LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin
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1.9.2012

3. ProSiebenSat.1

Umsatz 2011: € 2,756 Mrd.

Das Kerngeschäft der ProSiebenSat.1 Media AG ist Free-TV. Daneben ist sie in den Bereichen Produktion, Vermarktung, Vertrieb von Fernsehen, Internet und Transaktionsfernsehen aktiv. Seit 2003 wird die Sendergruppe von internationalen Finanzinvestoren kontrolliert.
Das Logo der ProSiebenSat1-Gruppe steht vor einer Parabol-Antenne auf dem Dach der Zentrale der Mediengruppe in Unterföhring bei München.Der Unternehmenssitz der ProSiebenSat.1 Media AG im bayerischen Unterföhring bei München. (© AP)

Überblick

Das Kerngeschäft der ProSiebenSat.1 Media AG ist Free-TV. Daneben ist sie in den Bereichen Produktion, Vermarktung, Vertrieb von Fernsehen, Internet und Transaktionsfernsehen aktiv. Seit 2003 wird die Sendergruppe (aus der die seit der Gründung von Sat.1 1984 beteiligte Axel Springer AG 2008 ausstieg) von internationalen Finanzinvestoren kontrolliert.

Die Investoren der zweiten Generation, KKR und Permira, verschmolzen ProSiebenSat.1 2007 mit der paneuropäischen SBS Broadcasting Group. Dadurch wurde das Unternehmen mit Hauptsitz bei München zum zweitgrößten Fernsehkonzern Europas, allerdings auch mit hohen Schulden beladen.

Basisdaten

Hauptsitz:
Medienallee 7
85774 Unterföhring
Tel. +49-89-9507-10
Fax +49-89-9507-1122
Internet: www.prosiebensat1.de

Branche: TV-Sender, TV-Produktion, Radio, Internet
Rechtsform: Aktiengesellschaft
Geschäftsjahr: 01.01. - 31.12.
Gründungsjahr: 2000 (Fusion von Sat.1 und ProSieben Media AG)

Geschäftsführung

Geschäftsführung/Vorstand (Schlüsselpositionen):
  • Thomas Ebeling (Jahrgang 1959), Vorstandsvorsitzender, Vorstand für Group Content, International Free-TV, Radio, Print, Merchandising, Corporate, Human Resources sowie Sales & Marketing - seit Dan Marks' Ausscheiden im Oktober 2010 auch kommissarisch Vorstand für German Pay TV, Video on Demand, Participation TV and Business Development
  • Axel Salzmann (Jahrgang 1958), Vorstand für Group Operations, Group Controlling, Finance/Investor Relations, Legal Affairs, Accounting, Tax und Portfolio Management, Regulatory Affairs und Administration
  • Andreas Bartl (Jahrgang 1962), Vorstand für German Free-TV
Aufsichtsrat:
  • Johannes Peter Huth, Vorsitzender, Partner und Europa-Chef bei Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR)
  • Götz Mäuser, Stv. Vorsitzender, Partner bei der Permira Beteiligungsberatung GmbH (Permira)
  • Robin Bell-Jones, Principal bei Permira
  • Greg Dyke, Medienberater
  • Philipp Freise, Principal bei KKR
  • Lord Clive Hollick, Partner bei KKR
  • Jörg Rockenhäuser, Geschäftsführer Permira Beteiligungsberatung GmbH
  • Adrianus Johannes Swartjes, Vorstandsvorsitzender bei Telegraaf Media
  • Prof. Dr. Harald Wiedmann (ehemals Präsident des Standardisierungsrates
Gesellschafter (Anteile in Prozent): Die Holdinggesellschalten von KKR und Permira (Lavena) halten inzwischen einen Anteil von 53 Prozent am Grundkapital sowie weiterhin 88 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien und 18 Prozent der nicht stimmberechtigten Vorzugsaktien. Die niederländische Telegraaf Media Groep hält 12 Prozent der Stammaktien bzw. sechs Prozent des Grundkapitals. 82 Prozent der Vorzugsaktien bzw. 41 Prozent des Grundkapitals befinden sich in Streubesitz (vgl. Aktionärsstruktur-Angaben von P7S1). Die ProSiebenSat.1-Aktie ist im M-Dax notiert.

Geschichte und Profil

Das Unternehmen ProSiebenSat.1 ist mit den großen Namen und Dramen der jüngeren deutschen Mediengeschichte eng verbunden. Als größter deutscher Medienkonzern im Besitz von Finanzinvestoren steht es weiter im Brennpunkt des Interesses.

Zuerst gehörte die Firma zum Imperium des Filmhändlers Leo Kirch, der das Unternehmen im Oktober 2000 durch die Fusion der beiden Sender Sat. 1 und ProSieben aus der Taufe hob - zuvor hatten die Konzentrationsregeln dies nicht erlaubt. Daher hatte jahrelang offiziell sein Sohn, Thomas Kirch, ProSieben geführt. Im Zuge dieser Fusion erwarb die Axel Springer AG einen 11,5-prozentigen Anteil an der neuen ProSiebenSat.1 Media AG. Springer war zuvor bereits an Sat.1 beteiligt gewesen; Kirch wiederum hielt 40% an der Springer AG. Nachdem 2001 erste Zweifel an Kirchs Zahlungsfähigkeit aufgekommen waren, versuchte Springer-Chef Mathias Döpfner, Kirch den Todesstoß zu versetzen: Er übte eine Put-Option aus, die es ihm erlaubte, den Anteil an ProSiebenSat.1 für 790 Millionen € zu verkaufen. Er hoffte, bei Zahlungsunfähigkeit die ganze Sendergruppe zu erhalten. Allerdings hatte Döpfner die Rechnung ohne die Gläubigerbanken gemacht: Die Kirch-Gruppe zerfiel und die "Überreste" wurden einem jahrelangen Insolvenzverfahren überantwortet. Im Zuge der Verhandlungen wurde fast jedes größere Medienunternehmen als potenzieller Käufer gehandelt, etwa Sony, TF1, der Bauer-Verlag, die WAZ-Gruppe oder auch der internationale Medien-Tycoon Rupert Murdoch (News Corp. in der Mediendatenbank).

Schließlich erhielt im August 2003 ein hierzulande bis dato unbekannter US-amerikanischer Medienunternehmer den Zuschlag: Haim Saban übernahm gemeinsam mit einem Bankenkonsortium die Aktienmehrheit am Konzern. Damit wurde ein wichtiger Teil der Deutschland AG an ausländische Investoren verkauft - obwohl einige deutsche Medienpolitiker dies durch das Propagieren einer ‚deutschen Lösung´ noch zu verhindern suchten. Saban schien sein Glück im Nachhinein selbst kaum fassen zu können, hatte er doch für ‚nur´ 525 Millionen Euro ein Herzstück der deutschen TV-Industrie erworben. "That level of ownership would never be allowed in the U.S.. It would be too much concentration", so Saban 2004 zur "New York Times". Insbesondere sein charmantes Auftreten dürfte ihm bei dem Deal geholfen haben. Während John Malones kompromissloser Übernahmeversuch der deutschen Kabelnetze gescheitert war, konnte Saban die Bedenken der Aufsichtsbehörden en passant ausräumen. Der "NYT" verriet er sein Erfolgsgeheimnis: "I sweet talked them".

