menschen bei Maischberger“, am Mittwoch „Anne Will“ und am Donnerstag „Beckmann“. Die Intendanten und Programmdirektor Herres beschlossen außerdem, dass der 45-minütige Dokumentationssendeplatz am Montag um 21.00 Uhr verlegt wird auf 22.45 Uhr. Zugleich wurde festgelegt, den Sendeplatz für Dokumentationen, Reportagen und Features am Mittwochabend um 23.30 Uhr zu streichen. Diese Änderungen ermöglichten es dann auch, das seit Jahren von der ARD-Programmdirektion angestrebte Ziel umzusetzen, dass die „Tagesthemen“ von montags bis donnerstags nun zum einheitlichen Termin um 22.15 Uhr beginnen (beim alten Programmschema war dies mittwochs nicht möglich).

Die Talkshow Günther Jauchs wird von dessen Produktionsfirma i & u hergestellt. Gesendet wird sie von 21.45 bis 22.45 Uhr live aus einem zum Fernsehstudio umgebauten alten Gasometer in Berlin-Schöneberg. Jauch und die ARD haben einen Drei-Jahres-Vertrag abgeschlossen. Redaktionell verankert ist diese Talkshow beim NDR. Presseberichten zufolge zahlt die ARD pro TV-Saison insgesamt rund 10,5 Millionen Euro für die Produktion der Sendung. Geplant sind in jeder Saison 39 Ausgaben und ein Best-of.

Die große Reform für das Erste Programm trat im Sommer 2011 in mehreren Schritten in Kraft. Seit dem 3. August werden die „Tagesthemen“ auch am Mittwoch um 22.15 Uhr ausgestrahlt. Am 31. August lief die Talkshow „Anne Will“, die zugleich um 15 Minuten verlängert wurde, erstmals auf dem neuen Termin am Mittwochabend, an dem es dafür keine Dokumentationen mehr gibt. Seit dem 1. September wird „Beckmann“ donnerstags- statt montagabends ausgestrahlt. „Hart aber fair“ hat seinen neuen Sendeplatz am Montag von 21.00 bis 22.15 Uhr am 5. September eingenommen. Seit demselben Datum gibt es die 45-minütigen Montagsdokumentation erst um 22.45 Uhr statt wie zuvor um 21.00 Uhr. Am 11. September schließlich ging dann Günther Jauch mit seinem Talk am Sonntagabend in der ARD auf Sendung.

Der nun umgesetzte Plan der ARD-Führung, die Programmplätze für Dokumentationen und Reportage im Ersten zu reduzieren, war schon im Vorfeld auf Protest und Empörung gestoßen. Kritik kam u.a. von Kultur- und Medienstaatsminister Bernd Neumann (CDU), von der Bundestagsfraktion der Grünen, von der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok), vom Deutschen Kulturrat, vom Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) und vom früheren WDR-Intendanten Fritz Pleitgen. Auch in der Presse wurde der ARD vorgeworfen, sie vernachlässige mit ihrem Vorgehen ihren Informationsauftrag. Das alles konnte die ARD-Entscheidungsträger nicht mehr von ihrem Beschluss abbringen. SWR-Intendant Peter Boudgoust, zu diesem Zeitpunkt auch ARD-Vorsitzender, erklärte, auch die genannten ARD-Talkshows leisteten „in exemplarischer Weise Informationsvermittlung und Meinungsbildung“ und würden somit „genau unseren Programmauftrag“ erfüllen. Volker Herres sagte vage, es solle künftig nicht weniger Dokumentationen und Reportagen im Ersten geben, blieb dafür aber den statistisch-quantitativen Beweis bisher schuldig.

