Wissen und Eigentum

18.10.2006 | Von:
Volker Grassmuck

Wissenskontrolle durch DRM: von Überfluss zu Mangel

5. Die Nutzer

"Trusted Systems setzen voraus, dass der Verbraucher unehrlich ist."[42]

DRM ist das in Technologie gegossene Misstrauen gegenüber den Nutzern. Es beruht auf einem Angreifermodell, bei dem der Kunde, dem das Endgerät und das Medium gehört, der Feind ist. Zugleich heißt es gebetsmühlenhaft in sämtlichen Veröffentlichungen der DRM-Branche, dass in erster Linie er es sei, für den sie sich den ganzen Ärger mache. Hier z. B. die Fassung des CMLA: "Verbraucher werden von der erwarteten Verfügbarkeit von aufregenden Premium-Inhalten und der Einführung von neuen Nutzungsmodellen profitieren, die der CMLA durch seine vertrauenswürdige DRM-Umgebung ermöglichen möchte. Der CMLA ist gegründet worden, um den lang erwarteten Wunsch des Verbrauchers [sic!] zu verwirklichen, Zugang zu ihren bevorzugten Inhalten (so wie Musik, Video-Clips und Spiele) in Geräten zu haben, die dafür entworfen worden sind, ihre Nutzererwartungen zu erfüllen."[43]

Dahinter steht natürlich der lang gehegte Wunsch, dass der Kunde einen möglichst hohen Umsatz produzieren möge. Die Voraussetzung dafür ist, dass ihm die Möglichkeit genommen wird, statt Musik immer wieder neu in Formaten zu kaufen, die die Produzentenerwartungen erfüllen, sie einfach aus der eigenen CD-Sammlung oder aus dem Radio z. B. als Klingelton oder als MP3-Stück aufs Handy zu spielen, dass also der Mangel, den die digitale Revolution abgeschafft hat, mit Hilfe von DRM neu etabliert wird. Dass der Kunde zum Gegner wird, hat seine Entsprechung im eingangs genannten grundlegenden Paradox, dass das Geschäft der Verleger darin besteht, Zugang zu verhindern statt ihn anzubieten.