Trotz aller Beteuerungen, längerfristig engagiert zu bleiben, entschied sich Saban bereits Mitte 2005 für den Verkauf von ProSiebenSat.1. Verhandlungen mit der Axel Springer AG über eine Komplettübernahme des Konzerns waren bereits weit gediehen, als das Bundeskartellamt und die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) dem Verlagshaus einen Strich durch die Rechnung machten. Die offizielle Begründung rekurrierte auf die nach dem Kartellrecht nicht genehmigungsfähige Marktmacht des Springer-Konzerns, die durch einen Zusammenschluss auf dem Fernsehwerbemarkt, dem Lesermarkt für Straßenverkaufszeitungen sowie dem bundesweiten Anzeigenmarkt für Zeitungen entstünde. Das sich abzeichnende Veto der Behörden führte Anfang 2006 zu einer Rücknahme des Übernahmeangebots aus dem Hause Springer. Obwohl im Juni 2010 der Bundesgerichtshof das Verbot der ProSiebenSat.1-Übernahme bestätigt hatte, kursierten und kursieren Gerüchte über ein Springer-Engagement in der Sendergruppe oder bei einzelnen Sendern weiter (siehe "aktuelle Entwicklungen").

Im zweiten Anlauf zum Verkauf einigte sich Saban Ende 2006 mit einem Konsortium ausländischer Finanzinvestoren. Zu einem Preis von ca. 3 Milliarden Euro ging der Konzern an Permira und KKR. Am 6. März 2007 erlangte die Mehrheitsübernahme der ProSiebenSat.1 AG durch die von KKR und Permira kontrollierte Lavena Holding 4 GmbH Rechtskraft. Der größten Deal in der deutschen Mediengeschichte hatte Sabans eingesetztes Kapital nahezu versechsfacht.

Die Axel Springer AG verkaufte im Dezember 2007 überraschend ihren 12-prozentigen Anteil an der Sendergruppe für gut 19 Euro pro Aktie an Permira / KKR. Im Sommer zuvor war eine Aktie noch 30 Euro wert gewesen; im späteren Rückblick erwies sich das Geschäft als dennoch nicht schlecht: Trotz inzwischen erfolgter Fusion mit der von KKR und Permira kontrollierten Fernsehgruppe SBS Broadcasting unterschritt der Kurs 2008 fünf Euro, im März 2009 fiel er zeitweilig unter die 1-Euro-Marke.

Ebenfalls wegen des Kursverfalls beschloss die zuvor an SBS beteiligte niederländische Telegraaf Media Group, eine zum Juni 2008 eingeräumte Kaufoption auf 12% der Stammaktien nicht auszuüben. Dennoch wurde sie von Permira/ KKR zur Übernahme der Anteile zum für die Verkäufer vorteilhaften Preis von 377 Mio. Euro "gezwungen" ("blogs.taz.de"). Das entsprach einem Preis von 28,71 Euro pro Aktie, die an der Börse zum gleichen Zeitpunkt für 5,50 Euro zu haben war.

Management

Als durch Fusionen entstandene Sendergruppe hat ProSiebenSat.1 immer darum gerungen, das Marktpotenzial seiner einzelnen Sender zu nutzen und auf digitalen Märkten einzusetzen: Die Programminhalte der beiden großen Kanäle Sat.1 und ProSieben waren aufeinander abzustimmen, Kostenreduktionen bestimmten die Unternehmensstrategie, wobei die Gruppe durch die Etablierung kostengünstiger, seriell hergestellter Formate ("Verliebt in Berlin", "Richterin Barbara Salesch", "Lenßen&Partner", "Schillerstraße") zeitweise den Publikumsgeschmack treffen und den Marktführer RTL als Innovationsmotor ablösen konnte.

Nach dem Ausscheiden des schillernden Saban wird das Unternehmen offiziell von den neuen Gesellschaftern, der Permira Beteiligungsberatung GmbH und Kohlberg Kravis Roberts & Co (KKR) kontrolliert. KKR zählt zu den weltweit größten und erfahrensten Finanzinvestoren. Seit 1976 übernimmt die in den USA gegründete Beteiligungsgesellschaft angeschlagene Konzerne und trimmt diese auf Rendite. Nach eigenen Angaben hat KKR mehr als 165 Transaktionen mit einem Gesamtvolumen in Höhe von über 420 Mrd. US-Dollar getätigt (Stand 2009). Dagegen wirkt die Unternehmensvita 1985 gegründeten Partners Permira (lat.: "sehr überraschend") bescheiden, auch wenn das Unternehmen inzwischen auf über 190 Investments zurückblickt. Beide Unternehmen verfügten und verfügen über Mehrheitsbeteiligungen in den Bereichen Medien und Telekommunikation. KKR gehörten oder gehören zum Beispiel "PagesJaunes" (Frankreich), "SevenMediaGroup" (Australien) und "Primedia" (USA). In Deutschland engagierte sich Permira als Mehrheitseigner des Telekomunternehmens "debitel" und war Eigentümer des Bezahlsenders "Premiere" (heute: "Sky") bis zu dessen Börsengang.

Auch wenn ein Gutachten des Bredow-Instituts bereits 2008 zum Ergebnis kam, dass Finanzinvestoren aus rundfunkrechtlicher Sicht nicht zu beanstanden seien, bleibt die Frage nach den langfristigen Auswirkungen ihres Engagements im sensiblen Medienbereich auf der Agenda.

Bereits vor ihrem ProSiebenSat.1-Deal besaßen Permira und KKR gemeinsam die paneuropäische Sendergruppe SBS. Erwartungsgemäß fusionierten die Eigentümer ihre beiden Sendergruppen am 3. Juli 2007. Als Nummer zwei in Europa hinter der RTL Gruppe erreichte die "neue" ProSiebenSat.1 nach eigenen Angaben über 78 Millionen Haushalte in 14 Ländern. Ihren Sitz hat sie weiterhin bei München. Unter Permira/ KKR wurde sie zunächst weiterhin operativ von Guillaume de Posch geführt, den bereits Vorbesitzer Saban von der französischen TF1-Groupe abgeworben hatte. Der Belgier hatte Sabans Vorgabe, den Konzern für den Verkauf aufzupolieren, meisterhaft bewältigt und richtete sein Handeln auch auf die Renditeziele der neuen Herren aus. Schon wegen des hohen SBS-Kaufpreises von rund 3,3 Mrd. Euro, der ProSiebenSat.1 in Form von Schulden auferlegt wurde, setzte de Posch seinen harten Sparkurs fort. Trotz gegenteiliger Versicherungen wurden 100e Mitarbeiter entlassen. Als Sat.1 die Boulevardformate "Sat 1 am Mittag" und "Sat 1 am Abend" einstellte und an Nachrichtensendungen sparte, woraufhin Anchorman Thomas Kausch den Sender verließ, beklagte die "FAZ" "Heuschreckenlogik" ("Die Eigentümer des Privatsenderkonzerns ProSiebenSat.1 haben in dieser Woche ein Kapitel der deutschen Rundfunkgeschichte beendet. Sie haben es begraben ...").

