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1.9.2012

8. ZDF

Umsatz 2011: € 1,993 Mrd.

Management

Die Führung des ZDF zeichnet sich durch Kontinuität aus. In der gesamten Sendergeschichte gab es bislang nur fünf Intendanten. Auf Karl Holzamer folgte 1977 der Berufsoffizier, Diplomat und ehemalige Regierungssprecher Karl-Günther von Hase, der 1982 durch den bis 2002 amtierenden Dieter Stolte abgelöst wurde. Stolte war zuvor Holzamers persönlicher Referent sowie u. a. Programmdirektor beim Südwestfunk in Baden-Baden. Er führte die 19-Uhr-Anfangszeit für die ZDF-Hauptnachrichten („heute“) ein: „Dieter Stolte hat Mediengeschichte nicht nur geschrieben, sondern sie auch gestaltet. ... Der Bogen von Stoltes Programmentscheidungen spannt sich bis zur Schemareform 1998, in der er den ehemaligen ’Unterhaltungsdampfer’ ZDF in die Spur eines führenden Informations- und Dokumentationssenders brachte. Gerade im offenen Wettbewerb mit den kommerziellen Anbietern bewies Stolte das Stehvermögen und die Ausdauer, seine Spur auch inhaltlich zu halten“, lobte ihn sein Nachfolger Markus Schächter, der nach langwieriger Kandidatenkür ab März 2002 als ZDF-Intendant amtierte.

Schächter, der sich u. a. gegen den ARD-Programmdirektor Günter Struve durchsetzte, war zuvor im ZDF durch nahezu alle Abteilungen gegangen und zuletzt als Programmdirektor tätig. Im Dezember 2005 wurde er vorzeitig für eine zweite fünfjährige Amtszeit wiedergewählt, die am 15. März 2007 begann. Der Senderchef, geboren am 31. Oktober 1949 im pfälzischen Hauenstein, studierte Geschichte, Politologie, Publizistik und Religion in München, Lyon, Paris und Mainz. Nebenher arbeitete er frei für den damaligen Südwestfunk (SWF) und das ZDF sowie die Nachrichtenagentur dpa in Paris. Nach dem Staatsexamen war er ab 1974 zunächst fester Freier, später fest angestellter Kulturredakteur im SWF-Landesstudio Rheinland-Pfalz in Mainz. Nach einer Tätigkeit als Pressesprecher des rheinland-pfälzischen Kultusministeriums unter der Ressortchefin Hanna-Renate Laurien (CDU) trat er 1981 in das ZDF ein und war unter anderem Referent des damaligen Programmdirektors Alois Schardt, anschließend bis 1985 Redaktionsleiter Kultur und Gesellschaft und bis 1992 Leiter der Redaktion Kinder und Jugend. 1993 übernahm er die Leitung der Hauptabteilung Programmplanung, ab 1998 amtierte er als Programmdirektor, bevor er schließlich am 15. März 2002 Intendant des Senders wurde. Im Januar 2004 ernannte die Hamburger Hochschule für Musik und Theater ihn zum Professor.

Im Vergleich zu seinem mitunter autokratisch amtierenden Vorgänger Stolte gilt Schächter als pragmatischer Teamspieler. Eine Besonderheit des ZDF ist die Trennung von Programm- und Chefredaktion nach der politischen „Farbenlehre“, die aufgrund des ausgeprägten Konkurrenzverhältnisses beider Bereiche mitunter zu Blockaden bei der Entwicklung neuer Formate führt. Programmdirektor ist der als CDU-nah geltende Thomas Bellut, Chefredakteur der zunächst als SPD-Kandidat gehandelte Nikolaus Brender, der vom WDR kam und bei der „Elefantenrunde“ nach der Bundestagswahl 2005 durch ein scharfes Rencontre (siehe Youtube) mit dem gerade abgewählten SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder auffiel. 2009 wurde Schächter mit einem Emmy ausgezeichnet (ZDF-Pressemitteilung) - und doch schien er seit der Aufregung um Nikolaus Brender (s.u.) angeschlagen.

Mit Bezügen von rund 299.000 Euro im Jahr lag Schächter nicht an der Spitze, aber in der Spitzengruppe deutscher Sender-Intendanten - das zeigte sich, als 2010 entsprechende "Rankings" möglich wurden: Nachdem zunächst der dazu gesetzlich neu verpflichtete WDR und dann die Mehrzahl der ARD-Anstalten die Gehälter ihrer Geschäftsleitungen publiziert hatten, veröffentlichte im September 2010 auch das ZDF das Gehalt seines Intendanten.

Anfang 2011 kündigte er an, sich nicht mehr zur Wiederwahl zu stellen, obwohl eine solche durchaus möglich gewesen wäre. 2012 folgte ihm sein Wunschkandidat nach: der vorherige Programmdirektor Thomas Bellut. Bei der feierlichen Verabschiedung wurde als eine von Schächters größten Leistungen hervorgehoben, dass er das ZDF aus der "Gefangenschaft des Einkanalsenders" befreit habe.