Zuweilen fällt es schwer, sich nicht an Orwellschen Neusprech ("Krieg ist Frieden") erinnert zu fühlen. Dass uns mehr Geld und mehr Rechte abgenommen werden, liege in unserem ureigensten Interesse, denn wenn die Industrie mehr an uns verdient, biete sie uns auch mehr Produkte an. Unwirksame Technologie wird als "wirksame technische Maßnahme" vom Gesetz geschützt. Der Staat soll gleichzeitig das Urheberrechtsmonopol und den freien Markt schützen. Die Beschränkung von Optionen führt zu mehr Optionen.[44] Einschränkung ist Freiheit.[45] Aus der paradoxen Grundkonstellation vom Kunden als Gegner ergeben sich die schwerwiegenden strukturellen Probleme von DRM:[46]
  • Die Kosten für die großindustrielle DRM-Infrastruktur tragen letztlich die Kunden.
  • Der Datenschutz und das Recht auf anonymen Medienkonsum[47] werden von DRM systematisch ausgehöhlt.[48]
  • Die Sicherheit, die DRM-Systeme angeblich erhöhen sollen, wird durch eine Fülle neuer Angriffskanäle gefährdet.[49]
  • DRM schafft das Urheberrecht ab, das bislang auch die Interessen der Informationsnutzer z. B. an einer zustimmungsfreien Privatkopie gesichert hat, und ersetzt es durch private Regelungen und Vergütungen.[50] Bildet der Kunde als Gegner den Hauptkampfplatz von DRM, so ist die weitere Entmachtung der Urheber und ihrer kollektiven Interessenvertretungen sein zweites Ziel.
  • Freie Software, die sich wachsender Beliebtheit erfreut, wird von DRM ausgeschlossen, denn die Modifikationsfreiheit, auf der sie beruht, soll mit Hilfe von DRM ja gerade verhindert werden.
  • Die Innovationsfreiheit wird in einer von DRM durchzogenen, auf Rechtekontrolle hin optimierten, von Umgehungsverbot, Patentansprüche, Technologielizenzen und Marktkonzentration kontrollierten IT-Landschaft stark eingeschränkt.
  • DRM bedroht die informationelle Nachhaltigkeit. Zur langfristigen Bewahrung müssen Daten regelmäßig kopiert und konvertiert und ihre Laufumgebungen emuliert werden, was DRM gerade verhindern soll.
  • DRM verhindert die Überbrückung der digitalen Spaltung. Das internationale Urheberrecht erkennt Entwicklungsländern besondere Nutzungsprivilegien zu, die die Rechteindustrie mit Hilfe von DRM ausschalten kann. Zugleich macht DRM Inhalteanbieter abhängig von Technologiefirmen in der ersten Welt.[51]
Und während die schädlichen Effekte von DRM real sind, hält es nicht einmal, was sich seine Betreiber davon versprechen. Den Technikern zufolge, die es eigentlich am besten wissen müssten, ist DRM nutzlos,[52] dumm[53] und vergeblich.[54] Macht nichts, sagen die Marketingleute derselben Unternehmen, es reicht aus, wenn es einen Großteil der Menschen von unauthorisierten Nutzungen abhält. Falsch, sagt das so genannte "Darknet-Papier": Wenige Experten, die ein DRM knacken können, bedeutet natürlich nicht, dass auch nur wenige freigesetzte Werke zirkulieren. Vielmehr lässt sich eine Umgehung in ein Programm gießen, das dann ohne Expertenwissen von allen zu bedienen ist.[55] Kurz: "DRM bürdet der Öffentlichkeit, den aufführenden Künstlern und den Urhebern, den Lehrern und kulturellen Einrichtungen schreckliche Kosten auf, und es bietet dafür keinerlei Vorteile. DRM ist ein System, um den Künstlern und Urhebern und der Öffentlichkeit weniger Freiheit zu liefern, aber dafür mehr Geld zu verlangen. Es ist nichts als Kosten ohne jeden Gewinn."[56]6. Clash of Cultures

Die Frage, wer das Wissen kontrolliert, wird zunehmend zu der Frage danach, wer die technologische Umwelt kontrolliert, in der das digitalisierte Wissen existiert. Die digitale Revolution hat einen Clash of Cultures ausgelöst, den Mike Godwin auf die Formel "Hollywood Versus the Internet" gebracht hat. Auf der einen Seite stehen die Industrien der alten Medien, die ihre Kunden als "Konsumenten" ansehen, auf der anderen stehen die Informatikindustrien, die ihre Kunden als Anwender oder Nutzer sehen. Hier herrscht die Struktur der Massenmedien mit zentralen Sendern und passiven, allenfalls "superdistribuierenden" Konsumenten. Dort ein Produktionswerkzeug mit einem Netzwerk, in dem jeder Empfänger auch ein Sender ist. Hier werden Couchpotatoes mit Medienkonserven gefüttert, dort trägt man zum Empowerment, einer Befähigung und Aktivierung der Nutzer bei. "DRM überall dort [in die Architektur des PCs] einzubauen, – zu beschränken, wie Computer ihre Basisfunktionen ausüben –, erscheint der Tech-Fraktion beinah wie die Bemühung, aus dem Computer etwas anderes als einen Computer zu machen – ein digitales Haushaltsgerät vielleicht, oder etwas mit einem besonderen Anwendungsgebiet, wie ein Toaster. Eine solche Bemühung hätte zum Ergebnis, dass die Philosophie der Nutzer-Ermächtigung, die die PC-Revolution zuallererst voran getrieben hat, ungeschehen gemacht würde."[57]

Noch widersetzt sich der PC seiner Umwandlung von einem frei programmierbaren Allzweck-Computer in einen Verkaufskanal der Unterhaltungsindustrie. Anders sieht es bei Special-Purpose Plattformen aus, wie Set-Top Boxen, Spielekonsolen und Handies. Besonders im boomenden Mobilmarkt prallen die beiden Kulturen derzeit aufeinander. Wird das Terminal für den Zugang zum M-Space ein DRM-kontrolliertes Handset sein oder eine UMTS-Karte im Laptop? Wer wird in der Konvergenz von Mobiltelefonie, Digitalmedien und Massenmedien den Ton angeben? Konvergieren die drei zu einem interaktiven Shopping-Kanal oder wird das Funknetz zu nichts als einem weiteren Bestandteil des offenen Internet?

