LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

3. ProSiebenSat.1

Umsatz 2011: € 2,756 Mrd.

Management

Als durch Fusionen entstandene Sendergruppe hat ProSiebenSat.1 immer darum gerungen, das Marktpotenzial seiner einzelnen Sender zu nutzen und auf digitalen Märkten einzusetzen: Die Programminhalte der beiden großen Kanäle Sat.1 und ProSieben waren aufeinander abzustimmen, Kostenreduktionen bestimmten die Unternehmensstrategie, wobei die Gruppe durch die Etablierung kostengünstiger, seriell hergestellter Formate ("Verliebt in Berlin", "Richterin Barbara Salesch", "Lenßen&Partner", "Schillerstraße") zeitweise den Publikumsgeschmack treffen und den Marktführer RTL als Innovationsmotor ablösen konnte.

Nach dem Ausscheiden des schillernden Saban wird das Unternehmen offiziell von den neuen Gesellschaftern, der Permira Beteiligungsberatung GmbH und Kohlberg Kravis Roberts & Co (KKR) kontrolliert. KKR zählt zu den weltweit größten und erfahrensten Finanzinvestoren. Seit 1976 übernimmt die in den USA gegründete Beteiligungsgesellschaft angeschlagene Konzerne und trimmt diese auf Rendite. Nach eigenen Angaben hat KKR mehr als 165 Transaktionen mit einem Gesamtvolumen in Höhe von über 420 Mrd. US-Dollar getätigt (Stand 2009). Dagegen wirkt die Unternehmensvita 1985 gegründeten Partners Permira (lat.: "sehr überraschend") bescheiden, auch wenn das Unternehmen inzwischen auf über 190 Investments zurückblickt. Beide Unternehmen verfügten und verfügen über Mehrheitsbeteiligungen in den Bereichen Medien und Telekommunikation. KKR gehörten oder gehören zum Beispiel "PagesJaunes" (Frankreich), "SevenMediaGroup" (Australien) und "Primedia" (USA). In Deutschland engagierte sich Permira als Mehrheitseigner des Telekomunternehmens "debitel" und war Eigentümer des Bezahlsenders "Premiere" (heute: "Sky") bis zu dessen Börsengang.

Auch wenn ein Gutachten des Bredow-Instituts bereits 2008 zum Ergebnis kam, dass Finanzinvestoren aus rundfunkrechtlicher Sicht nicht zu beanstanden seien, bleibt die Frage nach den langfristigen Auswirkungen ihres Engagements im sensiblen Medienbereich auf der Agenda.

Bereits vor ihrem ProSiebenSat.1-Deal besaßen Permira und KKR gemeinsam die paneuropäische Sendergruppe SBS. Erwartungsgemäß fusionierten die Eigentümer ihre beiden Sendergruppen am 3. Juli 2007. Als Nummer zwei in Europa hinter der RTL Gruppe erreichte die "neue" ProSiebenSat.1 nach eigenen Angaben über 78 Millionen Haushalte in 14 Ländern. Ihren Sitz hat sie weiterhin bei München. Unter Permira/ KKR wurde sie zunächst weiterhin operativ von Guillaume de Posch geführt, den bereits Vorbesitzer Saban von der französischen TF1-Groupe abgeworben hatte. Der Belgier hatte Sabans Vorgabe, den Konzern für den Verkauf aufzupolieren, meisterhaft bewältigt und richtete sein Handeln auch auf die Renditeziele der neuen Herren aus. Schon wegen des hohen SBS-Kaufpreises von rund 3,3 Mrd. Euro, der ProSiebenSat.1 in Form von Schulden auferlegt wurde, setzte de Posch seinen harten Sparkurs fort. Trotz gegenteiliger Versicherungen wurden 100e Mitarbeiter entlassen. Als Sat.1 die Boulevardformate "Sat 1 am Mittag" und "Sat 1 am Abend" einstellte und an Nachrichtensendungen sparte, woraufhin Anchorman Thomas Kausch den Sender verließ, beklagte die "FAZ" "Heuschreckenlogik" ("Die Eigentümer des Privatsenderkonzerns ProSiebenSat.1 haben in dieser Woche ein Kapitel der deutschen Rundfunkgeschichte beendet. Sie haben es begraben ...").