Die "Affäre Brender"


Diese Personalie erregte nicht nur 2009/10 viel Aufsehen, sondern wird das ZDF und die öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft noch beschäftigen, bis das Bundesverfassungsgericht ein Urteil gefällt hat: Im März 2009, als Unions-Politiker im ZDF-Verwaltungsrat, insbesondere der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch, die von Schächter vorgeschlagene Vertragsverlängerung für Chefredakteur Brender verhindern wollten, flammten Diskussionen über den starken Einfluss der Parteien auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erneut auf (z.B. Frank Schirrmacher in der "FAZ": "Angriff auf das ZDF"). Die Personalie wurde bis nach der Bundestagswahl im Herbst vertagt - und dann rasch entschieden: Trotz eines offenen Briefes von 35 Verfassungsrechtlern ("FAS") und eines im Internet von fast 39.000 Menschen unterzeichneten Appells für die Rundfunkfreiheit - um nur zwei von zahllosen Initiativen für Brender zu nennen - beschloss der Verwaltungsrat auf einer in der Medienbranche und im Internet (Liveblog auf Carta) viel beachteten Sitzung am 27.11.2009 in Berlin, Brenders Vertrag nicht zu verlängern. Intendant Schächter erklärte (PDF) am selben Tag: "Ich habe kein Verständnis dafür, dass sogar mein mit Nikolaus Brender abgestimmter Versuch, die festgefahrene Situation durch einen Kompromiss zu lösen, nämlich eine verkürzte Beauftragung bis Januar 2012, nicht mehrheitsfähig war". Dennoch unterbreitete er, wie es die herkömmlichen ZDF-Abläufe vorsehen, demselben Verwaltungsrat einen anderen Personalvorschlag, den das Gremium kurz darauf durchwinkte (siehe "taz"): Zum 1. April 2010 wurde der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin, Peter Frey, neuer ZDF-Chefredakteur. Seine Nachfolge trat die Leiterin der Hauptredaktion Innen-, Gesellschafts- und Bildungspolitik, Bettina Schausten an. Frey gilt als eher linksliberal, Schausten als CDU-nah.

Insofern blieb das beim ZDF traditionelle parteipolitische Gleichgewicht gewahrt. Doch der im Sender (wie in den ARD-Anstalten) gern gepflegte Anschein der Staatsferne ist seitdem recht ramponiert. 2010 hielten die Diskussionen an, auch Brenders selbst wegen: Noch vor seinem Abschied vom ZDF sprach er in einem provokanten "Spiegel"-Interview von einem "Spitzelsystem" innerhalb des Senders und von "Inoffiziellen Mitarbeitern, wirklich vergleichbar mit den IM der DDR", die den großen Parteien Senderinterna zutragen würden. Diese Aussagen zogen unter anderem wiederum eine Entgegnung des Intendanten ("in der Sache falsch und in der Form maßlos und inakzeptabel") nach sich. Seit 2011 liegt als Nachhall der Personalie der ZDF-Staatsvertrag dem Bundesverfassungsgericht zur Überprüfung vor. Nachdem ein Normenkontrollverfahren der Grünen scheiterte, brachte schließlich die SPD (die mit Kurt Beck den Vorsitzenden des Verwaltungsrats stellt) eines auf den Weg.

Einstweilen bleibt im ZDF-Verwaltungsrat alles fast beim Alten. Den im März 2011 ausgeschiedenen, in die Privatwirtschaft wechselnden Ex-Ministerpräsidenten Roland Koch (der bei der Ablösung Brenders eine führende Rolle gespielt hatte) ersetzte Stanislaw Tillich - der Ministerpräsident Sachsens (ebenfalls CDU). Der Verwaltungsrats-Vorsitzende Beck wurde im Juli 2012 wiedergewählt.

Mittleres Management
Unterhalb der Direktorate existiert im ZDF ein ebenfalls politisch austariertes System von Hauptabteilungs- und Abteilungsleitern. Das Management des ZDF ist durch Binnenrekrutierung und eine Sozialisation nach der Hausphilosophie geprägt. Dieses System führt zu Stabilität und einiger Gelassenheit, aber häufig auch zu verzögerten Reaktionen auf Trends in der medialen Umwelt.

2008 wurde Heike Hempel, bis dahin u. a. Leiterin der renommierten Redaktion "Das kleine Fernsehspiel", Leiterin der ZDF-Hauptredaktion "Unterhaltung - Wort". Im Juni übernahm der für den erfolgreichen Start der ZDF-Mediathek zuständige Leiter der Hauptredaktion Neue Medien, Robert Amlung, die Leitung des neugeschaffenen, in der Intendanz angesiedelten Bereichs "Digitale Strategien des ZDF". 2009 ging der langjährige Fernsehspielchef und stellvertretende Programmdirektor Hans Janke in den Ruhestand. Sein Nachfolger ist Reinhold Elschot, der zuvor die Filmproduktions-Firma Network Movie (eine ZDF-Tochter) leitete.

Intendant Thomas Bellut

Im Juni 2011, in dem das ZDF seinen 50. Geburtstag beging (weil am 6. Juni 1961 der ZDF-Staatsvertrag unterzeichnet wurde), ging die Wahl seines fünften Intendanten reibungslos vor sich: Am 15. März 2012 übernahm der bisherige Programmdirektor Thomas Bellut (Jahrgang 1955) Schächters Nachfolge als Intendant. Von 73 bei der Wahl-Sitzung in Berlin anwesenden Mitgliedern des ZDF-Fernsehrats stimmten 70 für Bellut, sodass die erforderliche Drei-Fünftel-Mehrheit weit übertroffen wurde.


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