LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.7.2011

6. Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck

Umsatz 2010: € 2,260 Mrd.

Geschichte und Profil

Der Buchvertreter Georg von Holtzbrinck, sinnenfroher Abkömmling eines westfälischen Adelsstamms, gründet 1936 zusammen mit seinem Freund Wilhelm Schlösser die Deutsche Verlagsexpedition. Das Vertriebsunternehmen ist die Keimzelle eines sich rasch ausbreitenden Medienunternehmens. Das habe Holtzbrinck auch den guten Beziehungen zur NSDAP zu verdanken gehabt, schrieb das US-Magazin "Vanity Fair" 1997. Im Jahr 1943 übernimmt Holtzbrinck den Wiesbadener Verlag "Deutsche Volksbücher", den die Alliierten 1946 lizensieren. Nach dem Krieg kommt Holtzbrinck auf die Idee, für die lesehungrigen Deutschen einen Buchklub zu gründen. 1948 entsteht die Stuttgarter Hausbücherei, später werden der Deutsche Bücherbund (1959), die deutsche Hausbücherei (1960) und der Deutsche Buchklub (1966) hinzugekauft. Vier Jahrzehnte bleiben die Buchklubs das Kerngeschäft des Unternehmens. Zur Absicherung aber tritt Holtzbrinck zunehmend als Verleger auf und kauft sich bei Zeitungen und Zeitschriften ein. Vor allem an Buchverlagen ist der ehemalige Jurastudent Holtzbrinck interessiert. Als der Verlagsgründer 1983 stirbt, arbeitet sein ältester Sohn Dieter bereits drei Jahre im Unternehmen als Geschäftsführer (beim Handelsblatt). Im Unternehmen erwirbt sich der Sohn schnell Respekt, als er nach dem Tod des Vaters die Führung übernimmt und den radikalen Umbau des Unternehmens vorantreibt. Dazu gehört die vorher gemiedene Expansion auf internationale Märkte (Auslandsanteil 2001: 40%). 1986 kauft Holtzbrinck in den USA den Buchverlag Henry Holt und die "Scientific-American-Gruppe", 1994 das angesehene New Yorker Buchhaus Farrar, Straus & Giroux, 1995 für knapp 600 Mio. DM eine 70,8-prozentigen Anteil an dem britischen Großverlag Macmillan. Zudem wird das Forschungsinstitut Prognos AG in Basel mehrheitlich übernommen. Gleichzeitig entschließt sich Holtzbrinck - zunächst in enger Allianz mit dem Münchner Filmhändler Leo Kirch - zum Vorstoß in die elektronischen Medien. Holtzbrinck wird 1983 Gründungsgesellschafter beim TV-Sender Sat.1, hält dort nach einer Reorganisation im Jahr 1986 15% der Anteile und verkauft sie schließlich Ende 1996 für knapp 200 Mio. DM an Kirch. Der Wetter- und Reisekanal, an dem Holtzbrinck ein Viertel der Anteile hielt, stellt 1998 nach kurzer Zeit den Betrieb wieder ein. Außerdem beteiligt sich der schwäbische Unternehmer mit 25% am Nachrichtenkanal n-tv, um das Wirtschaftsfernsehen voranzutreiben, und baut diesen Anteil bis auf 47% aus. Jedoch verkauft die Stuttgarter Gruppe Mitte 2002 die Senderanteile - zusammen mit Beteiligungen an zwölf Radiostationen - an den Bertelsmann-Konzern (Bertelsmann in der Mediendatenbank). Dieter von Holtzbrinck kaufte zudem in kurzer Folge die Zeitungen "Main-Post" (1992), "Tagesspiegel" in Berlin (1992), und "Trierischer Volksfreund" (1993). Ein Höhepunkt der Offensive ist 1996 der Kauf der angesehenen Wochenzeitung "Die Zeit" (Auflage: rund 480.000) für 140 Millionen Mark vom alleinigen Gesellschafter Gerd Bucerius. Den Akquisitionen steht eine wesentliche interne Bereinigung gegenüber: 1989 reicht Holtzbrinck den Deutschen Bücherbund, das einstige Herzstück des Unternehmens, für 250 Mio. DM an Kirch weiter. Die Zeit für Buchklubs sei vorbei, erklärte Holtzbrinck, und merkte seinerzeit an, dass das auch für das Unternehmen Bertelsmann gelte, das den Bücherbund 1992 von Kirch kaufte. Noch Mitte der Achtziger hatten die Buchklubs jede zweite Mark im Unternehmen erwirtschaftet. Auch von der Musikfirma Intercord trennt sich Holtzbrinck - sie geht an EMI. Und schließlich werden auch die Druckereien Claussen & Bosse und Franz Spiegel Buch verkauft. Zum 1. Januar 1999 führt der Unternehmer fünf eigene Verlage mit sieben Verlagen der katholischen Weltbild-Gruppe aus Augsburg in einer gemeinsame Verlagsgruppe zusammen, die unter dem Namen Droemer Knaur firmiert. Im Juni 2002 übernimmt Holtzbrinck den angeschlagenen Berliner Verlag, zu dem auch die "Berliner Zeitung" gehört, von Gruner + Jahr. Das unter kartellrechtlichen Vorbehalten abgewickelte Geschäft gerät zum Desaster für die Stuttgarter Verlagsgruppe. Das Bundeskartellamt untersagt die Transaktion mit Hinweis auf Holtzbrincks marktbeherrschende Stellung bei den Berliner Abonnementzeitungen, die entstünde, wenn "Tagesspiegel" und "Berliner Zeitung" in Zukunft von einem Unternehmen verlegt würden. Holtzbrinck beantragt am 14. Januar 2003 beim damaligen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) eine Ministererlaubnis, um das Veto der Kartellbehörde zu umgehen. Um die Zustimmung Clements zu bekommen, schlägt Holtzbrinck ein Stiftungsmodell vor. Nach diesem soll die Redaktion des "Tagesspiegel" in eine Gesellschaft überführt werden, deren Unabhängigkeit durch ein neunköpfiges Kuratorium überwacht werden soll. Rechtlich gesehen kann Clement die Erlaubnis nur erteilen, wenn "gesamtwirtschaftliche Vorteile" bzw. "ein überragendes Interesse der Allgemeinheit" schwerer wiegen als die Konzentrationsbedenken. Am 13. Mai erteilt Clement daher einen Zwischenbescheid, in dem Holtzbrinck aufgefordert wird, sechs Wochen lang nach Käufern für den "Tagesspiegel" zu suchen. Wäre kein Käufer gefunden worden, hätte Clement die Erlaubnis erteilen können. Kurz darauf melden die Verlagsgruppen Bauer und Ippen ihr Kaufinteresse an. Im September 2003 verkauft die Holtzbrinck-Gruppe den "Tagesspiegel" an ihren früheren Manager Pierre Gerckens zu einem Vorzugspreis (von 10 Millionen Euro war die Rede, der Konzern äußerte sich dazu nicht). Danach scheint der Weg frei für die Übernahme der "Berliner Zeitung", aber das Bundeskartellamt verbietet diese zum zweiten Mal im Ferbuar 2004, da die an Gerckens verkauften "Tagesspiegel"-Anteile noch immer dem Konzern zuzurechnen seien. Daraufhin klagt Holtzbrinck vor dem OLG Düsseldorf und dem BGH gegen die Entscheidung des Bundeskartellamts, allerdings ohne Erfolg. Als Konsequenz verkauft der Konzern im Oktober 2005 den Berliner Verlag an ein angloamerikanisches Investorenkonsortium (VSS) und die Mecom-Group. Der Brite David Montgomery, Vorstandsvorsitzender der Mecom Group, leitet als Aufsichtsratschef seitdem die Geschicke des Berliner Verlags.