In der Presse schwankten die Reaktionen auf die überproportionale Fixierung der ARD auf Talkshows zwischen Unverständnis, Amüsement und Spott (faz.net veröffentlichte eine Programmschema-Persiflage, die jede Sendung des Ersten zum Talk umdefinierte). Volker Herres verteidigte die Programmschema-Änderungen mit dem Hinweis darauf, dass die ARD gerade mit ihren Talkshows erfolgreich Publikumswünsche bediene. Dies sei an den guten Quoten der Gesprächsformate ablesbar. Auf einer Pressekonferenz des Senderverbundes am 15. September 2010 in Bonn hatte sich Herres programmphilosophisch bereits mit folgender Devise in die ARD-Geschichte eingebrannt: „Talk ist geil im Fernsehen, die Zuschauer mögen das.“

Volker Herres und der ARD gelang, nach der Verpflichtung von Günther Jauch, noch ein zweiter Coup, wie es schien: Entertainer Thomas Gottschalk wechselte im Januar 2012 zur ARD und verließ damit nach 30 Jahren das ZDF, bei dem er die Moderation von „Wetten, dass ..?“ und damit der erfolgreichsten Unterhaltungsshow des deutschen Fernsehens abgab. Gottschalk kehrte durch diesen Schritt zu dem Senderverbund zurück, bei dem er einst seine Karriere gestartet hatte. Als Radiomoderator war er in den 1970er Jahren für den Bayerischen Rundfunk im Einsatz. Die Verpflichtung von Gottschalk, 61, gab die ARD am 15. Juli 2011 bekannt. Am 23. Januar 2012 startete dann im Ersten die neue Vorabendshow „Gottschalk Live“. Ausgestrahlt wurde sie von montags bis donnerstags jeweils von 19.20 bis 19.50 Uhr. Die Show wurde von Grundy Light Entertainment produziert, die redaktionelle Federführung lag beim WDR.

Entgegen allen Erwartungen war der von der ARD eingekaufte Star Thomas Gottschalk kein Garant für Erfolg. Seine neue Show im Ersten erzielte im Werberahmenprogramm weit unterdurchschnittliche Marktanteile und scheitere kläglich. Allgemein wurde der Sendung, im Kern bestehend aus Talkereien des Gastgebers mit Prominenten, ein durch und durch unausgegorenes Konzept bescheinigt. Auch zwischenzeitliche Änderungen halfen nichts mehr, die Marktanteile sanken bis auf 2,8 Prozent ab (510.000 Zuschauer), 25-mal bisher blieb die Show letztlich unter 1 Mio. Zuschauer (jeweils Gesamtpublikum). Am 18. April 2012, dem Tag der 47. Sendung, gab die ARD schließlich bekannt, dass „Gottschalk Live“ wegen der zu geringen Publikumsresonanz zur Sommerpause vorzeitig wieder eingestellt werde. Am 6. Juni lief nach weniger als einem halben Jahr die 70. und letzte Ausgabe. Geplant waren ursprünglich 140 Sendungen pro Jahr. Die ARD-Vorsitzende Monika Piel sagte am 18. April zur möglichen Zukunft von Thomas Gottschalk im Ersten: „Wir werden nun in aller Ruhe gemeinsam über eine Zusammenarbeit in anderer Form nachdenken.“ Im Juni wurde bekannt, dass Gottschalk in der nächsten Staffel der RTL-Show „Das Supertalent“ zusammen mit Dieter Bohlen und Michelle Hunziker in der Jury sitzen wird. Gottschalk ersetzt in der Jury Motsi Mabuse.

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Beim von ARD und ZDF betriebenen Kinderkanal (KIKA) wurde Anfang Dezember 2010 ein Betrugsskandal publik. Konkret betroffen davon ist der MDR, der für den in Erfurt ansässigen Kindersender federführend zuständig ist. Die Schadenssumme beläuft sich auf insgesamt 8,2 Mio. Euro. Es ist der finanziell größte Betrugsskandal in der über 60-jährigen ARD-Geschichte. Haupttäter in dem Fall ist KIKA-Herstellungsleiter Marco. K., der am 7. Dezember festgenommen worden war und seither in Haft sitzt. Der inzwischen 44-Jährige, der nach Bekanntwerden seiner Vergehen vom MDR entlassen wurde, hat im Zeitraum von 2002 bis 2010 (so das am 18. März 2011 vorgelegte Ergebnis von Überprüfungen des MDR und des ZDF) Scheingeschäfte mit mehreren Firmen abgewickelt, von denen er und die Unternehmen profitierten. Möglich war dies, weil Marco K. ungewöhnlich hohe eigenständige Zeichnungsrechte hatte. Als Motiv für K.s illegale Aktivitäten gilt insbesondere dessen Glücksspielleidenschaft, für die er die hinterzogenen Gelder hauptsächlich brauchte.