Im Geschäftsjahr 2007, in dem die Nettofinanzverschuldung des Unternehmens von 122 Mio. € auf 3.328,4 Mio € stieg, führte vor allem das Bußgeld von 120 Millionen Euro, das das Bundeskartellamt gegen den konzerneigenen Werbezeitenvermarkter SevenOneMedia verhängt hatte, zum faktischen Gewinneinbruch. 2008 verschärfte sich die Krise. Zwar stieg der Konzernumsatz auf rund 3 Mrd. Euro, doch war das Jahresergebnis mit -129,1 Mio. Euro negativ. Beides hängt mit der erstmaligen ganzjährigen Konsolidierung der SBS-Gruppe zusammen - mit der sich die ursprünglich erhofften Synergien auf dem national zersplitterten europäischen Fernsehmarkt weiterhin kaum realisieren lassen. Dass trotz der schlechten Lage 98,9 Prozent des bereinigten Konzernjahresüberschuss als Dividende ausgeschüttet wurden, während andererseits zusätzliche 70 Millionen Euro im Budget fürs laufende Jahr eingespart werden sollten, löste bei Kleinaktionären und Presse heftige Kritik aus ("Süddeutsche Zeitung": "Ein Schlachtfest"). Auch die Eigentümer hinterfragten daraufhin ihre Geschäftspolitik öffentlich (Permira-Chairman Thomas Krenz 2008 zum "Spiegel": "Als die Entscheidung gefallen ist, hatten wir keine drohende Weltrezession und berechtigte Hoffnungen wegen des neuen Verkaufsmodells. Deshalb ist es aus heutiger Sicht richtig, zu fragen, ob man das nicht anders hätte machen sollen"). Nachdem Finanzkrise und sinkende Werbeeinnahmen die Lage weiter verschlechtert hatten und der Schuldenstand 2008 3,85 Milliarden Euro erreichte, verzichteten die Gesellschafter für die Geschäftsjahre 2008 und 2009 ganz auf Dividenden (auf Stammaktien, von denen KKR und Permira die meisten halten, wurde keine Dividende gezahlt, je Vorzugsaktie lediglich die Mindestdividende von 0,02 Euro pro Aktie). Seither hat sich die finanzielle Lage gebessert, auch wenn der Schuldenstand mit weiterhin über drei Mrd. Euro gewaltig bleibt.

Die Nachfolgersuche für de Posch, der im Juni 2008 seinen Abschied ankündigte , brachte erst im Dezember ein Ergebnis: Seit März 2009 führt Thomas Ebeling, bisheriger CEO des Pharma-Unternehmens Novartis Consumer Health, den Medienkonzern. Parallel gab es zahlreiche weiteren Umstrukturierungen. So schieden aus dem Vorstand Lothar Lanz (Finanzen, seit Oktober 2000 dabei, inzwischen in gleicher Position bei Axel Springer) und Peter Christmann (Sales & Marketing) aus, dessen Werbezeiten-Verkaufsmodell dem Konzern laut "kressreport" etwa 100 Mio. Euro Verlust beschert hatte. Die beiden wurden ersetzt durch Axel Salzmann sowie Klaus-Peter Schulz, der schon 2009 wieder ausschied. Sein Nachfolger als Sales und Marketing-Vorstand ist Vorstandschef Ebeling selbst.

Auch unterhalb dieser Ebene hatte bereits de Posch neue Management-Ebenen eingeführt: Der bisherige ProSieben-Geschäftsführer Andreas Bartl stieg zum "Managing Director" der "German Free-TV Holding GmbH" auf (und wurde kurz darauf in den Vorstand berufen). In Bartls Verantwortung wiederum koordinieren inzwischen "Content-Manager" die Bereiche Fiction, Infotainment & Magazine und Unterhaltung senderübergreifend. Das sei eine "Anpassung an das erfolgreiche Management-Modell in anderen Ländern der Gruppe wie den Niederlanden, Belgien, Schweden oder Norwegen", erläuterte noch de Posch. Mit der 2009 gegen viele Widerstände durchgesetzten Entscheidung, Sat.1 nach Unterföhring zu verlagern, ging weiterer Management-Umbau einher. So führte ein steiler Aufstieg bei P7S1 den vorherigen Kabel 1-Chef Guido Bolten in die Sat.1-Geschäftsführung - bis er im Januar 2010 den Posten wegen des schwachen Quoten-Erfolgs seiner Maßnahmen aufgab.

Auch wenn der neue Vorstandschef Ebeling 2009 und 2010 wiederholt durch missverständliche oder unglückliche Äußerungen zur künftigen Strategie auffiel - ob es um einen vermeintlichen Einstieg ins Pay-TV ("Handelsblatt") ging oder um die Zukunft der Nachrichtensendungen in den "Vollprogrammen" der Sendergruppe - die für die Gesellschafter allein wichtigen Geschäftszahlen bewegen sich unter seiner Ägide aufwärts.

Seit dem überraschenden Ausscheiden Dan Marks' im Oktober 2010 "aus persönlichen Gründen" ein neuer Chief New Media Officer. Einstweilen ist der P7S1-Vorstand nur dreiköpfig.

Geschäftsfelder

Die ProSiebenSat.1 Media AG ist auf allen Stufen der TV-Wertschöpfung aktiv. Dies umfasst Produktions- und Distributionsaktivitäten sowie die Vermarktung (Werbezeiten, Multimedia, Merchandising). Die Strategie des Konzerns zielt auf den Ausbau seiner Position auf dem Free-TV-Markt und im Internet sowie die Stärkung von Randbereichen (Diversifikation). Der neue Vorstandschef Ebeling kündigte (ähnlich wie seine Vorgänger) an, bis 2014 30 Prozent der Einnahmen außerhalb der Werbung erzielen. Im Zuge kontinuierlicher Konzernumbau-Maßnahmen bemüht sich P7S1 immer wieder sowohl um Konzentration auf Kernkompetenzen wie auch um Expansion.

