Dossierbild Migration

7.11.2012 | Von:

Militär, Mobilität und Migration

Julia Wallaczek-Fritz thematisierte die Beziehungen zwischen Frauen und Kriegsgefangenen in der Donaumonarchie 1914 – 1918. Mobilität und Migration durch Kriegsgefangenschaft war das Thema von Rüdiger Overmans, der dazu ein Standardwerk in der Forschung vorgelegt hat. Christian Kretschmer beleuchtete den seit 1929 veränderten Rechtsstatus des Freien Kämpfers, dem ein Flucht aus der Kriegsgefangenschaft gelungen war und mitunter eine Vorlage für kassenwirksame Verfilmungen in späterer Zeit. Fabien Theofilakis aus Paris berichtete von der wechselhaften Behandlung deutscher Kriegsgefangener in Frankreich zwischen 1944 und 1948. Michaela Couzinet-Weber widmete ihre Aufmerksamkeit den Schwierigkeiten von deutschen Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg, die jahrelang im Lager und zum Teil vergeblich auf die Einreise in Schweiz warteten, die ihnen vor dem Krieg einen Arbeitsplatz, ein unternehmerische Existenz und vielfach auch eine Familie geboten hatte. Richard German decouvrierte in seinem Vortrag als außenpolitisches Manöver die durchaus gern geglaubte Meinung, österreichische Soldaten seien in der Wehrmacht als Fremde empfunden und keineswegs als Gleichberechtigte ge- und befördert worden.

Die Stationierung und Mobilität ausländischer Truppen in Deutschland während des Kalten Krieges beschäftigte Christian Th. Müller aus Berlin, der die unterschiedlichen Regeln und Muster amerikanischer und sowjetischer Soldaten während ihres Deutschlandaufenthaltes schilderte. Soldatische Mobilität deutscher Soldaten im Kalten Krieg stellte Carola Eugster am Beispiel Deutscher Ausbildungshilfe für afrikanische Soldaten in den 1960-er Jahren dar. John Zimmermann, der die bisher einzige Monographie über den General-Inspekteur Ulrich de Maizière vorgelegt hat, konnte am Beispiel seines Helden zeigen, dass ausweislich von Selbstzeugnissen Reisen in jungen und späten Jahren nicht unbedingt zu einer Veränderung von Haltungen und elitär gepflegten wie bestätigten Vorurteilen ausreichen kann, mit denen ein Profi bereits in den Krieg gezogen war.

Aus diesen verschiedenen Ebenen und Perspektive wurde die eigentliche Frage der Tagung beleuchtet: Was haben militärische Akteure, ihre zivilen Gefolgsleute und Familienmitglieder mit dem Phänomen der Migration zu tun, die in der deutschen Debatte vornehmlich unter dem Blickwinkel der Integration von Arbeitsmigranten aus dem Ausland erörtert wird?

Klar war bereits zu Beginn der Tagung, dass die "Militärs" in diesem breiten Sinne eine außerordentliche Mobilität zeigen, also große Distanzen auf heimatlichem wie auch fremden Raum überwinden können müssen und dies mitunter für lange Zeiträume. Die Kriterien geographischer Distanz und Nachhaltigkeit des Aufenthalts genügten dem Begriff von Migration aber nicht, wie er von Prof. Leo Lucassen von der Universität Leiden in seiner Keynote vertreten wurde. Seiner Meinung nach müssen zwei weitere Elemente kumulativ hinzutreten, nämlich eine kulturelle Distanz des Migranten und, als Chance oder Zwang, die Herstellung eines neuen sozialen Beziehungsgeflechts am Ort seiner Zuwanderung.

In diesem Sinne könnten wohl die militärischen Neusiedler der Antike in Baktrien und Germanien wie auch jeder andere Typus des Eroberers sich aus einer nackten Mobilität heraus zum Migranten entwickeln. Prof. Stig Förster, der Schweizer Vorsitzende des Arbeitskreises Militärgeschichte, machte in seinem Schlusswort auf die gegensätzlichen Besonderheiten nomadischer Eroberer aufmerksam. Den nigerianischen Dschihadisten stellte er eine auf Dauer wenig erfolgreiche Beherrschung des persischen Raums durch die Mongolen gegenüber, die sich von einer Hochkultur assimilieren ließen.

Klar wurde im Verlauf der Tagung im Gespräch zwischen jungen Doktoranden und erfahrenen Forschern, wie sehr militärisches Engagement differenzieren kann zwischen nachhaltiger Dominanz oder Assimilation einerseits und andererseits flüchtiger Mobilität innerhalb eines kurzfristigen militärischen Einsatzes, z.B. bei entwicklungspolitischen Aufbauhelfern oder kasernierten Besatzungssoldaten. Einig waren sich die Teilnehmer weitgehend in der Überzeugung, dass auch innerhalb dieser Bandbreite Migration in verschiedenen Formen wohl durchaus noch dingfest gemacht werden könnte. Von Prof. Förster wurde angemahnt, dass es dafür noch einer weiteren Suche nach brauchbaren Kriterien bedürfe.

