Mikrofonpult

10.8.2015 | Von:
Claudia Gerhards

Besser Fernsehen – mit dem Internet?

Die Zukunft des Fernsehens

Erste Live-Sendung aus den USA über den Kommunikationssatelliten Telstar.Erste Live-Sendung aus den USA über den Kommunikationssatelliten Telstar. (© picture-alliance/Harry Flesch)


Wird klassisches Fernsehen, das von Fernsehsendern angeboten wird, also in Zeiten von Internetfernsehen aussterben? Ein Blick in die Mediengeschichte zeigt, dass alte Medienformen nie gänzlich verdrängt werden, sondern auch in einer veränderten Medienlandschaft stets ihren Platz behalten. Dies dürfte auch für klassisches Fernsehen gelten (man spricht vom sog. Riepl'schen Gesetz, das 1913 von Wolfgang Riepl am Beispiel des Informationswesens des Altertums formuliert wurde und aufzeigt, dass in Zeiten von Medienbrüchen ‚alte‘ Medien nie gänzlich durch neue substituiert werden).

Die Fernsehnutzungszahlen der ARD/ZDF-Onlinestudie aus dem Jahr 2014 zeigen schließlich (Gesamtbevölkerung ab 14 J.), dass mit 237 Minuten pro Tag (93 %) der Fernsehkonsum weiterhin vor allem linear stattfindet[13], also zu den von den Fernsehprogrammanbietern vorgegebenen Zeiten am TV-Gerät ferngesehen wird. Hinzu kommen 3 Minuten (1 %) zeitversetzte TV-Nutzung und 15 Minuten (6 %) Online-Nutzung von Fernsehsendungen und Videos anderer Anbieter über den Ausspielweg Internet, wobei 8 Minuten auf Fernsehsendungen und 7 Minuten auf Videos fallen[14] (siehe Abbildung unten).

Mit seinen zeitlich vorgegebenen Programmen offeriert die klassische Form des Fernsehens schließlich "Orientierungspunkte, strukturiert den Alltag und vermittelt das Gefühl der Verbundenheit"[15]. In einer Welt, die von einem "Always-Online"-Modus geprägt ist und uns immerfort abverlangt, weiter zu klicken und zu agieren, kann es durchaus entlastend sein, bei der Bewegtbildnutzung eben nicht zu interagieren, sondern schlicht in einer sog. "Lean-Back"-Haltung fernzuschauen. Birgit Stark spricht in diesem Zusammenhang von "stabilen Nutzungsroutinen", die durch die "originären Eigenschaften des Mediums" geprägt sind[16].

Schaut man sich in der ARD/ZDF-Onlinestudie die Fernsehnutzungsformen bei den 14- bis 29-Jährigen an, so ist erkennbar, dass auch hier die klassische, lineare Fernsehnutzung führend ist, aber die Online-Nutzung von Bewegtbildern, die nicht von Fernsehsendern stammen, deutlich ausgeprägter ist als bei der Gesamtbevölkerung. Die klassische, lineare Fernsehnutzung liegt bei den 14- bis 29-Jährigen bei 126 Minuten pro Tag (79 %). Hinzukommen 2 Minuten (1 %) zeitversetztes Fernsehen und 32 Minuten (20 %) Online-Nutzung von Fernsehsendungen und Videos anderer Anbieter via Internet. Die 32 Minuten Online-Nutzung teilt sich in 11 Minuten Fernsehinhalte und 21 Minuten sonstige Bewegtbildinhalte auf[17].

xNutzung von TV linear, TV zeitversetzt und TV-Sendungen sowie Videos via Internet (linear und zeitversetzt). Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2014. Grafik zum Download. Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Schon heute ist zu beobachten: "Das Verständnis von Fernsehen ändert sich, nicht nur, weil Fernsehen über neue Zugangswege (IP-Protokoll) und auf weiteren Plattformen angeboten wird", sondern auch weil Video-Sharing-Plattformen, Online-Videotheken oder Websites mit Bewegtbildern "ausgebaut werden und sich damit Fernsehsendungen und weitere Inhalte sozusagen ‚fernsehlike‘ vermischen"[18]. So gesehen ist das „Internet an sich keine Konkurrenz zum Fernsehen, sondern vielmehr kommt über einen neuen Zugangsweg eine weitere Nutzungsoption für das Fernsehen komplementär hinzu“[19]. Konkurrierend ist also nicht der Zugangsweg, sondern die Angebotsvielfalt. Entsprechend muss auch der Fernsehbegriff – wie Beate Frees richtig konstatiert[20] – der Angebotsvermehrung Rechnung tragen und erweitert werden: Fernsehen meint heutzutage das Anbieten und Nutzen von Bewegtbildern, unabhängig davon, ob sie von einem Fernsehsender stammen, oder auf welchem Endgerät sie übertragen werden.