1.) Free-TV
Kernstück des Unternehmens sind die inzwischen in der "German Free TV Holding" zusammengefassten Sender Sat.1, ProSieben und Kabel 1, die 2009 einen durchschnittlichen Zuschauermarktanteil (Zuschauer ab 3 Jahren) von 21,9 % erreichten. ProSiebenSat.1 beziffert seinen Anteil auf dem Markt der deutschen Fernsehwerbung auf 43 Prozent (Stand 2009). 2010 erreichte die deutsche Sendergruppe bei den "werberelevanten" Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren insgesamt einen Gesamtmarktanteil von 28,5 Prozent (nach 28,8 Prozent im Vorjahr, bereinigt um den verkauften Nachrichtensender N 24). Im Jahr 2010 erreichte Pro Sieben in dieser Zielgruppe 11,6, Sat.1 10,7 und kabel eins 6,2 Prozent.

Ein wichtiger Schritt zu Synergien und weiteren Einsparungen ist die 2009 vollzogene "Bündelung der inländischen TV-Aktivitäten", das heißt der Umzug des Berliner (vormals Mainzer bzw. Hamburger) Senders Sat.1 ins Sendergruppen-Hauptquartier nach Unterföhring. Den Rückzug vom Standort Berlin komplettierte 2010 der Verkauf von N 24, das als nicht mehr zum Konzern gehöriger Nachrichtenkanal noch auf Jahre hinaus allen Sendern der Gruppe Nachrichten zuliefern soll. Seitdem sämtliche deutschen P7S1-Sender unter einem Dach sitzen, wird besonders emsig an Synergieeffekten gearbeitet. Anfang 2010 wurde die Ebene von für einzelne Sender zuständigen Chefredakteuren abgeschafft.

1a) Sat.1
Der Sender, für den aktuell Vorstandsmitglied Andreas Bartl die Verantwortung trägt (nachdem Guido Bolten, der 2008 Geschäftsführer Matthias Alberti abgelöst hatte, im Januar 2010 ausschied), ist 2009 trotz Mitarbeiter-Protesten und des ersten Streiks im deutschen Privatfernsehen aus Berlin nach Unterföhring umgezogen. Beim Publikumserfolg erlebt Deutschlands ältester Privatsender seit je ein heftiges Auf und Ab. 2006 hatten Quotenbringer wie die Telenovela "Verliebt in Berlin" (bis zu 38,6 Prozent Marktanteil bei den "Werberelevanten") und US-Serien wie "Navy CIS" (bis zu 22,0%) sowie ein verbessertes Kostenmanagement dazu geführt, dass Sat.1 nach Konzernangaben "zur Riege der profitabelsten TV-Sender im deutschen TV-Markt" gehörte; der durchschnittliche Marktanteil lag bei 11,3%. Seither rangiert er überwiegend unter der 11-Prozent-Marke. Mutige Entscheidungen wie die zu einer Hauptnachrichtensendung, die wie die ARD-"Tagesschau" um 20.00 Uhr beginnt, und zur Ausstrahlung teuer hergestellter deutscher Fiction-Serien zahlten sich kaum aus. Es kam zu zahlreichen Umstrukturierungen; N24-Geschäftsführer Torsten Rossmann etwa wurde zeitweilig zum weiteren Geschäftsführer ernannt. Große Teile der Berliner P7S1-Unternehmen gingen 2009 im Rahmen einer Auslagerung an die konzernfremde Fernsehwerft GmbH über. Auch machten nur wenige Berliner Sat.1-Mitarbeiter den Umzug nach Bayern mit - was dem Konzern zur Einsparung durchaus zupass kam. Inzwischen ist von rund 500 bei Sat.1 entfallenen Stellen die Rede.

War das Sat.1-Programm 2009 noch von kostspieligen Flops wie den Neuverpflichtungen Johannes B. Kerners, des langjährigen Multi-Talkers des ZDF, und Oliver Pochers (dessen erfolglos gebliebene Late-Night-Show im Frühjahr 2011 endet) gekennzeichnet, so gab es 2010 Image-trächtige und wirtschaftlich relevante Erfolge. Sat.1 konnte seine langjährigen, häufig vergeblichen Bemühungen um deutsche Fernsehserien mit den Publikumserfolgen "Danni Lowinski" und "Der letzte Bulle" krönen, die beide fortgesetzt werden. Die Bestseller-Verfilmung "Die Wanderhure" erwies sich im Oktober 2010 mit einem Zielgruppen-Marktanteil von 32,4 Prozent als erfolgreichstes "Eventprogramm" des Senders seit 2003. Auch der Erwerb teurer Fußballrechte für die reanimierte Fußball-Show "ran" (in der Sat.1 schon bis 2003 von der Fußball-Bundesliga berichtet hatte) erwies sich als richtig, als mit Bayern München 2010 erstmals seit 2002 wieder eine deutsche Mannschaft das Champions League-Finale erreichte. Mit zeitweise mehr als zwölf Millionen Zuschauern bescherte das Endspiel Sat.1 einen Marktanteil 45,8 Prozent in der Zielgruppe (bei allen Zuschauern: 43,8 Prozent).

1b) ProSieben
Zumeist knapp unter der 12-Prozent-Marke liegt Pro Siebens Zielgruppen-Marktanteil aufs Jahr gesehen (2010: 11,6 Prozent, 2009: 11,9 Prozent). Traditionell erfolgreich sind Hollywood-Blockbuster wie "Fluch der Karibik", die Marktanteile von bis zu 40% erreichen. Zu den wesentlichsten Erfolgsgaranten gehört Stefan Raab, der im März 2009 das zehnjährige Jubiläum seiner viermal pro Woche ausgestrahlten Show "tv total" beging. Mit der Samstagabendshow "Schlag den Raab" entwickelte er einen veritablen Exportschlager. 2010 sorgte der Dauerbrenner für noch spektakulärere Erfolge, als er sich im Vorfeld des "Eurovision Song Contest" zum lange kaum für möglich gehaltenen Joint Venture mit der öffentlich-rechtlichen ARD zusammenfand und in einer Reihe von abwechselnd auf Pro Sieben und in der ARD übertragenen Shows die Sängerin Lena Meyer-Landrut als deutsche Teilnehmerin bestimmte - deren Song "Satellite" den Song Contest tatsächlich auch noch gewann. Selbst wenn die Einschaltquoten vor allem der ARD zugute kamen - ein gewaltiger Image-Erfolg für Pro Sieben (den der im Sendezeit-Ausfüllen äußerst routinierte Raab auch für seine eigenen Shows zu nutzen vermochte). Ende 2010 verlängerte Raab seinen Vertrag mit dem Sender um fünf Jahre. Auch 2011 ist Raab außer in zahllosen, teils schwächelnden Pro Sieben-Shows ("tv total Wok-WM") auch in Kooperation mit der ARD in Song Contest-Sendungen unterwegs.