Am 5. Juli 2011 wurde Marco K., der zu Beginn der viertägigen Verhandlung ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte, vom Landgericht Erfurt wegen Bestechlichkeit und Untreue zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren und drei Monaten verurteilt. Vor Gericht ging es um die Scheingeschäfte von Marco K. im Zeitraum von November 2005 bis September 2010 (frühere Fälle waren verjährt). In dieser Zeit hatte der KIKA-Herstellungsleiter eine Gesamtsumme in Höhe von 4,6 Mio Euro hinterzogen, von der er mehr als die Hälfte für sich selbst abzweigte. K.s Partner war bei diesen Scheingeschäften die in Berlin ansässige Technikfirma Koppfilm, die inzwischen insolvent ist. Marco K. und seine Anwälte legten am 11. Juli gegen das Urteil des Landgerichts Erfurt Revision ein. Somit wird sich mit dem Fall demnächst der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe beschäftigen müssen. Dabei dürfte es primär um die Höhe der Haftstrafe gehen. Im Prozess vor dem Landgericht Erfurt, dessen Urteil bisher noch nicht rechtskräftig ist, hatten die Anwälte von Marco K. für eine Freiheitsstrafe von maximal dreieinhalb Jahren plädiert. Sie hatten darauf verwiesen, dass der für den KIKA zuständige MDR eine deutliche Mitschuld an den Taten ihres Mandanten trage, weil es faktisch kein internes Kontrollsystem gegeben habe.

Aufgrund des Betrugsskandals hat MDR-Verwaltungsdirektor Holger Tanhäuser am 18. März 2011 sein Amt zur Verfügung gestellt. Er wolle einem personellen Neuanfang nicht im Wege stehen. MDR-Fernsehdirektor Wolfgang Vietze erhielt eine Ermahnung. Der aktuelle KIKA-Programmgeschäftsführer Steffen Kottkamp wurde „wegen mangelnder Ausübung seiner Kontrollfunktion“ abgemahnt. Eine fest angestellte Mitarbeiterin aus der KIKA-Herstellungsleitung wurde suspendiert und soll möglicherweise noch entlassen werden. Im Zuge der Aufarbeitung der Betrugsaffäre hat der MDR eigene Versäumnisse eingeräumt und in der Folge mehrere Verbesserungsmaßnahmen für die Zukunft vorgeschlagen.

Im selben Monat, in dem Marco K. vom Landgericht Erfurt zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, wurde beim MDR eine neue Affäre publik. Dabei geht es um Udo Foht, den Unterhaltungschef des Senders. Foht hat über Jahre Geldzahlungen und Kredite von Produktionsfirmen und Musikmanagern eingetrieben, die er offenbar wiederum in andere MDR-Produktionen investierte. „Dieses Geld wurde teilweise von Dritten, teilweise mit großer Verspätung, teilweise gar nicht zurückgezahlt“, gab Intendant Udo Reiter am 17. August 2011 dazu bekannt. Dabei geht es bislang um mehrere fünf- und einige sechsstellige Summen. Dem Sender sei, so Reiter weiter, anders als beim KIKA-Skandal „nach bisherigem Erkenntnisstand durch die Geschäfte von Herrn Foht kein Schaden entstanden“. Am 27. Juli 2001 war Udo Foht bereits vom Dienst suspendiert worden, nachdem bekannt geworden war, dass er eine Produktionsfirma auf Briefpapier des MDR aufgefordert hatte, einen fünfstelligen Betrag an die Firma „Just for fun“ zu überweisen. Der Sender erstattete schließlich Strafanzeige gegen Foht.