Quellentext

Fazit

Wenn man den Fernsehbegriff um professionell produzierte Inhalte erweitert, dann schauen die Zuschauer von heute demnach nicht weniger, sondern diversifizierter fern – in Summe wird mehr ferngesehen.

Quelle: Beate Frees, Media-Perspektiven 8/2014 S.419

So betrachtet bricht mit den neuen Bewegtbildangeboten und Inhalteproduzenten jenseits klassischer Fernsehsender gerade erst "das Goldene Zeitalter des Fernsehens" an. Schließlich erlebt Fernsehen – wie Jeff Bewkes, Präsident und COO von Time Warner ausführt, – "eine der erstaunlichsten Wachstumsgeschichten […], und zwar in jedem einzelnen Land. Es gibt keinen Teil des Fernsehgeschäfts, der nicht wächst: die Produktionen, die Zahl der Sender, die Zeit, die die Menschen mit Fernsehen verbringen, die Vielfalt der Programme, die Werbegelder und die Geräte, auf denen man fernsehen kann[21]."

Was zukünftig weiter beobachtet werden muss, ist der Wandel im Mediennutzungsverhalten, der sich heute bereits bei den 14- bis 29-Jährigen abzeichnet. Danach befragt, ob sich der Konsum von Programmen von Fernsehsendern verändert hat, seitdem es Videoportale wie YouTube gibt, gibt laut ARD/ZDF-Onlinestudie (2014) jeder Dritte (33 %) der 14- bis 29-Jährigen an, weniger klassisches Fernsehprogramm zu sehen; für 52 % hat sich nichts geändert, 10 % der unter 30-Jährigen schaut mehr klassische Fernsehsendungen[22]. Diese Selbsteinschätzung der Befragten macht die Wettbewerbssituation zwischen den Programmen von Fernsehsendern und denen von Video-Sharing-Plattformen deutlich und zeigt, dass die Angebote der klassischen Fernsehsender im Aufmerksamkeitsranking bei unter 30-Jährigen offenbar unter Druck geraten sind.

Auch wenn sich mit dem Aufkommen von Video-Sharing-Plattformen (die ARD/ZDF-Onlinestudie verwendet hierfür die Bezeichnung "Videoportale") die Nutzungsgewohnheiten – zumindest bei der jungen Altersgruppe – verschieben, so ist dennoch nicht davon auszugehen, dass klassisches Fernsehprogramm damit obsolet wird. Gerade was die Internet- und Interaktionsmöglichkeiten am smarten Fernsehgerät angeht, bleibt abzuwarten, in welchem Umfang diese tatsächlich von den Zuschauern angenommen und genutzt werden. Wie oben bereits dargestellt wurde, ist die Anschlussquote von Smart-TV-Geräten ans Internet derzeit noch sehr gering: In nur 9,5 % der deutschen Haushalte, die über Smart-TV-Geräte verfügen, ist das Gerät tatsächlich auch mit dem Internet verbunden[23].

Funktionen von Video-Sharing-Plattformen und Fernsehprogrammen für den Zuschauer

Danach befragt, aus welchen Motiven heraus Fernsehprogramme und Videoportale geschaut und welche Funktionen ihnen jeweils zugeschrieben werden, geben in der ARD/ZDF-Onlinestudie (2014) die Probanden (Onlinenutzer ab 14 Jahren) an, mit Fernsehprogramm folgende Funktionen zu verbinden[24]:
  1. Verlässlichkeit der Sendezeit (32 %),
  2. Information (27 %),
  3. Gesprächsstoff (15 %),
  4. Entspannung (14 %) und
  5. Alltagsnützlichkeit (13 %)
Vergleiche hierzu auch die folgende Abbildung:

Aussagen zum Fernsehprogramm. Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2014Aussagen zum Fernsehprogramm. Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2014. Grafik zum Download. Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Mit der Nutzung von Videoportalen hingegen verbinden die Nutzer u.a. folgende Funktionen[25]:
  1. Uneingeschränkte Verfügbarkeit (39 %),
  2. Humor (22 %),
  3. Angebotsbreite (21 %),
  4. Entspannung (16 %) und
  5. Information (15 %)
Vergleiche hierzu auch die folgende Abbildung:

Aussagen zu VideoportalenAussagen zu Videoportalen. Quelle: Koch/Liebholz, S. 402, ARD/ZDF-Onlinestudie 2014. Grafik zum Download. Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Beim Fernsehprogramm ist das Informationsmotiv nach der Verlässlichkeit der Sendezeiten also der Bereich, der die zweithöchste Zustimmung erlangt. Bei Videoportalen rangiert nach der uneingeschränkten Verfügbarkeit der Humor als wichtigstes Nutzungsmotiv. Welche Bewegtbildformen für den Zuschauer als ‚besser‘ bewertet werden, hängt letztendlich also davon ab, was seine konkreten Nutzungsmotive besser befriedigen kann.

Bemerkenswert sind allerdings die Zahlenwerte der 14- bis 29-Jährigen: 35 % von ihnen sagen, dass Videoportale eine echte Alternative zu klassischem Fernsehen darstellen (bei der Gesamtstichprobe der Onlinenutzer ab 14 Jahren liegt der Wert bei nur 16 %). Neben der Angebotsbreite (42 %), Humor (42 %) und Entspannung (33 %) sind Videoportale für sie Gesprächsstoff (25 %) und dienen auch der Information (23 %)[26].

Regulierungsfragen: Werbezeiten, Jugendschutz, Datenschutz

Die Konvergenz der Technologien und Endgeräte und der Umstand, dass Fernsehen heutzutage nicht nur klassisches Fernsehprogramm von Fernsehsendern meint, sondern auch die Bewegtbilder von Video-Sharing-Plattformen, Online-Videotheken oder Websites umfasst, haben Auswirkungen auf die rechtlichen Regulierungsfragen. Besonders offensichtlich wird der Bedarf nach einer Neujustierung der bisherigen Medienregulierung, wenn man sich vor Augen führt, dass am Smart-TV-Gerät zwei Medienformen (Rundfunk und Internet) in einem Endgerät verschmelzen, für beide aber eine unterschiedliche Regulierungsdichte gilt. Die Regulierung von Rundfunkinhalten ist bisher wesentlich strikter angelegt als die Regulierung von Internetinhalten. Besonders betroffen sind die Werberichtlinien, der Jugendschutz und der Datenschutz.

Im klassischen Fernsehen sind die Dauer und die Frequenz von Werbeunterbrechungen durch den Rundfunkstaatsvertrag streng geregelt und eingeschränkt. Bei öffentlich-rechtlichem Fernsehen darf die Gesamtdauer von Werbung höchstens 20 Minuten werktäglich im Jahresdurchschnitt betragen. Auch dürfen nach 20 Uhr und an Sonn- und Feiertagen keine Werbesendungen ausgestrahlt werden (§ 16, Abs. 1, Rundfunkstaatsvertrag 2013). Für private Rundfunkanbieter gilt die 12-Minuten-Regel: Der Anteil an Fernsehzeit für Werbespots und Teleshopping-Spots darf innerhalb einer Stunde nicht mehr als 12 Minuten betragen (§ 45, Abs. 1 Rundfunkstaatsvertrag 2013). Im Internet hingegen gibt es keine Auflagen hinsichtlich des zeitlichen Einsatzes und der Dauer von Werbung.

Auch beim Jugendschutz liegt eine regulatorische Ungleichbehandlung von Fernsehen und Internet vor: Im frei empfangbaren Fernsehen dürfen z. B. sog. "relativ unzulässige Inhalte – wie etwa einfache Pornografie[27]" – nicht ausgestrahlt werden, im Internet jedoch schon, wenn der Anbieter sicherstellt, dass ausschließlich Erwachsene zu den Inhalten Zugang erhalten. In der Praxis geschieht dies über Altersverifikationssysteme. Im Rundfunk sind Inhalte gemäß § 4 Abs. 2 JMStV (Jugendmedienschutz-Staatsvertrag) dagegen grundsätzlich unzulässig.