Ebenfalls langfristig erfolgreich laufen Castingshows wie "Popstars" (bis zu 30%) und "Germany´s next Topmodel" mit Heidi Klum; das Finale der dritten Staffel erreichte 30,0 Prozent Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe. Mit zahlreichen Begleitaktivitäten zwischen Zeitschrift, Internet und Computerspiel entwickelte sich "GNTM" zu einem Paradebeispiel für die crossmediale Vermarktung, die P7S1 als eine Kernkompetenz betrachtet.

1c) Kabel1, N24 und Sixx
Der Zielgruppen-Marktanteil von Kabel1 steigt auch 2010 (6,2 Prozent; 2009: 6,1, 2008: 5,5 Prozent). Anstelle von Wiederholungen von Spielfilmklassikern aus Leo Kirchs Archiven, die das Programm des einstigen "Kabelkanals" früher bestimmten, prägen vor allem Dokutainment-Formate das Profil des Senders.

Der als Nachrichtenkanal bezeichnete Sender N24 (der freilich im Abendprogramm längst vor allem US-Dokumentationen à la "Job am Limit: Einsatz im Atomkraftwerk" zeigte) erreichte 2008 bei den "Werberelevanten" 1,3 und beim Gesamtpublikum 1,0 Prozent der Zuschauer. Seit dem Wegzug von Sat.1 war er das einzige ProSiebenSat.1-Standbein in der Hauptstadt - bis er im Juni 2010 durch Verkauf aus dem Konzern ausschied. Schon 2009 hatte der neue Vorstandschef Ebeling mit der Interview-Aussage, dass Nachrichten im Fernsehen "für das Image bei Politikern wichtig" seien, "aber nicht unbedingt bei allen Zuschauern", Medienpolitiker verärgert. Nach langen Verkaufsverhandlungen erwarb die neuformierte N24 Media GmbH, hinter der der frühere "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust und N24-Geschäftsführer Torsten Rossmann (mit jeweils 26 Prozent) sowie weitere Manager stecken, den Sender und die Berliner Produktionsgesellschaft "MAZ & More". Das komplexe Geschäft beinhaltet bis Ende 2016 (für die Zulieferung sämtlicher Nachrichtenformate der Sender Sat.1, ProSieben und kabel eins) bzw. bis 2014 (für die Erstellung des Sat.1-Frühstücksfernsehens und des "Sat.1-Magazins") laufende Zulieferungsverträge mit P7S1. Die Herauslösung von N24 aus der Sendergruppe lässt sich P7S1 41 Mio. Euro kosten, erwartet aber (weil N24 für die Nachrichtenzulieferung knapp die Hälfte der bislang veranschlagten Summe, rund 30 Millionen Euro pro Jahr, erhalten soll) ab 2011 positive Effekte "in einer jährlichen Größenordnung von mehr als 25 Mio. Euro." 2011 während der in allen Mediengattungen viel beachteten Katastrophe in Japan machte sich das Fehlen von nachrichtenjournalistischer Expertise im Konzern bemerkbar.

Trotz des N24-Verkaufs schrumpfte die Anzahl der deutschen P7S1-Sender nicht. Im Mai 2010 ging, zunächst nur digital (mit etwa 40 Prozent technischer Reichweite), "Sixx" auf Sendung. Geschäftsführerin Katja Hofem-Best, die zuvor für Discovery Communications den deutschen Männersender Dmax aufgebaut hatte, will damit ein Fernseh-Äquivalent zum Segment der zahlreichen Frauenzeitschriften schaffen. Der Frauensender kündigte an, zunächst auf Unterbrecher-Werbung zu verzichten und stattdessen mit Sonderwerbeformen (und Werbekunden, die bisher nicht im TV, sondern nur in der Presse warben) zu experimentieren. Gezeigt werden u.a. Oprah Winfrey-Shows und Serien, deren Rechte aus Output-Deals der Sendergruppe mit amerikanischen Studios stammen.

1d) Vermarktung
Beim konzerneigenen Werbezeitenvermarkter SevenOneMedia stellte das Bundeskartellamt im Juni 2007 Unterlagen sicher, die wettbewerbswidrige Absprachen belegen sollten. Dabei ging die Behörde, wie zugleich auch beim Werbezeitvermarkter IP (RTL), Hinweisen über so genannte "Share Deals" (Werbezeitvermarkter gewähren Mediaagenturen hohe Rabatte, wenn diese einen großen Anteil Werbespots bei ihnen buchen) nach. ProSiebenSat1 erklärte sich zur Zahlung eines Bußgeldes von 120 Millionen Euro bereit, um weitere Untersuchungen abzuwenden (ebenso wie RTL, das 96 Millionen Euro zahlen musste). Diese Strafe und die erforderliche Umstellung des Rabattsystems, die den Unterföhringern schlechter gelang als RTL, belasteten ProSiebenSat1 lange erheblich. 2009 wurden die Konzernfirmen SevenOne Media und SevenOne Interactive zum "mit Abstand größten medienübergreifenden Vermarktungsunternehmen im deutschen Werbemarkt" fusioniert. Seit 2010 ist dieses zu einem Viertel am gemeinsam mit G + J Electronic Media Sales (Gruner + Jahr/ Bertelsmann), IP Deutschland (RTL-Group/ Bertelsmann) und Tomorrow Focus (Burda) gegründeten Joint-Venture "Ad Audience" beteiligt. Das deutsche Unternehmen soll mit der gewaltigen Online-Werbemacht von Google konkurrieren. Inzwischen empfinde sich SevenOne, so der Branchendienst meedia.de, "nicht mehr nur als TV-Vermarkter, sondern als Bewegtbild-Vermarkter".

2.) TV-Produktion und -Vertrieb
Immer wieder werden bei P7S1 der Ausstieg aus der und der Einstieg in die Fernsehproduktion verkündet. Bemühungen, die ProSiebenSat.1-Produktion, die überwiegend als technischer Dienstleister fungiert, im Zuge einer Konzentration auf Kernkompetenzen zu verkaufen, blieben lange erfolglos. Daraus entwickelte sich u.a. 2008 die Übernahme der IT-Abteilung durch IBM im Rahmen eines Outsourcing-Vertrags; auch der geplante Ausbau eines neuen Playout-Centers in München war mit Stellenstreichungen verbunden.

