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Skala auf einem Transistorradio

26.6.2012 | Von:
Inge Seibel-Müller

Wie viel Lokales darf's denn noch sein?

"Es gibt kein klassisches Medium, das so gut wie das Radio mit dem Netz interagieren kann. Das ist unsere Zukunftsgarantie", glaubt Michael Mennicken. Seit 2004 ist der gebürtige Aachener Chefredakteur von Antenne Düsseldorf. Das lokale Stadtradio hat gerade sein Programm relauncht und neue Schwerpunkte gesetzt. Dazu gehören: mehr Orientierungshilfe für den Hörer im Informationsdschungel, eine Verlängerung der Radiomarke ins Netz und die Fokussierung auf weniger, dafür aber relevantere lokale Wortinhalte.

Als "Medienwandel light" bezeichnet Mennicken die bisherigen Modernisierungsversuche der Radioprogramme. Man sei zwar bei Twitter, Facebook und mit schicker Homepage im Netz. Doch der Klang, die Konzepte und die innerredaktionellen Strukturen seien die gleichen geblieben. Sendeuhren, Musiklaufpläne, Nachrichtenpräsentationen, funktionierten nach alten Maßstäben und Richtlinien. Auch inhaltlich habe sich wenig gewandelt: die gleichen Themenfelder, die gleichen Präsentationsformen. Auf den Radiotagen in Tutzing im Juni 2012 präsentierte Mennicken, der seine Radiokarriere vor vielen Jahren als Praktikant bei "Radio Neandertal" begann, den Kolleginnen und Kollegen aus öffentlich-rechtlichen und privaten Radiostationen seine Zukunftsvisionen für ein Lokalradio wie Antenne Düsseldorf.

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Weg mit den "bunten" Meldungen

Sein Blick nach vorn beginnt mit einer Rückschau. In der Vergangenheit klang Antenne Düsseldorf laut Mennicken wie ein "klassisches" Lokalradio: "Sehr Spaß orientiert, ein meist gut gelaunter Frühmoderator, viel Comedy, viel Gewinnspiel. Vom Niveau her sehr flach." Das änderte sich 2009. Der Sender nahm seine potentielle Hörerschaft genauer unter die Lupe und stellte ein hohes Bildungsniveau fest. Statistische Zahlen belegen, dass rund 60 Prozent der Düsseldorfer Abitur oder einen höheren Abschluss vorweisen können. Um aus diesem Potential zu schöpfen, wurde das Programm anspruchsvoller konzipiert und die Rolle des Moderators gestärkt. Von nun an sollte er nicht mehr nur Beiträge ansagen, sondern bereits mit harten Fakten Fachkompetenz nachweisen, um so auch wesentlich informierter in die bei den Radiostationen mittlerweile beliebteste Stilform des "Kollegengesprächs" einzusteigen.

Die Zahl der Moderationsbeiträge wurde von vier auf acht verdoppelt. Eine "dynamische" Sendeuhr garantiert seitdem, dass nicht jede Morgensendung gleich klingt und der Hörer sich anfängt zu langweilen, weil er bereits weiß, was ihn jeden Morgen um die gleiche Zeit erwartet. Der Themenfokus verlagerte sich auf Infos aus Politik, Wirtschaft und Servicethemen. "Bunte" Meldungen wurden ins Wochenende verlagert: "Das liegt unterhalb der Relevanzgrenze dessen, was die Hörer nach unseren Untersuchungsergebnissen im Programm hören möchten", sagt Mennicken.

Das Lokalradio wird weniger lokal

"Durch all diese Veränderungen mutete das Programm nicht nur frischer an, es machte den Moderatoren auch mehr Spaß", stellte der Chefredakteur zufrieden fest. Zwischen 2009 und 2011 steigerte Antenne Düsseldorf laut Umfrageergebnissen seine Quote um 7 Prozent. Mittlerweile ist die Tendenz eher sinkend, so dass vor wenigen Tagen ein weiterer Relaunch im Programm stattfand.