Unternehmensgründer Georg von Holtzbrinck im Dritten Reich

Nach zehn Jahren Forschung legte der Journalist Thomas Garke-Rothbart im November 2008 seine wissenschaftliche Studie über die Wurzeln des Unternehmens vor, die den Unternehmensgründer und Namensgeber Georg von Holtzbrinck und seine Zeit während der NS-Zeit betreffen. Der Titel lautet "... für unseren Betrieb lebensnotwendig ..."; die Studie erschien im K.G. Saur-Verlag. Garke-Rothbart begann das Projekt, nachdem die US-Zeitschrift "Vanity Fair" 1998 die NSDAP-Parteikarte des Verlagsgründers Georg von Holtzbrinck abgedruckt und einen Bericht über seine "dunkle Vergangenheit" publiziert hatte. Offiziell beginnt die Verlagsgeschichte erst 1948. Als Garke-Rothbart zur Überraschung der Verlegerfamilie private Dokumente in einem öffentlichen Archiv fand, erklärte sich die Familie bereit, ihn zu unterstützen, indem sie Akten zur Verfügung stellte, Kontakte zu Zeitzeugen und Archiven ermöglichte und einen Teil der Recherchekosten übernahm.

Der Historiker Wolfgang Benz schrieb im Holtzbrinck-eigenen Tagesspiegel, die Studie sei von "akribischer Recherche" geprägt. Positiv wertete er den Verzicht des Autors auf moralische Anklage. Es sei "keine elegante Darstellung", aber sie sei "höchst willkommen und aufschlussreich", urteilte Benz. Denn Georg von Holtzbrinck sei "ein wichtiger Akteur" in der Buchhandels- und Verlagsgeschichte im Dritten Reich gewesen. Er war Mitglied der NSDAP, aber nicht als fanatischer Nazi in Erscheinung getreten.

