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Dossierbild Afrikanische Diaspora

30.7.2004 | Von:
Daniel Oeding

Just another street thing oder: the talking drums of the urban cities

Von England nach Bremen

Der UK-Clubsound der 90er faszinierte auch den DJ und Produzenten ND. Auf die Frage, was ihn damals begeisterte, als Shy Efx, General Levy oder Dillinja mit ihrem Jungle-Sound neue "Vibes" in die Szene brachten, antwortet er: "Überwiegend die Geschwindigkeit, die bis dato nur vom Techno erreicht wurde. Der Unterschied bestand aber darin, dass die Musik trotzdem tanzbar blieb." Der 28-jährige gebürtige Bremer gehört zu den afro-deutschen Künstlern, die bereits zu Entwicklungszeiten dieser Musikbewegung involviert waren. Seit 1989 befasst er sich aktiv mit elektronischer Musik und seit fast zehn Jahren legt er regelmäßig auf größeren Drum'n'Bass-Events (OneNation, OneLove, Innovation, Kings of the Jungle, Dreamland) sowie in Clubs auf; eigene Tracks wurden ab 1997 auf zwei Samplern veröffentlicht.

Hip-Hop, Soul und der Drang, progressiver und kreativer zu arbeiten, brachte ND 1993 von Breakbeats zu Jungle und Drum'n'Bass. "Hip-Hop hat mit Drum'n'Bass viel gemeinsam, da beide Musikrichtungen extrem viel Freiraum für Kreativität lassen. Beide Stile verbindet ein gewisses Lebensgefühl (attitude, streetlife, streetwear) und beide besitzen 'Soul'. Der Hauptgrund für mich, Drum'n'Bass zu produzieren, ist, dass man den Songs mehr Härte, treibende Beats, Atmosphäre und Ausdruck verleihen kann, da man auf Vocals weitgehend verzichten kann", beschreibt der DJ und Produzent seine Leidenschaft für Drum'n'Bass.

Technische und kreative Arbeitsweisen

Nicht nur die Kreativität und ein gewisses Lebensgefühl verbindet Hip-Hop und Jungle. Auch auf dem technischen Sektor sehen die Produktionsweisen ähnlich aus. Sean Cooper beschrieb 2001 die Parallelen in einem Artikel im führenden deutschen Online-Magazin "Future-Music" wie folgt: "Wie amerikanischer Hip-Hop – mit dem Jungle oft verglichen wird – ist Jungle (oder Drum'n'Bass als stilistisches Synonym, das die zwei wesentlichen Komponenten der Musik beschreibt), eine Weiterentwicklung von Breakbeats, die sich bis zu American Funk, Soul und Jazz erstreckt. Und wie im Hip-Hop, wo Sequenzer-Programme und Sampler genutzt werden, um Segmente von Drumloops von James Brown-, Meters-, Jimmy Smith- oder Bob James-Platten aufzunehmen, benutzt Jungle den Beat als Ausgangspunkt, um ihn durch Schneiden und Teilen neu zusammenzufügen und in nahezu endlosen Möglichkeiten neu zu arrangieren. Genau das macht Jungle bzw. Drum'n'Bass in der Evolution der elektronischen Musik so einzigartig. In anderen auf Samples basierenden Dance-Musikstilen wird meist sehr geradlinig bei der Produktion vorgegangen – nicht so bei Jungle."

Drum´n´Bass und die Entwicklung in Deutschland

Neben Mannheim hat Bremen eine der organisiertesten Drum'n'Bass-Szenen in Deutschland. Doch auch in Köln, Leipzig, München oder Berlin wird viel produziert und veranstaltet. "Es hat sich in den letzten Jahren viel entwickelt", erzählt ND; er selbst veranstaltet eigene Clubnächte und baut in der "Septic Agency" einen Künstlerkreis auf und arbeitet an Strukturen für ein eigenes Plattenlabel. "Anfang der 90er gab es in Deutschland nur wenige Drum'n'Bass-Events. Mittlerweile gibt es Drum'n'Bass-Raves in fast jedem Ort in Deutschland. Das Netzwerk hat sich stetig erweitert, die Quantität der DJs ist exponentiell gestiegen, wobei die Qualität bzw. Kreativität nicht sonderlich darunter leidet, sondern sie eher verbessert".

Die Tatsache, dass in Deutschland das Genre der "elektronischen (Dance-)Musik" von afro-deutschen Künstlern bisher nicht so stark beachtet wurde – obwohl speziell diese Sparte eigentlich ein weites Spektrum bietet, sich kreativ und experimentell zu entfalten – erklärt der Bremer DJ unter soziologischen Aspekten, denn der Sound entstand in East London, einem sozialen Brennpunkt. "Ich denke, der Unterschied in Bezug auf England besteht in der sozialen Integration. In Deutschland sind die Bildungsmöglichkeiten und Berufskarrieren für Afro-Deutsche weitaus besser. Wenn man die Möglichkeit hat sich zu bilden, um damit seinen Unterhalt zu verdienen, ist dies der weitaus einfachere Weg, als eine ungewisse Zukunft als Musiker anzustreben. Ich kenne zumindest keinen Afro-Deutschen ohne Berufsausbildung oder Studium in meinem Umfeld".

Ein Auftrieb für die Szene in Deutschland war sicherlich, dass die Mannheimer "Rawhill Cru" um DJ Krasq und MC Soultrain mit dem Drum'n'Bass-Track "Mo Fire" (U3R Recordings) 2003 einen Hit landete und in die Top 20 der britischen Charts aufstieg. Ein unglaublicher Erfolg für eine Drum'n'Bass-Crew aus Deutschland, die mit ihren eigenen Studiobeats – sowie den Ragga-Hip-Hop-Vocals der englischen Top-MC's Navigator und Spyda und dem mehrfach ausgezeichneten MC Soultrain – genau den derzeitigen Nerv in England traf. Dieser Erfolg öffnete der Rawhill-Crew die Türen englischer Chart-Shows und ihre Mitglieder – DJs und MCs aus Rauenberg (= Rawhill) bei Mannheim – erhielten die Chance, in den größten Drum'n'Bass-Clubs von London aufzulegen. UK-Szene-Größen wie Roni Size und Bad Company remixten den Club-Hit. ND, der mit MC Soultrain regelmäßig auf Events gastiert, meint hierzu: "Der Erfolg der Mannheimer zeigt, dass es gute Drum'n'Bass-Produktionen aus Deutschland gibt und dass dem deutschen Drum'n'Bass endlich mehr Beachtung geschenkt wird."

MC Soultrain, der angesagteste und beständigste deutsche Drum'n'Bass-MC zog Ende der 90er Jahre von München nach Mannheim, wo er Teil der MBF-Crew wurde; dann ging es weiter nach Hamburg. Im Jahr 2000 hatte der afro-deutsche MC sein Debüt auf der Compilation "Lost in Bass 2". Von Beginn an sah man ihn auf etablierten Raves wie Kings of the Jungle, Innovation, One Nation und in der Szene gilt er als "the marathon-man, as physical fitness allows him to perform on stage the whole night without any quality losses on his performance". Auch in englischen Clubs ist der MC immer wieder gern gesehener Gast. Neben Auftritten auf Raves gibt es für das Jahr 2004 die nächste "Rawhill Cru"-Single "Helpless"", das Album "Military Precision" sowie eine Club-Tour.


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