Im Geschäftsjahr 2007, in dem die Nettofinanzverschuldung des Unternehmens von 122 Mio. € auf 3.328,4 Mio € stieg, führte vor allem das Bußgeld von 120 Millionen Euro, das das Bundeskartellamt gegen den konzerneigenen Werbezeitenvermarkter SevenOneMedia verhängt hatte, zum faktischen Gewinneinbruch. 2008 verschärfte sich die Krise. Zwar stieg der Konzernumsatz auf rund 3 Mrd. Euro, doch war das Jahresergebnis mit -129,1 Mio. Euro negativ. Beides hängt mit der erstmaligen ganzjährigen Konsolidierung der SBS-Gruppe zusammen - mit der sich die ursprünglich erhofften Synergien auf dem national zersplitterten europäischen Fernsehmarkt weiterhin kaum realisieren lassen. Dass trotz der schlechten Lage 98,9 Prozent des bereinigten Konzernjahresüberschuss als Dividende ausgeschüttet wurden, während andererseits zusätzliche 70 Millionen Euro im Budget fürs laufende Jahr eingespart werden sollten, löste bei Kleinaktionären und Presse heftige Kritik aus ("Süddeutsche Zeitung": "Ein Schlachtfest"). Auch die Eigentümer hinterfragten daraufhin ihre Geschäftspolitik öffentlich (Permira-Chairman Thomas Krenz 2008 zum "Spiegel": "Als die Entscheidung gefallen ist, hatten wir keine drohende Weltrezession und berechtigte Hoffnungen wegen des neuen Verkaufsmodells. Deshalb ist es aus heutiger Sicht richtig, zu fragen, ob man das nicht anders hätte machen sollen"). Nachdem Finanzkrise und sinkende Werbeeinnahmen die Lage weiter verschlechtert hatten und der Schuldenstand 2008 3,85 Milliarden Euro erreichte, verzichteten die Gesellschafter für die Geschäftsjahre 2008 und 2009 ganz auf Dividenden (auf Stammaktien, von denen KKR und Permira die meisten halten, wurde keine Dividende gezahlt, je Vorzugsaktie lediglich die Mindestdividende von 0,02 Euro pro Aktie). Seither hat sich die finanzielle Lage gebessert, auch wenn der Schuldenstand mit weiterhin über drei Mrd. Euro gewaltig bleibt.

Die Nachfolgersuche für de Posch, der im Juni 2008 seinen Abschied ankündigte , brachte erst im Dezember ein Ergebnis: Seit März 2009 führt Thomas Ebeling, bisheriger CEO des Pharma-Unternehmens Novartis Consumer Health, den Medienkonzern. Parallel gab es zahlreiche weiteren Umstrukturierungen. So schieden aus dem Vorstand Lothar Lanz (Finanzen, seit Oktober 2000 dabei, inzwischen in gleicher Position bei Axel Springer) und Peter Christmann (Sales & Marketing) aus, dessen Werbezeiten-Verkaufsmodell dem Konzern laut "kressreport" etwa 100 Mio. Euro Verlust beschert hatte. Die beiden wurden ersetzt durch Axel Salzmann sowie Klaus-Peter Schulz, der schon 2009 wieder ausschied. Sein Nachfolger als Sales und Marketing-Vorstand ist Vorstandschef Ebeling selbst.

Auch unterhalb dieser Ebene hatte bereits de Posch neue Management-Ebenen eingeführt: Der bisherige ProSieben-Geschäftsführer Andreas Bartl stieg zum "Managing Director" der "German Free-TV Holding GmbH" auf (und wurde kurz darauf in den Vorstand berufen). In Bartls Verantwortung wiederum koordinieren inzwischen "Content-Manager" die Bereiche Fiction, Infotainment & Magazine und Unterhaltung senderübergreifend. Das sei eine "Anpassung an das erfolgreiche Management-Modell in anderen Ländern der Gruppe wie den Niederlanden, Belgien, Schweden oder Norwegen", erläuterte noch de Posch. Mit der 2009 gegen viele Widerstände durchgesetzten Entscheidung, Sat.1 nach Unterföhring zu verlagern, ging weiterer Management-Umbau einher. So führte ein steiler Aufstieg bei P7S1 den vorherigen Kabel 1-Chef Guido Bolten in die Sat.1-Geschäftsführung - bis er im Januar 2010 den Posten wegen des schwachen Quoten-Erfolgs seiner Maßnahmen aufgab.

Auch wenn der neue Vorstandschef Ebeling 2009 und 2010 wiederholt durch missverständliche oder unglückliche Äußerungen zur künftigen Strategie auffiel - ob es um einen vermeintlichen Einstieg ins Pay-TV ("Handelsblatt") ging oder um die Zukunft der Nachrichtensendungen in den "Vollprogrammen" der Sendergruppe - die für die Gesellschafter allein wichtigen Geschäftszahlen bewegen sich unter seiner Ägide aufwärts.

Seit dem überraschenden Ausscheiden Dan Marks' im Oktober 2010 "aus persönlichen Gründen" ein neuer Chief New Media Officer. Einstweilen ist der P7S1-Vorstand nur dreiköpfig.


Dossier

Medienpolitik

Die neuen technischen und inhaltlichen Entwicklungen der digitalen Medien sind eine Herausforderung für Medienmacher, Publikum und Politik. Journalisten müssen beispielsweise immer mehr Informationskanäle beobachten und große Mengen an Daten auswerten. Für die Bürger können die Veränderungen in der Medienlandschaft zu einer stärkeren (politischen) Beteiligung führen und Medien werden genutzt, um für politische Belange Aufmerksamkeit zu erzeugen. Neue Entwicklungen wie soziale Medien oder das Internet der Dinge werden bezüglich des Daten- und Verbraucherschutzes kontrovers diskutiert. Das Dossier möchte Grundlagen zum Rundfunk- und Medienrecht vermitteln, die neuen Herausforderungen und Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen und eine kritische Auseinandersetzung mit der sich ständig wandelnden Welt der Medien und der sie regulierenden Medienpolitik fördern.

Mehr lesen

Dossier

Deutsche Fernsehgeschichte in Ost und West

Hier der "Tatort", dort der "Polizeiruf", hier die "Tagesschau, dort die "Aktuelle Kamera": Diese Sendungstitel stehen für TV-Ikonen in Ost und West. Welche Brüche und Gemeinsamkeiten zeichnet die Fernsehgeschichte im geteilten Deutschland aus? Was hat sich seit der Wende verändert?

Mehr lesen