Benz bilanziert: "Die Geschichte des Unternehmers Georg von Holtzbrinck im Dritten Reich ist so unspektakulär wie bedrückend. Er war kein fanatischer Ideologe, kein bösartiger Antisemit, kein wilder Militarist, er hat sich nur einfach angepasst. Um des Geschäftserfolgs willen. Wenn er mit der offiziellen Linie vielleicht einmal nicht einverstanden war, hat er es niemanden merken lassen. Das aber hat den Erfolg des NS-Regimes ermöglicht – die Anpassungsfähigkeit, der Opportunismus, das Schweigen so vieler." Nach dem Krieg beklagte er die drei verlorenen Jahre wegen seines Entnazifizierungsverfahrens, das ihn als Mitläufer einstufte.

"Zu unserem großen Bedauern", teilten die Kinder Monika Schoeller von Holtzbrinck, Dieter und Stefan von Holtzbrinck in einem Statement mit, sei das NS-Regime "in alle Lebens- und Arbeitsbereiche und damit auch in das verlegerische Handeln unseres Vaters eingedrungen". Mit dem neuen Buch zur verlegerischen Rolle Georg von Holtzbrincks im Dritten Reich, heißt es weiter, werde ein "bislang weitgehend unbekanntes Teilstück der deutschen Buchhandelsgeschichte in der Nazi-Zeit bekannt. Im Interesse der erwünschten rückhaltlosen Aufklärung wurden alle in Familien- und Unternehmenshand befindlichen Materialien zur Verfügung gestellt und die akademische Arbeit unterstützt. In Summe erschlossen sich nahezu dreißig Archive zwischen Washington und Moskau, alle aufgefundenen Dokumente stehen der weiteren Forschung zur Verfügung."

Dieter von Holtzbrinck Medien

2006 war Dieter von Holtzbrinck aus dem Aufsichtsrat ausgestiegen und wollte sich eigentlich ganz auf den Aufbau einer Stiftung konzentrieren, in die er sein Vermögen einbrachte. Das Unternehmen und seine gut 15.000 Mitarbeiter wurden fortan von seiner Schwester Monika Schoeller und seinem Halbbruder Stefan von Holtzbrinck geführt, die ihrem Bruder jährlich rund 30 Millionen Euro zahlen mussten. Dazu waren sie offenbar nicht mehr in der Lage: Aufgrund der Wirtschaftskrise musste das Unternehmen 2008 Wertberichtigungen in Höhe von 35 Millionen Euro vornehmen.

Am 26. März 2009 überraschten die beiden Halbbrüder Stefan und Dieter von Holtzbrinck die Öffentlichkeit mit der Nachricht, Dieter kehre zum 1. Juni in das Verlagsgeschäft zurück. Das Comeback - laut dem Medienwissenschaftler Horst Röper ein „sehr ungewöhnlicher und merkwürdiger Vorgang“ (Stuttgarter Nachrichten) - entsprach einer Auszahlung in Naturalien: Ein Kaufpreis wurde nicht genannt, doch Dieter von Holtzbrinck übernahm die Handelsblatt-Gruppe u.a. mit dem Handelsblatt und der Zeitschrift Wirtschaftswoche, außerdem die Tagesspiegel-Gruppe in Berlin sowie 50 Prozent der ZEIT. Ab einem Zeitpunkt zwischen 2011 und 2021 wolle sich Dieter von Holtzbrinck jedoch wieder ganz seiner Stiftung zuwenden, sagte er in einem Interview mit dem Handelsblatt.


Dossier

Medienpolitik

Die neuen technischen und inhaltlichen Entwicklungen der digitalen Medien sind eine Herausforderung für Medienmacher, Publikum und Politik. Journalisten müssen beispielsweise immer mehr Informationskanäle beobachten und große Mengen an Daten auswerten. Für die Bürger können die Veränderungen in der Medienlandschaft zu einer stärkeren (politischen) Beteiligung führen und Medien werden genutzt, um für politische Belange Aufmerksamkeit zu erzeugen. Neue Entwicklungen wie soziale Medien oder das Internet der Dinge werden bezüglich des Daten- und Verbraucherschutzes kontrovers diskutiert. Das Dossier möchte Grundlagen zum Rundfunk- und Medienrecht vermitteln, die neuen Herausforderungen und Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen und eine kritische Auseinandersetzung mit der sich ständig wandelnden Welt der Medien und der sie regulierenden Medienpolitik fördern.

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