Dossierbild Afrikanische Diaspora

10.8.2004 | Von:
Lacina Yeo

Die Rehabilitierung "Schwarz-Afrikas" in der schönen Literatur

1960-2000

Identitätsprobleme im postkolonialen Afrika

Dem politischen Programm der untersuchten Autoren liegt ein kulturkritischer Diskurs zugrunde, der ein zentrales Motiv in der literarischen Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit nach 1960 darstellt: Es geht nämlich um die Identitätsfrage der kolonisierten Völker Afrikas nach dem Zusammenbruch der Kolonialherrschaft. Mit den Worten "Ich wollte typisch Neger sein, das war nicht mehr möglich. Ich wollte weiß sein – das war eher zum Lachen"[11], hatte Fanon beispielsweise schlagende Argumente an die Hand gegeben, um die aus dem europäischen Kolonialismus sich ergebende kulturelle Entwurzelung der versklavten und kolonisierten Schwarzen herauszustreichen.

Auf die Ausdrucksform einer solchen kulturellen Entwurzelung lenkt Hubert Fichte unsere Aufmerksamkeit, als er im Zuge einer Reise nach Afrika konstatierte:
    "Ende 1974 kam der Informationsminister Guineas, Behanzin einige Monate nach Dahomey. / Behanzin ist Fon [...] Behanzin spricht in der Königsstadt Abomey vor Studenten. / Auf Französisch. / Die Studenten reden ihn in seiner Muttersprache Fon an. / Er kann ihnen nicht mehr auf Fon antworten."[12]
Demgegenüber sprechen sich die untersuchten Autoren für die Überwindung des Kolonialismus und des Neokolonialismus sowie für das Verbannen von Rassismus und kulturellen Stereotypen aus. Sie plädieren für eine Akzeptanz Afrikas in seiner Eigenartigkeit. Die Bemühungen der Protagonisten Wenstrup und Gotschalk in Timms "Morenga", eine afrikanische Sprache zu lernen, dient hierbei zum paradigmatischen Beispiel:
    "Wenstrup lernte Nama, indem er auf verschiedene Gegenstände zeigte, die der Junge dann benannte: Baum, Strauch, Sonne, Wolke, Weg, was dann wiederum Wenstrup nachlallte. Schon nach zwei Tagen beteiligte sich auch Gotschalk an diesem Sprachunterricht."[13]
Die Forderung, Afrika in seinen eigenen Begriffen zu lesen, wird ebenfalls von Hubert Fichte durch die Aufnahme afrikanischer Begriffe in seinen Texten erprobt, z.B. in Stellen aus dem Werk "Psyche" (1990), das posthum erschienen ist: "Xamb", "N'Doep", "N'Doepkat", "Rhab", "Gourdiguène", "Grigri", "Djinné".

Dieser ethnopoetisch geprägte Darstellungsmodus, der den Anspruch auf Sachlichkeit, Originalität und literarische Kreativität erhebt, verweist auf eine erzähltechnische Affinität zwischen Fichte und dem politisch-engagierten ivorischen Schriftsteller Ahmadou Kourouma. Das Besondere an Kouroumas Werk ist die Übertragung des ursprünglich oralen Vortrags in die Schriftlichkeit der Belletristik. Kourouma "afrikanisiert" die französische Sprache, indem er die Syntax und Bildsprache der Malinke, seiner Volksgruppe, in seine Texte integriert. Indem die von uns untersuchten deutschen Autoren eine afro-zentristische Wahrnehmungsperspektive (Betitelung mancher Werke mit einem afrikanischen Namen, z.B. "Morenga", Uwe Timm) entwickeln, rütteln sie das Bewusstsein des (europäischen) Lesers zu einer Lektüre Afrikas in seinen eigenen Begriffen wach. Damit markieren sie ihre politischen Zielsetzungen.

Ausblick

Das programmatisch-soziale Engagement der meisten Autoren mündet in eine ausgeprägte Versöhnungsstrategie zwischen der "Dritten" und der "Ersten" Welt. Es wird eine Denkkonstruktion entwickelt, die offensichtlich auf eine Dekonstruktion des Rand-Zentrum-Binarismus, des Metropole-Kolonie-Verhältnisses zielt. Dass hiermit Afrika und Afrikanern ein starkes Interesse entgegengebracht wird, kommt in manchen Buchtiteln und -untertiteln deutlich zum Ausdruck: z.B. "Psyche: Annäherung an die Geisteskranken in Afrika" [14]; "Annäherung an die traditionelle Psychiatrie in Togo" [15]; "Annäherung an Afrika" [16].

Die Analyse des Genres zeigt eine grobe Zweiteilung. Neben etablierten Gattungen und Großformen (Roman, Theaterstück, Poesie, Reisebericht), die inhaltspezifisch als historischer Roman, Entwicklungs- und Bildungsroman, Agit-Prop-Theaterstück, gesellschaftskritische Lyrik und essayistischer Reisebericht einzuordnen sind, bestehen auch kleine literarische Formen: Essays, essayistische Publizistik, Reise-Essays, Tagebuch-Essays, Reportagen, literarische Gespräche, Interviews, Protokolle und Anthologien.

Die Reiseberichte in diesem Zusammenhang sind nicht im Zuge einer Reisewelle und Schriftumsmenge entstanden, wie dies um 1900 der Fall in der deutschen Reiseliteratur war, als Autoren wie Hermann Hesse, Max Dauthendey, Hermann Keyserling, Waldemar Bonsels, Rudolf Kassner oder Stefan Zweig nach Asien aufbrachen.

Aufgrund der Nicht-Existenz einer neoafrikanischen Literatur deutscher Prägung fungiert die deutsche Afrika-Literatur der Gegenwart als paradigmatische Vermittlungsinstanz kultureller Erfahrungen der Deutschen mit Afrika und den Afrikanern. Eine diachronische und synchronische Analyse der einschlägigen Texte lässt leicht annehmen, dass die deutsche Afrika-Literatur der Gegenwart zum Wachrütteln des interkulturellen bzw. kulturrelativistischen Bewusstseins eingesetzt wird. Die betreffenden Werke können als fremdsprachige Literatur an ausländischen Schulen, Universitäten und Bildungsinstitutionen, an denen die deutsche Sprache im Ausland gefördert wird, behandelt werden.

Hinterfragenswert ist aber, ob das asymmetrische Entwicklungsniveau, das sich in dem Nord-Süd-Gefälle (Reich-Arm) niederschlägt, eine gleichberechtigte, auf gegenseitiger Achtung beruhende Partnerschaft ermöglicht. Denn die Nord-Süd-Beziehung ist nach wie vor durch ein Herr-Sklave- bzw. Riesen-Zwerg-Verhältnis geprägt. Die Gretchenfrage wäre letzten Endes, ob wir es hier doch nicht mit einer Literatur der Utopie, einer Literatur des Un-Realismus, einer Literatur der "Literatur" zu tun haben.

Fußnoten

11.
Frantz Fanon: Schwarze Haut, weiße Masken, Paris 1980, S. 86.
12.
Vgl. Hubert Fichte: Psyche, Frankfurt/M. 1990, S. 269.
13.
Timm: Heißer Sommer, S. 52.
14.
Siehe Fichte: Psyche.
15.
Ebd., S. 165.
16.
Siehe Hans Christoph Buch: Tropische Früchte: Afro-amerikanische Impressionen, Frankfurt/M. 1993.

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