Letztlich werden die Nutzer entscheiden. Meine Vermutung ist, dass an der an PC und Internet gebildeten Medienkompetenz und Erwartungshaltung kein Digitalmedium vorbei kommen wird. Dies wird von ersten Untersuchungsergebnissen bestätigt. Eine Umfrage aus dem Februar 2005 unter 4 852 Internet-Nutzern in sieben europäischen Ländern ergab, dass diese kein DRM wollen. Selbst wenn Produkte mit Nutzungsbeschränkungen nur halb so teuer wären, wie uneingeschränkte, zieht eine deutliche Mehrheit der Befragten ihre Freiheit vor.[58]

Techniker und digital kompetente Vertreter der Unterhaltungsindustrie wissen das auch ohne Umfragen. Das Darknet-Papier ist überzeugt, dass sich am Ende dieses technologischen Irrwegs die Erkenntnis durchsetzen werde: "Wenn du mit dem Darknet konkurrierst, musst du das zu den Bedingungen des Darknets selbst tun: d. h. Bequemlichkeit und geringe Kosten, statt zusätzliche Sicherheit."[59] Zum selben Schluss kam der Berliner Medienberater Hubert Gertis bei seiner Geschichte des Musikmarktes auf einem DRM-Symposium: "Don't sue the ocean, surf the waves!"[60]


[42] Stefik (1996).
[43] [http://www.cm-la.com/about/faq.aspx#qa1].
[44] "Die Fähigkeit von Content-Besitzern, die Verwendung ihrer Werke zu beschränken, könnte zu einer größeren Zahl von Optionen und einem breiteren Spektrum von Wahlmöglichkeiten für die Verbraucher führen." (Einhorn/Rosenblatt 2005, S. 3).
[45] "Die Fähigkeit, den Wert einer jeden Dienstleistung in Geld umzumünzen, könnte die Hersteller dazu führen, eine große Zahl von Verbraucherrechten anzubieten, die die gesetzlichen Schrankenbestimmungen (Fair Use) nicht abdecken." (Ebd., S. 8.)
[46] Zur Kritik an DRM und zu einem Alternativmodel vgl. Kompensation ohne Kontrolle (2004).
[47] Vgl. Cohen (1996) und Dix (2002).
[48] Die WIPO-Experten lassen daran keinen Zweifel: "Es gibt sehr reale und verständliche Befürchtungen über das Ausmaß, in dem jegliche DRM-Infrastruktur, die Wirksamkeit beim Schutz von geistigem Eigentum zeigt, zugleich ein vollständig unakzeptables Eindringen in das private und geschäftliche Leben der Menschen bedeutet." (WIPO SCCR/10/2 2003)
[49] Die zahlreichen Online-Operationen (Erstlizenzierung, Authentifizierung, Lizenzauffrischung, Widerrufung usw.) bieten auch Trojanern, Viren und anderen Schädlingen Zugang, wie ein Befall des Windows Media Players im Januar 2005 zeigte. Microsofts Antwort: it's not a bug, it's a feature. (Microsoft: No flaw in Media Player, ZDNet Asia 17.1.2005, [http://www.zdnetasia.com/news/security/
0,39044215,39213482,00.htm
]).
[50] Vgl. Bechtold (2002), S. 269 ff. und Hilty (2003), S. 52 f.
[51] Vgl. Electronic Frontier Foundation u. a. (2005).
[52] Biddle u. a. (2002).
[53] "Meine persönliche Meinung (ohne für IBM zu sprechen) ist, dass DRM dumm ist, weil es niemals wirksam sein kann und weil es bestehende Verbraucherrechte wegnimmt." (Safford 2002)
[54] "Digitale Dateien können genausowenig unkopierbar gemacht werden, wie man Wasser dazu bringen kann, nicht nass zu sein." (Schneier 2001)
[55] Biddle u. a. (2002).
[56] Electronic Frontier Foundation u. a. (2005); vgl. auch Gilmore (2001).
[57] Godwin (2002).
[58] INDICARE (2005).
[59] Biddle u. a. (2002).
[60] Auf dem Symposium "DRM und Alternativen" (2004).


