Dossierbild Migration

15.3.2005 | Von:

Flucht- und Zwangswanderungen in der Zwischenkriegszeit

Zwangswanderungen in der Zwischenkriegszeit

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und den Staatenbildungsprozessen in seiner Nachfolge gewannen in der Zwischenkriegszeit Zwangswanderungen (Flucht, Umsiedlung, Vertreibung) erheblich an Bedeutung. Die politischen Veränderungen durch die Friedensverträge ließen in Europa etwa zehn Millionen Menschen unfreiwillig die Grenzen überschreiten. Auch Deutschland war von solchen Bewegungen massiv betroffen. Bis Mitte der 1920er-Jahre wanderten ca. eine Million Menschen aus den abgetretenen Gebieten in das Rest-Reich zu. Es handelte sich um die größte unter allen Zuwanderungsbewegungen, die die Weimarer Republik zu bewältigen hatte.

Allein aus Elsass-Lothringen kamen 120.000-150.000 Menschen in das Rest-Reich, weitere 16.000 Zuwanderer stammten aus den ehemaligen deutschen Kolonien. Noch wesentlich umfangreicher war die Zuwanderung aus den Ostgebieten des Reiches, die nach dem Versailler Vertrag an Polen abgetreten worden waren. Bis Mitte 1925 zählte das Statistische Reichsamt 850.000 deutsche "Grenzlandvertriebene" aus den polnischen Westgebieten. Hinzu kamen die etwa 120.000 "Deutschstämmigen", die in den Kriegs- und Nachkriegswirren zwischen 1917 und 1921/22 aus dem ehemaligen Zarenreich ins Reich gekommen waren. Allerdings suchten rund die Hälfte von ihnen den Weg weiter nach Übersee oder wanderten zu Tausenden wieder zurück nach Polen oder in die UdSSR.

Diese Abwanderung von "Deutschstämmigen" aus dem ehemaligen Zarenreich gehört in den Kontext der Massenflucht vor der Russischen Revolution, dem damit verbundenen Systemwechsel und dem russischen Bürgerkrieg mit seinen Millionen Opfern. Am Ende betraf die Flucht aus den Gebieten des ehemaligen Zarenreiches wahrscheinlich anderthalb Millionen Menschen. Die Weimarer Republik war zunächst eines der Hauptziele dieser Fluchtbewegung: Wahrscheinlich zu hoch liegenden Schätzungen zufolge hielten sich 1922 und 1923 rund 600.000 russische Flüchtlinge im Reichsgebiet auf. Rund 360.000 von ihnen sollen 1923 allein in Berlin Asyl gefunden haben.

Zentrum der russischen Emigration

Rasch setzten Weiterwanderungen ein. Nach 1923 sank die Zahl der russischen Flüchtlinge im Exilland Deutschland immer weiter ab bis auf 150.000 im Jahre 1925 und 100.000 im Jahr 1933. Zunächst hatte das "Russische Berlin" mit wichtigen kulturellen und politischen Funktionen das europäische Zentrum der Emigration gebildet. Doch mit der Abwanderung vieler Flüchtlinge aus Deutschland Mitte der 1920er-Jahre übernahm das "Russische Paris" diese Rolle und behielt sie bis zum Einmarsch der deutschen Truppen 1940. Frankreich, insbesondere Paris und die unmittelbar angrenzenden Departements, wurde vor allem auch deshalb zum wichtigsten Ziel für die russische Emigration, weil die französische Regierung eine offensive Einwanderungspolitik betrieb und die französische Wirtschaft Arbeitskräfte suchte.

Doch das Zentrum der russischen Emigration wanderte über den Atlantik weiter nach Westen: Nordamerika und insbesondere das "Russische New York" wurden immer häufiger Endziel der stufenweisen räumlichen Distanzierung von der russischen Heimat. Der Zweite Weltkrieg verlagerte das Zentrum der russischen Emigration endgültig in die USA mit dem politischen und kulturellen Schwergewicht auf New York. Nicht nur Probleme des Wohnungs- und Arbeitsmarkts waren nach 1923 Hintergrund für den Rückgang der Zahl russischer Flüchtlinge in Deutschland. Hinzu kam eine insgesamt sehr restriktive deutsche Integrationspolitik, die sich am Verbleib der russischen Flüchtlinge in Deutschland nicht interessiert zeigte und ihnen deshalb weder rechtliche noch wirtschaftliche Integrationshilfen bot.

Juden aus Mittel- und Osteuropa in der Weimarer Republik

Noch restriktiver war die Migrations- und Integrationspolitik der Weimarer Republik gegenüber ost- und ostmitteleuropäischen Juden. Im Kontext der Staatenbildungen in Ost- und Ostmitteleuropa war es in der unmittelbaren Nachkriegszeit vor dem Hintergrund tiefgreifender wirtschaftlicher, sozialer und politischer Krisen zu Pogromen und anderen gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden gekommen. Viele von ihnen suchten, oft illegal, den Weg über die weithin verschlossenen Grenzen in den Westen. Nach Deutschland kamen bis 1921 rund 70.000 asylsuchende Juden aus Ostmittel- und Osteuropa. Denjenigen, die die Grenzsperren überwunden hatten, wurde in Preußen anfangs noch Asyl gewährt. Aber in den Jahren 1919 bis 1923 verstärkten sich sowohl in Preußen als auch im übrigen Deutschland antisemitische Ausschreitungen exzessiv.

Es kam zu offener Gewalt (Straßenkrawalle, Überfälle, Geiselnahmen) gegen ost- und ostmitteleuropäische Juden. Die antijüdische Politik auf Reichs- und Länderebene verschärfte sich. In Bayern kulminierte der regierungsamtliche Antisemitismus 1923 in einer Internierungs- und Ausweisungswelle gegenüber ausländischen Juden. Auch in Preußen wurde die 1919 noch großzügige Asylgewährung immer mehr eingeschränkt. Die im Ersten Weltkrieg und in der unmittelbaren Nachkriegszeit deutlich angestiegene Zahl der ost- und ostmitteleuropäischen Juden sank rasch wieder. Das lag nicht nur an jenen Weiterwanderungen, die durch antisemitische Ausschreitungen motiviert waren. Hinzu kamen auch die zunehmend restriktivere, auf Nicht-Integration zielende Asylpolitik und die angespannte wirtschaftliche Lage der frühen Jahre der Weimarer Republik.


Der Film "Die Piroge" erzählt die Geschichte afrikanischer Flüchtlinge auf ihrer gefährlichen Reise nach Europa. 30 Menschen wagen die Flucht von Dakar zu den Kanarischen Inseln in einem einfachen offenen Fischerboot, einer Piroge. Als unterwegs immer mehr Probleme auftauchen und der Motor ausfällt, wird die Reise zu einem Albtraum.

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