2005 gründete das Unternehmen gemeinsam mit dem Produzenten Christian Popp die Firma "Producers at work" (PAW). Popp war zuvor für die Herstellung der erfolgreichen Telenovelas/Daily Soaps bei der zur Bertelsmann AG gehörenden UFA tätig. Während Konkurrent RTL im Bereich der TV-Produktion mit Firmen wie UFA und der Fremantle Media blendend aufgestellt ist, bleibt der Erfolg von "Producers at Work"-Produktionen noch oft aus. So wurden 2008 die am Donnerstag nacheinander programmierten Sat.1-Serien "Plötzlich Papa - Einspruch abgelehnt" und "Dr. Molly & Karl" vorzeitig abgesetzt. Die Telenovela "Anna und die Liebe" knüpfte erst spät an den erhofften "Verliebt in Berlin"-Erfolg an. Inzwischen produziert PAW auch für konzernfremde Unternehmen (wie ZDF/ ORF). Daneben wurden weitere Produktionsfirmen wie die "Red Seven Entertainment", die Unterhaltungsformate inhouse produzieren soll anstatt sie an externe Produzenten zu vergeben, und die PAW-Tochter "Magic Flight Film" gegründet. Beide sind inzwischen Teil der 2010 neu gegründeten Red Arrow Entertainment Group, die auch "die internationale Expansion der Gruppe im Bereich Produktion, Programmvertrieb und Formatentwicklung vorantreiben" soll. Alte und neue Beteiligungen (wie an der belgischen Produktionsfirma "Sultan Sushi") und Kooperationen (wie mit dem schwedischen Produzenten Pontus Gårdinger) werden hier gebündelt. 2010/11 machte die Internationalisierung einige beachtliche Fortschritte (siehe unten, "aktuelle Entwicklungen").

Darüber hinaus zum Konzern gehört die internationale Vermarktungsabteilung SevenOne International, die die Eigenproduktionen der Gruppe weltweit vertreibt: Zu einem gewaltigen Exporterfolg entwickelte sich das von der (konzernunabhängigen) Brainpool AG für ProSieben entwickelte Format "Schlag den Raab". Adaptionen der Sendung, bei der Zuschauer den Moderator Stefan Raab herausfordern und im Falle eines Sieges bis zu 500.000 € einstreichen können, laufen in 14 Ländern zwischen England und China. SevenOne International vertreibt Produktionen Dritter, aber auch eigene Produktionen wie die in acht Länder zwischen Frankreich und der Ukraine verkaufte Telenovela "Verliebt in Berlin" international. Die dabei erzielten Gewinne werden nicht veröffentlicht.

3.) Transaktions-TV
Um die Abhängigkeit vom Werbemarkt zu verringern, übernahm ProSiebenSat.1 im Juni 2005 sämtliche Anteile an der Euvia Media AG, die den Call-In-Sender 9Live und den Reise-Shoppingkanal sonnenklar.tv betreibt. 9Live finanziert sich hauptsächlich durch Telefonanrufe. Der Umsatz dieses Geschäftsbereichs verdoppelte sich im Vergleich zunächst nahezu (auf 95,8 Mio. Euro). Wollte der heftig umstrittene Sender sich 2006 noch "durch innovative Programmformate" von Mitbewerbern abgrenzen, führten mehrere Kurswechsel ab 2008 nicht zu Erfolg. Eine neue Sendung der einstigen WDR- und Sat.1-Moderatorin Margarethe Schreinemakers erreichte Marktanteile zwischen 0,0 und 0,2 Prozent und wurde eingestellt ("Tagesspiegel"). Mit Programmideen wie Teleshopping und Gewinnspiele für Minderjährige (vgl. dwdl.de) erregt der Sender bei Medienkritikern Ärger, macht aber keine guten Geschäfte mehr. 2010 versucht 9Live mit einer "Multiplayer-Skill-Gaming-Plattform" sein Geschäftsmodell ins Internet zu verlängern, doch beklagt der Konzern weiterhin Umsatzrückgänge im Transaktions-Geschäft, auch aufgrund der im März 2009 in Kraft getretenen "Gewinnspielsatzung der Landesmedienanstalten". Gerüchte, er könne den (nicht in die "German Free TV Holding" integrierten) Sender verkaufen, kommen immer wieder auf und werden von Konzernseite dementiert.

4.) Digital/ Internet
Vor allem das Internet gewann bei den Konzernaktivitäten rasant Bedeutung. In der Konzernbilanz zählt der Digital/ Online-Bereich zu den Diversifikationsaktivitäten (die alles umfassen, was nicht zu den Bereichen Free TV- deutschsprachig und Free-TV international zählt, also Online, Basic Pay-TV, Call-TV, Video-on-Demand, Music, Licensing/Merchandising, Radio und Print). Ihre Erlöse lagen 2010 bei 373,2 Mio. Euro (2009: 357,6 Mio. Euro).

Bereits 2006 wurde das Video-on-Demand-Portal "maxdome" gestartet. Dank einer Kooperation mit dem Internetprovider United Internet (gmx, web.de) - von 2008 bis Ende 2010 50-prozentiger Miteigner - erreicht maxdome nach eigenen Angaben rund 200.000 aktive Nutzer (Stand: 2009/10). Die Anzahl der in "Deutschlands größter Online-Videothek" verfügbaren Titel stieg inzwischen auf 35.000 und umfasst auch: Filme in HD-Qualität (High Definition), ZDF-Produktionen wie die zahllosen Rosamunde Pilcher-Verfilmungen sowie dank eines Rechtevertrags mit Universal Music über 1000 "Konzerte verschiedener Stilrichtungen". Zeitweise ließen sich bei Maxdome auf Kanälen wie "Schalke 04 TV" auch Fußballspiele verfolgen, die das Free-TV nicht übertrug. Seit 2010 strebt Maxdome wie zahlreiche Wettbewerber durch Kooperationen mit Hardware-Herstellern die Verbreitung auf hybriden Fernsehern und Receivern an, die das Internet aufs Fernsehgerät bringen sollen. SevenOne Media wiederum entwickelt eigene Sonderwerbeformen für den HbbTV-Standard.

2008 neu eingeführte Videoportale der Free-TV-Sender wie www.ProSieben.tv, auf denen Eigenproduktionen wie "Galileo" und aktuelle "Germany`s next Topmodel"-Folgen meist zumindest eine Woche nach der TV-Ausstrahlung kostenlos abrufbar sind, sind ebenfalls mit dem (überwiegend) kostenpflichtigen maxdome-Angebot verbunden. Der Anlauf, diese Angebote mit entsprechenden des Mitbewerbers RTL zu einem "deutschen Hulu" zusammenzulegen, scheiterten 2011 zunächst am Bundeskartellamt (siehe "aktuelle Entwicklungen").