Ein ähnliches Problem stellt sich bei der Ausstrahlung von altersbeschränkten Filmen ein. Im frei empfangbaren Fernsehen können Filme mit einer Altersfreigabe von 16 Jahren erst nach 22:00 Uhr ausgestrahlt werden. Eine Verbreitungsbeschränkung gilt zwar auch für das Internet (so ist es im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) zumindest festgelegt), wobei diese aber "aufgrund der riesigen Menge und den vielen ausländischen Angeboten eine mehr theoretische Regelung" ist[28]. Auch hier stellt "sich die Frage nach der weiteren Sinnhaftigkeit der traditionellen regulatorischen Ungleichbehandlung"[29], wenn doch die unterschiedlichen Bestimmungen durch Zusammenführung zweier Medien in einem Endgerät umgangen werden können.

Hinzukommen Datenschutz-Problematiken, die im traditionellen, linearen Fernsehen bislang keine Rolle gespielt haben. Durch die Kombination von Fernsehempfang und Internetverbindung am smarten Fernsehendgerät kann das individuelle Nutzungsverhalten über den Rückkanal erfasst und ausgewertet werden. Fernsehsender, Gerätehersteller wissen nun, wann der Fernsehzuschauer umschaltet, parallel im Internet surft, oder sich über den Red-Button Waren bestellt. "Während das Erstellen und Auswerten von Nutzungsprofilen (Tracking) im Online-Bereich üblich ist, erwartet es der Fernsehzuschauer […] bis dato nicht"[30]. Auch hier wird über regulatorische Maßnahmen beraten werden müssen, auch wenn der Verein Deutsche Plattform-TV, in welchem u. a. Fernsehgerätehersteller und TV-Sender Mitglieder sind, jüngst im Rahmen der freiwilligen Selbstkontrolle Leitlinien zum verantwortlichen Umgang mit Daten auf Smart-TV beschlossen hat[31].

Regulatorische Herausforderungen

Die medienpolitische Debatte über die regulatorischen Herausforderungen steht erst noch am Anfang. Die bisher geltende Regulierung wurde in der Audiovisuellen Medienrichtlinie der EU festgelegt und im Jahr 2010 durch den 13. Rundfunkänderungsstaatsvertrag (RStV) in deutsches Recht übertragen. Sie richtet sich nach technologischen Verbreitungswegen und unterscheidet zwischen linearen Diensten (über Rundfunk verbreitete Inhalte) und nicht-linearen Diensten (über Internet verbreitete Inhalte). Für diese gilt, wie oben bereits beschrieben wurde, eine abgestufte Regelungsdichte.

Mittlerweile ist die zuständige Europäische Kommission jedoch der Überzeugung, dass in Zeiten der fortschreitenden Konvergenz von Rundfunk und Internet eine regulatorische Trennung nach linearen und nicht-linearen Verbreitungswegen nicht mehr zeitgemäß ist und ein technologieneutraler und inhaltsorientierter Ansatz gefunden werden muss. Sie veröffentlichte im April 2013 ein sog. "Grünbuch" ("Grünbuch über die Vorbereitung auf die vollständige Konvergenz der audiovisuellen Welt: Wachstum, Schöpfung und Werte"[32]). Hierbei handelt es sich um ein Diskussionspapier, mit dem Ziel, im Dialog mit den Mitgliedstaaten einen Regulierungsrahmen zu entwickeln, der der Konvergenz der Medientechnologien Rechnung trägt. Nach der Veröffentlichung des Grünbuchs wurden in der Mitgliederstaaten ausgewählte Interessenvertreter (u. a. Rundfunkanbieter, Netzbetreiber, Kinderschutzvereinigungen, Digital- und Internetfirmen, Behörden) konsultiert und von der EU-Kommission gebeten, Stellungnahmen zu den im Grünbuch formulierten Fragen abzugeben. Eine Zusammenfassung der eingegangenen Stellungnahmen[33] veröffentlichte die Kommission im September 2014. Darin wird deutlich, dass die Akteure ganz unterschiedliche Interessen verfolgen, und die Empfehlungen an die EU-Kommission äußerst divergent ausfallen.