Am 31. August 2011 gab der MDR bekannt, dass Intendant Reiter ein Verfahren zur fristlosen Kündigung des suspendierten Unterhaltungschefs eingeleitet habe. Die Verfahrensweise Fohts, Produktionen für den MDR im Zusammenspiel mit Auftragsproduzenten und Privatpersonen finanzieren zu lassen, entspreche nicht den internen Abläufen des MDR und bedeute einen groben Verstoß gegen Dienstanweisungen, hieß es zur Begründung. Die Ermittlungen im Fall Foht gehen weiter. Die zuständige Staatsanwaltschaft Leipzig wollte sich zum Stand der Ermittlungen nicht äußern. Im MDR untersucht zudem eine interne Kommission die Vorgänge.

MDR-Intendant Udo Reiter, 67, hatte im Mai 2011 angekündigt, er werde sein Amt im Lauf dieses Jahres abgeben. In mehreren Interviews erklärte er, sein Rückzug hänge nicht mit der Betrugsaffäre beim KIKA zusammen, sondern habe gesundheitliche Ursachen. Reiter steht seit Gründung des MDR Mitte 1991 ununterbrochen an dessen Spitze. Der MDR, die Drei-Länder-Anstalt der ARD für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, wurde in diesem Jahr 20 Jahre alt. Die offizielle Feier zu dem Jubiläum wurde bereits wegen der KIKA-Affäre abgesagt. Durch die erneute Affäre mit dem Fall Foht ist Reiters Amtsführung beim MDR noch einmal verstärkt in die öffentliche Kritik geraten.

Am 26. Oktober 2011 scheiterte beim MDR der Versuch, einen neuen Intendanten zu wählen: Der Kandidat Bernd Hilder, Chefredakteur der „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ), verfehlte bei der Abstimmung des Rundfunkrat die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit deutlich. Der 52-Jährige erhielt bei dem Wahlgang lediglich 12 von 41 Stimmen. 29 Mitglieder des Rundfunkrats votierten gegen Hilder. Die Ablehnung des Kandidaten durch den Rundfunkrat wurde dabei auch als Protest gegen die Einmischung der sächsischen CDU-Staatskanzlei bei der Intendantenwahl gewertet.

Bernd Hilder galt als Wunschkandidat des Dresdner Staatskanzleichefs Johannes Beermann (CDU). In dessen Sinne hatte am 5. September 2011 der MDR-Verwaltungsrat, der das Nominierungsrecht hat, den LVZ-Chefredakteur als Kandidaten für das Intendantenamt benannt. In dem siebenköpfigen Gremium, in dem die CDU dominiert, erhielt Hilder aber erst im vierten Wahlgang die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit von fünf Stimmen. Bei den vorherigen Wahlgängen hatte die auch MDR-intern als Reiter-Nachfolgerin favorisierte Justitiarin und stellvertretende Intendantin des Senders, Karola Wille, die meisten Stimmen erhalten, doch mit vier Stimmen verpasste sie die erforderliche Mehrheit jeweils knapp. Nach zahlreichen Telefonaten verschiedener Verwaltungsräte mit Dritten in den Sitzungspausen lag dann am Ende schließlich Hilder vorn.

Der MDR-Verwaltungsrat kam dann am 9. Oktober 2011 erneut zusammen und nominierte nun einstimmig Karola Wille zur Kandidatin für das Intendantenamt. Wille wurde anschließend auf der Sitzung des Rundfunkrats am 23. Oktober in Friedrichroda von dem Gremium zur neuen MDR-Intendantin gewählt. Für sie stimmten 32 der 39 anwesenden Rundfunkratsmitglieder. Damit wurde die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit klar überboten, für die mindestens 26 Stimmen erforderlich waren. Sieben Gremiumsmitglieder votierten gegen Wille. Der Rundfunkrat hat insgesamt 43 Mitglieder. Am 1. November 2011 trat Karola Wille, 52, ihr Amt als neue MDR-Intendantin an. Ihr Vorgänger Udo Reiter, 67, ging am 31. Oktober nach 20-jähriger Amtszeit in den Ruhestand. Wille ist nach Dagmar Reim (RBB) und Monika Piel (WDR) die dritte Frau, die bei einer Landesrundfunkanstalt der ARD die Führungsposition innehat. Mit Karola Wille, geboren am 22. März 1959 in Chemnitz (damals: Karl-Marx-Stadt), wurde zudem erstmals eine Person mit ostdeutscher Biografie Intendantin einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in der Bundesrepublik.


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