Literatur

Bechtold, Stefan (2002): Vom Urheber- zum Informationsrecht. Implikationen des Digital Rights Management, München.

Biddle, Paul/England, Peter/Peinado, Marcus/Bryan Willman, Bryan (Microsoft Corporation) (2002): The Darknet and the Future of Content Distribution. 2002 ACM Workshop on Digital Rights Management, 18. November 2002, Washington/DC, http://crypto.stanford.edu/DRM2002/darknet5.doc

Clark, Charles (1996): The Answer to the Machine is in the Machine, in: Bernt Hugenholtz (Hrsg.): The Future of Copyright in a Digital Environment, Den Haag u. a., S. 139–148.

Cohen, Julie E. (1996): A Right to Read Anonymously: A Closer Look at "Copyright Management", in: Cyberspace, 28 Conn. L. Rev 981, http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=17990

Dix, Alexander (2002): Digitales Urheberrechts-Management (DRM) und Datenschutz. Statement auf der Konferenz "II. Digital Rights Management 2002", Berlin, 30. Januar 2002, http://www.lda.brandenburg.de/sixcms/
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Einhorn, Michael A./Rosenblatt, Bill (2005): Peer-to-Peer Networking and Digital Rights Management. How Market Tools Can Solve Copyright Problems, Cato Institute, Policy Analysis No. 543, 17. Februar 2005, http://www.cato.org/pub_display.php?pub_id=3670

Electronic Frontier Foundation (EFF) u. a. (2005): Digital Rights Management: A failure in the developed world, a danger to the developing world. Eingabe der EFF und anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen an die ITU, März 2005, http://www.eff.org/wp/digital-rights-management-failure-developed-world-danger-developing-world

Gilmore, John (2001): What's Wrong With Copy Protection, 16 Februar 2001, http://www.toad.com/gnu/whatswrong.html

Godwin, Mike (2002): Hollywood versus the Internet, updated 12.6.2002, http://cryptome.org/mpaa-v-net-mg.htm

Grassmuck, Volker (2002): Freie Software. Zwischen Privat- und Gemeineigentum, Bonn 2002. Hilty, Reto (2003): Urheberrecht im digitalen Dilemma, in: Max-Planck-Forschung 2/2003, S. 48–53.

INDICARE (2004), state-of-the-art-report, Dezember 2004, http://www.indicare.org/tiki-download_file.php?fileId=60

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Kreile, Reinhold (1998) in: GEMA News, 157, 1998.

Long, Roderick T. (1995): The Libertarian Case against Intellectual Property Rights, Formulations Herbst 1995, http://libertariannation.org/a/f31l1.html

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Safford, David (2002): IBM Research "Clarifying Misinformation on TCPA", Oktober 2002, http://www.research.ibm.com/gsal/tcpa/tcpa_rebuttal.pdf

Schneier, Bruce (2001): The Futility of Digital Copy Prevention, in: Crypto-Gram Newsletter, 15. Mai 2001, http://www.schneier.com/crypto-gram-0105.html

Stefik, Mark (1996): Letting Loose the Light: Igniting Commerce in Electronic Publication, in: Mark Stefik (Hrsg.): Internet Dreams: Archetypes, Myths and Metaphors, Cambridge/Mass.

Symposium "DRM und Alternativen" (2004): Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt-Universität zu Berlin, 30./31. Januar 2004, http://waste.informatik.hu-berlin.de/Grassmuck/drm/

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