Dies zeigt sich allein schon in den Stellungnahmen der deutschen Akteure. Der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), in welchem u.a. die Sendergruppen RTL und ProSiebenSat.1 vertreten sind, fordert die EU-Kommission auf, die an den technischen Übertragungsweg regulatorisch gekoppelte Trennung in lineare und nicht-lineare Dienste künftig aufzugeben[34]. Insbesondere spricht er sich für eine Deregulierung der Werbung aus, so dass Rundfunkanbieter an Smart-TV-Geräten nicht länger durch quantitative Beschränkungen benachteiligt werden. Diese Forderung resultiert daraus, dass der private Rundfunk sich schließlich in der Hauptsache über Werbung finanziert und die bisherige regulatorische Ungleichbehandlung zwischen Rundfunk und Internet aus seiner Perspektive eine Wettbewerbsverzerrung darstellen muss. Auch in puncto Jugendschutz fordert der VPRT eine Deregulierung. Es solle, unter Beibehaltung von gewissen Mindeststandards, nur reguliert werden, "wo dies zwingend erforderlich ist"[35]. Neue Regulierungsmodelle müssten auf einem freiwilligen Ansatz beruhen und das Instrument der Selbstregulierung nutzen[36].

Ganz anders positionieren sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter. Sowohl die ARD als auch das ZDF sprechen sich in ihren Stellungnahmen[37] dafür aus, weiterhin zwischen linearen und nicht-linearen Angeboten mit abgestufter Regulierungsdichte zu unterscheiden. Dreh- und Angelpunkt ihrer Argumentation ist, dass – trotz zunehmender Konvergenz – auch in Zukunft die lineare Fernsehnutzung „einen sehr hohen Stellenwert“[38] einnehmen und für die öffentliche Meinungsbildung eine zentrale "Orientierungs- und Leitfunktion"[39] wahrnehmen werde. Somit müsse die regulatorische Ungleichheit zwischen Rundfunk- und Internetangeboten weiterhin aufrechterhalten werden. Hinsichtlich der bisherigen Werberegulierung erkenne man zwar an, dass eine zeitliche Beschränkung auf die 12-Minuten-Regel in Zeiten von Video-On-Demand nicht mehr sinnvoll ist[40], zugleich macht zumindest die ARD in ihrer Stellungnahme unmissverständlich deutlich, dass eine zeitliche oder wie auch immer geartete Einschränkung der Werbung im Umfeld von redaktionellen Inhalten als unabdingbar angesehen wird[41]. Ökonomisch betrachtet ist das Festhalten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter an den strengen Werberichtlinien einfach zu erklären. Sie, die durch Gebühren subventioniert werden, haben keinerlei Nutzen von einer Deregulierung. Im Gegenteil: Eine Deregulierung würde ihre Wettbewerber, die Privaten, die sich durch Werbung finanzieren, nur weiter stärken und deren Erlösmöglichkeiten steigern.

In Sachen Jugendschutz sprechen sich die Öffentlich-Rechtlichen dafür aus, bisherige Regelungen der Audiovisuellen Medienrichtlinie neu zu justieren, da durch die Möglichkeiten eines Rückkanals bei konvergenten Endgeräten auch neue Gefahren lauerten. Keinesfalls dürfte es dabei aber zu einer Absenkung des strengen Jugendschutzniveaus kommen, das für lineare Dienste gelte. Vielmehr solle das hohe Jugendschutzniveau für lineare Inhalte der Maßstab für die Entwicklung von neuen Schutzstandards in konvergenten Welten sein.

Auch der deutsche Bundesrat beschloss am 5. Juli 2013 eine Stellungnahme mit folgenden zentralen Eckpunkten: Er spricht sich für die Einführung "gemeinsamer Regeln für die Inhalte unabhängig von der technischen Verbreitung"[42] aus, befürwortet eine Deregulierung der quantitativen Werberegeln und "strebt den Erhalt der hohen Standards beim Jugend-, Daten- und Verbraucherschutz an, wie er heute im Bereich der linearen Medien eine Selbstverständlichkeit ist." Damit nimmt er zentrale Forderungen sowohl der Privaten als auch der Öffentlich-Rechtlichen auf.

Ausblick

Das Verständnis von Fernsehen ändert sich in Zeiten, in denen Programme von Fernsehsendern Konkurrenz durch Videoportale, Streamingdienste, Onlinevideotheken etc. bekommen haben. Diese neue Angebotsvielfalt hat, wie die ARD/ZDF-Onlinestudie 2014 zeigt, erste Auswirkungen auf das Mediennutzungsverhalten, vor allem bei den Jüngeren.