Die Gemeinsamkeit von Arbeitsmigranten und Soldaten in ihrem "Fighting and Moving for a Living" – so der Titel einer Key Note von Prof. Lucassen – ergeben sich aus einer vergleichbaren existentiellen Herausforderung. Ihre Umgebung kann darauf in mehr oder weniger großzügiger Unbefangenheit reagieren. Beiden Seiten erwächst unter der Voraussetzung einer spürbaren kulturellen Distanz – mitunter wohl auch akademisch konstruiert – eine Suche nach Überbrückung und Ausgleich.

Problematisch bliebe dann allein als viertes Kriterium die Frage, ob ein militärisches Individuum oder Kollektiv jenseits der in der Sache unvermeidlichen und im Übrigen amtlich verordneten Kontakte die Herstellung eines sozialen Netzwerks beabsichtigt oder nicht, seinen Vollzug vermelden könnte oder auf dem weiteren Weg Hilfestellungen benötigte und erhielte. Die Beispiele amerikanischer und sowjetische Besatzungssoldaten im aktiven Dienst sowie ihrer Familienangehörigen im Gefolge jedenfalls sind nicht der Stoff, aus dem abseits von Ausnahmen generalisierbare Beispiele für eine integrative Intention gewonnen werden könnten. Eher noch in Betracht zu ziehen wären nach Meinung des Verfassers Kriegsgefangene, die sich in mehr oder weniger kurzen Zeiträumen für ihr Verbleiben in Frankreich oder eine Rückkehr in die USA entschieden hatten oder in ihrer weiteren Zivilkarriere sich einer Vertiefung des Verhältnisses widmeten. Die USA hatten nach dem Krieg von ihrem Staatsgebiet die dort internierten 280.000 Soldaten des Deutschen Reiches ausnahmslos zurückgeführt, selbst gegen deren Willen.

Im Hinblick auf seine quantitativen Größenordnungen jedenfalls präsentiert sich das Phänomen einer militärischen Migration, wie immer sie man in Zukunft noch definieren mag, als Herausforderung für jedes Aufnahmeland in vergleichbarer Weise wie bei einem Millionenheer von Arbeitsmigranten der Moderne.

So gerieten von 18 Millionen Soldaten des Deutschen Reiches 11 Millionen in Gefangenschaft und je drei Millionen verblieben nach Kriegsende für eine gewisse Dauer im Gewahrsam der großen Siegermächte und rund eine Million war in Frankreich selbst interniert. Zu einer Zeit, als Massentourismus noch unbekannt gewesen war, sammelten im Ergebnis 15% der Männer in Deutschland das, was heute mit einem nur noch positiven Akzent als Auslandserfahrung geschätzt wird. Mit mehr Menschenkenntnis und auch mehr Misstrauen kehrten deutsche Soldaten aus ihrer amerikanischen, sowjetischen, britischen und französischen Gefangenschaft zurück, wie die einzige relevante und bis heute nicht veröffentlichte Untersuchung ergeben hat, die Alexander Mitscherlich 1948 erheben konnte (lt. Prof. Overmans).

Ihre Erfahrungen haben diese Kriegsgefangenen in der Nachkriegsgesellschaft Deutschlands multipliziert und, nebenbei bemerkt, damit auch das Fundament gelegt für eine im internationalen Vergleich erstaunlich bleibende Immunisierung Deutschlands gegen kommunistischen Visionen – nicht nur in Westdeutschland. Rückkehrer haben sich auch in dieser Weise als Erfahrungsträger in eine Gesellschaft erfolgreich eingegliedert, die sie um so weniger wieder erkennen konnten, je später sie nach Hause entlassen wurden. Der heutige Zustand Deutschlands ist außerdem ein Ergebnis aus der Begegnung mit Fremden, die ihrerseits meist unaufdringlich und langjährig bis Mitte der 1990er Jahre als verbündete Soldaten anderer Nationen in Co-Existenz auf deutschem Boden gelebt und dabei ihrerseits ein anderes, ein neues Deutschland erlebt und mitgestaltet haben. Beide Teile haben - in einer mehr oder weniger intensiven militärischen Migration von je unterschiedlichen Ausgangspunkten - auf die Entwicklung des Landes eingewirkt.

Ausblick und offene Fragen

Auf den versprochenen Sammelband zur Tagung darf man gespannt sein, insbesondere weil er noch eine zweite Chance zur Vertiefung der offenen Kriterienfrage auf dem Gebiet militärischer Migration bietet. Vielleicht böte es eine Hilfestellung, zwischen individueller Migration von Militärpersonal zu unterscheiden und einer institutionellen Migration der Apparate, deren Arbeit und Einwirkung vom beständigen Wechsel ihres Personals unabhängig ist. Eben die Konditionierung durch den Apparat auf einer parallelen Spur unterschiede dann eine Migration des Militärpersonals außerhalb von Kasernen von einer diskreten, verbandsfreien Migration anderer Individuen, die in eigener Initiative mobil gemacht haben auf der Suche nach einer ergiebigeren Stätte für den Lebensunterhalt oder für eine Ausbildung oder sich schlicht ein wärmeres Plätzchen an der Sonne im Süden suchen, wie die Pensionäre in der Mitte oder im Norden Europas.

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