Blick in die Redaktionsräume von Antenne Düsseldorf.Blick in die Redaktionsräume von Antenne Düsseldorf.
Neueste Entwicklung bei Antenne Düsseldorf etwas spitz formuliert: Das Lokalradio wird weniger lokal. "Das basiert auf einer Hörerbefragung, welche Themen morgens erwünscht sind", erklärt Mennicken. "Wir mussten feststellen, dass unter den Top Fünf der beliebtesten Themen, lokale Politik mit 31 Prozent nur noch auf Platz vier rangiert." Im Ranking hätten nationale Politik, Wirtschaft und Soziales, gefolgt von internationaler Politik, die Nase vorn. Erst an fünfter Stelle interessierten sich die Befragten für das Thema Bildung.

Weitere Erkenntnisse laut Mennicken: "Ganz anders als noch vor wenigen Jahren interessiert Klatsch über Prominente mit zehn Prozent kaum noch jemanden. Auch Kinotipps könnten demnächst aus dem Programm von Antenne Düsseldorf fallen, denn die Zuhörerschaft von 45 plus kennt die meisten der Schauspieler gar nicht und schaltet bei solchen Themen eher ab."

Medienwandel verändert das Themenspektrum im Lokalradio

Und weil das alles vor fünf Jahren noch ganz anders aussah, glaubt Mennicken, dass sich hier ein viel zu selten beachteter inhaltlicher Medienwandel vollzogen hat. So staunten der Chefredakteur aus Düsseldorf und seine Mannschaft, dass selbst das Thema Sport, mal abgesehen vom Fußball und Berichten über Fortuna Düsseldorf, auf wenig Interesse stoße. Schließlich stellte sich noch heraus, dass fast ein Drittel der Zuhörer bei den Lokalnachrichten zur halben Stunde Informationen aus aller Welt vermisste. Die Konsequenz für die neuesten Veränderungen im Programm: "Wir werden die Weltnachrichten am Morgen noch mehr abbilden und dafür die Lokalnachrichten ein Stück weiter zurücknehmen", sagt Michael Mennicken. Auch zur halben Stunde wurden die überregionalen Schlagzeilen verlängert und dafür die Lokalnachrichten um eine Meldung gekürzt.

Mennicken geht noch weiter: "Wir wollen uns in Zukunft mehr an der tagesaktuellen Themenlage orientieren und danach jeden Tag neu gewichten, welchen Stellenwert lokale Informationen einnehmen. Das trauen wir uns. Interessant ist für uns nicht länger, was lokal passiert, sondern nur noch, was lokal interessiert." Zum Relevanz-Gedanken gehört auch: Weniger Themen, dafür öfters. War es früher ein Tabu, Beiträge im Tagesverlauf zu wiederholen, soll das nun zum Prinzip werden. "Es wäre doch verschenkt, einen guten Beitrag, der um 6.07 Uhr läuft und den nur drei Prozent unserer Hörer mitbekommen, nicht um 8.15 Uhr zu wiederholen. Es hören ja ganz andere um diese Uhrzeit zu", ist sich der Chefredakteur des Lokalradios sicher.

Ran an die Tabus

Daniel Fiene und  Chefredakteur Michael Mennicken von Antenne Düsseldorf.Daniel Fiene und Chefredakteur Michael Mennicken von Antenne Düsseldorf.
Die Relevanzschwelle ist bei Antenne Düsseldorf nach oben gerutscht, weniger wichtiges wandert auf die Homepage im Netz oder die Facebook-Site des Senders. Umdenken sei angesagt: "Brauchen wir noch Verkehrshinweise, Wetterberichte - wenn eine App das aktueller leisten kann?" Michael Mennicken will alle Traditionen des Lokalradios in Augenschein nehmen und vor keinen Tabus halt machen, um die Zukunft seines Lokalradios zu sichern. Und weil sich das Arbeitsumfeld in den Medien und im Radio in wahnsinnig rasantem Tempo ändere, gehöre auch die Weiterbildung zum Erfolgsrezept - nicht nur bei den Volontären und Redakteuren, sondern auch und gerade bei den Chefs. Mennicken geht mit gutem Beispiel voran. Seit drei Semestern belegt er einen berufsbegleitenden Fernstudienlehrgang zum Online-Radio-Master an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Radio muss seine Marke im Netz stärken