Beate Frees geht davon aus, dass sich der Wandel "langsam bzw. im Wechsel der Generationen"[43] fortsetzen wird, eine radikale Entwicklung, die in der Substitution von klassischem Fernsehprogramm gipfelt, ist aber nicht zu erwarten. Birgit Stark zufolge sind "Fernsehnutzungsgewohnheiten einem beständigen Wandel, aber keiner radikalen Veränderungen" unterlegen[44]. Den "Hype um den interaktiven Zuschauer" sieht sie daher kritisch und als "technologisch konstruiert"[45]. Vom Zuschauer gelernte Funktionen des klassischen Fernsehens, wie die Alltagsstrukturierung durch die von Sendern vorgegebene Programmabfolge, würden von Vertretern, die eine Revolution im Fernsehmarkt erwarten, außer Acht gelassen.

Von einer tiefgreifenden Veränderung des Fernsehmarkts geht hingegen die Prognose einer führenden Beratungsgesellschaft aus: Ihr zufolge würde es in wenigen Jahren nur noch wenige große Sender geben, die klassisches, lineares Programm anbieten, während kleinere Sender aus dem Markt gedrängt und ganz auf den Online-Bereich umsteigen würden. Da zukünftig deutlich weniger Zuschauer klassisches Fernsehen konsumierten, so die Annahme, müssten sie von den Sendern daher mit besonderen Qualitätsprogrammen hofiert werden. So betrachtet würde das Internetfernsehen in der Tat auf ganzer Linie einen Gewinn für den Zuschauer darstellen, da es nicht nur eine Fülle an neuen Online-Angeboten liefert, sondern durch die Wettbewerbssituation auch dazu beiträgt, das ‚alte‘ Fernsehen der Fernsehsender weiterzuentwickeln[46].

Fußnoten

13.
vgl. Frees, S. 418
14.
vgl. ebd. Blickt man nicht alleine auf die Gesamtbevölkerung, sondern auf die 14- bis 29-Jährigen, ergeben sich allerdings andere Werte: 91 % lineare, 1 % zeitversetzte und 8 % Online-Nutzung. Diese Werte entsprechen exakt den 2013 erhobenen Datensätzen, vgl. Frees/ Eimeren 2013.
15.
vgl. Frees/Eimeren 2011, S. 355
16.
vgl. Stark S. 37
17.
vgl. Frees, S. 418
18.
vgl. Frees, S. 419
19.
vgl. Frees, S. 417
20.
vgl. Frees, S. 419
21.
vgl. Hülsen/Rosenbach, S. 134
22.
Koch/Liebholz S. 404. Schaut man sich die Geschlechterverteilung in dieser Altersgruppe der Onlinenutzer an, so sieht man, dass es insbesondere die Männer sind, die weniger klassisches Fernsehen konsumieren. Von den unter 30-jährigen Männern geben 41 % an, mittlerweile weniger fernzuschauen, während es bei den gleichaltrigen Frauen 25 % sind.
23.
vgl. Fuchs/Hamann, S. 41ff.
24.
vgl. Koch/Liebholz S. 402
25.
vgl. Koch/Liebholz S. 402
26.
Vgl. Koch/Liebholz S. 402
27.
vgl. Dreyer S. 49
28.
vgl. Gottberg/Graubner S. 60
29.
vgl. Dreyer S. 53
30.
Godefroid/ Kreber/ Kühnle/ Zöllner S. 33
31.
Deutsche Plattform TV 2014
32.
Europäische Kommission (2013a)
33.
Europäische Kommission (2013b)
34.
VPRT S. 17
35.
ebd.
36.
vgl. ebd.
37.
vgl. ARD 2013; ZDF 2013
38.
vgl. ARD S. 17
39.
vgl. ARD, S. 22
40.
vgl. ZDF S. 26
41.
vgl. ARD S. 22
42.
vgl. Bundesrat Absatz 6
43.
vgl. Frees S. 419
44.
vgl. Stark S. 38
45.
ebd.
46.
vgl. Interview mit Sebastian Blum, Geschäftsleitungsmitglied bei Booz & Company