2006 erwarb die Sendergruppe Anteile an den Onlineplattformen "MyVideo.de" (einer deutschen Variante der erfolgreichen amerikanischen Bewegtbild-Webseite "Youtube") und "lokalisten.de" (seit 2008 zu 90 Prozent in P7S1-Besitz; 2009 zumindest nach PageImpressions unter den zehn erfolgreichsten deutschen Webseiten), die es Nutzern erlauben, eigene Inhalte im Internet zu präsentieren und sich untereinander zu vernetzen. So wie die Verlagsgruppe Holtzbrinck (Mediendatenbank), die "StudiVZ" erwarb, erkannte auch ProSiebenSat.1 Vermarktungspotentiale auf diesem Gebiet. Viele Inhalte wie zeitweise etwa die (von der konzerneigenen "Producers at work" hergestellte) Telenovela "Anna und die Liebe" tauchten auf mehreren konzerneigenen Plattformen auf. Unter dem Label "MyVideo Prime TV" vermarktet P7S1 2009 mit monatlich 1,45 Millionen Zuschauern bzw. Unique Usern (2010: 2,5 Mio.) "eine der größten vermarktungsfähigen Reichweiten im Bereich Bewegtbild im deutschsprachigen Internet." Seit 2011 kooperiert das ProSiebenSat1-Unternehmen SevenOne Media auch mit Axel Springer und übernimmt "die exklusive Zweitvermarktung von Werbeplätzen" von dessen Online-Angeboten wie bild.de.

Bereits 2007 übernahm der Konzern eine Mehrheitsbeteiligung an der Ratgeberplattform "wer-weiss-was.de", 2008 eine an "Webnews.de", einem "Social-News"-Angebot, das auf den Erfolg des US-Angebots "digg.com" spekuliert. Bei Webnews ist Holtzbrinck Minderheitspartner. Außerdem wurde "Feeem Media" (inzwischen: "fem.com") erworben, ein Internetportal für Frauen. Das entsprach Marktforschungs-Ergebnissen, denen zufolge weibliche Zielgruppen im Internet noch nicht hinreichend adressiert würden und Engagements konkurrierender Medienkonzerne im selben Segment (Springer: aufeminin.com, Burda: bequeen.de). Inzwischen firmiert die "strategischen Allianz der Frauen-Angebote von ProSiebenSat.1" unter dem Namen 2010 gestarteten digitalen Fernsehsenders "Sixx".

Die Preissuchmaschine "billiger.de", ebenfalls mehrheitlich 2007 erworben und noch 2008 Objekt von Internationalisierungs-Bestrebungen, wurde wieder verkauft, da "eine sinnvolle Vernetzung zu unserem TV-Content jedoch kaum realisierbar" schien.

5.) Pay-TV
Bei SevenSenses wird das Pay-TV Angebot des Konzerns gebündelt, das in Deutschland in den Kanälen "Sat.1 Comedy" und "kabel eins classics" besteht. Die wenigen Eigenproduktionen dieser Sender wie die zeitweise produzierte "Die Niels Ruf-Show" ("Sat.1 Comedy" und zeitweise auf Sat.1) werden teilweise auch über "Maxdome" angeboten.

6.) weitere Diversifikation
Seit 2005 betreibt das Unternehmen in Kooperation mit Warner Music das Label "starwatch music", das eigene Künstler aufbauen und vermarkten soll. Die Popband "Monrose", die als erster Sieger aus der ProSieben-Show "Popstars" hervorging, ist bei diesem Label ebenso unter Vertrag wie der deutsche Swingsänger Roger Cicero und der irische Sänger Chris der Burgh. Das "Künstlermanagement von familieneigenen und -fremden Stars" zählt zur Mission des Unternehmens. Angekündigt wurden die "Gründung eines Profit Centers für Live-Entertainment" wie "Public-Viewing-Events" zu "Germany's next Topmodel". Mit der 2010 ins Leben gerufenen Agentur "talent management agency" stieg Starwatch Music wiederum "ins Künstler-Management ein". Auch die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein steht dort unter Vertrag (die während der Fußball-WM 2010 allerdings nicht als besonders gut beratene öffentlich-rechtliche Journalistin auffiel).

Die 2006 gegründete ProSiebenSat.1 Mobile krankte daran, dass sich Handy-TV bislang nicht in Deutschland durchsetzte. Die Spiele-Plattform "sevengames.com" und deren Ableger für Handy-Empfang sollen am wachsenden Markt für Computerspiele und für Multiplayer-Online-Games partizipieren. ProSiebenSat.1 beteiligte sich mit neun Prozent am US-amerikanischen Spieleproduzenten ZeniMax. Auch in diesem Segment werden Synergien gesucht. Beispielsweise erschloss SevenOne Interactive "Germany's next Topmodel" für das In-Game-Advertising, das heißt band Werbepartner (die Kosmetikmarke Maybelline Jade und den Einzelhändler C&A) in das begleitende Online-Spiel "Germany's next Topmodel - the Game" ein.

Zu weiteren Neuentwicklungen der ungemein umtriebigen Diversifikationssparte zählen das Liveshopping-Portal prosiebenproducts.de ("Jeden Tag ein Mega-Deal!"), das in TV-Spots beworbene Produkte (auch aus der eigenen Markenwelt "We love") online verkauft, und die konzerneigene Mobilfunkmarke "Fyve".

Engagement im Ausland

brBis Ende Juni 2007 war ProSiebenSat.1 kaum im Ausland aktiv, sondern bot bloß über den deutschsprachigen Pay-TV-Sender "ProSiebenSat.1 Welt" Programminhalte in den USA (seit 2004) und Kanada (seit 2006) an. 2009 wurden 20.000 (2008: 18.000) Abonnenten des Angebots in Nordamerika vermeldet, das neuerdings mit dem Slogan "The best of one nation on one station!" wirbt.

Mit der Übernahme der Sendergruppe SBS 2007 wurde aus ProSiebenSat.1 mit einem Schlag ein multinationaler Anbieter von 19 kommerziellen TV-Sendern in neun europäischen Ländern (Niederlande, Schweden, Dänemark, Norwegen, Belgien, Finnland, Bulgarien, Ungarn und Rumänien). 2009 beschäftigte die integrierte Sendergruppe bei Free-TV-Sendern und auch Radiostationen gut 5.400 Mitarbeiter in 14 europäischen Ländern von Finnland bis Griechenland (vgl. P7S1-Grafik). Die Logik der von den Eigentümern beschlossenen, vom Konzern mit enormer Verschuldung bezahlten P7S1/ SBS-Fusion leuchtete und leuchtet allerdings vielen Beobachtern nicht ein. Avisierte Synergieeffekte großen Stils blieben aus. Nachdem P7S1 2008 bereits das schwedische Pay-TV-Unternehmen "C More" für einen Preis von Beobachtern auf rund 320 Mio. Euro geschätzten Preis an TV 4 (Bonnier Group) verkaufte, stellt der Konzern 2010/11 weitere Teile seines internationalen Geschäfts auf den Prüfstand (siehe "aktuelle Entwicklungen").

Im deutschsprachigen Auslanf ist P7S1 in der Schweiz und Österreich mit lokalen Ausgaben von Sat.1 und ProSieben vertreten, außerdem erwarb er 2007 den Wiener Ballungsraumsender "Puls TV".