"Das Netz ist für unsere Hörer eine Lebenswelt, daher muss es ins Programm. Wir überlegen jetzt bei Antenne Düsseldorf, 'online first' zu machen", sagt Michael Mennicken. Der Radiomann aus Düsseldorf verrät den Zuhörern in Tutzing schmunzelnd, nach drei Semestern Onlinestudium habe er zwar auch noch kein Patentrezept gefunden, wie Radio im Internet Geld verdienen könne, aber eines gehöre zur Überlebensstrategie des Lokalradios: "Wir müssen unsere Marke im Netz hochhalten und stärken."
Antenne Düsseldorf stellt seinen Hörern kostenlos eine Auswahl an Düsseldorf-Motiven, gebrandet mit dem Senderlogo, für ihre Facebook-Site zur Verfügung.Antenne Düsseldorf stellt seinen Hörern kostenlos eine Auswahl an Düsseldorf-Motiven, gebrandet mit dem Senderlogo, für ihre Facebook-Site zur Verfügung. (© Antenne Düsseldorf / Ronny Hendrichs.)

Den Einwand, Radio verliere damit seinen Aktualitätsvorsprung, will Mennicken nicht gelten lassen. Dieser Gedanke sei "old-school". Wichtig sei, dass der Hörer/User sich erinnere: Das habe ich zuerst bei Antenne Düsseldorf gehört. Egal ob "On-Air" oder im Netz. Im vergangenen Jahr hat es Antenne Düsseldorf ausprobiert. Da kam es auf dem Werksgelände der Chemiefabrik Henkel zu einer gewaltigen Explosion. Via Facebook und Homepage aktualisierte der Sender seine Informationen genau so schnell wie im Radio und war dem Ansturm im Netz binnen kurzem nicht mehr gewachsen. Doch die Kommunikation mit den Hörern war so intensiv wie noch nie, und viele Hörer versorgten den Sender mit neuesten Informationen. "Wir haben viel daraus gelernt", sagt Mennicken.

Radio als Servicedienstleister durch den Internetdschungel

Homepage, Twitter und Facebook - das alles sei schön und gut. Jetzt aber bräuchten die Sender Online-Mitarbeiter, die den Content betreuen. Bei Antenne Düsseldorf ist dafür Daniel Fiene zuständig. Er konzipierte auch für das Lokalradio die "Sendung mit dem Internet", die 2010 von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen mit dem Hörfunkpreis ausgezeichnet wurde. "So ein Daniel Fiene müsste eigentlich in jeder Redaktion rumlaufen und als Seismograph durch die ganze Welt reisen. Das ist ein Stück weit unsere Zukunft", glaubt Mennicken. Er hat schon ein trimediales Konzept für eine Youtube-Show im Kopf und kann nicht verstehen, dass der beliebte Videokanal im Radio kaum eine Rolle spielt. Wie die Sendung klingen soll, das weiß Mennicken noch nicht so genau: "Wir müssen experimentieren und darüber nachdenken. Erfahrungen sammeln, die wir in den nächsten Jahren brauchen werden."

Besorgte Zuhörer fragten sich in Tutzing, wo denn bei all den Veränderungen das Alleinstellungsmerkmal des Lokalradios bleibe. "Keine Sorge", meinte Mennicken, "wir sind in Düsseldorf weiter aktiv mit Off-Air-Aktionen, unsere Moderatoren kommen von hier. Der Themenmix wird weniger kleinteilig, dafür denken wir nicht mehr in Kästchen." Überregionale Themen werden so weit möglich auch weiterhin auf ihre konkrete Relevanz für das Sendegebiet geprüft und entsprechend lokal "heruntergebrochen". Außerdem denkt der Senderchef darüber nach, ob möglicherweise örtliche Blogger in das Programm von Antenne Düsseldorf eingebunden werden können.

Tagungsmitschnitt

(19.06.2012 - Tutzinger Radiotage)

Michael Mennicken, Chefredakteur von Antenne Düsseldorf, referierte auf den Tutzinger Radiotagen über die Zukunft des Lokalradios.


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