In den Diversifikationssparten bemüht sich ProSiebenSat.1 in vielen kleinen Schritten um eine Internationalisierung seiner Aktivitäten. Beispielsweise expandierte die Internet-Video-Community "MyVideo" nach Belgien und in die Niederlande, die deutsche Games-Plattform SevenGames.de startete in einer englischsprachigen Version. Mit der Produktion der Show "The next Uri Geller" in einer deutschen und der holländischen Fassung "back to back" in einem Studio in Köln wurden Synergiepotenziale im Fernsehbereich ausgetestet. Erfolgreich vorangetrieben wird die Internationalisierung im Bereich der TV-Produktion und damit auch der Formatrechte, in dem sich Zumindest beteiligte sich die Sendergruppen-Firma Red Arrow Entertainment an Unternehmen zwischen Schweden und Australien (siehe auch "aktuelle Entwicklungen").

Aktuelle Entwicklungen

Eine der spannendsten Fragen im deutschen Mediengeschäft bleibt die nach der Konzernzukunft von ProSiebenSat.1 im fünften Jahr nach der Übernahme durch KKR und Permira. Schließlich hatte der damalige Aufsichtsrats-Vorsitzende Götz Mäuser bereits 2007 gesagt, als "Investor auf Zeit" pflege Permira bei deutschen Unternehmen durchschnittlich fünfeinhalb Jahre an Bord zu bleiben. Der Aktienkurs ist von zeitweise weniger als einem Euro auf zeitweise über 24 Euro gestiegen, sodass die Zeichen für einen Ausstieg nach Finanzinvestoren-Logik einerseits gut stehen. Andererseits bleibt die Frage, wer den auf einen Wert von bis zu acht Milliarden Euro (inklusive Schulden) bezifferten Fernsehkonzern zu kaufen in der Lage wäre. Und ob hinreichend potenten Interessenten - auch 2011 wurde (von der Süddeutschen Zeitung) zumindest als minoritärer Gesellschafter wieder Axel Springer ins Spiel gebracht - dieser Kauf dann auch kartell- und medienrechtlich gestattet würde. Im Januar vollzogen die Finanzinvestoren zumindest einen teilweisen Ausstieg und verkauften an der Börse acht Millionen stimmrechtslose Vorzugsaktien, mithin 3,7 Prozent des Grundkapitals, von dem sie 53 Prozent weiterhin halten (Handelsblatt).

Die Geschäftszahlen für 2010 (Kurzbilanz/ PDF), denen zufolge ProSieben seinen Nettogewinn verdoppelte (auf 312,7 Mio. Euro), wieder eine Dividende zu zahlen ankündigte und auch mit einer positiven Geschäftsentwicklung fürs laufende Jahr rechnete - jeweils anders als im Vorjahr - sollten auf interessierte neue Investoren attraktiv wirken. Allerdings dürfte die Verschuldung abschreckend wirken: Auch wenn P7S1 nach eigenen Angaben "bereits vorzeitig das untere Ende der angestrebten Bandbreite im Verschuldungsgrad erreicht", liegt die Netto-Finanzverschuldung mit 3,021 Mrd. Euro immer noch enorm hoch. Die Ende 2010 angekündigte, von Analysten immer wieder vorgeschlagene ergebnisoffene "strategische Überprüfung des Auslandsportfolios" bis zum zweiten Quartal 2011, also eines Verkaufs der Geschäftsaktivitäten in Nordeuropa, den Niederlanden und Belgien, könnte diese Schulden reduzieren.

Weiterhin setzt P7S1, gemäß der Ansage des Vorstandsvorsitzenden Thomas Ebeling: "Nur das Fernsehen hat die Kraft und Faszination, wirklich große Marken aufzubauen. Sie sind die Basis für unseren Erfolg - auf allen Plattformen", auf konsequente Kommerzialisierung bewährter Erfolge an allen Fronten. So gibt es "Germany's next Topmodel" als Zeitschrift, die 2011 der Hamburger Jahreszeiten-Verlag von der Bertelsmann-Tochter Medienfabrik Gütersloh übernahm, und als "Germany's next Topmodel 2011 - Das Game" für Playstation, Wii, Nintendo DS und PC. Dieses Konzept exerziert der Konzern bis hin zum Verkauf von Lizenzen eigener alter Produktionen an konkurrierende Sender wie Comedy Central oder den öffentlich-rechtlichen Bayerischen Rundfunk, der die Sat.1-Serie "Der Bulle von Tölz" wiederholte, durch.

Auch weitere rote Fäden der P7S1-Geschichte entwickeln sich fort: emsige Umstrukturierung und Schaffung neuer Posten ("Immerhin in einem Punkt wird bei P7S1 nicht gespart: Bei der Länge der Bezeichnung der Posten, die der Konzern zu vergeben hat", scherzte dwdl.de 2009 aus Anlass einer Beförderung zum "Senior Vice President Group Format Acquisitions & Development"). Der weiterhin die Sat.1-Hauptnachrichten moderierende Ex-N24-Mann Peter Limbourg bekleidet jetzt den P7S1-Titel "Senior Vice President Nachrichten & Politische Information". Auf noch ein Wort mehr kommt Ralf Schremper, der zuvor bei Bertelsmann die Lernplattform "scoyo" aufbaute und als "Executive Vice President Corporate Development & Strategic Planning" zu P7S1 wechselte. Zum "Senior Vice President Political Strategy" wurde mit Tim Arnold ein weiterer früherer Bertelsmann-Mann ernannt. Politische Kompetenz hat der Konzern, der etwa wegen Ebelings Äußerungen über die Bedeutung von Nachrichten politischen Unwillen erregte, zweifellos nötig - womöglich auch im Hinblick auf die Akzeptanz künftiger Gesellschafter.

Schließlich treibt P7S1 auch die Internationalisierung voran - keineswegs erfolglos. So expandierte die konzerneigene Red Arrow Entertainment Group nach Großbritannien und in die USA. Auf diesem schwierigen Markt, im Fernsehen weiterhin das Nonplusultra, konnte sie nicht nur das Showformat "You Deserve it" verkaufen (an ABC - und auch durch die 2010 erworbene Mehrheitsbeteiligung "Kinetic Content" dessen Produktion übernehmen), sondern sogar die (Remake-)Rechte an der deutschen Sat.1-Serie "Danni Lowinski" an CBS - in der Tat ein "sensationeller Transfer" (FAZ).

Zu den offenen Detailfragen gehört die, ob die von P7S1 und RTL Deutschland gemeinsam geplante "offene technische Plattform für private und öffentlich-rechtliche TV-Sender in Deutschland und Österreich zum kostenlosen Abruf von TV-Inhalten" - im Blick auf das amerikanische, von den direkten Wettbewerbern NBC, Fox und ABC gemeinsam betriebene Videoportal "deutsches 'Hulu'" genannt - trotz Bedenken des Bundeskartellamts (FTD) realisiert werden kann.

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